Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1928)
- Date
- 1928-03-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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S-ite 10 Nr. 13 junges Weib würde vielleicht nie erfahren, wo ihr Gatte geblieben und ewig an ihr Los des Alleinseins gekettet sein. Sein Schicksal war besiegelt, es gab keine Ausflucht, die dünne Wolke des letzten Vertrauens hatte, sich vor der erschütternden Gewißheit ganz verflogen, sie schwebte noch irgendwo in der Luft als Ding für sich, mit der Tatsache seines unerbittlichen Schicksals hatte sie nichts mehr zu tun. Von dem Plane feines Nachweises, der in den Anfangsstadien fertig war, war keine Spur mehr übrig. Und da tat sich wie ein geheimer Quell plötzlich in der finsteren Ecke auf, Psalmworte stürmten auf ihn ein, alle Psalmen und Gebetstücke, die ihm auswendig geläufig waren. „Ein Psalmgesang für David. Gott ist mein Hirte, mir wird an nichts mangeln. Auf grüner Flur lagert er mich,, an geruhige ^Gewässer leitet er mich. Meine Seele labt er, führt mich auf den Wegen des Rechtes, um seines Namens willen. Und wandele ich (der Quell des Heiles ergoß sich jetzt befreiend auch aus seinen Augen) und wandelte ich auch im Lande der Todesschatten, so fürchte ich nichts Böses, da Du bei mir bist. Ob Zuchtrute, oder Stütze, sie sind mir Trost . ." Wie tiefe Scham legte sichs auf seinen Schmerz, Scham darüber, daß er sich so ganz der Verzweiflung hingeben konnte, solange solche goldenen Worte in der Tiefe der Seele saßen. Die dünne Wolke stieg wieder herab und berührte wie mit leichtem Schleier die harte Gewißheit seines Schicksals. Mechanisch griff er in die Tasche. Es war nichts drin. Die letzten heiligen Bücher, die er - bei sich führte, hatten sie ihm abgenommen. Es hatte auch keinen Zweck bei dieser Finsternis. Aber da stieg etwas aus den Tiefen der Seele in sein Bewußtsein: Worte, die aber keine Worte waren, sondern leuchtende Perlen, glühende Lichter, die seine Finsternis vollauf erhellten. Es war ein Gebet des Rabbi Ascher, das er bei seinem letzten Aufenthalte in Frankfurt bei-Rabbi Mosche Qrum gesehenhatte, geschrieben von der Hand des Rabbi Jufpho Hahn, um es seinem Werke „Joses Omez" beizufügen. Ein Märtyrergebet, empfohlen jedem, der dem Tode durch Menschenhand entgegensah. Er hatte damals das Gebet sich abgeschrieben, etwa hundertmal auf dem Wege, im Anblick von Gefahren, gebetet. Er kannte das Gebet auswendig. Er sprach es nun Wort für Wort. (Fortsetzung folgt.) Ainderecke. Das Sederkissen. Von Edith Levt, München. Rachelchen war ein fleißiges liebes Kind von 10—11 Jahren; und Mutter brauchte nur ein Wort zu ihm zu sagen, dann flog es, um ihren Wunsch zu erfüllen. Nur am Peßach war es wie umgewandelt. Da konnte man es beobachten, wie es wohl eine Stunde lang träumend vor dem alten Sederkisien stand, seinen Blick unverwandt auf seine goldenen Buchstaben gerichtet, die von allerlei Figuren verziert waren. Zuweilen wurde es dann auch müde, so daß die Aeuglein zufallen wollten; und gar manchmal fand es die Mutter, sein blondes Lockenköpfchen in das Sederkisien gedrückt. und schlafend mit einem Lächeln auf den rosigen Lippen. Es war auch zu schön und prächtig, dieses alte Sederkisien mit seinen vielen glänzenden Zierraten auf dem schweren reichbestickten Brokat: und wenn es so feierlich in der weißbekleideten Jomtowstube auf dem frisch bezogenen Der 3 0 r a e i t t 29. März 1928 Sofa lag, von der FtühliNgssonne beschienen, und der Gesang der Amseln und.Drosseln durch das geöffnete Fenster schlug, dann mochte man glauben, in einer Märchenwelt zu sein. Es mußte schon sehr alt sein, dieses Kissen; aber von Jahr zu Jahr wurde es schöner und anziehender, wenn man es betrachtete. So ging es aber jedem, nicht nur Rachelchen. — (Ekmat, es war Schabbos Ehol-Hamoed Nachmittag, da trat die Mutter ins Zimmer und fand wieder — wie so oft — Klein-Rachelchen beim Sederkisien, ihren Träumen nachhängend. Alles im Hause lag in stillem Jomtowfrieden. Da zog sie dös Kind zu sich auf einen Schemel und, während sie ihr leise das Köpfchen strich, das mit seinem seidenen Haar an ihrem Schoße lehnte, begann sie zu erzählen: Ich mag wohl so alt gewesen sein wie du jetzt, da zeigte mir meine Mutter eines Tages dieses alte vergilbte Bild hier über der Kommode. Wer weiß, wie lange es wohl schon hier hängen mag. Du hast das Bild dieser Frau sicher auch schon oft betrachtet. Man nannte sie allgemein nur „Großmutter Leichen". Noch heute spricht man in der ganzen Gegend von ihr und schon als junges Mädchen ging von ihr der Ruf, daß sie so anspruchslos und befcheid-M sei, daß sie nie etwas für sich getan, sondern stets nur für andere. Nie sah man sie ruhend oder untätig. Immer war sie auf den Beinen oder hantierte eifrig im Hause. Dabei war-sie aber immer froh und heiter. Wo einer krank oder hungrig war, wo die Mutter verreist und die Kinder allein zu Hause geblieben, wo ein altes Mütterchen vereinsamt in ihrem Stübchen lag, immer war Leichen zur Stelle bei Tag und bei Nacht. Es war wohl kaum einer im ganzen Dorf, den sie nicht schon mit gutem Rat oder mit Tat zur Seite gestanden wäre. Und so blieb es auch, nachdem sie Chajim Wolfs Gatttn geworden war. Gern ließ dieser seine fromme fürsorgliche Frau gewähren. Er freute sich wohl j dann im Stillen, wenn sie z. V. wieder einmal freudestrahlend ein in Lumpen gewickeltes Kind auf den Armen daherbrachte, das sie armen durchreisenden Leuten abgenommen htate, um es für einige Tage in ihrem Hause zu pflegen und dann, mit frischem Weißzeug bekleidet, der Mutter zurückzugeben. So klug und gewandt sie war, so galt sie überall als Künstlerin in allen Handarbeiten; und das erste, was sie in ihrem neuen Haushalt zu fertigen begann, sollte ein Sederkisien werden, so wie sie es bei ihren Eltern gesehen hatte. Da sie keine andere freie Zeit hatte, als die nächtlichen Stunden, die sie bei Kranken und Hilfsbedürftigen verbrachte, so sah Man sie nie anders als mit ihrem Körbchen am Arm, das Nadel, Garn und Stoff enthielt. Wenn ihr dann vor Müdigkeit die Augen zufallen wollten, nahm sie leise ihre Arbeit heraus und beim Licht der Kerze, die abseits auf dem Tische stand, begann, sie ihre stille Tätigkeit. Freilich, schnell gings nicht. Gar manches Mal ließ die Sorge ihre flinken Finger für Augenblicke erlahmen.- So, wenn sie nächtlicher Weile am Bett ihres kleinen Davids faß. Inzwischen war er ein prächttger Junge von zwei Jahren geworden; aber im ersten Lebensjahr war er viel krank gewesen und manche Träne hatte sie in das treue Kissen mit hineingestickt. Endlich aber war es doch fertig. Es war ein Kunstwerk von wunderbarer Schönheit geworden. Die erste Sedernacht, die das Kissen mitfeiern helfen sollte, nahte heran. Leichen konnte es kaum erwarten, bis sie ihren Mann mit ihrer Gabe überraschen würde; denn sie hatte die Arbeit bisletzt vor ihm verborgen gehalten. Nun war es Erew-Peßach geworden. Der Tisch war gedeckt, in der Mitte stand die Sederschüsiel mit seidenen Vorhängchen ünd rechts und links von ihr die groben, silbernen Leuchter und altertümlichen silbernen Becher und Schalen und was sonst noch an kostbaren Familienschätzen den Sedertisch zu schmücken Pflegte. Alles strahlte imJomtowfchmuck. Das Kissen lag links in der Ecke des Sofas. Es war im Glanz der Jomtowlichter noch prächttger und feierlicher als zuvor. Fast zitternd vor Freude wartete Leichen auf ihren Mann, der jetzt jeden Augenblick vdn Schul kommen mußte. Den kleinen^ David/ der, bereits eingeschlafen war,, hatte sie aufs Sofa gebettet und halb mit dem Sederkisien Wgedeckt. Wie lieblich guckte fein pausbäckiges Kindergesicht unter dem weichen Kissen hervor. So sollteder Vater an diesem Se'derabend empfangen werden. Es dauerte länger, als.sie sich ausgerechnet hatte, bis er heute kcyn. Vielleicht Hatte ihn das Wetter aufgehalten; denn schon den ganzen Nachmitag goß es in Strömenr Der Wind ächzte und stöhnte und warf die-dicken- Tropfen auf. Fenster und Dächer, daß es prasselte. Dafür aber war die lichte Stube um so traulicher und wärmer. — Da ging die Türe auf. Sie wollte auf ihren Mann zueilen, wie sie es zu tun gewohnt war. Aber diesmal kam sie nicht bis zu Ihm. Bleich und kaum eines Wortes fähig trat dieser schwankend ins Zimmer. Auch Leichen erbleichte. Doch da sie nicht nur eine gütige, sondern auch eine ebenso tapfere und mutige Iran war, wußte sie bald, um was es sich handelte. Wie es damals sohäufig um die Peßachzeit vorlam, war eine schwere Anklage gegen die Juden erhoben worden. Im Laufe des Tages war. ein zweijähriges Kind verschwunden, und wer sonst als die Juden sollten die Schuldigen sein? Beso-nders schlimm wurde die Lage dadurch, daß es das einzige Söhnlein der fürstlichen Kammerfrau war. Schnell'war der Pöbel aufgehetzt, der sich anschickte, in die Häuser der Juden einzudrmgen, um das vermeintliche Verbrechen zu rächen. Das- , erste Haus sollte das Chajim Wolfs sein, zumal bei ihm ein Kind in gleichem Alter zu finden war. Noch sprach Leichen leise und gedämpft mit ihrem Manne, als unter wildem Schreien und Rufen nrten die Haustüre aufgerisien wurde — die an den Sederab enden ja ohnehin nicht fest verschlossen zu sein pflegt — und der Flur sich mit lärmenden Menschen füllte; im nächsten Augenblick mußten sie oben sein. Die Tür flog auf und fluchend und drohend drangen sie in das Zimmer, geführt -von der einäugigen U n f r i e d , einem fanatischen alten Weibe, das Unheil stiftete, wo immer es konnte und einmal bei solch einer Gelegenheit in einer Rauferei das rechte Auge verlor. (Schluß folgt.) Spruch. Der Geist soll fest sich zeigen Und rein, gesund und stark. Wenn auch die Kämpfe steigen Bis an des Herzens Mark, Wenn auch die Selbstsucht wüte Und treibt und ficht dich an. Den Gott in Dir behüte Und zeige dich als Mann! F. m. APARTE BELEUCHTUNGSKÖRPB fl* -JUSO M.JÖ; t*73r- 'UCHTu KRAFT-AN LAGEN Erhalten Sie die natürlichen Reize Ihres Teints! Steht Ihr Teint in- Harmonie mit Ihrer äußeren Eleganz? Benutzen Sie ein erprobtes und einwandfreies Mittel? Hautpflegemittel von zweifelhaftem Wert schaden mehr als sie nützen. ^Für jeden Häutorganismus empfehlenswert ist „E x t r a p a r f ü m i e r t K a i s e r - V o r a x '' . y Wählen Sie daher für die tägliche Teintpflege stets „Extra parfümiert Kaiser-Borax" in Verbindung mit K a i s e r - V o r a x - S e i f e, .die vielbewährten und. hochwertigen Qualitäts-Erzeugnisse der Firma Heinrich Mack Nachf., Ulm a. D. — Verantwortlich für den allgemeine» Teil und da« Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i.B.: S. Schach« «owttz, ebenda. — Für die päd Logische Betrage: Lehrer L. Kaufmann in Sprendlingen (Kr.. Offenbach). — Verlag .Israelit". G.m.b.H., Frankfurt a.M, — Drück Sermon Verlage Aktiengesellschaft, Frankfurt a. R. -