Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1928)
- Date
- 1928-05-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Als vor bald 20 Jahren, im Herbst 1909, ein furchtbares "E r d b e b e n u n g l ü ck über S ü d i t a l i e n hereinbrach und viele taufende Menschenopfer erforderte in» einer sonst vom Himmel begnadeten Gegend, die wir als „das Land, wo die Zitronen blühen", kennen und lieben, damals fühlte sich, indeß die Welt von lähmendem Entsetzen erfaßt war, die. „Frankfurter Zeitung" bemüßigt, zu dokumentieren, daß sie sich in ihrem rationalistischen Denken von so einem bißchen Grollen der Erde und Wanken der Berge nicht im geringsten irre machen lasse. In einem Leitartikel ihres Abendblattes warnte sie davor, „aus dem Unglücke Profit für Religion und Glauben schlagen zu wollen." Sie verwies darauf, daß „Gerechte wie Frevler, Priester und Laien, das Haus der Freude wie der Andacht in gleicher Weise dem erbarmungslosen Geschicke anheimgefallen seien", woraus sich für sie ergab, daß aus der wankenden' Erde^ kein Raum sei, von Gott und sittlicher Weltordnung und strafender Gerechtigkeit zu reden. Ein blindes Naturereignis sei es, dem die Menschen heute ebenso schutzlos preisgegeben seien, wie einst dem Blitz und dem Feuer, dev Pest und den Blattern, das sie aber dermaleinst, — in abermals 200 000 Jahren — nicht minder besiegt und vielleicht nutzbar gemacht haben würden, wie jene.—- So die „Frankfurter" damals. Es ist nun wiederum eine ähnliche Katastrophe über die Welt hereingebrochen, diefesmal über den Balkan. Städte und Dörfer in Bulgarien und in Griechenland sind vom Erdboden verschwunden und haben Menschen nach vielen Hunderten mit in den Abgrund gezogen. Zwischen damals und heute liegt aber .der 1. August 1914, liegen vier blutige Kriegsjahre mit ihren bis heute noch nicht überwundenen Nachwehen. Die Welt hat den Zusammenbruch lang und heiß angebeteter Zeitgötter erlebt. Man ist heute weit kleinlauter und bescheidener in seinem Denken und Gehaben gegenüber den Furchtbarkeiten, wie vor den Wundern und Rätseln der Schöpfung, wenn, wie jetzt auf dem Balkan, die Wucht der Naturkräfte in Menschenglück und planvolle menschliche Arbeit, vernichtend eingreift. Die gleiche „Frankfurter Zeitung" schreibt heute zu der Katastrophe auf dem Balkan u. a. (Erstes Morgenblatt vom Mittwoch, 25. April 1928): „Machtlos steht der Mensch diesen Gewalten gegenüber, die Ihm zeigen, wie klein immer noch der Bereich seiner Herrschaft »über sie ist und wie mit einem einzigen Emporrecken die Titanen des Chaos alle Fesseln zu zerreißen vermögen, die der kleine Tyrann ihnen anlegt. „Vieles Gewaltige lebt, und nichts ist gewaltiger als der Mensch," läßt ein antiker Dichter seinen Chor singen. Ein anderer wieder entsetzt sich über das frevelhafte Beginnen, als das ihm schon das Befahren des Meeres im „gebrechlichen Schiffe" erscheint. Heute fliegt der Mensch wie Ikarus nicht über kleine Meere wie die stürmische Adria, sondern über. Ozeane hinweg, und die Verwegensten denken daran, mit dem „Raumschiff" von der Erde weg ins Weltall hinauszufliegen. Aber trotz alledem: wie schwach und gebrechlich des Menschen Kraft auch nur gegenüber einer einzigen Bewegung der Erde! Das, was heute im Südosten Europas geschieht, sollte uns mehr Bescheidenheit lehren. Vor allem aber sollten wir lernen, daß gegenüber den Zerstörungen unbarmherziger Naturkräste das Heil weniger im materiellen Fortschritt als in der men sch - lichen Seele zu suchen ist: Menschliches Mitgefühl und menschlicher Zusammenschluß, und es erscheint uns wichtiger als manche technische Errungenschaft, daß heute die ganze gesittete Menschheit mit aufrichtiger Teilnahme der unglücklichen Bulgaren und Griechen gedenkt, die unter diesen schweren Schicksalsschlägen gelitten haben und noch leiden. Die Balkanhalbinfel ist seit zweitausend Jahren fast ein Gebiet, in dem schwere Erderschütterungen immer wieder wie schicksalhafte Plagen zerstört haben, was Menschenhand errichtet hatte. So manche Tempelruine in Griechenland — der Zeustempel in Olympia beispielsweise — zeugt von den Zerstörungen früherer Erdbeben. Immer wieder haben die Menschen dieser Gebiete zäh und lebenskräftig ihre Häuser aufgerichtet und dem Boden seine Früchte abgewonnen. Auch-dtese Ruinen werden hinweggeräumt, die Toten bestattet, die Wunden geheilt werden, und. die menschliche Anteilnahme aus der ganzen Welt wird in mancherlei Gestalt den Mut der Heimgesuchten aufrichten helfen. Aber gerade im Balkan, der so oft und oft nicht ohne Grund als ein Herd der Zwietracht und als Wetterwinkel Europas bezeichnet worden ist, sollte das Unglück lehren, daß hoch über Gegensätzen und Interessen die menschliche Gemeinsamkeit steht. Nicht bloß im Balkan sollte diese Erkenntnis fruchtbar werden, sondern auch im übrigen Europa und nicht zuletzt in Genf." So die „Frankfurter" von heute. Heute wie damals gilt aber noch bis zum letzten Worte das, was ein geschätzter Mitarbeiter unseres Blattes in der Nummer vom 21. Januar 1909 unter der Ueberfchrift: „Das Erdbeben und die Frankfurter Zeitung" über diesen Gegenstand schrieb: „Als einst im 18. Jahrhundert das furchtbare Liffabonner < Unglück die Weltmit Entsetzen erfüllte, da grübelten unsere besten Denker noch Jahrzehnte lang später, nachdem längst die frischen Spuren der Katastrophe verwischt waren, über Sinn und Deutung des Ereignisses. Und gerade die Tatsache, daß das Unglück in schreiendem Mißverhältnis zu allen Begriffen stand, die sich Menschen von Gerechtigkeit und Vergeltung machten, daß es den verurteilten Sträfling im Kerker neben dem Säugling in der Wiege, den lebensfrohen Jüngling wie den sterbenden Greis traf, gerade die Tatsache war es, die ihnen, unseren besten Denkern, das ethische Problem in seiner erschütternden Gedankentiefe zum Bewußtsein brachte. Es ist ein dem selbstbewußten Geiste innewohnendes Gesetz, daß ein Unterschied ist zwischen gut und böse, wie zwischen wahr und unwahr, schön und häßlich. Warum aber meistert der erkennende und wertende Geist mit den von ihm geforderten Gesetzen der Logik und Aesthetik widerspruchslos das gesamte All, dergestalt, daß bis in die fernsten, nur mit dem Rohre erreichbaren Räume hinein sein Zahlensystem waltet, sich alle Wesen nicht nur Menschen, seinem Begriffe der Schönheit unterwerfen, und warum findet gerade das Gesetz der Ethik, findet gerade das Sittengesetz, wiewohl ebenso Tatsache der inneren Erfahrung wie Logik und Aesthetik, allüberall im Leben der Menschen nichts als Widerspruch, als schreiende Dissonanz? . Und damals geschah es, daß das Problem der Freiheit in bisher ungeahnter Schärfe aufgegriffen und formuliert wurde, dieses Problem, das seitdem nicht mehr zur Ruhe kommen kann, ob es gleich der Materialismus noch nie verstanden hat, das von. Generation zu Generation vererbt wird und bestimmt ist, die Brücke zu bilden zwischen Philosophie und Religion. Denn mit Nachdruck muß darauf hingewiesen werden, daß es gerade das, was die Philosophie vom Materialismus trennt, sie mit der Religion gemeinsam hat: Die Problemstellung. Verschieden ist die Beantwortung, insbesondere die Methode, der Beantwortung. Aber gerade die Beantwortung ist das zeitlich Bedingte in der Philosophie. Der Kampf gegen den Materialismus, diese Weltanschauung, die sich parasitenh'aft von den großen Triumphen der Naturwissenschaft nährt, die seit Jahr und Tag von Köpfen, die niemals Kant gelesen, geschweige denn verstanden haben, gepredigt und von einer minderwertigen Tagesliterätur unters Volk geworfen, von gewissen Zeitungen mit wahrem Feuereifer kolportiert wird, dieser Kampf, meinen wir, ist kein Kampf, den allein die Religion, oder gar nur allein das gesetzestreue Judentum zu führen hätte, es ist vielmehr ein Kampf, der 1