Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1928)
- Date
- 1928-04-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Schuljubiläum der JsraelitifchenReligionsgesellschast. Wochen-, ja monatelang wurde hinter geschlossenen Türen in Sitzungen beraten, bei Proben und Einstudierungen fieberhaft gearbeitet. Die große Jubiläumskommission war später nur noch der Stammboden, aus dem die verschiedenen Unterkommissionen, Komitees und Ressorts herauswuchsen. Alle Kräfte waren in Wirksamkeit, das Fest zu ei-nem Feste der Gemeinde, würdig des historischen Anlasses, zu gestalten. Seit der Eröffnung der Schulausstellung am Sonrtag, den 8. April, und nachdem die Festschrift in Händen der Gemeindemitglieder war, stand die ganze Gemeinde im Zeichen der festlichen Ereignisse. Man sah am Sabbat viele „fremde" Gestalten, die sich gar nicht fremd fühlten in den Gefilden ihrex Jugend. Kaum war der Sabbat verklungen, nahm im großen Saale des Volksbildungsheims ein Leben und Treiben seinen Anfang, wie es in diesem Ausmaße auch ältere Generationen unserer Gemeinde bei keinem früheren Anlaß gesehen haben. Die Vorfeier. Fünfundsiebzig Schuljahre spiegelte der Samstagabend in lebendigem Massenbilde wider. An einzelnen Tischen waren die verschiedenen Jahrgänge vereinigt. Natürlich fehlte es auch nicht an „anonymen" Tischen, dazu bestimmt, Damen, welche ihr Abgangsalter nicht verrieten, und auch Männer, die es ebenfalls nicht taten, — nicht aus falscher Eitelkeit, sondern aus gewisser „Anhänglichkeit", die sie dazumal bestimmten Klassen über ein Jahr hinaus bewiesen hatten — diskret und in Liebe aufnahmen. Jeder bot Jedem Anschluß. Eine Stunde etwa nach Eröffnung brauste eine Woge durch den Saal, die alle Programme und Pläne, alle Anordnungen der Ordner, alle Theorien und sorgsam ausgearbeiteten Dispositionen hinwegtrug. Keiner konnte mehr dieses Sturmes Herr werden, weder der Konferengier, der da oben sich alle redliche Mühe gab, in Poesie und Prosa ein Einheitsgeleise zu bauen, noch die gestrengen Herren Lehrer und der Herr Direktor selbst, die nicht übel in der Laune waren, den älteren Jahrgängen noch einmal nachträglich „Tadel" zu erteilen oder die „Betragensnote herabzudrücken". Wer fragte noch danach? An den einzelnen Tischen saßen die „Schulbuben" und „Schulmädels" — im Alter von 18 bis 80 Jahren, die Klassenkameraden und Kameradinnen von ehedem und taten eben, was sie damals in der Schule nie tun durften, lachten und lärmten. Man erlebte da Szenen des Wiedersehens, und des Sichwiederfindens, nach Jahrzehnten des Verfchollenseins, die „einen Stein erweichen konnten". Jugendermnerung griff ans Herz und man griff auch in die Tasche. Man zeichnete für den Schuljubiläumsfond; man stiftete Freiplätze zum Andenken an den einen und den andern Kameraden, der nicht mehr dabei war; man gründete-einen „Verein ehemaliger Schüler und Schülerinnen der Hirfch'fcheni Realschule", kurzum, es herrschte Stimmung und Freudigkeit, die sich tausendstimmig kundgab, ein 'Chaos für den „Nichtkombattanten", Sphärenmusik für den Beteiligten und tiefer Empfindenden, -der - ein Ohr für „Harmonie im Chaos" hat. „Es war herrlich," hörte man alte und ältere Leutchen sagen, „ein Abend, der in die glückliche, selige Zeit der Jugend so, ganz versetzte!" Manch einem, dem in harter Schule des Lebens schon jede Beziehung zum Leben der Schule abhanden gekommen schien, wuchsen neue Schwingen an. Und damit war der letzte Zweck des Abends erreicht. Und mitten im Kunterbunt setzte sich doch eine , kleine hübsche Aufführung durch, die im Bühnenbilde eine Schulklasse von früher zeigte und mit stereotypen Redensarten und Gestenaltbeliebter Lehrer eine. Lachsalve nach^der, andern auslöste. Ein Ti schlied, eine Art Hymne.auf Schule und Schulzeit, wurde -im Massenchore gesüngen. HerrHemrich Eifemann verkündete von/ der Tribüne herab, daß der „ V e r e i n ehemaliger Schüler und Schülerinnen der Hirsch'- s ch e n Realschule" gegründet sei. Musikklänge blühten auf — und erstickten im Getöse, das aus einer tieferen Harmonie der Seele geboren war. Die akademische Feier. Am Sonntag gegen 11 Uhr vormittag waren im großen Saale des Zoologischen Gartens, nach der verbürgten Angabe der Türhüter, 2400 Plätze besetzt. Nachzügler fanden irgendwo unten oder obenin den. Galerien noch Unterkunft. Ohne nennenswerte Verspätung setzte das Programm mit deme Andante aus der Symphonie von Haydnein. Feierlich trugen sich die Klänge und verbreiteten die Weihestimmung für alles, das folgen sollte. Der poetische Geist von Mendel Hirsch >V"x? lebte in einem von einer Schülerin gut gesprochenen Gedichte aus seiner Gedichtsammlung aus. Dann sang mächtig schön ein Mädchenchor einen Fesitz ymnus und Herr Studiendirektor Dr. Fink ergriff das Wort zu seiner F e st r e d e. Der Redner sprach einleitend Dank dem Schöpfer aus, daß er uns diesen Tag hat erleben lassen. Er begrüßte Gemeindevorstand, Schulrat, Behörden, Gäste und die große Zahl der ehemaligen Schüler und Schülerinnen, nannte ehrend die im Saale anwesenden Senioren der Schule, Frau Schwabacher, Frau Berta Hirsch und Herrn Jsak.Mainz,' sodann die in den letzten'Jahren aus der Schulwirksamkeit in die Ewigkeit abberufenen Lehrer, denen mit die Schule ihr hohes Ansehen verdankt. Hunderte führende Männer, auch außerhalb Frankfurts und Deutschlands, sind aus der Schule hervorgegangen. Was wir für die Zukunft zu wollen und zu tun haben, besagt uns das „Jobal" in seiner in der Thora gezeichnetendreifachen Bedeutung. Dem Freiheitsdrange der Zeit *vm anxipi sollten wir das rnr-ins Vs vs ana&i entgegensetzen, das Bestreben, zum Altvütergut zurückzukehren. Damit verbunden sei aber das Bemühen, alles; was. gut und schön auf dem Felde der modemen Kultur wächst, mit zu übernehmen "Di iVasn nwn ja. Die sittlichen und moralischen Schäden des Krieges werden durch die sog. „Selbsterziehung" nicht gutgemacht. Die altbewährte jüdische Erziehungsmaxime wn ’s V? ayjV sei heute noch maßgebend. \ Ungemein lieblich und tief ans Herz gehend ergoß sich nun der Händelsche „Jubelchor" mit Schellen und Posaunen aus „Juda Maccabäus". Wie der „Chor der Jünglinge" und der „Chor der Mädchen" ab wechselten, um dann zu einem vollen brausenden Chore zusammenzuwachsen, ergab es eine Ohrenweide und eine Kost für die Seele, wie wir sie lange üicht mehr genossen. Herr Max Neumann hat sie uns mit Hilfe feiner Künstlerschar und des Herrn, Firnberg am Klavier zur würdigen Umrahmung des Ganzen in schönster Weise geboten. Nun hieß es, sich mehr oder weniger mit Geduld wappnen. Zwölf Redner traten nacheinander auf, um die Grüße und Wünsche ihrer Auftraggeber zu überbringen. Jeder brachte aber eine eigene Note, so daß sich das Wettreden von anderthalb Stunden doch recht abwechslungsreich und anregend gestaltete. Ueberaus starken Eindruck machte es, da als- Erster, der Senior der Schülerschaft, der dreiundachtziigjährige Herr Jsaac Mainz, das Podium betrat und in schlichten, herzlichen Worten seine Wünsche der Schule überbrachte und ihr, man darf sagen, die väterliche Mahnung, gab, auch für die Zukunft bei all ihren Bestrebungen dem salomonischen . Grundsätze treu zu bleiben: •'*t ns*v> naan ’ rwsn Herr Jacob R o s e nch e i m überbrachte die Grüße für Vorstand und Gemeinde. Es sei der Gruß der Mutter an ihr Kind, die diesem fort und fort schöpferisches Leben einhaucht. Der Doppelruf von^Samfon Raphael Hirsch lautete allezeit: „Gründet Schälen für die Individuen! Gründet Gemeinden!" Nur im Schoße der, Gemeinde konnte die Schule sich geistig entwickeln. Die führenden Männer in- Gemeinde und Schule der letzten Jahrzehnte (Rabbiner Dr. S. Breuer, Direktor Dr. Lange)/ haben dfe Schule noch näher an die Quellen der Thora herangeführt. Die Grundschul e sei Symbol für den Klalg edan - ken, der keine Grenzen nach Hoch und Niedrig, nach Ost- und West kennt und den ganzen Reichtum östlicher, jüdischer Geistesarbeit als Mldungsgut «nd Gemütskraft mit einbegreife, die Verknüpfung der Jefchiwah mit der Schule aber fei — ebenso symbolhaft — der Ausdruck des starken Willens durch die Intensität des alten, originalen Thoralernens dieses zum formgebenden und gestaltenden Mittelpunkt der geistigen Persönlichkeit zu erheben. Dann und nur dann könne der Gesamtrnhalt der Weltkultur in der Prägung -deutschen Geistes, der Geist Goethes, von dem Kants beherrscht und begrenzt, in die jüdische Persönlichkeit eingehn, ohne ihre Harmonie zu gefährden. So werde es gelingen, jenen Bildungstyp zu schaffen, den Samson Raphael Hirsch mit seinem,, Mensch-Ähroel" gemeint und erstrebt hat. Unter tosendem Beifall teilte der Redner den Beschluß des Gemeindevorstandes mit, daß die Schule fortan den Namen „Samson Raphael Hirsch- Schule" tragen werde. Herr Julius Holländer sprach im Namen des Schulrates. Eine persönliche Note schlug er an, und sie war bezeichnend für die Jubilarin. Was ihn bewog, aus dem Auslande hierher nach Frankfurt zu ziehen, das war in erster Reihe die Schule, die ihm die MögjjchLeii versprach, seine Kinder nach seinem Wunsche" heranzubilden. Er richtete dann einige herzliche Sätze an die Schüler und Schülerinnen, die in diesem historischen Jubeljahre aus der Schule scheiden. Herr Studiendirektor W e insto ck vom „Kaiser Friedrich-Gymnasium" überbrachte die Grüße dieser Lehranstalt und sprach von den guten freundnachbarlichen Beziehungen zwischen den beiden Schulen. HerrDr.Krame r hatte herzliche Worte im Aufträge des Philologen verbandes und der D/.r ektorenvere i n i g u n g. Es folgte eine Begrüßung im Namen der Th orale hranstalt Jeschi wa aus dem Munde des Herrn Rabb. Dr. Josef Breuer. Er unterstrich die Tatsache, daß im Schoße der Gemeinde eine Hochschule für hö chste Th or aWissenschaft blüht und sprach von den engen Beziehungen zwischen der Schule und der Jeschiwa, insofern, als diese in letzterer Zeit vornehmlich auf die deutschen und Frankfurter Jünger, wie sie ihr die Schule zufuhrt, rechnet. In bewegten Worten sprach er der Schule die Segenswünsche der Jefchiwah aus. Es sprach darauf Herr. Direktor Dr. Elias für die Israelitische Realschule in Fürth. Er zeichnete in großen Umrissen den Wandel der Kulturströmungen und zeigte, wie die Hirsch-Schule von Epoche zu Epoche dem schädlichen Zeitgeiste einen Damm entgegenzusetzen wußte. Mit der Schule wurde die Frankfurter Gemeinde zur Mutter vieler anderen Gemeinden, zunächst auch für Fürth, die zuerst Frankfurt mit der Gründung -einer höheren Schule gefolgt ist. Den Sinn der Namensänderung steht er in der Erneuerung, in der ewigen Jugend der Schule. Herr Rektor Baruch Stern betonte für di« Israelitische B o l k s f ch u l e, daß beide Schulen demselben Stamm entsprossen sind. Er ließ sich über dis modernen Kultur- und pädagogischen Bestrebungen aus und überbrachte die Grüße der von ihm geleiteten Schwesterschule in herzlichen Worten,. Herr Leopold Oppenheimer überbrachte die Grüße des Elternbeirates mit einem Worte aus dem Hohenliede und seiner sinnigen Ausdeutung. Für die Höhere jüdische Schule in Leipzig sprach Herr Studienrat Dr. Jsmar Ha lle mann und übermittelte zugleich die herzlichen Grüße des Direktors dieser Schule, Herrn Rabb. Dr. Ca rieb ach, dabei wirkungsvoll auf die gleichen Wege und Ziele beider Lehranstalten hinweisend. Nachdem so - Schulinstanzen und oerwandte Institutionen ausgjebig zu Worte gekommen waren, kamen die Iugendve r e i n e an die Reihe. Im Namen des „ M e k o r Chajim " und des ihm geistesverwandten Lernoereins „ L i w jath Chen" begrüßte Herr Redakteur S. S ch a ch n o w i tz die Jubilarin. Er erinnene an das Jubelfest des „Mekor Chajim" vor vier Jahren, da dieser, fünfzigjährig, auf dm gleichen großen Mann zurückblickte, den heute die Schule als ihren Schöpfer und Begründer vor 75 Jahren nennt. In zwei'Jahrzehnten war die Fxucht so weit herangereift, daß ein Lern per ein nötig war, um das jüdische Wissen, das die . Schüle, vermittelte, und. den Geist, von -dem sie getragen war, bei den ersten aus der Schule hervorgegangenen „Bale Battim" weiter zu pflegen- und zu ver-