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Der Israelit · 1928-05-10 · Heft 19 (10.5.1928) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 19 (10.5.1928)
Date
1928-05-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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V :v" '-'M; G I OIS Aus der Geschichte der Samson Raphael-Hirsch-Schule. (Schluß.)*) Die Reform des höheren Mädchenschulwesens in Preußen, welche die zehnstufige Schule zur Regel machte und der Fortbildung der entlassenen Schülerinnen neue Wege wies, brachte unserer höheren Mädchenschule eine Umänderung von einschneidender Bedeutung. Die Selektajahre, deren Erfolge zweifellos gute waren, mußten fortfallen. Dafür war nun das zehnte Schuljahr obligatorisch geworden. Der fakultative Charakter des englischen Unterrichts hörte auf, der Lehrplan unserer Mädchenschule stimmte auch in der Stundentafel in allen Fächern — bis auf Religion — mit dem der übrigen preußischen Mädchenschulen überein, in deren Zahl sie nunmehr als „anerkannte öffentliche höhere Mädchenschule" eingereiht wurde. Der neue Plan brachte eine Vermehrung der Stunden mit sich. In Anbetracht des hinzugekommenen obligatorischen Schuljahres wurde zum Ausgleich in allen Klassen die Stundenzahl für Religion (Hebräisch) von 6 auf 5 reduziert. An Stelle der Selekta trat eine Frauenschule, zunächst mit einjährigem Kursus. War der Frauenschule im allgemeinen schon ihr Ziel gesteckt in der Ergänzung der Bildung in der Richtung der künftigen Lebensaufgaben der Frau, so galt uns. hauptsächlich mitbestimmend für die Angliederung dieses Aufbaus die Notwendigkeit der religiösen Weiterbldung für die die Schule verlassende weibliche Jugend. Mit Genehmigung des Herrn Ministers war die Organisation unserer Frauenschule von der Normalform etwas abweichend, den lokalen Bedürfnissen angepaßt. Es war dabei eine Erweiterung der Aufgaben der Frauenschule vorgesehen, indem in' den Lehrplan Handelsunterricht eingefügt war. Für unsere besonderen religiösen Bedürfnisse, die Einführung der jungen Mädchen in die Praxis des jüdischen Haushaltes, war gleichfalls gesorgt. Von 1912 ab führt die Frauenschule den Namen „Oberlyzeum", wie seit jener Zeit die „höhere Mädchenschule" die Bezeichnung .„Lyzeum" trägt. Ein Ministerialerlaß vom Oktober 1913 bestimmte, daß die Abiturientinnen eines Oberlyzeums zum Studium in der philosophischen Fakultät zugelassen werden, wenn sie auch das vierte Jahr, das sogenannte Schuljahr, das der praktisch-pädagogischen Durchbildung neben wissenschaftlicher Weiterbildung diente, absolviert haben. Für die Zulassung in den drei anderen Fakultäten bedurfte es nicht des Besuchs der Schlußklasse; dagegen mußte frühestens nach Jahresfrist eine Nachprüfung in Latein und Mathematik für das realgymnasiale, in Latein und Griechisch für -das gymnasiale und in Mathematik und Naturwissenschaften für das Oberrealschul- Reifezeugnis abgelegt werden. Der große Vorteil dieser Verfügung bestand darin, daß die Eltern über den Studiengang und den zukünftigen Beruf ihrer Töchter sich nicht mehr in deren 11. oder 12. Lebensjahr zu entscheiden nötig hatten, sondern erst nach längerer Beobachtung der geistigen Entwicklung ihrer Kinder eine Bestimmung zu treffen brauchten. Da das Lyzeum die Unter- und Mittelstufe des Oberlyzeums bildet, brauchte ein vorzeitiger Abgang aus dem Lyzeum nicht mehr vorgenommen zu werden. Die Neuordnung des Mädchenschulwesens machte unsere Frauenschule insofern entbehrlich, als viele Eltern ihre Töchter nach Absolvierugn des Lyzeums das Oberlyzeum besuchen ließen. Die Aufwärtsentwicklung unseres Schulwesens war im besten Zug, als die große Katastrophe des Jahres 1914, der Weltkrieg, herein-- brach. Der Krieg, der gewaltige Zerstörer, ver^ nichtete manchen vielversprechenden Entwicklungsansatz in unserem Schulorganismus. So mußte auch der Plan, die Realschule zu einer Vollanstalt auszubauen, aufgegeben werden. Aus der Nachkriegszeit mit ihren auch auf das pädagogische Gebiet übergreifenden Umwälzungen ist als einschneidendste Maßnahme der Abbau der Vorschule hervorzuheben. Die Verfassung des Deutschen Reiches vom 11. August 1919 fordert im § 146, daß das mittlere und höhere Schulwesen auf einer für alle gemeinsamen Grundschule sich aufzubauen habe. Das Reichsgrundschulgesetz vom 28. April 1920 brachte die Ausführungsbestimmungen über die Abschaffung der! Vorschulen und die Einrichtung der vierjährigen Grundschule. Es waren nun Zweifel entstanden, ob der Abbau unserer Vorschule sogleich einzusetzen, oder ob die im Gesetz vorgesehene Schonfrist für sie in Betracht käme, bis die Behörde dahin entschied, daß die Vorschule als Bestandteil einer öffentlichen Schule aufzulösen sei. Ostern 1926 war der Abbau der in unseren Elternkreisen allgemein beliebten und in bestem Ansehen stehenden Vorschule beendet. Sie war niemals eine Standesschule gewesen, hatte ohne Unterschied der Vermögesnverhältnisse (durch Gewährung von Freiplätzen und Schulgeldermäßigung) und sozialen Stellung der Eltern alle Kinder unserer Gemeinde umfaßt, sie hatte jederzeit die jeweiligen pädagogischen Fortschritte berücksichtigt und hatte eine vortreffliche Vorbereitung für die Realschul- und Lyzealklassen geboten. So läßt sich wohl begreifen, daß die durch reichsgesetzliche .Regelung bedingte Umwälzung in unserem Schulsystem von einem großen Teile der Elternschaft aufs tiefste bedauert wurde. Der Lehrkörper Unserer Unterrichtsanstalten hat sich dadurch, beträchtlich verringert (Ostern 1927 nur noch 17 planmäßige Lehrkräfte und 9 Hilfslehrkräfte). Die grundschulpflichtigen Knaben und Mädchen unserer Gemeinde besuchen seitdem die Grundschulklassen der Israelitischen Volksschule, die zum Teil in den leergewordenen Raumen der ehemaligen Vorschule untergebracht sind. *) Aus der „Festschrift" der Schule zu ihrem 75. Jubiläum. Die Woche. Frau Charlotte Rosenheim geb. Uauffmann Am 1»53 y} standen wir in stiller Trauer, da der Chcraktec des Tages laute Klage verbot, um die Bahre und das frische Grab der Frau Charlotte Rosenheim. Im hohen Alter von fast 77 Jahren und nach längerem schwerem Leiden ist sie von uns gegangen, aber dennoch ken zu früh und zu jäh für den großen Kreis derer, die diese Frau in ihrer ganzen Bedeutung zu schätzen wußten. Ein Menschenauge hat sich geschlossen, das ein langes Leben hindurch in unsäglicher Liebe und Güte auf der Menschen Leid gerichtet war und das nach Wegen und Zielen ausschaute, dieses Leid zu mildern. Vielen weit und breit.wird die Kunde von Frau Rosenheims Tod eine stille Träne der Trauer, der Dankbarkeit und der Verehrung abringen. Frau Charlotte Rosenheim wurde 1851 in Frankfurt a. M. als Tochter von Isaak Kauffmann, dem bekannten hebräischen Buchhändler, geboren. Sie wurde buchstäblich in einem “’isj jö» /r>a großgezogen und nahm schon als Kind so viel vom Geiste der heiligen Bücher in sich auf, daß sie in der neu gegründeten Hirsch-Schule bald Lieblingsschülerirt des ersten Rabbiners und Leiters der Schule wurde, wie sie später zu den verständnisvollsten Schülerinnen von Direktor Dr. ^Mendel Hirsch zählte. Unter Leitung dieser Männer erhielt sie das Rüstzeug für ein Leben, das für die Schule und den Geist jener glorreichen Gründungszeit in unserer Gemeinde zeugt. Wie da die Worte und die Hochgedvnken unserer Propheten, von einem Mendel Hirsch interpretiert, in ihre Seele hineinklangen, fanden sie fruchtbarsten Boden, trieben sie Blüten und zeitigten Früchte hoher Geistigkeit und edlen Menschentums, an denen sich später, ein langes Menschenalter hindurch, „Gott und Menschen erfreuten". Wer das Glück hatte, dieser kenntnisreichen und hochgebildeten Frau näher zu stehen, der wußte, wie in ihrer Seele die Gedankenwelt eines Jesajas und Jeremias, die Weisheitsworte eines Salomo mit den Lehren ihrer Lehrer und Meister, mit den Jdeengängen von Samson Raphael Hirsch, dessen Schriften, vom Kommentar bis zum letzten Aufsatze im Jeschurun, ihr genau vertraut waren, zu einer herrlichen Harmonie zusammenklangen. Was sie an jüdischem Wissen in der Jugendzeit in sich ausgenommen, bewahrte sie sich bis zuletzt und sie mehrte es nachschaffend in Stunden anregenden Selbststudiums. Standen doch die Propheten noch mit heilender, tröstender Hand an ihrem Krankenlager. Ganze Kapitel aus der heiligen Schrift im Urtexte sagte sie auswendig vor sich her, wenn es galt, Schatten der Nacht, schmerzliche Vorzeichen letzten Scheidens, von sich zu scheuchen. Denn diese starke Frau wollte nicht an sich denken, auch nicht zuletzt, Ha sie ihre Arbeit für die Welt und die Menschen getan sah. Stark war Frau Charlotte Rüsenheim und gut, eine Kraft saß in ihr, die in Güte ausstrahlte, eine Synthese von Energie und Liebe ion so. daß auch ihre npm -Arbeit, die ein großes Kapitel fiir sich beanspruchen würde, in der Ideenwelt der Thora und Propheten, die sie kannte und so über alles liebte, ihre letzte Wurzel hatte. Schon in ihrem Elternhause hatte sie die „Hohe Schule des Wohltuns" durchgemacht, hatte sie es von ihrem Vater, der neben seiner geschäftlichen Tätigkeit als Almosenier bei Baron Rothschild wirkte, abgesehen, wie man, im Besitze des Vertrauens hoher Stellen, diesen Besitz zum Heile und Segen für die Armen und Bedürftigen verwendet. Nach dem Tode ihres Vaters ging dieses verantwortungsvolle Amt auf dessen Schwiegersohn, ihren Gatten, den als seltenen o’P1«* si* »in ioi uns in ewiger Erinnerung bleibenden Eduard Rosenheim V'xt über. Und da stand ihm bei dieser heiligen und schwierigen Aufgabe die Frau mit der ganzen Schärfe ihres Geistes und der ganzen Liebe ihres Herzens zur Seite. Sie war es, die die täglich von allen Teilen der Erde an die Adresse der Unterstützungsabteilung des Barons einlaufende Post prüfte und beantwortete, sie las die in rabbinischem Hebräisch gehaltenen Briefe von Privaten und Gemeinschaften, von Rabbinern und Vorstehern und s i e war es, die die Korrespondenz mit allen Teilen der hilfeheischenden Diaspora führte; vollkommen orientiert, fühlte sie sich auch ganz verbunden mit Einzelschicksal, wie mit den Leiden und Sorgen Israels in allen Teilen seiner Zerstreuung. Nach dem Tode des Gatten setzte sie die Liebesarbeit in unbeschränktem Maße und mit ungeschwächter Kraft fort und fand darin ihre Lebensaufgabe. Und wenn nach dem Tode des Barons und infolge des Krieges und der ersten Nachkriegszeit die alten Quellen zum Teile versiegten und versagten, sann sie Tag und Nacht auf neue und wußte sie ausfindig zu machen. Im Wan- und Wandel der Zeiten und bei all ihren mannig- | Am HrfFiHijjffrfr^TrrririrtiTi gl»

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