Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1928)
- Date
- 1928-03-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 13 29. Mürz 1928 D e r I s r a e l i t Der Liberalismus und die Reinheit der jüdischen Familie. Don Rabb. Dr. Julius Werzvach in Darmstadt. Stille herrscht seit Jahren in den Reihen der deutschen Orthodoxie im Kampf gegen die neologe Reform. Ab und zu ein kleines Geplänkel — das ist alles; man nimmt sie nicht mehr ernst; sie ist an ihrer eigenen Sinnlosigkeit zusammengebrochen, überlebt; sie-kann uns nicht mehr viel schaden. Ihre Hohlheit verdeckt nur noch ein Lächeln, und man schweigt. Aber man vergißt, daß in Wirklichkeit, abseits der Zentren des orthodoxen Judentums, aor der Peripherie, in kleinen und größeren Landgemeinden an die Menschen jetzt die Probleme, die die Großstädte vor einem halben Jahrhundert erschütterten, heranzutreten beginnen, ähnlich wie vor einem halben Jahrhundert die Landgemeinde gerade dadurch, daß sie in ihrer geistigen Richtung fünf Jahrzehnte und mehr hinter den Städten zurück war, zum stärksten Rückhalt, wenn nicht gar zürn Erretter der Orthodoxie wurde. Dort ist auch heute die Reform ein nicht zu unterschätzender Gegner. Man vergißt ferner, daß immer mehr im heutigen jüngeren Geschlecht die Empfindung der furchtbaren^ Kluft, die uns gedanklich vom Liberalismus trennt, verblaßt und daß dadurch die Einheitsbewegungen ihren Nährboden finden. Es schadet nichts, einmal ab und zu zu zeigen, wie entsetzlich die Reform in ihren Gedankengängen und wie furchtbar in ihren Auswirkungen ist. Es schadet nichts, ab und zu darauf aufmerksam zu machen, wie ihre Führer so -weit von den Anschauungen des Judentums stehen, wie sie wahrhafte OTmp'DXi onsii in schlimmstem Maße sind. * * * Da flattert uns das Gebetbuch der jüdischen R e f o r m g e m e i n d e Berlin auf den Tisch mit seiner Gebetordnung für den Sonntagsgottesdienst und den Gottesdienst der Feiertage. Wohl verlangt die äußere Form der phrasenhaften Gedichte, inhaltslosen Hohlheit des Wortes, Leerheit der Gedanken, Verflachung der heiligsten Dinge nicht ein Eingehen. Es wird nur ein Lächeln in uns wach werden, wenn wir lesen, wie dieser ganze „Gottesdienst" seinen Inhalt emgebüßt hat und in Gemeinde-, Chorlied und Predigerspruch sich erschöpft. Wie werden ein stilles Mitleid empfinden, wenn das niyi2W an hingestellt wird als das Fest der Offenbarung, die „Prophetenmund uns gekündet", wenn das K a d i s ch gebet durchaus zum Trauer gebet werden soll und, da sein Inhalt dem nicht entspricht, man einfach einen Satz über die „von dieser Welt Geschiedenen" e i n f ü g t. . Schlimmer ist es noch, wenn Worte der p"nin ganz einfach gefälf ch t werden, wenn in dem Abschnitt „Vorlesungen aus der Thora 5. Mose 6, 4:—9", an Stelle der Worte *jt» bsr nix^> vniVpi '1'2'p f'2 nsvvb.TW einfach steht: „Sie seien ein. Zeugnis Deiner Hand, ein Zeichen Deinen Augen", um ja nicht die „Konfirmanden" bei ihrer „ Ein s eg nun g sfe ier " merken zu lassen, daß in. dieser Thora auch einiges andere steht, was sie in der Reformgemeinde wohl schwerlich vor sich sehen. Eine neue Entwicklung des Reformjudentums und eine noch furchtbarere Abirrung von unseren Wahrheiten (wenn dies überhaupt noch möglich ist) sehen wir an anderer Stelle. Es schließt die „stille Andacht für diejenigen, die in der verflossenen Woche den Todestag eines Dahingeschiedenen begangen haben" mit den Worten: „Gepriesen seist Du Herr, der Du die Hingeschiedenen lebendig e r h ä l t st i m G e d ä cht n i s d e r Za rückgebliebene n". Es ist nichts Neues, daß O’nan n”nn im buchstäblichen Sinne den Reformern eine unbequeme Glaubenswahrheit ist, die man abschafft.. Aber die an deren Stelle getretene „Unsterblichkeit der Seele" gehörte doch wenigstens noch bisher zu den Requisiten auch des Reformjudentums. Nun aber scheint sich hier eine Wandlung vollzogen zu haben. Zu der Berochoh D'nön ,1'nö' die offensichtlich dem „Gebet" zu Grunde liegt, setzt man die Worte hinzu: „im Gedächtnis der Zurückgebliebenen", weil man anscheinend ruhigen Gewissens diese alten Worte D'nan n'n» nicht mehr sprechen kann. Die Unsterblichkeit der Seele ist eben heute nicht mehr zeitgemäß, und die göttliche Lehre mußt doch zeitgemäß sein! Es überkommt einen wahrhaftig heiliger Zorn, Empörung über solche owiai v'7üi2, die es noch wagen, sich als Juden zu bezeichnen; es überkommt einen heiligster Zorn, wenn man den n'in-aip ausgeschrieben in solchem Zusammenhang, in solchem Heftchen findet! Wie können fromme Juden es über sich bringen, mit solchen D'oiip’sx in einem Gemeindeverband zu bleiben? . q- * * Während aber solche Anschauungen der Reform, wie eben gekennzeichnet, für unsere eigenen Reihen zur Zeit, Gott sei es gedankt, gefahrbringend nicht sein können, während Liberalismus aus Ueberzeugung Fortschritte kaum noch macht, vollzieht sich ein anderer Prozeß in den Reihen des deutschen Judentums, der nür deyr, der Einblick hat, offenbar ist. Die geistigen Waffen des Liberalismus sind dank dem großen msr unserer Führer des letzten Jahrhunderts stumpf und unbrauchbar geworden, verletzen uns kaum,, noch. Und doch frißt ein vom Liberalismus in, unseren Volkskörper gesenktes Gift unaufhaltsam weiter, packt immer neue Teile, die sich der Krankheit weil sie sie nicht spüren und erkennen, nicht entziehen können. ' Jahrtausende lang ist vin".7n7.7v'dieRei nh e i t d e r F a m i l i e n a b st a M in u n g , kostbar gepflegtes, heiliges jüdisches Erbgut gewesen. Sie drohtun sv er l o r enz u ge h e n. Jahr für Jahr seit Jahrzehnten werden von liberalen Rabbinern pcu gegeben, die keine pm sind. Auf Grund solcher Scheidungen werden Jahr für Jahr seit Jahrzehnten — von wem ist gleichgültig — neue Ehen geschlossen. Die Kinder der Frau aus der zweiten Ehe find nach dein min pr unzweideutig Q'MQv- (Gleich möge von vornherein festgestellt werden, daß diese Tatsache des -Seins nicht ein p e r s ö n l i ch e r M a k e l zu sein braucht. Dy dyip ddd r>B^r> dtd» p-nm- Wir urteilen stets nur nach dem Hochstand der Persönlichkeit. Aber die ni n hat uns Gesetze gegeben >fr\ Vnp2 iw» X2' xV die heiliges Gotteswort sind und Beobachtung heischen; die Familienreinheit in bxnV' allein sichern.) Wer w e i ß v o n den Kin d e rn, daß sie D'Dtdd sind? Sie heiraten wieder, und eine 7 r» » - Ge r.' eration in unserer Mitte wird geboren, Jahr für Jahr seit Jahrzehnten werden von liberalen'Rabbinern miva ausgenommen, die keine nrrru sind. Auf Grund solcher Aufnahmen ins Judentum werden Jahr für Jahr feit Jahrzehnten — von wem ist gleichgültig — Ehen geschloffen. Die Kinder aus solcher Ehe sind nach dem,77in f'lunzweideutig ü'722. Wer weiß von den Töchtern— bei den Söhnen kann wenigstens für die Zukunft kein neuer‘np^p entstehen —, daß sie m■>7dj sind? Sie heiraten wieder, und e i n e d'DDjt Generation wird in unserer Mitte g eo o r e n. (Daß da, wo durch Verwandtenehen d'DTdb geboren wurden, diese Tatsache ihres dtdq" Seins rasch in Vergessenheit gerät— man brauche nur daran zu denken, wie kein Mensch davon etwas weiß, wenn ein solcher vom Geburtsort wegzieht — fei hier nur gestreift.) So w i r d i m m e r m e h r vin".i ninvdie Reinheit der j ü d i f che n Familienabstammung getrübt. Noch nicht rra im Der Pessachgedanke. Don Rabbiner Dr. M. Lerviu in Kamöurg. Natur und Geschichte, das find die ewigen Zeugen der unversiegbaren Schöpferkraft und nie endenden Liebe des Weltenschöpfers droben. Wenn des Winters Starre gebrochen ist und allmählich sich neues Leben kundgibt in der Natur, dann erhebt sich unser Herz zu den Höhen und wir singen und jubeln Ihm. der mit den ewigen Gesetzen, die er unverrückbar der Welt und ihrer Wesenssülle gegeben, sich besonders augenfällig als Herrn und Gebieter des Alls offenbart. Hätten wir.es nicht, wir müßten es uns selbst geben 3'2X,7 an das Fest des Frühlings. — so ruft es uns aus dem tausendfachen Leuchten und Strahlen in der Natur zu: I7vn 9D 2iv '2 nb mn ..Danket dem Herrn, der so gütig ist, dessen Gnade für ewig währt." Wir haben es aber, das Schriftwort gebietet seine Feier und fordert von uns, nvs auch 12min „die Zeit unserer Befreiung" zu begehen. Ein Frühlingstag war es. an dem nach Gottes Willen unfern Vätern in Aegypten die winterliche Starre der Knechtschaft löste. Mit jenem Lenz brach der Frühling in der Geschichte des jüdischen Volkes an. das des Pharao Fesseln abstreiste, um mit dem Diadem der Gotteswahl geschmückt zu werden. So ist es eine zwiefache Kunde, die uns^ alljährlich nvs bringt. Unser Fest öffnet uns die Augen für die Gntteswunder in der Natur und festigt in uns den Glauben an das Walten einer Vorsehung in der Geschichte, so daß wir es voll beherzigen: 'p^x nb nvs nwi 2'2xn vnn nx iivV.Beobachte den Monat der Aehrenweihe und feiere Peffach dem Ewigen Deinem Gotte, '*7 2’2X,7 vwn2 ’2 nb'b D’ixa» 'p*?x, denn im Monate des Frühlings hat dich der Ewige Dein Gott aus Aegypten geführt zur Nachtzeit". Die Doppelkunde über das nvs ist im Grunde genommen doch nur ein und derselbe Klang, — sie gipfelt in der Lehre: Gott erlöst und errettet, er ist die unendliche.Liebe und Güte. Das ist der einheitliche Sinn aller Festgedanken. — wir sollen es begreifen. es lernen. Der Gott, der den Wandel herbeiführt in der Natur, nach der Nacht den Morgen neu aufleuchten läßt und den Winter durch den Frühling ablöst, — der Israel, das ohnmächtig zu Boden lag und der Willkür des Pharao für ewig preisgegeben schien, aus dem Dunkel zum Lichte geführt und nickt nur aus einem Mizraim befreit hat. ist auch in all den großen und kleinen Fragen unseres eigenen Lebens Sachwalter unserer Geschicke. Wie bedeutsam ist es gerade in unseren Tagen, wo gar ernst sind die Zeichen der Zeit, daß wir wieder es lernen aufzublicken zum himmlischen Vater, der auch u n s e r Erlöser ist! Haben nicht unsere Väter immer aus der Peffachstunde Hoffnung und Vertrauen geschöpft? Wenn sie am nv-Tisch saßen und es sprachen: ew» x'Lin unx nx «auch uns hat er von dort geführt", dann überdachten sie; die mannigfachen Wandlungen ihres eigenen Lebens und erhoben sie dann zum Preise des Schöpfers die MV12 H, dann mischten sie in ihren Jubel und Dank an die Vergangenheit auch einen Ton der Hoffnung auf bessere Zeiten. So ward ihnen nvs die Ueberwindung aller pessimistischen Anwandlungen und der Jungbrunnen immer neuer Zuversicht und Widerstandskraft. Dieses kostbare Gut liegt auch' jetzt noch im Wesen unseres Festes. wir müssen es nur suchen und die Sprache der Festsymbole auch für unser Leben werten In nvs mögen wir die Aufforderung erkennen zur vollen Hingabe an Gott und Judentum, in mrv die Mahnung: unser Leben auf Genügsamkeit und Zufriedenheit aufzubauen und schließlich in inv den Antrieb: alles Leid und allen Schmerz durch Gott vertrauen zu Überwinden und mit Liebe und Teilnahme zur Stelle zu sein, wo es gilt, der Anderen Nöte zu beseitigen. Beherzigen wir diese Mahnungen, dann erwächst uns wieder die rechte Freude am Leben und wir erkennen, uns als Glieder unserer Gemeinschaft, ihr verbunden und verpflichtet und es ist uns mehr als ein frommer Wunsch: r?X7V'7 XJHX2 nX2n .722^ X2.7 XfW,7 »Dieses Jahr hier, im künftigen im Lande Israel, P7in '22 .7X2,7 .722^ '121? XN277 Dieses Jahr noch Knecht, im kommenden aber frei". .Kleines Feuilleton. Rabbinische Geschichten. Rabbi Mosche Leb aus Soffif sah man oft aus den Märkten, wie er mit einem Eimer voll Wasser in der Hand von Wagen zu Wägen ging und die B