Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1928)
- Date
- 1928-05-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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ST Derjsraelit am Feuerzeichen. Km HheLto-Aoman von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) 20. Die nächsten Wochen und Monate waren in der Frankfurter Gasse von der Trauer um Arje Löb beherrscht. Man gedachte seiner in öffentlichen Trauerreden, widmete in den Bethäusern manche Lernstunde dem „Wachsen seines Seelenlichtes", man trug seinen Namen ins Memorbuch ein, in die Reihe der „Frommen, Graden und Vollkommenen, die ihr Leben Hingaben für die Heiligung des göttlichen Namens." Dann wandte sich das Interesse dem Schicksal E l s b e s zu. Sie war jung und voller Liebreiz und hatte das Leben, aus das sie Anrecht hatte, kaum genossen. Sollte sie in ewigen Banden verkümmern? Das Vesdin des Rabbi Rastali saß und beriet, prüfte und überlegte, forschte weiter, suchte nach Präzedenzfällen, wog und verglich, befragte das Leben und die Bücher und kam zur Entscheidung, daß der Tod Arje Löbs klar und zweifelsfrei festgestellt und Elsbe frei fei. Es lag ja das Zeugnis einler ganzen jüdischen Gemeinde vor. Trotzdem hielt es Rabbi Naftali für gut, sich noch mit anderen Lehrern der Zeit in Verbindung zu setzen. Unter diesen schrieb Rabbi Jair B a ch r a ch in Worms eine umfassende, die ganze einschlägige Literatur streifende Abhandlung über den Fall, ihn in all seinen Einzelmomenten zergliedernd und dann das Gesamtbild, halachisch zusammengefügt, im milden Lichte der Menschlichkeit zeigend. Alles drängte auf E rleichterung im Sinne der talmudischen „Einrichtung zur Lösung der Fesseln der Agunah." Rabbi Z e w i Aschkenasi, der „Chacham Zewi" in Amsterdam, äußerte Bedenken und Vorbehalte, die er mit Erfahrungen aus eigener Familiengeschichte begründete und darum nicht als entscheidend angesehen wissen wollte. War er doch selber lebendiger Zeuge der Geschichte eines Verschollenen, Sohn eines Vaters, der totgesprochen war und dann doch wieder kam . . . Wie oft war ihm in der Kindheit die wundersame Geschichte eingeprägt worden! Es war Tradition in der Familie, sich in solchen Fragen möglichst der Entscheidung zu enthalten. Da brachte eines Tages die Post das Schreiben Arje Löbs, die kurzen Sätze unmittelbar vor seinem letzten Gange. „Worte eines zur Richtstätte .Ausziehenden sind, sofern die Hinrichtung nicht bezeugt ist, für die Befreiung der Frau nicht von Belang", lernten sie in der Besdinstube aus Talmud und Dezisoren. Aber hier besagten die Morte in Verbindung mit dem Tatbestand, mit dem Zeugnis der Gemeinde in Litauen und in Berücksichtigung dessen, daß der Bote den Auftrag hatte, den Brief erst mach vollzogenem Urteile zu befördern, wie in Würdigung noch einer ganzen großen Reihe von Umständen doch mehr und nahmen den letzten Zweifel. Selbst Rabbi Zewi Aschkenasi in Amsterdam war geneigt, als ihm Abschrift des Briefes zu Gesicht kam, feine Bedenken aufzugeben. Als Rabbi Schmuel Schotten väterlich liebevoll seiner Tochter dieses Resultat eröffnete, sah sie starr vor sich hin, als hörte und verstand sie nichts. Den letzten Brief las sie, las unfo las und weinte, weinte nicht mehr, als beim Lesen der anderen Briefe ihres Gemahles, der Dokumente der Sehnsucht und Liebe und Zeichen baldiger Vereinigung. Es kamen nacheinander Matchen und Glücke! und legten ihr unter vielen Tränen dar, daß eine jüdische Tochter sich nicht den Tränen und der Trauer ewig hingeben darf, daß sie jung und schön sei und wieder ein Heim bauen müsse, in dem jüdische Kinder für die Thora erblühen. Ein kalter Strahl aus den Augen Elsbes brachte die Tränenreichen zum jähen Schweigen. 1 Sie sah und sann in sich und war für die Menschen fortan wenig zu haben. Nur mit einem sprach sie von Arje Löb, mit Nathan, dem Sohne Ahron Oppenheims. In Nathans Seele hatte des Freundes Tod tiefe Spuren eingegraben, und fein Benehmen konnte keinem entgangen sein. Er kam noch öfters denn früher ins Haus Rabbi Schmuels, nahm jede Gelegenheit wahr, Elsbe zu sprechen, hing an ihrem Munde und Auge, als suchte er darin Erklärung für Unbegreifliches in der Welt uüd der eigenen Seele. Kein Wort des Trostes kam über feine Lippen. Er schwieg, wenn sie nichts zu sagen hatte. Er brachte Bücher, immer neue. Sie las viel, aber nur Bücher, die von Leben und Tod und den Dingen der anderen Welt zu berichten wußten. Zuweilen sprachen sie über die Lektüre. Nathan las alle diese Bücher, die für Ungelehrte und Frauen in Jüdischdeutsch geschrieben waren, mit Eifer und Vertiefung, nur um mit Elsbe über das sprechen zu können, was ihrem Herzen so nahe stand. Man sprach in der Gasse ganz deutlich davon, daß sich Nathan ernstlich um die Witwe seines Freundes bewerbe. Ahron Oppenheim und Rabbi Schmuel seien eingeweiht und einig, wußten andere. Rabbi.Naftali wünsche es und habe dazu feinen Segen gegeben, konnten sie vor der Schul ganz bestimmt beteuern. Als Elsbe aus dem Munde einer der vielen sie bemutternden Frauen der Gaffe die erste Anspielung auf dieses Gerede vernahm, schloß sie sich in ihr Gemach ein und kam auch Nathan nicht mehr zu Gesicht. „Sie muß mit ihrem Leide alleine fertig werden, erst mit sich selbst ins Reine kommen; bis dahin muß man Geduld und Nachsicht üben. Die allheilende Zeit wird auch diese Wunde heilen" riet und tröstete Rabbi Naftali. Der Rabbi war in diesen Tagen auch selber in mannigfacher Beziehung des Rates und des Trostes bedürftig. Es ging in der Gemeinde nicht alles nach Wunsch und Willen. Die Zahl der offenen Gegner verminderte sich.zwar stetig, Widersacher, auch mit persönlichem Haß im Herzen, harrten aber unsichtbar im Hintergründe auf Gelegenheit zum Ausfall und Angriff. Sogar das Mißgeschick im Hause Schottens versuchte man in leisen Andeutungen ihm anzukreiden. Denn, flüsterte man sich zu, warum ging Arje Löb nach Posen? Das Lösegeld für den Rabbi zu überbringen, das Geld, für das wir zu bluten hatten. Warum nahm er ihn denn nicht mit her? Warum spannte er ihn in neue Aufgaben ein, daran er nun zu Grunde ging? Wer war also zuletzt schuld, daß sich über das ehrwürdige Haus Schotten so die Schatten schweren Leides neigten? Ueberhaupt Schotten! Rabbi Schmuel! Viele, denen bisher dieser Name nicht viel mehr galt, als irgend eines anderen Rabbi, nannten ihn jetzt mit glühender Ehrfurcht, um ihn gegen den „fremden" Rabbi Naftali auszuspielen. Rabbi Schotten erschrak, da ihm einmal dieses Bestreben, einen Keil zwischen ihn und Rabbi Naftali zu treiben, aus den Andeutungen eines Uebelwollenden offenbar wurde, so sehr, daß der Schreck auf den Zuträger überging und ihn mitten im Satze zu lähmendem Schweigen brachte. Es kamen noch andere Sorgen für Rabbi Naftali hinzu. Der Bann hatte feine Wirkung in und für Frankfurt getan, aber nicht über die Bannmeile der Stadt hinaus. Jenseits der Landesgrenze irr Offenbach und anderswo sammelte Proßnitz wieder seine Scharen, seine geheime Sendboten fanden aus Schleichwegen auch den Weg nach Frankfurt und arbeiteten in nächster Nähe von Rabbi Naftali, warben und holten ihre Beute. Aus der Jefchiwah waren zwei nach Offenbach übergelaufen. Das traf Rabbi Naftali tief ins Herz. Die Sabbatäer verbreiteten Sendschreiben voller Schmähungen gegen Rabbi Naftali und sein Rabbinat. Den Tod Arje Löbs bezeichneten sie als Strafe für die Bannhandlung und als Fingerzeig vom Himmel, daß es „genug sei mit der zerrissenen Hilfsarbeit hie. und da, daß der Erlöser im Ganzen nahe . . ." Viele lasen es, viele entrüsteten sich darüber, über es gab welche, die es sich zu Herzen nahmen. Und manche gingen zu Proßnitz hin, von einer Neugier getrieben, die sich zu Interesse auswuchs. Indes so die Sabbatäer Pech und Schwefel gegen Rabbi Naftali schütteten, glaubten auf der anderen Seite, seine Gegner in der Gemeinde, ihm den Vorwurf nicht ersparen zu können, daß er durch seine Nachsicht dem Wahne Vorschub geleistet hätte, er habe zu lange mit dem Cherem gewartet, tue jetzt zu wenig, um dem Treiben vor den Toren der Stadt Einhalt zu gebieten. In manch stiller Nachtstunde prüfte der Rabbi diesen Vorwurf nach und rang schwer um Erkenntnis und Erleuchtung. Er sah wie hilfesuchend zum klaren Nachthimmel. Voller Morid leuchtete kalt und blaß auf die schneegetupfte Straße, Sterne glitzerten ringsherum, kleinere und größere, von stechendem Lichte und mattem Glanze. Am östlichen Horizonte schwamm etwas wie in Nebelkapsel, zitternde Lichtkugel mit regelrechtem Schweife, diesen wie über die Gaffe geschwungen. Es war der Stern, der die Menschen in und außerhalb der Gasse schon seit Wochen ängstigte, den Gelehrten zu allerlei Betrachtungen Anlaß gab, der Komet. „Vor den Zeichen des Himmels sei Euch nicht bange", hieß es in der Schrift. Draußen aber sahen sie einen unbekannten Stern über sich walten, sahen Krieg, Feuer, Blut, Weltuntergang, Unheil und — Erlösung des jüngsten Tages. Die Aengste und Hoffnungen griffen auch auf die Gaffe über. Mit Vernunft und der Lehre von den außerhalb der Sternengewalt spielenden Geschicken Israels war nicht dagegen anzukommen. Die Menschen glaubten, was sie hofften oder fürchteten. Er näherte sich der zugenagelten Türwand zur Jnnenkammer und schrak zurück. Nein, noch nicht! — Drinnen lagen unter den alten Handschriften des großen Mahral auch solche, die über Sterne und Planeten und Himmelserscheinungen Auskunft gaben, neben mathematischen und astronomischen Berechnungen auch Frucht tieferen Schauens in den Himmel in seiner Beziehung zu den Menschen und ihren Geschicken. Nein, noch hatte er nicht die Ruhe und' Reinheit, die Sammlung, die innere Weihe und das klare Licht in der Seele für dieses Gemach. „Die Schechina weilte nicht, wo Traurigkeit oder Trägheit Platz gefunden." Später!- 21. Unzählige Augen hingen Abend für Abend in allen Landen am Himmel, an dem sonderbaren Stern in der Glaskapsel mit dem matten Schweif, sich ängstigend, forschend, ratend. Was mochte dieser sonderbare Himmelsgast bringen? Die Gelehrten hatten herausgefunden und aus