Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1928)
- Date
- 1928-04-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. i5 Der Israelit 13. April 1928 stellen. Alle seine pädagogischen Gedanken und Taten atmen seinen Geist und seine Würde. Durch das liebevolle Versenken in den heiligen Born der Tauroh gelang es ihm, die Struktur eines jüdischen Pädagogen bis ins Tiefste zu erfassen, durch das liebevolle Versenken in den ewig quel- - lenden Geist des pädagogischen Lebens in der eigenen Seele, die pädagogischen Kräfte immer mehr zu wecken. Dieses liebevolle Versenken in das Erbe der Vergangenheit bindet immer fester mit der Tradition der heiligen Tauroh, macht den Menschen frei und schöpferisch. Sehen wir, wie herrlich S. R. Hirsch dies in seinem Kommentar zu 2. B. M. XXXII, 17 erklärt: „Nicht die Tafeln trugen die Schrift, sondern die Schrift trug und hielt die Tafeln. Es wäre dann das „al tikro chorus elo cherus" des Satzes Aboth 6, 2, daß die Tauroh „frei" mache, buchstäbliche Wahrheit und durch den Anblick der Tafelschrift selbst vergegenwärtigt. Wie die Schrift des göttlichen Zeugnisses nicht nuv unabhängig von der Materie, sondern die ihr dienende Materie selbst über die physischen Gesetze der Stoffe frei zu sich emporhält: also werden auch die Menschen, die den Geist dieser Schrift in sich aufnehmen und sich zu Trägern dieses Geistes machen, von diesem Geiste selbst über die blinde Notwendigkeit der dem Stoffe anklebenden Gebundenheit emporgehoben, getragen, gehalten, d. i. frei ". Nur durch innere Bindung an die Autorität der heiligen Tauroh gedeiht echte, wahre Freiheit, freiwilliger Gehorsam. Aber nicht nur im Kreise der Menschen, überall in der lebendigen Natur ordnet sich'das Kleinere, Schwächere, dem Größeren, Stärkeren freiwillig unter. Und darin liegt das ganze Geheimnis der Erziehung. Die Persönlichkeit des Gebietenden erzeugt den wahren Gehorsam. Denn mit der sittlichen Achtung vor der Persönlichkeit des Erziehers steigt und fällt der Gehorsam und die Fügsamkeit des Menschen. Das zentrale Problem aller Philosophie und Pädagogik ist der Mensch, die Frage nach seinem Wesen, seiner innersten Art. Es liegt tief im Wesen der Hirschischen Pädagogik begründet, daß sie auf jeden Kreis von Menschen anwendbar ist. Nirgends ist dies wohl deutlicher als in seiner herrlichen Auslegung des achten Psalms zum Ausdruck gekommen. Es bildet diese eines der Pfeiler seines Weltgebäudes, das er in § 17 des Chaurew in Grundzügen niedergelegt hat. Wie hoch hinaus über Sternengröße und Sternenhoheit steht der reine Mensch als gedankenvoller freier Diener an Gottes Thron! Seitdem der Himmel sich über den Häuptern der Sterblichen wölbt, und Mond und Sterne ihre stillen Grüße den Eridenwallern herniederfunkeln, hat deren Anblick ^wohl kaum Gott und Menschen verherrlichendere Gedanken geweckt als Davids Leier in dem achten! Psalm in die aufhorchende Welt aller kommenl den Zeiten'hinausgesungen. Bei der Verbreitung oder Nichtverbreitung der Gotteserkenntnis handelt es sich nicht um die' Gott nach Gebühr zu zollende oder zu versagende Huldigung; es handelt sich vielmehr um das ganze soziale Wohl und Weh der Menschen, das in erster Linie durch den lebendig wirksamen Einfluß bedingt ist, den der Gottesgedanke auf die Gesinnung und das Verhalten der Menschen gegeneinander übt. Denn mit jedem neugeborenen Menschenkinde tritt eine reine Seele ins Menschendasein, ausgerüstet für die reine Gotteserkenntnis und die reine Gotteshuldigung. Und Hirsch hat Seelen geschaffen, denn er war seelenkundig. Wer vermöchte die Seelen zu zählen, die Hirsch an all den Stätten seiner hehren Wirksamkeit, bewußt und unbewußt, durch den Zauber und die Weihe seiner erzieherischen Persönlichkeit, durch seine zündenden Worte und Schriften dem wahren Judentums, erhalten oder zurückgebracht hat. Versuchen wir seine praktischen Erfolge in der Erzieherkunst andeutungsweise zu skizzieren, nächzuweifen, wie meisterhaft ihm diese Kunst gelang, wie er es verstanden hat, wie selten sonst ein Mensch auf Erden feine herrlichen Lehren bis zur letzten Konsequenz im Leben zu verwirklichen. Hirsch ist das Ideal des Menschenbildners. Ein Lehrer der Großen, der es aber zugleich meisterhaft verstand, sich in die Seelen der Kleinen und Kleinsten zu vertiefen. (Schluß folgt.) Korrespondenzen « Hachrichren. Deutsches Reich. Warnung vor illegaler Enwanderung. Berlin, 22. März. Das „Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen, herausgegeben vom Hilfsverein der Deutschen Juden", schreibt: Warnung vor illegaler Einwanderung. „Das in seiner Gestaltung starre, zu seiner Durchführung höchst minutiöse formale Vorschriften enthaltende amerikanische Einwanderungsgesetz zu umgehen, ist bei dem Kontrollapparat in der Vereinigten. Staaten und außerhalb der Vereinigten Staatey -ein hoffnungsloses Beginnen. Wir warnen Einwanderungswillige erneut davor, sich auf irgendwelche Verbindungen mit Elementen einzulassen, die die Unerfahrenheit der Emigranten und ihren Drang, unerträglichen Verhältnissen zu entrinnen oder sich mit nahen Familienangehörigen zu vereinigen, in gewissenloser Weise ausnutzen. Aber immer und immer wieder treiben Schwindler ihr Unwesen und fallen Emigranten Schwindlern, die. einzeln arbeiten oder organisierte Banden bilden, zum Opfer. Es sind kürzlich wiederum Mitglieder einer internationalen Paßfälscherbande in Berlin verhaftet worden. U. a. hatten sie in Berlin mit gefälschten Führungszeugnissen von Berliner und auswärtigen deutschen Behörden gearbeitet. Es wurde versucht, Angestellte eines Generalkonsulats zu Fälschungen zu bewegen. Die Mitglieder der Bande sollen in dauernder Verbindung mit auswärtigen Fälschern gestanden und einen lukrativen Handel mit gefälschten Pässen getrieben haben, namentlich zum Zwecke der Einwanderung, nach den Vereinigten Staaten. Durchschnittlich sollen sie 200 Dollar für den gefälschten Paß verlangt Habens Zu Anfang des Jahres 1928 wurde in Berlin gegen einen Paßfälscher verhandelt, der in größtem Umfange Schwindeleien betrieben hat . Er hat Hunderten, die nach Amerika auswandern wollten, gegen ein Honorar von einigen hundert Dollars falsche Papiere und Pässe besorgt, damit sie als deutsche Staatsangehörige nach den Bereinigten Staaten U. S. A. auswandern konnten. Auch davor muß gewarnt werden, Versuche zu machen, über die Landgrenze von Canada oder Mexiko aus illegal nach den Vereinigten Staaten zu gelangen. Es wird jetzt auch der Luftweg zum illegalen Ueberschreiten der Grenze benutzt. Immer neue Tricks werden ersonnen, um Einwanderungswillige ins Garn zu locken, die aber fast immer aufgedeckt werden, denn es werden in Amerika selbst Nachforschungen, nach Uebertretern der- Gefetze gehalten. Welche Manöver zur Umgehung der Gesetze und zur Täuschung der Behörden gemacht werden, zeigt u. a. die Tatsache, daß es amerikanische Bürger gibt, die es übernommen haben, sogenannte Quota-Ehen einzugehen. Ein unverheirateter amerikanischer Bürger, der den Nachweis seiner Bürgerschaft erbringen kann, schließt eine Ehe mit einer Immigrantin z. B. in Mexiko. Nachdem die Frau aus Grund der Eheschließung nach den Vereinigten Staaten gelangt ist, erfolgt eine Scheidung der fiktiven Ehe. Es ist außerordentlich zu wünschen, daß Verzweiflungsschritten von Auswanderungswilligen und dem Treiben gewissenloser Elemente, "die Unerfahrene ins tieffte Elend stürzen — der Weg in das - Land ihrer Sehnsucht kann ihnen dadurch unter Umständen für immer verschlossen werden — durch eine Humanisierung der'amerikanischen ErnWanderungsgesetze der Böden entzogen worden. Kein Staat, und sei es auch der größte. Uleines Feuilleton. Die Reife Jaffa-Jerusalem zu Großvaters Zeit. Einer Schilderung aus dem Jahre 1865 entnehmen wir folgende interessante Einzelheiten: Von dem 15 000 Einwohner zählenden Jaffa bis zu dem 35 000 Einwohner zählenden Jerusalem beträgt durch die Unebenheiten des Terrains die Entfernung 9 deutsche Meilen. Der Weg besteht nur aus einem von den Hufen der Tiere getretenen Saumpfade. Durch die Ebene Saron geht es zuerst auf leichtem Boden über Jafur (Geyer), Beit Dejan (Beit Dagan) und Surafend bis Ramleh, einem lebhaften Platze von 5000 Einwohnern. Nach diesen 2% Meilen kommen 21/a Meilen bei Regen morastigen fetten Bodens, dessen Fruchtbarkeit schon in der Bibel gerühmt wird. Die übrigen 4 Meilen durchziehen das Gebirge Judäa an' dem biblischen Ajalon und Kirjat-Jearim und .dem jetzigen Latrun, Abu-Gosch und Kalonieh vorbei. Enge Täler, durch die im Winter das Wasser strömt, und steile Bergrücken machen das Reiten häufig schwierig und manchmal sogar gefahrvoll. ' - In der Regel verläßt der Reisende des Nachmittags so zeitig Jaffa, daß er nach 3—4 Stunden Ritt noch vor Einbruch der Nacht in Ramleh sein kann. Bei Anbruch des Tages fetzt er dann die Reise fort, um nach weiteren' 8—9 Stunden in Jerusalem einzutreffen. Kamele mit Lasten benutzen den längeren, aber ^weniger anstrengenden Weg über Lydda und Bethoron. Die regulären Kosten dieser Reise betragen 190 Piaster — 40 Francs, wenn man nur einen Treiber des Reittieres und keinen Dragoman oder Führer mitnimmt. Benutzt man aber einen von zwei Maultieren getragenen bequemen Sitz unter einem Baldachin, dann verdreifachen sich die Kosten. Das war zu Großvaters Zeit. Heute in den Tagen der Enkel fährt man in einem Autoomnibus für 12% Piaster — 3 Francs zwei Stunden und. in einem Auto für 25 Piaster — 6 Francs 1%. Stunden die Strecke. Im gleichen Jahre 1865 fft von L. Stanzens Reisebüro in Breslau eien Gesellschaftsreise nach Palästina arrangiert worden. Näheres über diese Veranstaltung ist mir nicht bekannt. Für die Reise mit dem Lloyddampfer „Trebisonda" via Griechenland und Aegypten «nbmit Konstantinopel als Schluß waren 6—8 Wochen vorgesehen, auch mehr als die doppelte Zeit, wie es heute nötig gewesen wäre. Zofe äl Zion. (Gustave Ador und die Juden.) Der in der Nacht vom 30. zum 31. März in Genf im Alter von 83 Jahren verstorbene berühmte schweizerische Staatsmann Gustave Ador, Präsident des Internationalen Roten Kreuezes und frühere Präsident der schweizerischen Republik, hat sich im Verlauf seiner staatsmänischen Tätigkeit oft mit dem jüdischen Hilfswerk, insbesondere, mit dem Flüchtlingshilfswerk, beschäftigt. Als Präsident des Roten Kreuzes hat er 1921 in der Zeit der schwersten Hungerperiode in Rußland, eine internattonale Konferenz für Hilfe an die. russische Bevölkerung, einbevusen, zu der er auch das Komitee der „Jüdischen Welt-Hilfskonferenz" eingeladen und ihm Gelegenheit gegeben hat, eine fpe- Stelle - Hilfsaktion' für die russischen'.Juden durch Uebermittlung von. rituellen Lebensmittelpaketen durchzüführen. Zur Zeit des Hitlerputsches in München intervenierte er bei dem deutschen Röten Kreuz zugunsten der verfolgten Juden. Briefkasten. UrmEBBEJCHnjNSSKDRPB UCHTu. KRftFT-ANLAGEN mm WM* N. B. Die angesragte Adresse lautet: Hilssverein für die jüdischen Taubstummen in Deutschland E. D. Postscheck Berlin-Nr. 21235 Familiennachrichken. Barmizwo: Julius Alfred, Sohn des Herrn Prediger Emanuel Heimann und Frau Berta geb. Gebur, Plauen. Sabbt.14. April 1928. Verantwortlich für den allgemeine« Teil und dar Feuilleton S. Schachnowitz. Frankfurt a.M.; Inserate i.B.: S.Schach» uörvitz, ebenda. — FAr die piidaaogifche Beilage: Lehrer L. Kaufmann in Sprendlingen (Kr. Offenbach).—> Verlag .Israelit", G.m.b.H., Frankfurt a. M. — Druck Sermon Verlags« Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.