Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450508--74859-2532352- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ein Standardwerk der aramäischen Sprachwissenschaft. Michel Schlesinger. Satzlehre der aramäischen Sprache des babylonischen Talmuds. Band I der Veröffentlichungen der Alexander Kohut-Stiftung, Verlag der Asia major; Leipzig 1928. Geschichtlich angesehen, kann man dieses hervorragende Werk als Abschluß und Krönung einer Entwicklung von mehr als einem halben Jahrhundert bezeichnen. Um di>e Mitte des vorigen Jahrhunderts begann man in unjern Kreisen bei dem sachlichen Studium des Talmuds und beim Lernten auch der sprachlichen Form wieder Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es ist das bleibende Verdienst von Jakob Barth^in Berlin, den großen Kreis seiner Hörer und Schüler zur sprachlichen Vertiefung in die Wortsormen des babylonischen Talmuds angeregt zu haben, und er hatte die Freude, daß in schneller Aufeinanderfolge das Verbum, Pronomen, Ädverbium behandelt wurde, so daß allmählich die Erkenntnis der gesamten Formenlehre feste Gestalt bekam. Nunmehr konnte auch der schwierigere Teil beginnen, die grammatischen Regeln über Gebrauch der Wortarten, den Bau der Sätze und ihre Verbindungen zu erkennen und in ein System zu bringen. Die vollständige Formenlehre der Sprache>des babylonischen Talmud enthält: Levias, Grammatik der aramäischen Sprache des B. T. Eincinnatti 1900, und die Syntax behandelt außerdem kurz Max L. M a r g o l i s in steinem „Lehrbuch der aramäischen Sprache, des babylonischen Talmud", München 1910. In umfassender und erschöpfender Weise behandelt der Verfasser vorliegender'Arbeit die Satzlehre des babylonischen-Talmuds und legt damit ein ausführliches Lehrbuch der aramätschen Sprache des .babylonischen Talmuds mit Ausschluß der Formenlehre vor. Mit seltener Belesenheit, mit wissenschaftlicher Gründlichkeit, mit rühmlicher Genauigkeit und mit feiner Einfühlung in semitische Denkweise und deren sprachlichen Ausdruck hat der Verfasser ein Gebäude errichtet, das die semitische Sprachwissenschaft mit Dank begrüßen wird. Aber auchdem eigentlichen Gemora-Lernen wird es Erleichterung schaffen für den Anfänger wie für den Geübten, und dem durch langjährige Hebung d'es Lernens mit ihm Vertrauten die-Erkenntnis bringen, daß auch im Bau dieses Sprachidioms nicht Willkür, sondern Ordnung, nicht Belieben, sondern Gesetz herrscht. Die Feinheiten im Aufbau der Sätze, in der Nuancierung des Ausdrucks erwecken ein seelisches Gefühl der Befriedigung, da wo man bisher träumend und gleichgültig oorübergegangen ist. Die Klarheit und Straffheit der Disposition fällt in die Augen. In vielen- Punkten dabeidem epochalen Werk von Brockelmann, Grundriß der vergleichenden Grammatik der semitischen Sprachen folgend, dehandelt der Verfasser in drei Abschnitten im ersten den einfachen, nackten Satz, im zweiten den einfachen-, bekleideten, im dritten den zusammengesetzten mit den-beiden Unterteilen, beigeordnete und untergeordnete Sätze. Grundlegend ist die Unterscheidung der Nominalsätze von den Verbalsätzen; entsprechend dem semitischen Sprachgebrauch auch als prädikativer Nominalsatz. Für das Studium des Werkes. Notwendig ist die Gewöhnung an die Termini: Adnominale und Adverbiale: Ersterer zur Bezeichnung aller Beifügungen an das Nomen, letzterer Zur Bezeichnung aller Beifügungen zum- Verbum. (Prädikatsverbum.) Daher gehört -auch zu den Adnominalen die sonst als Genitivverbindung bezeichnete Konstruktion, die aber zahlenmäßig (wie auch in den Targumim) sehr eingeschränkt erscheint, z. B. in Ausdrücken wie am-» m Neumond, svnaa n Lehrhaus, zu Gunsten der Umschreibung durch dm st. emphattcus mit > die alle Verhältnisseder beiden Nomina bezeichnen kann, z. B. snava rmp Messerstil (Zugehörigkeit), sw>snsn->a/ Haus aus Marmor (Material) snana sau Krug Wein. Als Adnominale gehört auch die Syntax der Zahlwörter, der Cardinalia, Ordinalia, wie der Bruchzahlen, in diesen ersten Abschnitt § 59—62. Zu den Adverbialen gehören neben den Adverbien selbst: Präpositionalobjekte, die Kasusobjekte. Dem Nomen im Adverbialkasus, bei uns Akkusativobjekt genannt, widmet der Verfasser eine alle Einzelheiten berücksichtigende Darstellung. Die verschiedenen Möglichkeiten für Bezeichnung und Anfügung des Akkusativs nämlich: ob -er durch Pronomen oder durch ein Nomen', ob er mit oder ohne b angefügt wird, ob der nominale Akkusativ durch ein •angetanstes oder selbständiges Pronomen antizipiert wird, ergeben, 6 Formen, wie folgendes Schema zeigt: „Er hat es (die S-ache) g e tan". 1) waa» 3) na» s) «nb’aV nnay (2 na» (4 snV’aV na» (6 snynaV nb nna» Was Hirsch (Neunzehn Briefe, II. Brief) von der hebräischen Sprache sagt: „Sie stellt uns nur Prädikats (nomen) zum Subjekt, Satz zu Satz und setzt die hörende Seele so wach voraus, daß sie das übrige aus selbsttätiger Anschauung ergänzen", gilt vom Aramäischen, ja vom Semitischen überhaupt, und auch vom babylonischtalmudischen Idiom. Durch eine Fülle von Beispielen diese Erscheinung klar herausgestellt zu haben,, für die Uebersetzung ins Deutsche aber das logische Verhältnis von Satzteilen oder Sätzen unter-einander sowohl den untergeordneten als den beigeördneten durch die entsprechenden Konjunktionen kenntlich gemacht zu haben-, erscheint uns sowohl sachlich sehr verdienstlich, als auch für die praktische Verwendung wertvoll. Welche Erleichterungen für das richtige Verständnis des Zusammenhangs sich hieraus -ergibt, ist augenscheinlich. Einige Beispiele mögen zur Erläuterung dienen. Sabb. 149a. ’Va-’ai ’^nias ana> wenn es auf die Wand geschrieben ist, und zwar hoch; Sebach 35a nirsn 'in s*>i sin nV es ist feucht und daher bildete es keine Trennung (logische Folgerung). Berach. 29b. wnn rri-i nnnn ab werde nicht wütend, dann wirst Du nicht sündigen, usw. Taa-n. 9b. sma svainnsaxxba -sn«nisa ->po» si> ->si>aai „Ein Korb voll Honig für einen Sus und doch beschäftigen sich die B. nicht mit der Thora" (zur Einleitung eines konzessiven Satzes) Moed. K. 9b. Tona^n was bv Geh zu ihnen, daß sie dich segnen (Finalsatz, einfaches a) Berach 60a 'iai nns^ rVi -»an w»r sa->i> s^. Man soll so nicht sprechen, damit man nicht öffne usw. (Finalsatz, einfach a). Allen Zitaten folgt -eine genaue und das charakteristische Moment hervorhebende Uebersetzung, so daß sine Nachprüfung an allen, auch schwierigen Stellen ermöglicht wird. Mit Recht und zugroßem Nutzen legt der Verfasser großen Wert auf die Vergleichungder gezeigten Spracherscheinungen mit den verwandten semitischen, besonders dem Hebräischen, und Nachbiblifch-hebräischen. Einige Beispiele zur Illustration: 8 83. Bei der Regel: ’ Zeitausdrücken zur Angabe der Zukunft, a in Zeitangaben für die Vergangenheit, wird auf den gleichen Gebrauch hingewiesen im biblischen und mischmschen Hebräisch: mar? 9, 15 dtp tvsbvb waiaa i'n? II. Sam. 13, 32 mir» ova, feit dem Tage usw. (Vergangenheit). aian »pa'va*> erst wenn der Schlauch platzen wird (Zukunft); nnaiam nächsten Tage. Das Gegenseitigkeitsverhältnis wird im babylonischen Talmud gewöhnlich durch 'ann bezeichnet; wohl entstanden aus an m und zu vergleichen mrt dem hebräischen an« nn« z. B. ava' ansa ann Hiob 41, 8. "oi ans nnsV avpi-n ansi, *) Jes. 27, 12. Die Verknüpfung der Sätze ist vorzugsweise asyndetisch, im Gegensatz zum Hebräischen und Arabischen, die beide die Verbindung durch v als Regel befolgen. Das Verhältnis vom Wochentag zum Monat wird anders bezeichnet als in der Mischnah. Besonders instruktiv ist die'Unterscheidung der Bedingungssätze mit den einleitenden Worten 'rr oder 'a -mit stark konditionalem oder zum Temporalen hinneigendem Sinne unter Hinweis auf die gleiche Unterscheidung im Hebräischen: Daher im nan »nna Kap. 9: t&s fsa avo prr nar> a s *) Im Text ist die Kapitelzahl irrtümlich angegeben. st naiV sin am» nan^ •> a. Es steht hier nicht as, rein konditional, sondern temporal. Gerade im Hinblick auf diese Vergleichungen wäre zu wünschen, daß auch die hebräische Satzlehre nach gleicher Methode und in derselben Art untersucht werde, wie hier der babylonische Talmud, und es ist die Erwartung nicht unberechtigt, daß die aufzuwendende Mühe durch die zu gewinnenden Ergebnisse belohnt werde. Noch einen Wunsch möchte der Berichterstatter nicht unterdrücken. Dem Werke ist eine recht weite Verbreitung in unseren Kreisen, in den Kreisen aller derjenigen zu wünschen, die mit Liebe sich dem Lernen der Gemoro hingeben, und für die die Kenntnis der „Satzlehre" eine wesentliche Erleichterung für das Verständnis werden könnte. Der große Umfang des Werkes und der Anschaffungspreis werdender Verbreitung hinderlich sein. Vielleicht würde es möglich sein, einen „Auszug" herauszugeben, der auf Anfiihrung von so vielen Beispielen und auf das vortreffliche Verzeichnis der zitierten Talmudstellen (S. 213—330) verzichtet und infolgedessen in kleinerem Umfang mehr zur Erleichterung des Talmudstudiüms beiträgt. —r. . 3 *<■;**.*... Sinai und Garizim oder Phantasie und Wissenschaft. In der bekannten Zeitschrift „Das Tagebuch" (Nr. 11 vom 17. März) wird ein Gedächtnisbuch lobend angezeigt, das Emanuel bin Gorion, der Sohn des vor kurzem verstorbenen Micha Josef bin Gorion, der angeblich „heiligen" Sache seines Vaters gewidmet hat. Die Heiligkeit dieser Sache besteht darin, daß bin Gorion mit einer an Ueppigkeit nicht zu wünschen übrig lassenden Phantasie den Sinai, Moses und die Zehn Gebote ihrer historischen Würde entkleidet und an ihre Stelle den Berg Garizim, Josua und die Fluchverkündigungen des Deuteronomiums gesetzt hat. Es lohnt nicht, auf diese völlig unwissenschaftlichen und haltlosen Phartastereien einzugehen, die mit den fadenscheinigsten Argumenten arbeiten und buchstäblich „Berge an Haaren", noch dazu unwirklichen Haaren aufhängen. Der Zufall will es, daß dem Rezensenten gleichzeitig mit dem „Tagebuch" auch die letzte Nummer (Heft 1/2 des 72. Jahrgangs) der Breslauer „M o n a t s s ch r i f t" auf den Tisch gelegt wurde. Wir finden darin einen prachtvollen, aus dem Englischen übertragenen Aufsatz Harold M. Wieners zur „Deuteronomiumfrage", der ein typisches Beispiel des Gegensatzes bietet, in dem sich die heutige Vibelwissenschaft (auch die .keineswegs auf orthodoxem Boden stehende) zu den überholten Träumen eines bin Gorion befindet. Wiener schreckt vor Textkorrekturen nicht zurück und gibt sich - prinzipiell durchaus nicht als r>asa- Aber in seinem wissenschaftlichen Denken bricht der gesunde Menschenverstand, der Sinn für historische Wirklichkeit und der Siegder B e - sonnenheit über den umsturzlüsternen Jezer horah der Wellhausenschen Schule durch. Wiener zerpflückt alle pseudowissenschaftlichen Argumente, die man gegen den mosaischen Charakter des Deuteronomiums ins Feld geführt hat und kommt zu dem Schluffe: „Von welchem Gesichtspunkt aus wir also die Sache beleuchten, wir finden immer wieder, daß die Gesetzgebung nur für die mosaische Zeit paßt. Und wenn wir den Gegenstand ernsthaft untersuchen, ohne vor der Wahrheit zurückzuschrecken, die bei unvoreingenommener Prüfung hervorleuchtet, dann werden wir zu dem Schluß gelangen, daß fast alle Schwierigkeiten, auf die die Kritiker bei der Beschäftigung mit dem Deuteronomium stießen, auf drei Ursachen zurückzuführen sind: 1. auf die Tatsache, daß sie die mosaische Urheberschaft des größten Teiles des Buches ableugnen; 2. daß es ihnen nicht gelang, die unlösbare Einheit fast all dessen zu erkennen, was in dem Buche Mose zugeschrieben wird; 3. daß es ihnen an den notwendigen Kenntnissen und der notwendigen Schulung fehlt. Wenn ihre ersten