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Der Israelit · 1928-05-03 · Heft 18 (3.5.1928) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 18 (3.5.1928)
Date
1928-05-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 Nr. 18 »WS i?.-. ys(> WWMW alten Urkunden herausgerechnet, daß der Stern in genau gleichem Ausmaß und mit ganz gleicher Leuchtkraft vor rund Hubert Jahren sich am Firmamente gezeigt hätte. Und damals brachte er mit seinem Schweife Krieg, Verderben, Hunger, Seuche, Tod, dreißig Jahre lang, daß eine Generation nicht mehr wußte, wie Frieden, Wohlstand und Sättigung aussahen. Was würde der Komet jetzt bringen? Unheil, Weltuntergang, wenn er beim Abtreten den Schweif schüttelte und alles dahinter steckende Unheil auf die Erde ausschüttete? Es bebte schon hie und da . . . Die Wehen des letzten Gerichtes kündigten sich bereits an. Was wollten die Gelehrten mit ihren auf Bruchteil von Sekunden berechneten astronomischen Exempeln? Das Volk wußte es besser. Schon rüsteten Kaiser und Könige zum Kriege. Es krachte schon in allen Fugen. Zeichen und Wunder vollzogen sich, wie sie seit Menschengedenken nicht gehört wurden. Ein Bauer, der Jahrzehnte gelähmt zu Bette lag, stand plötzlich auf, warf die Krücken fort und lief wie ein Jüngling. In einem Dorfe verkündigte ein von Wahnsinn befallener Greis unter Krämpfen letzte Weisheiten. Stumme redeten mit Feuerzungen von großen Strafgerichten. Und der Himmel, der Himmel! „Seht Euch nur den Himmel an! Wann hatte man je solche Wolkenrisse gesehen, die dahineilen wie die Schafe, die im Vorahnen schweren Gewitters sich in den Stall flüchten?" Der unheimliche' Komet beherrschte den Himmel, die Sterne in seiner Nähe sahen die Menschen erlöschen. Irgendwo in einem Dorfe erlebte ein junges Weib, von. dem man mcht wußte, wann und woher sie ins Dorf kam, in sich alle Leiden und Freuden der letzten Erlösung. Ueber alles Menschliche und Leibliche war dieses Prophetenweib gestellt, nahm keine Speise noch Trank zu sich und lebte doch, sah Visionen, daß sein verzerrtes Gesicht die Züge des Kometen annahm. Alle Wege dahin waren überfüllt von den Pilgerschwärmen, die das Wunder sehen und aus dem Munde der Auserwählten die Zukunft hören wollten. (Fortsetzung folgt.) Gericht. Von Carl Hollerbaum. Als das Licht des Tages müde wurde, verließ das Volk allmählich die Lifchkas Hagosis, jene mächtige Quadernhalle, in der der Große Gerichtshof feine Sitzungen abhielt. Seit dem frühen Morgen waren mehr denn hundert Streitfälle, hierher überwiesen aus allen Teilen des Landes, verhandelt worden, mehr denn hundert Rechtsurteile waren nach mühseliger Beratung und ernster Erwägung gefällt. Der Äb-bes-din, der neben dem Nasi obenan saß, überflog mit fragendem Blick die Chachamim und Sekenim, die ihn im Halbkreis umgaben; es blieb still im Sitzungsraum, keiner mehr warf eine Frage auf. Der Rast hob die Hand gegen die hohe Eingangspforte. Zwei Schüler, die dort gestanden hatten, verließen den Saal. Gleich 'darauf schrie draußen, von der wuchtigen Freitreppe in den weiten Vorhof hinab, dreimal in langgezogenen Tönen das Horn der judäifchen Wache, die mahnend noch herbeizurufen, die eine Klage anzubringen hatten, vor dem Einbruch der Nacht. Eine Weile verging. Vor den Schranken erschien niemand. Und wieder gellte, zum zweitenmal, der dreimalige Hornruf. Schimaun ben Schotach, der Nasi, erhob sich aus dem kostbaren, geschnitzten Sessel und sagte dem hinter ihm stehenden Meturgomon ein flüsterndes Wort. Dieser trat vor und begann, das Schlußgebet zu fprecheen. Nach den ersten Worten aber schon brach er plötzlich ab und verstummte; fast gleichzeitig war draußen der erste Ton des dritten Hornrufs erklungen und.jäh abgerissen worden. Wie eine dunkle Last lag.nun die unerklärliche, gespannte Stille über der Versammlung. Alle Köpfe wendeten sich dem Nasi zu. Der stand dort, auf die Armlehnen seines Sessels gestützt, das Kinn weit vorgesiohen, und griff mit starrem Blick aus übergroßen Augen zur Tür hinüber, zwingend und erwartend zugleich; und, als wandele sich unter der Strahlkraft dieses geballten Schauens' das goldne Davidszeichen über der Pforte zu -machtvoll wirkendem Magnet, folgten in langsamer Wendung jetzt alle Augen dem Sehen Schimaun ben' Schotachs und klammerten sich in seltsamer Erregung an die unsichtbaren Dinge, die irgendwo in der Ferne standen und doch schon das Haus des Gerichts in ihren Bann zogen. Verschwommen drangen hohlklingende Fetzen dumpfrauschenden Gemurmels heran, überzuckt mit Spritzern Der Israeli! 3. Mai 1928 heller Aufschreie; unendlich langsam, eine geahnte, graudüstere Woge, kam das Geräusch näher, schwoll das Lärmen an, stieg und verdichtete sich zu gröhlendem Tosen, daß der ummauerte Vorhof damit sich füllte wie ein irdenes Gefäß mit strömendem Wasser. An der offenen. Pforte tauchten Gesichter auf, verzerrt und verbissen, zerfurcht von Angst, Entsetzen, Wut und schäumendem Haß. Aber sie wurden verdrängt und fluteten nur vorüber wie ein endloser, gespenstiger Zug menschgewordener Not. Längst hatten die Mitglieder des Gerichtshofes sich erhoben und betrachteten den leidenschaftlichen Ausruhr, dessen Wellen sich dort brachen ünd gischtend sprühten. Keiner aber wagte ein Wort, eine Frage. Schimaun ben Schotach reckte die Arme hoch und hielt die Hände wie zum stummen Segen gegen die Menge: Schweigen fiel nieder wie ein Stein. Und in dieses Schweigen ächzte ein schlürfender Schritt; tief das Haupt gebeugt nahte eine Frau, schwankend in schütterndem Schluchzen. Ganz allein stand sie vor den Siebzig Männern. „Sprich!" sagte Schimaun ben Schotach und seine Stimme war wie ein warmes Leuchten. Und während mählich seine Arme sich senkten, hob er das Gesicht höher noch gegen die Decke des Gemachs und es war, als blickte er hindurch durch das Gebälk und hinaus, weit hinaus in den letzten lebendigen Strahl der unter gehenden Sonne. „Abuja, mein Ehegemahl," begann die zitternde Frau zögernd und wie mühsam sich zur Rede zwingend, „war zum Hauptmann gesetzt über die Wache am Essener Tor; Befehl ist gegeben an alle Torhüter, die Gatter zu schließen bei Einbruch der Dunkelheit und niemand mehr, wer es auch sei — sei es selbst der König — emzulassen in die Stadt. Zur Nacht nun begehrte ein griechischer Söldnerführer, Aristomenes mit Namen, die Stadt zu betreten und verlangte mit barschen Worten, daß das Tor geöffnet werden solle. Dies verweigerte ihm Abuja. Lange brüllte der Grieche scheltend vor den Mauern, dann ging er fort. Heute nun erschien Aristomenes, wie er sagte mit Willen des Königs, begleitet von einem starken Trupp seiner Krieger, umstellte das Haus, um Abuja gefangen zu nehmen und ihn ins Gefängnis zu werfen. Mein Ehgemähl fordert«, den Auftrag des Königs geschrieben zu sehen. Aber Aristomenes drang mit dem blanken Schwert auf ihn ein und erstach ihn an der Tür seines Hauses. In meinen Armen starb Abuja." Leise, kaum noch vernehmbar, verhallte das letzte Wort. „Mord!" sprach dumpf Jehudo ben Tabbai, der einst nach Alexandrien geflohen war, als er zum Nasi erhoben werden sollte urD der, zurückgeholt nach Jerusalem, nun die Würde des Ab-bes-din bekleidete. „Mord!" wiederholten bestätigend die Chachamim und Sekenim. Jehudo ben Tabbai aber fuhr fort: „Ein Mord geschah. Und dennoch können wir nicht das Urteil sprechen über den Mörder. Denn Aristomenes, der griechische Söldnerführer, untersteht nicht unserer Gerichtsbarkeit. Nur der König, dem er sich verpflichtet hat, kann über ihn bestimmen." Bedächtig, kaum hörbar, wie Worte suchend, zweifelte die Frau: ' „Der König wird Aristomenes nicht strafen für die Bluttat. Denn viele Siege schon erfocht der Grieche gegen des Königs Feinde. Der König ist des Aristomenes Freund, wie er des Volkes Feind ist." Jehudo ben Tabbai setzte zu einer Antwort an, aber Schimaun ben Schotach kam ihm zuvor; immer noch das Gesicht zur Höhe gewandt, fragte er: „Ist dieser Aristomenes, Kriegsmann des Königs, als gewalttätig bekannt unter dem Volk von Jerusalem." Einer der Richter antwortete: „Er ist zänkisch und streitsüchtig. Ost schon verletzte er grundlos, nur aus Bosheit, Bürger der Stadt. So wurde mir berichtet." „Weiß der König von diesen Dingen?" „Es wurde ihm gesagt. Aber der König schätzt den Aristomenes." ' Schimaun ben Schotach entschied mit lauter Stimme: „So steht geschrieben: So einer einen Ochsen hat, der stößig ist, und seinem Herrn ist es angesagt, er aber ihn nicht verwahret, der Ochse aber tötet Mann oder Weib: so soll man den Ochsen steinigen, der Herr aber oll sterben. So lade ich vor das Gericht den Herrn des Aristomenes; der König erscheine vor dem Ab-bes>-din!" Erschrecken malte sich auf dem Gesicht der Richter; ie wußten, daß der König stolz und herrschsüchtg, grauam und Hinterlistig war; hatte er doch gar einen seiner Brüder töten lassen, der sich gegen ihn empört hatte. Keiner glaubte, daß der König der Ladung des Gerichts Folge leisten würde. Aber die Anmaßung, die die Ladung in des Königs Augen war, würde er blutig zu rächen wissen, Jehudo ben Tabbai sprach es laut aus: „Nie wird der König sich vor uns verantworten!" Lange Zeit wieder war es totenstill. Dann hörten die Männer die Sttmme des Nasi, der unverwandt eine Blicke nach oben richtete: „Sorgt euch nicht, ihr Richter und Aeltesten. Der König kommt. Schon ist er auf dem Wege hierher und neben seinem' Wagen reitet Aristomenes, der Grieche. Wartet!" Wieder brandete draußen im Vorhof Lärmen auf. Das Volk strömte in die Stadt zurück, in die Hauser geworfen von einer fremden, unbegreiflichen Macht. Noch sprangen die Letzten, von diesem Zwang vorwärts gestoßen, aus dem Nebentor des Hofes, als schon das Horn der judäifchen Tempelwache das Nahen des Königs ankündigte. Peitschende Hufschläge zerrissen mit knirschendem Gellen die Ruhe des geheiligten Ortes; klirrend raffelten die Wagen vor die steinerne Freitreppe der Lifchkas Hagosis. Der König, in voller Kriegsrüstung im griechischen Gewand, den schweren lazedämonischen Helm in den Nacken gestülpt, über dem reichverzierten, kurzen Chiton den erzenen Panzer, trat ein in die Quaderhalle. Dicht hinter ihm schritt grobschlächttg der riesige Aristomenes, um die bärtigen Lippen ein tückisches, halb verächtliches Lächeln. Zwei nackte, parthische Söldner trugen des Königs Sessel, stellten ihn zur Seite der anklagenden Frau nieder und verließen rückwärts, mit verschränkten Armen, rasch noch neugierig umherspähend, den Sitzungssaal, i Wortlos nahm der König seinen Sitz ein; hinter ihm ragte gewaltig der lächelnde Mörder. Zum erstenmal nun senkte Schimaun bell Schotach das Haupt. „Du bist angeklagt, König Jannai", sprach er fest und ohne Begrüßung und Einleitung, „du bist angeklagt, daß dein Sklave, der Heerführer Aristomenes, den Abuja, Hauptmann am Essener Tor, mit dem Schwert erschlug. Sühne fordert von dir das Weib des Ermordeten. Sühne fordert von dir das Gericht im Tempel des einzigen Gottes! Erhebe dich denn aus deinem Prunksitz, daß das Verfahren beginne!" Spöttisch lachte der König auf: „Beginne nur, Schimaun ben Schotach, beginne auch du, Jehudo ben Tabbai! Sagt euren Spruch her, damit wir rasch zum Ende kommen!" Jehudo ben Tabbai reckte sich hoch. „Gesetz ist, daß der Angeklagte vor Gericht stehe, König Jannai!" rief er scharf, Zornflammen in den Augen. Der König sah sich um in der Runde, zog die Oberlippe zwischen die Zähne und schien eine Weile zu überlegen. Hastig fast sagte er dann: „Wenn der Gerichtshof — du, Schimaun ben Schotach und du, Jehudo ben Tabbai und die ältesten Chachamim — es beschließt in seiner Gesamtheit, daß ich stehen muß vor dem Gericht, dann will ich mich dem Spruch fügen. — Eure Absicht, — deine, Nasi und deine, Ab-bes-din — kenne ich. Nicht aber kenne ich die Meinung der Aeltesten. Und so frage ich euch, ihr Chachamim zur Rechten: „Muß der König Jannai stehen im Gericht?" Vor dem kalten, drohenden Auge des Königs senkten die Alten das Haupt. Und schwiegen. „Und so frage ich euch, ihr Chachamim zur Linken:" fuhr höhnend der König fort, „muß ich nach eurer Ansicht stehen im Gericht?" „Kein Mensch darf sitzen vor dem Gericht im Tempel Gottes!" warf leise, beschwörend Jehudo. ben Tabbai ein. Die Chachamim zur Linken senkten tief auf die Brust das Haupt. Und schwiegen. — Ueber Schimaun ben Schotach irrte ein Erschauern wie ein Fieber. Er schwankte und griff mit beiden Händen hinter sich, verkrampfte sich in die Armlehnen seines Stuhls. „So möge euch , denn der ewige Gott eure Feigheit und euren Verrat heimzahlen!" flüsterte er mit bebenden Lippen. Rot stach ein Blitz durch Gebälk. Das Metall der Geräte glühte auf und schmolz zu grauen Trümmern. Donner krachte herab in endlosem Getöse. In tiefe, funkelnde Finsternis hüllte sich die Lifchkas Hagosis. Da wich Feuer und Donnerschlag. — Ruhig in der Abenddämmerung lag der Saal. Tot in ihren Stühlen saßen die zwölf Chachamim. Tot hinter dem zerschmolzenen Goldsessel des Königs lag Aristomenes, der Mörder. Hinaus schleppte sich zusammengekauert der König. Weinend lag auf den Steinfliesen ein Weib. . . . und der Meturgomon trat vor und begann das Schlußgebet, zu enden das Gericht. (Nach Synhedrin 19a; versch. Quellen Tosefta Synh. 4, 7, 8, 88 b usw. usw.) mmEBELRlCHTUNGSKORPEl fitjxso 7<*7**» «74vBzkLEKEUCHTuKRMT-MLßGEN Qualitäts- Zigarren Moritz Wolf Zeil 49 Teleion Römer 903 verantwortlich |üt de» allgemeine» TeU und da» Feuilleton Schachuowttz» Fraukfurt a. M.; Inserate i, rotvitz, ebenda. — Für die tkaufrnan« in ® .Israelit". _ Aktiengesellschaft, Frankfurt a.

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