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Der Israelit · 1928-04-19 · Heft 16 (19.4.1928) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 16 (19.4.1928)
Date
1928-04-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 16 Der Israelit lVochenrundschau. Zionistische Täuschung und Selbsttäuschung. Wir haben bereits mitgeteilt, daß die Zionisten in Warschau um Grünbaum nach den Sejmwahlen eine Siegesfeier begingen. Auf unsere Frage nany 15 no nnnwb? antworteten Warschauer zionistische Blätter mit den üblichen Ausfällen gegen die Orthodoxie und ihr Frankfurter. Organ. Es gereicht uns nicht gerade zur Genugtuung, ist uns aber , immerhin Entlastung, was ein besser Eingeweihter, Dr. Fritz H e i f l e r in Bielitz, in der ganz und gar nicht agudistischen Wiener „Wahrheit" über die Siegesdichtung der Warschauer Grünbaum- Zionisten u. a. schreibt: „Den Sejmwahlen waren einige Monate vorher die Stadtratswahlen in Polen vorangegangen, du bekanntlich mit einer vernichtenden Niederlage für die Zionisten abgeschlossen hatten. In Warschau konnten die Zionisten von den gewonnenen 28 jüdischen Mandaten im ganzen drei retten, in Wilna, der Stadt mit der ausgeprägtesten jüdischen Kultur und jüdischer Einwohnermajörität, nur zwei, in Lodz, wo der Agudah 50 Stimmen zum fünften Mandat fehlten, von insgesamt 16 jüdischen Sitzen nur vier, in Nowy Dwor e i n Mandat, in Luck, wo sie sich nicht mehr offen als Zionisten zu deklarieren trauten, sondern unter der eigenartigen Parole „Vertreter der Synagogen" auftraten, zwei Mandate usw. Unter dem Eindruck dieses Zusammenbruches hatte seinerzeit Abgeordneter Grünbaum in einem damals Aufsehen erregenden Artikel der zionistischen „Hajnt", betitelt „Der Niedergang des Zionismus", einen Verzweiflungsschrei ausgestoßen und einen Nekrolog auf die zionistische Organisation in Polen angestimmt. Ist also anzunehmen, daß Polen inzwischen wieder zionistisch geworden ist? Eine genaue Prüfung des Wahlresultates ergibt, daß sich darin nichts geändert hat. Im alten Sejm hatten die Juden insgesamt 35 Mandate inne, davon die Zionisten 26, während letztere jetzt mit einem Verlust von 14 Mandaten, die anderen antizionistischen Parteien hingegen mit einer Einbuße von bloß acht Mandaten in den neuen Sejm einziehen. Im letzten Augenblick wurde noch das Wahlergebnis zugunsten der Nichtzionisten dadurch korrigiert, daß der in mehreren Wahlbezirken gewählte Handelsminister Kwiatkowski und Fürst Radziwill auf ihr Staatslistenmandat zugunsten des Agudaführers Kirschbraun verzichteten — ein deutlicher Beweis, daß die Regierung mit der Agudah als maßgebendem Machtfaktor in der polnischen Judenheit rechnet. Ein trauriges Kapitel bleibt die Wahlpropag a n d a der Zionisten, die es auf eine politische Vergiftung der ^„jüdischen Gasse" abgesehen hatten. Eine derartige Wahllosigkeit der Kampfmittel konnte nur dem Bewußtsein der Schwäche und einer Verzweiflungsstimmung entspringen. Man hatte auf die niedrigsten Instinkte der kritiklosen Massen — leider mit teilweisem Erfolg — spekuliert. Führende, allseits hvchgeschätzre Persönlichkeiten der Gegenpartei, wurden täglich beschimpft, verleumdet und in den Kot gezerrt. So hat die zionistische Presse Wislicki, den Vorsitzenden der Zentrale des jüdischen industriellen und kaufmännischen Verbandes in - Polen immer wieder verunglimpft, seine Person wurde zu den häßlichsten Karrikaturen in vielen Plakaten und Zeitungen herabgewürditzt. Typisch ist folgender.Fall: Am Wahltage brachte der „Hajnt" eine sensationelle Nachricht in großer Aufmachung, daß der Agudistenführer Kirschbraun, der Präsident der jüdischen Kultusgemeinde in Warschau und Mitglied der polnischen Delegation der VölkerbunMga, alle seine Mietparteien grundlos und brutal delogiert und aufs Pflaster gesetzt hätte. Da die Möglichkeit eines rechtzeitigen Dementis am selben Tage nicht mehr bestand — und darauf hatte man ja spekuliert —1 hat diese Nachricht auf die Wählermassen geradezu aufreizend gewirkt und erst am nächsten Tage nach den Wahlen haben sämtliche Parteien in einer offenen Erklärung unter Protest dieses Wahlmärchen widerlegt. Gegen den antizioniftischen Abgeordneten Prylucki erheben die Zionisten schon seit Jahr und Tag die nicht im entferntesten bewiesene Anschuldigung, daß er einige 100 Dollar, die für ein Waisenhaus bestimmt waren, für Parteizwecke verwendet hätte. Aus dieser Verleumdung dreht, man diesem bekannten Vorkämpfer für die Rechte des Juden-, tums in Polen immer wieder. den Strick. Daß im Warschauer Palästinaamt vor zwei Jahren über hunderttausend Dollar defraudiert wurden und man diese „Affäre" bis heute noch nicht bereinigt hat, braucht wohl die Oeffentlichkeit weiter nicht zu stören. Am Wahltags haben die Zionisten Plakate angebracht, auf denen arme Waisenkinder, nackt und händeringend, dem von Prylucki angeblich mißbrauchten Gelde nachweinen." Die Zionistischen Kampfmethoden bei den letzten Wahlen haben, der politischen Moral der polnischen Judenheit schweren Abbruch getan und durch die allgemeine Zersplitterung wurden mindestens 15 jüdische Mandate zerschlagen. Mit einer geradezu rührenden Offenherzigkeit und mit anerkennenswertem Mut bezeichnet das zionistische Blatt „Die Zeit" in einer Besprechung der Wahlresultate das Ergebnis selbst für die. zionistische Judenschast Polens als recht traurig und ruft empathisch aus: „Noch ein solcher Sieg und wir sind verloren!" Schule und Politik in Palästina. Wie weit muß es mit der Erziehung in Palästina gekommen sein, daß aus Schulen Plakate in die Welt hinausflattern, unterschrieben von einem „Kommunistischen Jugendbund". Ein solches Plakat liegt uns in der Wiedergabe des „Doar Hajom" vor Augen. In Palästina streikten nämlich die S ch u l d i e n e r. Es ist nicht interessant, zu erfahren, ob und inwieweit die Herren Schulschließer recht hatten oder nicht. Möglicherweise werden die Lohnver- Weines Feuilleton. Die Juden in Syrien. Von Agnaz Duschnitz in Tek-Aviiv. Der nördliche Nachbar Palästinas ist Syrien. Ein südlicher Zipfel Syriens mit den Städten Tyrus und Saida (Sidon) gehört dem biblischen Palästina an. und daher beobachten die Juden dieser Orte die speziell für Palästina bestehenden halachischen Anordnungen. wie z. B. nur einen Tag Jomtow. Syrien zählt heute gegen vier Millionen Einwohner, darunter höchstens 35000 Juden. Das Charakteristische der syrischen Judenheit besteht in ihrer gänzlichen Arabisierung. Denkweise und Sitten, Kleidung und Ernährung, alles gleicht der arabischen Umgebung. Der Jude ist so abergläubisch wie der Araber. Auch seine Frau ist ein Analphet, Auch bei ihm hält man es unter der Würde, daß der männliche Teil der Familie zusammen mit dem weiblichen speist. Dom Judentum sind die Beobachtung des Sabbat und der Jomimtowim und das Beten in der Hauptsache übrig geblieben. Ein pulsierendes jüdisches Leben und die Pflege jüdischen Wissens gibt es nicht. So ist es nicht zu verwundern, daß trotz des äußeren konservativen Gepräges der syrischen Judenheit im ganzen Lande nicht ein zuverlässig koscheres Restaurant vorhanden ist. Nach ihren Berufen gehören die Juden dem Händler- und dem Handwerkerstande an. Ein großer Teil von ihnen lebt in ärmlichen Verhältnissen. Die Armut ist bei einem Teil so groß, daß z. B. .in Damaskus jüdische Eltern schon fünfjährige Kinder in die für diese zarten Kinder mörderischen Metallwerkstätten geben. Auf der Fahrt von Haifa nach Beirut berührt der Zug zuerst Tyrus. wo nur wenige Juden wohnen. und dann Saida. Diese Stadt zählt 16000 Seelen, 400 Juden. Durch Auswanderung nach Amerika schreitet die Zahl der Juden in Saida nicht vorwärts. Beirut hat 200000 Einwohner, davon 6000 Juden. Es leben in Beirut 25 afchkenastsche, also europäische jüdische Familien, doch diese halten nicht mehr den Sabbat. Der bekannte Millionär Sassoon in Bombay, dessen Vater aus Beirut gebürtig war. bat eine prachtvolle marmorne Synagoge und eine Talmud-Thora erbauen lassen. Die Synagoge ist aber — und dies zeichnet die jüdische Situation in Beirut — an den Wochentagen geschlossen. Nach fünf Stunden Autofahrt von Beirut erreicht man Damaskus. Die 8000 Juden dieser eine Viertel Million Seelen umfassenden Stadt wohnen in einem besonderen Stadtteil, in dem keine Nichtjuden wohnen. Das furchtbare Bombardement, das vor einigen Jahren während des Beduinen-Aufstandes Damaskus erlitt, verschonte die Judenstadt. Sehr alte Synagogen und sonstige nach außen wohl unscheinbare, im Inneren aber schöne und altertümliche Häuser machen das jüdische Damaskus interessant. Die größte jüdische Gemeinde Syriens hat Aleppo, das mit seinen 300000 Einwohnern auch die größte Stadt des Landes ist. Auch die 16000 Juden Aleppos sind arabisiert. Die Verbindung mit der Welt stellen überall die Schulen der Alliance Jsraelite Universelle her, die französische Sprache und französische Kultur! 10. April 1928 hältnisse so gewesen sein, daß sie auf. diesen? auch in Palästina und in den Palästinäschulen nicht mehr ungewöhnlichen Wege zu ihrem Mchte zu gelangen hofften. Vielleicht war es auch, n i ch t schön von ihnen/sich ein Recht anzumaßen, das bis jetzt nur die Herren Lehrer für sich in Anspruch nahmen. Was geht' das aber alles die Jungen auf der Schulbank an? Als vor kurzem die Lehrer streikten, da blieben die Schüler hübsch daheim oder auf der Straße und sagten nichts. Der Streik der Schuldiener hat aber keinen Einfluß auf den Schulbetrieb. Die Jungen waren in der Schule, also konnten sie Politik treiben, und als echte „kommunistische Jugerrdbündler" ergab sich ihre Stellungnahme von selbst: sie traten für die proletarischen Diener gegen die „Exploitatoren" ein. Die Kundgebung des „Kommunistischen Jugendbundes" hätte, obschon sie den hebräischen Sprachkenntnisfen der Jungen Ehre macht, in Moskau abgefäßt sein können. Sie ist sowjetmoskowitisch. Ein frischer, froher Kampf des Proletariats gegen die Bourgeois, die „die armen Arbeiter aussaugen". Wie wird es mit dem Unterricht in solchen Schulen stehen, und mit den Kenntnissen der Jungen auf Gebieten außerhalb der kommunistischen Politik, wenn Kopf und Sinn des Schülers mit solch hohen Welterlösungsidealen angefüllt sind? Man hatte eine Zeitlang darüber zu klagen, daß der Sport, die Pflege und. Ertüchtigung des Körpers in der Schule auf Kosten des Geistes zu sehr in den Vordergrund trete. Auch diese Phase ist überholt. Sport und Spiel waren Immerhin harmlose Betätigungen im Vergleich zur Politik, die jetzt die Aera des Sportes verdrängt hat, um den. Charakter des Kindes zu verderben, alle Disziplin und den sittlichen Ernst der Schule zu zerstören. Was sagen die Lehrer, was sagen die Aufsichtsbehörden, was sagt das Schuldepartement der Zionistischen Organisation dazu? Die Frage stellen, hieße, sie beantworten. Alle Instanzen wenden sich gegen diese Zersetzung. Aber der nationale Geist, der sich jahrelang areligiös, ja antireligiös im öffentlichen Leben auswirkte, auch, und erst recht m .der Schule seinen Niederschlag fand, schafft sich feine eigene Form. Ist den Jungen der Respekt, die Ehrfurcht vor der Thora, die ihnen nicht mehr göttlich erscheint, und vor ihren Trägern, die, sofern sie nicht nach der nationalen Pfeife tanzen, tagein, tagaus als Zeloten beschimpft und verunglimpft werden, genommen, wo soll ihnen dann der Halt Herkommen, die Orientierung im Gewirre der Dinge? National? Ein altes Wort, etwas für die Bourgeois. Sportplatz? Auch schon von gestern. Jugend ist schon darüber hingeben. Unter den intelligenteren jüdischen Kaufleuten findet man heute auch die Beherrschung der hebräischen Sprache, wohl der einzige jüdische Einfluß der modernen Erez-Jisroel-Bewegung. (Sein Jude war an der Ermordung der Zarenfamilie bekeiligl.) Im Lokale des Vierbandes russischer Advokaten in Paris hielt das frühere-Mitglied der Regierung des weitzgardistischen Generals Koltfchak, M. Starinkewitsch, der bei der Untersu'chungskommisstön zur- Erforschung der Umstände der Ermordung des Zaren Nikolaus und seiner gesamten Familie in JeLkterinburgi. I. 1918 teilgenommen hat, ein Referat über die Ergebnisse dieser Untersuchung und erklärte, die Untersuchungskommission habe ausdrücklich f-estgestellt, daß Kapitän Sergejew. der die Exekution geleitet hat, in keiner Weise von- Juden abstammt. Auch sonst war keiner der an der Exekution Beteiligten Jude oder JudenstäMmling. Es ist auch nicht wahr, daß an den Wänden des Hauses, in welchem die Exekution vonstatten ging, Aufschriften in Jiddisch oorgesunden worden waren. Ueberhaupt haben sich alle in Verbindung mit dem Zarenmord gegenüber den Juden erhobenen Beschuldigungen als vollkommen grundlos erwiesen. —— (Gesellschaft für jüdische Familienforschung.) In Heft 12 der Zeitschrift plaudert Prof. Dr. Loewe mit anmutigem Humor von'der Entstehung jüdischer Namen. — Elisabeth Ku p k a berichtet aus Breslauer Regierungsakten über die Namensänderungen, die manchmal ohne Taufen, meistens , nach Uebertritt in den Jahren 1836 bis 1853 an Breslauer Juden bewilligt wurden. — L. Horwrtz gibt eine Namensliste der Kasseler Israeliten aus 1808 nach Errichtung des Königreichs Westfalen durch Jerome. — Dr. S ch a e r f in Rom erzählt von den Eigennamen der Juden in Rom, die charakteristischer-

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