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Der Israelit · 1928-04-19 · Heft 16 (19.4.1928) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 16 (19.4.1928)
Date
1928-04-19
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Dfäffei? fievausgegeBen von dev fandesovganifation dev Agudas-Jisvoef in Aenffefiiand ,4 Jahrgang Frankfurt a. M., ly, April IY28/2Y, Nissan 5688 _Nummer 9 Agudistische Verpflichtung gegenüber dem Ich und dem Du. Vortrag .gehalten in den Orts- und Jugendgruppen der Agudas Jisroel Hamburg-Altona von Wolf S. Iacobson.*) 'h '2 MX ]’R fl«* Es ist nicht Egoismus, nicht selbstsüchtige Rücksichtslosigkeit, wenn der Mensch, der junge zumal, an sich selbst denkt. Besonders dann nicht, wenn dieses Denken nicht den äußeren Dingen des Lebens gilt, sondern auf die höheren Ziele hingerichtet ist, wenn es hinstrebt zur Versittlichung des Charakters, zur Veredlung des Gemütes, zur Bereicherung des Geistes, zur Adlung der Seele. Es ist nicht zu tadeln, ja eher vielleicht zu rühmen, wenn der Mensch, der junge , zumal, in weiser Beschränkung seine Meisterschaft erweist und daher in seiner Arbeit und seinem Streben zuerst sich selbst betrachtet. War es doch kein Geringerer als Hillel, jener Mann, der einer Welt von Fragenden und Bittenden immer zur Verfügung stand, dem Heiden auch am Freitag nachmittag, wenn es galt für den Schabbos Toilette zu machen, der jenes Wort geprägt: „Wenn nicht ich für mich, wer ist denn für mich"! — Und öfters finden wir im Talmud (*rp zrn) die Mahnung des Refch Lokifch: Schmücke erst dich selbst, dann erst schmücke die andern!, jene Mahnung, die sich anlehnt an das Wort des Propheten Zefanja: iwipi itfisnpnn „Leset erst die Stoppeln an euch ab, dann leset an den andern ab". Und dennoch ruft der gleiche Hillel uns zu: mx na ’axsrb mxeov Wenn ich nur für mich strebe, was bin ich dann? Vergiß über dem Ich nicht das Dü, betrachte die Arbeit an dir selber als eine Leistung, die du so an einem Teil des ganzen vollbringst. Begreife dich niemals als allein und um deiner selbst willen in die Welt gestellt. Empfinde die unlösbare Kette zwischen dem Ich und dem Du und wisse, daß ein Ich, welches das Du vergißt, bald nicht mehr sich selber meint, sondern nur das Kleid, die Aeuherlichkeiten, die mit dem eigentlichen Ich garnichts mehr zu tun haben. Habe sorglich acht, daß das erlaubte, das geforderte px dx ’V MX nicht übergleitet in ein verpöntes mxwsi ’assr1?- Die Grenzen zwischen Erlaubtem, ja Gefordertem und Verbotenem zu ziehen, ist nicht einfach, verlangt ein gutes Auge und eine sichere Hand. Wir haben einen Maßstab, an dem wir uns orientieren, das ist die mm» Lassen Sie mich durch ein Wort, das im Talmud nbio 'abVinH ("7 ^n,7 pns aufbewahrt wird, diesen Maßstab vor Sie hinlegen. An die Worte mwn um nx v'p' xV ntpx mnx •bni« nwvh rixrn „Fluch, dem, der die Worte dieser Lehre nicht aufrecht hält, sie zur Erfüllung zu bringen" — T'D anm — knüpft der Talmud an: Rabbi Acho im Namett des Rabbi Tanchum, Sohn des Rabbi Ehra sagt: Wer lernte, lehrte, Verbote gehütet, Gebote erfüllt hätte, aber die Kraft gehabt hätte, andere in der Erfüllung des Gesetzes zu festigen und hätte dies nicht getan — auch der unterliegt diesem mix- — Rabbi Jirmijo im Namen des R. Chija bar Abo sagt: Wer nicht lernte, lehrte, Verbote gehütet, Gebote erfüllt hätte, doch, ohne dazu in der Lage zu sein, *) .Niedergeschrieben in den nsrae? für Wilhelm Groß -Jaffa, den selbstlosen Idealisten, den edlen, frommen Mann, der fein ganzes Ich den Andern opferte und so. frei allen, die ihn kannten, als nie zu vergessendes Vorbild weiterlebenwird. andere in der Erfüllung des Gesetzes gefestigt hätte, der unterliegt dem hohen' Segenswort itmix niVvb nxin .Tvmn nn nx a’pvnwx “|m Größte Selbsterziehung nimmt den Fluch nicht, den nicht genützte Möglichkeit, andere fördern zu können, auf den Menschen legt. Größte Selbstvernachlässigung mindert . den Segen nicht, der die Folge einer über das Matz des Möglichen andern erwiesenen Förderung ist. — So hoch, so unfaßbar hoch fast, wertet der Talmud die L eistung an den Andern, so gering scheint er die Leistung für sich und an sich selbst zu werten. Er scheint es zu tun: In Wahrheit aber dürfte dies die Erklärung sein — und damit wäre zugleich für unser Problem die Lösung gegeben: Wer andern nicht hilft, obgleich er es kann, zeigt, daß all sein Lernen und Lehren und Beobachten und Erfüllen mechanisches, unbeseeltes Tun gewesen ist. Wer andern hilft, mehr als er eigentlich kann, offenbart darin eine Seelenschönheit, eine Charakterstärke, daß wir anderer äußerer Beweise seiner tiefen Pflichterfüllung nicht bedürfen, sein Wirken an den Andern zeigt, daß er selber sein Judentum begriffen hat — und darum ist er gesegnet. Nicht die Arbeit am Ich gering einzuschätzen, sondern sie unter dem höheren Begriff der Leistung für die Andern ins rechte Licht zu fetzen, zu ihrem wahren Sinn zu bringen, ist die Lehre dieses Talmudwortes. .Erlaubt, ja, geboten ist die Arbeit am Ich um des Du willen, verboten ist sie, wenn sie letzter Selbstzweck ist. — Schmücke Dich, nicht damit Du schön bist, sondern damit Du alsdann andere schmücken kannst. 2. Doch nicht nur vom Ich und vom Du wollte ich sprechen, von ihrem Verhältnis zu einander, sondern von der a g u d i st i s ch e n Verpflichtung gegenüber dem Ich und dem Du. Agudistische Verpflichtung! Ist das etwas anderes als jüdische Verpflichtung? In dem Referat „Die Satzung der Agudas Jisroel", mit welchem Jsaac Breuer der Kenessio Gedaulo die Verfassungsurkunde der Agudo „der Golusorganisation im Dienste des thoratreuen jüdischen Volkes" vorlegte, heißt es: „Das thoratreue jüdische Volk war schon vor der agudistischen Organisation da. Und nachdem die agudistische Organisation ins Leben getreten ist, gibt es für sie keine spezifischen Vereinsziele, die sie von den Zielen des thoralreuen jüdischen Volkes abschnüren könnten. Die Ziele des thoratreuen, jüdischen Volkes sind auch die Ziele der agudistischen Organisation und jeden Juden, der diese Ziele bejaht, betrachtet sie, ob er will oder nicht, als einen der ihren!" Also sind thoratreues, jüdisches Volk und agudistische Organisation, Judentum, — d. h. stillschweigend: thoratreues, — und Agudismus wesensgleiche Begriffe und mithin auch jüdische und agudistische Verpflichtung! Lebten die Juden ihr volles jüdisches Leben, lebten alle Juden ihr Leben als Thoramenschen und," wenn solch eine Vorstellung zu schön ist, um als Wirklichkeit gedacht zu werden, wüßten alle Juden, wie immer sie auch leben mögen, daß nur das der min gemäße Qeben der jüdischen Lebensform entspricht, daß es nur eine Judenheit, die zur mm sich bekennende, e i n jüdisches Volk, das thoratreue, das „Gottesvolk" gibt, wäre man sich in allen Kreisen unserer Volksgemeinschaft über den Sinn des Golus einig, während es doch in Wahrheit — ich zitiere wieder Breuer — dem Zionisten „zu vollendeter Sinnlosigkeit gedeiht", uns hingegen sein Sinn und seine Bestimmung darin liegt, daß wir.durch Vollbringung freier, sittlicher Tat des Golusendes uns würdig erweisen und so dies Ende erzielen — (die Idee des Agudismus Seite 37 und 38) mit einem Wort: wäre das Band, das die Juden an die Vergangenheit knüpft, die Juden der Gegenwart untereinander verbindet, nicht gelockert worden wnvn pix vt> durch den Druck der Zeiten, ja, umgekehrt vielleicht auch, durch die Freiheit, die die Zeiten brachten, dann bedürfte es der Agudas Jisroel nicht. Dann hätte das Wappen aller Juden einen Wahlspruch, der Weg ihres Lebens eine Richtung, aller Wollen ein Ziel: ‘jxnn nx’a: das Kommen des Erlösers, der das Land erlöst, nachdem das Volk seiner Erlösung sich würdig gemacht: ,W»nX 127- So aber, weil das Golus seines Sinnes, den es bis an die Schwelle des 19. Jahrhunderts bewahrte und bewährte, entkleidet worden war, weil das Judenvolk in Teile zerrissen worden war — und wieviele Judenheiten so viele an ihnen konstruierte Judentümer — well selbst die Gesetzestreuen der Welt kein Einheitliches mehr bildeten, jedes Land seine eigenen Interessen und Landesbesonderheiten sorglich hütete und dadurch die Gemeinsamkeit der Anschauung, — teuerstes Gut des Mittelalters trotz aller seiner Trennungen und Scheidungen, — gefährdet wurde, weil das Bewußtsein von der Eigenart des jüdischen Gemeinschastsbegrifses immer mehr getrübt worden war und, Folge dieser Trübung, _ man der Welt eine thorabare Judenheit als jüdisches Volk darstellen konnte, im Namen solcher Judenheit fordern konnte, durch Männer, die, wie groß als Politiker, wie rein als Mensch?^ als Juden nicht fordern' konnten, weil, mit einem Wort, „die'neue Zeit", die mit der französischen Revolution anhebt, den Organismus der jüdischen Gesamtheit seiner Seele beraubt hatte, darum mußte eine Organisation geschaffen werden, die den alten Begriff des^xiw'^a wieder realisiert: Israels Gesamtkörper, erfüllt und getragen von seiner nun als organisierender Seele. Und diese Organisation, die Golusorganisation im Dienste Israels — ist, heißt: Agudas Jisroel! Thoratreues, jüdisches Volk: das ist ein Begriff, der aus dem Reich des Sollens in den Alltag des Seins hineinragt, ein Gruß aus der Vergangenheit, eine Hoffnung der Zukunft, Agudas Jisroel steht mitten in der Gegenwart, aus ihr geboren, für sie geboren. Thoratreues, jüdisches Volk setzt, um sich voll ausleben zu können, die,“6ixa voraus, sein Licht wird verdunkelt durch nrDwn ni*?y 2fgu - das Jisroel ist durch das Golus, seine schwarzen Selten, — denn es hat auch helle — notwendig geworden, am Golus entzündet sich ihre Wirksamkeit, erweist sich ihre Wirkung. Im Ziele sind thoratreues Judenvolk und Agudas Jisroel einig, sie führen es herbei, indem Agudas Jisroel dem Volk zum Diener und Wegbereiter wird. Während also jüdischeVerpflichtung schlechthin die Forderung der min an jeden einzelnen Sohn des Volkes als am Sinai einst Beschworenen darstellt, bedeutet agudistische Verpflichtung: Streben und Kampf um Verwirklichung dieser Forderung in Zeit und Welt der Gegenwart, die die nun duldet, aber nicht allein herrschen läßt, die den n^uv oo-Charakter des Volkes zu Gunsten politischer, für die Tageslosungen und -Lösungen not- . wendiger Definitionen verzerrt, wenn nicht gar

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