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Der Israelit · 1928-03-29 · Heft 13 (29.3.1928) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 13 (29.3.1928)
Date
1928-03-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Df. 15 192$ Feuerzeichen. Gin Hhetlo-Aoman von S. Schachnorvih. (Fortsetzung.) Als Arje Löb von zwei Bewaffneten bei inzwischen angebrochenem vollen Tageslichte rund um die Mühle herum in einen kasemattenartigen Kellerraum geführt wurde, hatte er volle Klarheit über, die Situation. Er hatte schon einmal in Wilna davon gehört, daß Insurgenten, Rebellen, unter Führung bon echten und angeblichen Patrioten, mit dem Zwecke, Wilna von den Schweden zu befreien, in kleinen und größeren Trupps in versteckten WaldeckeN! ihr Lager hatten. Man sprach besonders von der Abteilung K o s m i n s k i, die in einer verlassenen Mühle ihr Hauptquartier aufgeschlagen hätte und von dort mit Dolch und Strick Schrecken über die ganze Gegend verbreite. Er wußte nun gleich, wo er sich befand. Es war die alte Mühle, von der man sich schauernd allerhand im Lande erzählte, eine große, von allen Seiten brüchige Ruine.mit langen Räumen und verschlossenen Kammern, wie die einer Festung. An der Vorderfront hingen kreüzübereinander die zwei riesigen Holzflügel bewegungslos: wie' die in Winterstarre versteiften Flügel eines unheimlichen Riesenkäfers. Seit undenklichen Zeiten hatte der Wind diese Flügel nicht mehr bewegt, sie waren erstarrt, versteinert. Die-hintere Front stand im Wasser. Es war eine Art Weiher, der ganz versumpft war. Ein riesiges Steinrad, von der Mühle ausgehend, steckte darin fest. Es hatte sich im Wasser solange nicht mehr bewegt, seitdem die Windflügel an der Vorderwand in Erstarrung geraten waren. Von drei Seiten war die Ruine von weglosem, dichtem Waldland eingesäumt. Hinter dem Sumpfweiher aber sah man zunächst hohe Weidensträucher und dahinter Schutt und Geröll, grau und schwarz, als würde eine endlose Wüste beginnen. Vor vielen Jahren hatten dort Menschen gewohnt, Pächter, Juden, und das Unglück wohnte bei ihnen. Es starben Weib und Kind, und nachts wurden die Mehlsäcke ausgeleert und fortgeschafft, bis man dahinter kam, daß die „Nichtguten", die bösen Geister, darin hausten und es nicht gern sahen, daß sich Menschen darin eines Glückes erfreuten. Man hörte sie klopfen, Nacht für Nacht. Denn einmal, noch früher, war ein schweres Verbrechen an dieser Stelle geschehen und seitdem haftete der Fluch dieser Mühle an, der Fluch der „Nichtguten". Seitdem man dahinter gekommen war, ging kein Pächter mehr hinein, machten die Fuhrleute, wenn sie Nachts des Weges kamen, einen weiten Vogen, um den Bereich der Bösen nicht zu berühren. - Die Pferde scheuten und blieben wie lahm stehen. Es ging die Mär, daß Nacht für Nacht sich jetzt noch dort die- Geister einfanden, den Wind in die Flügel bliesen und das Rad in Bewegung setzten, so daß es rauschte und surrte und summte durch die ganze Gegend, und sie mahlten, und was sie mahlten, war Fluch und Verderben. Wehe, wer in ihre Nähe kam, wessen Auge das Licht, wessen Ohr das Rauschen der verwunschenen Mühle wahrnahm! Hier in dieser unheimlichen Mühle war er jetzt, und draußen war das Lager des allgefürchteten JnsUrgentenführers Pan Kosminski. . .; 17. •' ' ■ Lange, unendlich lange dehnte sich der kurze Wintertag in dem kasemattenartigen dumpfen und feuchten Erdgelasse . Nun senkte sich die Sonne, das letzte spärliche Tageslicht von der Wasserseite her versickerte. Schwarze Nacht hüllte das unheimliche Gemach ein. Aus Ritzen und Bodenlöchern huschten hörbar aufgescheuchte Ratten hin und her. Draußen im Vorraume schnarchte laut der „Konowoi", wohl der ungeschlachte Geselle mit der alten Militärmütze auf dem kahlen Schädels der ihn mit geladenem Gewehre hierher gebracht hatte. Die Angst, die jeden Menschen in diesem Raume um diese Nachtzeit natürlicherweise überkommen mußte, trat bei Arje Löb vollkommen hinter die eigenen Aengste, aus der Situation geboren, zurück. Er hatte auf seinen langen gefahrvollen Wegen gar oft mit dem Märtyrergedanken gespielt. Er fühlte stets die Bereitschaft, sein Leben für seine Mission einzufetzen. Aber das Gefühl, das ihn jetzt beherrschte, war doch ein ganz anderes, als das in der Vorstellung solcher Situation empfundene. War er schwach, daß er so um sein kleines Leben zitterte? War alle Kraft, die er bis jetzt zu verspüren glaubte, nur eine Komödie, die er sich selbst vorspielte? Nein, es war was anderes. Auf dem Wege zu seiner Aufgabe und bei der Erfüllung derselben war alles Gefühl eigenen Lebens zurückgedrängt. Da war nichts zu verlieren. Es war gar nicht vorhanden. Es war nur eine große Pflicht zu erfüllen, eine Arbeit, die mit ihm oder über ihn hinweg getan werden mußte. Aber jetzt? Die Aufgabe war gelöst. Er war auf dem Rückwege zum eigenen Leben. Ein in zwei Jahren zurückgedrängtes Lebensgefühl durchströmte all seine Poren. Ein junges Weib, ein warmes, glückliches Heim, ein Leben in Glück und Ehren wartete seiner. Und da trat ihm, just im Momente, da der Drang.eigenen Lebens.mit solcher Macht von ihm Besitz genommen hatte, der leibhafte Satan in den Weg, um ihn in die Lande der Schatten zu jagen. , Der große Gott hatte sich des Gesäßes bedient' und zerbricht es jetzt in seinem Zorn, nachdem es ausgedient hat. Er, der Mensch Arje. Löb, war klein und sündenbeladen. Er durfte nicht auf ein Wunder rechnen. „Ich bin zu gering bei all der Gnade und der Treue, die Du erwiesen Hast Deinem Knechte," betete er in die schwarze Finsternis hinein das Gebet Jakobs. Ueber den harten Erdboden sprangen die Ratten, aufgeschreckt durch menschliche Anwesenheit, hin und her^ in den morschen Wänden zirpten von zwei entgegengesetzten Seiten die Grillen, als unterhielten sie sich auf ihre Weise, draußen vor der Türe schnarchte, alles übertönend, der Wächter, als läge er in den letzten Zügen. Dieses einzige menschliche Lebenszeichen hatte in 'dieser düsteren Situation etwas. Beruhigendes. . Die Angst vor dem morgigen Tage hob sich aus dem Jammer der Stunde wie der Qualm aus der Feüerglut. Sie brannte ihm auf die Seele und. benahm ihm den Atem. Vertrauen- ,sollte man', so hatte erstets gelernt, auch dann noch, „wenn das scharfe Schwert schon über den Hals geschwungen wird." Dieses Vertrauen stieg aber wie. eine leichte Wolke in die Höhe, unten blieb klar, greisbar klar und nahe, die Gewißheit: er war verurteilt, dem sicheren Tode geweiht. Denn, was sollte er. morgen. vor. seinem strengen Richter auf dem Holzstamm Vorbringen; ihm, der nicht über Schuld und Unschuld zu Gericht saß,- dem es schon genügte, zu wissen, daßijer e r war? Wie sollte er es leugnen, sich seines- Jchs entkleiden? , vielleicht doch! Man Mußte nachdenkM. Er hatte;ja hier Zeit und Mütze, dazu. Er, der mit achtzehn Jahren drei Ordnungen.des babylonischen Talmuds mit allen früheren und späteren Kommentaren im Kopf hatte, solche Höhen zu besteigen, so viel Hemmungen mit scharfem Verstände zu ebnen wußte, er, dem man nachrühmte, daß es vor seinem findigen Geiste keine Schwierigkeit gab, er sollte eine Schwierigkeit im Leben nicht in gleicher Weife wie im Buchss klären und beheben können? Man mußte einen Plan ausarbeiten, ihnen morgen eine Geschichte erzählen, so klar und überzeugend, daß die harten Gesellen Augen machten und Ohren spitzten, zu Tränen gerührt waren und bekannten, daß er nicht der Gesuchte sei. Er runzelte die Stirn, ordnete die Gedanken, der Plan fing an, sich in der Grundlage zu formen. Und zwischen Geschichte und Geschichte drängte sich, diese wieder auseinanderhebend,^ein Wort, das sich bei . aller Abwehr nicht hintenan halten ließ: „Von den Worten der Lüge halte Dich fern!" Vielleicht kam dieses Gesetz in seiner Lage, da er für sein junges Leben kämpfte, nicht in Frage. Aber gesetzt, er wollte über dieses Wort hinweggehen, würde es ihm gelingen? Der ganze Kunstbau würde schon nach den ersten Sätzen in sich zusammenfallen. Er Hatte Ton und Geste der Lüge nicht gelernt. < Ein Wort Ahron Oppenheims beim Abschied in Frankfurt fiel ihm ein: „Der beste Trick, um etwas zu erreichen, ist die nackte Wahrheit. Verlangen wir stets nur das Recht, das uns zukommt, aber zahlen wir das uns als Menschen zukommende Recht mit gutem Gelde, solange wir in der Verbannung sind. Mit der Wahrheit kommen wir neben dem Gelde zu unserem Rechte." Aber hier bedeutete die Wahrheit für ihn, er mochte überlegen, wie er wollte, den sicheren Tod. Der Henker stand hinter dem Baum mit dem Stricke und wartete nus darauf, daß der richtige -Name genannt wurde. Henker, Baum und Strick. Er spürte ein Würgen in der Kehle. Eine neue Lage dichter Finsternis legte sich in dieser Finsternis um seine Augen. Er bewegte die Arme, er atmete tief, der Kopf dachte noch. Auf dem Böden stand ein Krug Wasser. Er tastete mit dem Fuß danach, griff ihn dann mit beidetl Händen und trank. Er lebte noch, ja, alle Poren in ihm lebten, und morgen um neune sollte alles aus fein . . . Was wird aus einem gewaltsam abgerissenen Leben? ... Er kletterte empor zum vergitterten Fenster und sah in die finstere Luft hinaus. Durch eine eingeschlagene Scheibe kam kühler Wind. Er öffnete weit den Mund und atmete die Nachtluft in großen Zügen ein. Das. Rad der Mühle faß fest im Sumpfweiher, dahinter schaukelten die Weiden ihre dünnen Häupter, wie eine Trauergemeinde bei der Nachtklage. Und noch, weiter finstere Nacht über ödem, grauem Boden. Am Himmel hingen Wolkenrisse, zogen daher, vereinten sich, und rissen wieder auseinander. Nebel hüllte die. Luft ein, versteckte einen Morgen in seiner Hüllender für ihn einen geschliffenen Dolch in der Hand hatte, nein, einen Strick . All die geheimnisvollen Rätsel der Nacht stürmten auf seine gequälte Seele ein, um sie einem Morgen zuzuführen, der aller Rätsel Lösung barg. Aber all das, was er fühlte, was er litt, war Leben. Und leben wollte er, wie noch nie in den zwei Jahren seines Umherfahrens. Er ließ die Hände vom Fenstersimse los und fiel wie ein Klumpen auf den feuchten Boden, daß ihm die Gelenke weh taten. Der Schmerz war wohltuend, es war. Lebensgefühl. Draußen regte sich der Wächter, machte ein wenig die Türe auf, daß für eine Minute das dünne Licht seiner Laterne ins Verließ drang. Eine. Ratte verkroch sich in wilder Angst in ihr Loch. Die Türe schloß sich wieder. Arje Löb dachte über die Äufgaben nach, die ihm noch bevorstanden. Die Talmudausgaben wollte er in Frankfurt zu Ende führen. Sem

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