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Der Israelit · 1928-03-22 · Heft 12 (22.3.1928) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 12 (22.3.1928)
Date
1928-03-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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!AüK Feuerzeichen. HV» Hyetto-Woman von S. Schachuorvitz. (Fortsetzung.) , ' V. 16. Auf dem anderen Wilijaufer fuhr Arje Löb mit der Holzfuhre Maschenkas, des fremden Fuhrmanns, ausgemachterweise nach Gossudara, der auf der linken Flußseite gelegenen Poststation auf dem Wege nach Wilna. Weit und holperig war der Weg, rabenschwarz die Nacht. Die lehmige Straße war verschneit und verharscht, aber nicht glatt genug, daß sich die Achsen der Schlittenführe reibungslos fortbewegen konnten. Die Glocke klang etwas dumpf und langsam, wie düs Totengeläute von einem alten Dorfkirchturm. Maschenka fuhr ohne Licht, nur aus seiner Pfeife fuhren hie und da dünne Funken auf und zerstieben in der kälten Luft. Arje Löb konnte es sich als einziger Passagier auf weichen Hafersäcken recht bequem machen. Er lehnte zurück, hüllte sich in seinen dicken Mäntel, schloß die Augen und murmelte Worte der Schrift und. Psalmsätze, wie sie als Wegegebete vorgeschrieben sind, vor sich hin. Er mühte sich, seine formlos umherschwirrenden Gedanken für eine halachische Frage eittzufangen, die ihn in letzterer Zeit vielfach beschäftigte. „Wer aus dem, Wege ist und sich nicht mit den Worten der Thora befaßt, wird von verzehrenden Flammen bedroht", stand im Tültnud. Aber irttmer wieder ^jägte die ^Frage' nHj' sMem nächsten Unternehmen in Wilna dazwischen und riß alle anderen Gedankenfäden jäh auseinander. Ob er Grünhut dort noch antrifft?. Äm Dnde war er dort schon entlarvt und die Papiere in sicherem Gewahrsam. Man kannte ihn, ArjeLöb, in Wilna; w et konnte dort mit seinem Nanien etwas vortäuschen? Er beschloß, nicht mit der Strenge des Gesetzes gegen ihn vorzugehen. War ja Jü8e, Gelehrter und Heimatsgenosse! Das Glöcklein äm Schlitten läutete matt nach dem Trotte der müden Pferde. Zuweilen trieb sie ein schärfer Peitschenknall zur größeren Eile an, dann gab es einen mächtigen. Ruck, das Ge-, fährt kam ins Rollen, um nach einer Keile wieder das alte schleppende Tempo zu erhalten?^ Wie^ länge sie schon - gefahren Waren? Vielleicht drei^. vielleicht fünf StündeM Eitüönig zog sich der Weg den Wäld entlang. Dann 'brach die schwarze Baümwand jäh ab uM schwimmende Nebelmassen, gleich grauünd triefend auf' beiden Seiten des Weges, verhüllten alle'Aussicht wie mit blindem Glase. Morsches, vereistes Geäst brach ächzend unter den Stahlschienen des Schlittens. Sie fuhren über eine flach hängende Holzbrücke, die in allen Fugen krachte. Der Fluß selbst war noch nicht hartgefroren genug, um auf seinem Spiegel Wagen und Menschen zu tragen. Maschenka war ei-n vorsichtiger Mann, und man sollte keinem Menschen mißtrauen, dachte Arje Lob, vielleicht nur, um aus dem Unterbewußtsein-aufsteigende Verdachtschatten zu verscheuchen. Gar keiNem mißtrauen, auch Grünhut nicht.. Wer, weiß . . .! Es stand im Talmud geschrieben von frommen Boten, die einen Rabbi damit prüften, daß sie, nachdem sie nachts bei ihm Quartier und Bewirtung gefunden, morgens all sein Bettzeug mitnahmewund auf dem Märkte feilboten — und der Rabbi dachte keinen Augenblick Havan, den Glaubewäw die fromMn BotM W verWest . ^. Wer kann so groß denken! ' Grünhüt . . . Aber schon wieder Grünhutl Er, wollte doch an ihn fürs erste gar nicht mehr denken. Er wollte doch, da Weg und Ziel so klar und sicher vor ihm lägensich im Geiste mit der Lehre beschäftigen. „Wer da unterwegs ist und lernt- und er unterbricht fein Lernen und spricht: wie schön ist doch dieser Baum, wie schön ist diese Flur, der hat seine Seele verwirkt . . ." Von Baum und Flur war nichts zu sehen. Die verglaste Luft auf der linken Seite bekam dunkleren, festeren Ton, sie mußten wieder an einem Walde sein. Nun verdunkelte sich auch die andere Seite, sie fuhren wohl mitten durch den Wald. Ein ganz ungerechtfertigter Peitschenknall brachte die Gäule für eine Weile ins Hopfen, daß sie über Baumwurzeln beinah stolperten! Ein Pfiff ertönte, schwer zu sagen, ob von Maschenka oder von anderswo im Echo hergetragen. Die Pferde stampften mit den Hinterfüßen auf den Boden, bäumten sich auf und blieben stehen. Vor dem Wagen blitzte Licht auf und warf matten Schein auf zwei große dunkle Gestalten mit geschultertem Gewehre; in des Einen Hand blitzte ein Dolch. „Wer da und wohin?" Arje Löb sah in lähmendem Schrecke zu Maschenka hin. Dieser saß aber vermummt in seinem Ziegenpelze und rührte sich nicht. . „Absteigen!" schrie einer der Männer Arje Löb ins Gesicht, als galt es, brausende Wellen zu überschreien. Mit schlotternden Beinen und hörbar klappernden Zähnen stieg Arje Löb aus. Da geschah etwas, was dem Ueberfallenen vollends alle Fassung nahm. Maschenka fuhr, im Momente, da Arje Löb abstieg, mit der Peitsche nach den Pferden aus, diese zogen mächtig an und trabten mit Wagen und Fuhrmann davon. Die Männer ließen es gewähren, schrieen Maschenka kein Hält zu, jagten ihm keine Kugel nach, taten, als achteten sie seiner gar nicht. Er, Arje Löb, stand mit den unheimlichen, bewaffneten Gestalten ganz allein in. tiefer Nacht, mitten in einem unbekannten Waltze. . Es blieb ihm keine Zeit, die Gedanken zu sammeln. Einer band, ihm ein Tuch um die Augen und eiserne Hände schleiften ihn wortlos einige hundert Schritte. Dann fühlte er sich in einen Wagen gehoben, der wie der Wind davoneilte. Bei verbundenen, geschloffenen Augen, kam eine seltsame unbegreifliche Ruhe über ihn. Er hätte jetzt in aller Sammlung das Sinnen in der Lehre Wieder aufnehmen können. Jahre feines Lebens--gehörten dem Dienste der Gefangenenbefrelung an. Was war das Gefangensein? Hgs. chießr. däs,, in Menschenhand ums Leben zittexn?/.KMe er es 'je? Also, so ging das vor sich. Man- Wurde abgefangen, geschleift, gezerrt, mit verbünhenen Augen irgendwo hingeführt, vielleicht dem Tode entgegen. Er konnte über diese Dinge so klar und ruhig denken, als betrafen sie gar nicht seine Person. - Wird der Befreier auch für ihn kommen? - Es mußte nicht fein. Nechünja, Sohn Kones, hatte seinen Lebtag. Brunnen für hie frommen Tempelpilger gegraben, und müßte erleben, daß sein Sohnin der Wüste verdurstete ... Wie an einer- Mauer brachen sich alle Aengste an drei kurzen Korten aus dem täglichen Gebete, das, aus allen- Tiefen der Seele.kommend, seine Lippen bewegte: „In Deine Hand lege ich meinen Geist. . ." Etwa; eine Stunde dauerte die rasche Fahrt,,! dann hielt der -Wagen mit e i n e m Ruckev' Arje'! Löb Würde herausgehoben und eine KeilV Über Stoppeln, und- Baumwurzeln gezerrt. Al^Wan! - chm, die Binde von denAugenwegnahMfaheN i sie, wie geblendet in eine Wamme, die vMÄneÜk! Reiserhaufey nufschlug. i Um l das FeM^heWnt j, faßen und hockten auf Balken und Stämnien ein i paar Dutzend wilder Gesellen mit struppigen 1 Bärten, die meisten in kurzen Jacken und langen : Stiefeln, die.Hofen um den Leib geschnallt und i ohne Hut, die Gesichter vom Feuer stark gerötet. |i mir 192$ Auf dem Boden lagen in wirrem Haüfen Gewehre, Dolche, Messer, Brotlaibe, Kleidungsstücke herum. Auf dem dicken gefällten Baumstamm, der mit dem Gezweigs an einem Ende wie ein gefällter Riesenhirschbock amnutete, saß der Führer, ein Recke in kurzer grauer Pelzjacke, aus der eine rote Wollweste herausschaute. Um den Hals hatte er ein buntes Tuch sorgfältig gebunden. Seine hohen Stiefel hatten an den Knieen rote Safianstulpen. Er war, im Gegensätze zu den andern, glatt rasiert, bis auf den Schnurrbart, der vn mächtigen Spitzen nach unten hing. Volles schwarzes Kopfhaar wallte zUr Stirne hinab bis zu den blitzenden Augen. Wie er da auf dem mächtigen, knorrigen Stamm saß, war er ein Bild übermenschlicher Kraft und Entschlossenheit. Arje Löb sah, wie die andern an seinem Auge hingen. Wenn er sie anfah, waren sie berauscht. Er wußte, sie würden auf sein. Geheiß in die Wilija oder in einen brennenden Wald stürzen. Hinter ihm standen die zwei Burschen, die Arje Löb gleich als diejenigen, die ihn im Walde ergriffen, erkannte. Sie hatten ihrem Hauptmann schon Rapport gegeben, die Vernehmung konnte ohne Umstände beginnen. „Man hat Dich auf dem Wege nach Gossudara abgefaßt," fing der Hauptmann an, in einem Tone, der im Verhältnis zu seiner Gestalt und seinem strengen Aussehen gar nicht so hart und barsch klang. „Kommst Du aus Wilna?" „Nein," gab Arje Löb mit Sicherheit und Entschiedenheit an, „ich fuhr von der Station Margabowa ab, um in Gossudara die Post nach Wllna zu erreichen." „Was wolltest Du pv Wilna?" . Wie ein geheimer Instinkt gab Arje Löb ein, nicht von seinem Mißgeschick mit den Papieren zu sprechen. Er sagte nur: „Ich wollte in Wilna Freunde aufsuchen." „Geschäfte?" „Ich verstehe nicht viel von Geschäften.- habe mich meinen Lebtag mit der Forschung der jüdischen Lehre befaßt, Md in Wilna gibt es für einen jüdischen Lehrer, der noch manches zu lernen hat, so mancherlei zu sehen und zu hören." Der Pole wischte sich mit der Linken beide Schnurrbartseiten, zog sie nach unten, und sah aus buschigen, drohenden Augenbrauen Arje Löb gerade ins Gesicht. „Daß Du es gleich weißt, wir sind keine Advokaten und keine Diplomaten, die das viele Reden lieben, wir sind auch keine Räuber, und Wegelagerer, wir sind polnische Patrioten'' und wollen Wilna von den Schweden befreien. Wehe, wenn Du uns naseführst, wir haben die Stricke bereit zur Hand und dort hinten am Baume hängen noch die letzten von gestern. Also gerade heraus! Es ist uns zu Ohren gekommen, daß ein Jude, wir wissen seinen Namen nicht, aus Deutschland, von Berlin oder Frankfurt kommend, in Wilna war, dort mit den Schweden verhandelt, ihnen Geld gebracht und sich mit ihnen gegen uns verbündet haf. Den Mann suchen wir. Gerade heraus: Bist Du es oder weißt Du was von diesem jüdischen Vermittler?" Frost rieselte Arje Löb den Rücken hinunter, daß er sich krümmte, er rieselte herab zu den Beinen, daß sie schlotterten. Er riß sich mit der letzten Kraft zusammen, daß seine Sprache nicht ins Lallen überging. Wie wohltätig die Nacht, daß sie mit dunklem Schleier fein in-Todesangst zückendes Gesicht verhängte!?? . 1 r „Ich schwöre," sprach er etwas zu laut, fteinen Juden zu kenn en, d er j e m i t i r g e n d j e man dg eg e n Pol en perfyanbeit hätte. Gäbe es einen solchen, er würde von dey, Juden gemieden, in Acht und Bann getan werden. Die Juden sind Freunds Polens, haben der von Sobieski genossenen Wohltaten nicht ver-

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