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Der Israelit · 1928-03-15 · Heft 11 (15.3.1928) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 11 (15.3.1928)
Date
1928-03-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Bcilaac Feuerzeichen. Gm ,-Aoman von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) 15. Dawid Grünhut war, als er im Nebelgrau des Waldweges mit den Papieren in der Tasche verschwand, von dem Gefühle berauscht, das seit vielen Jahren erstrebte Ideal, den Aufgang zu ungeahnter Macht und Höhe, erreicht zu haben. Ja, es war erreicht. Für weitere Pläne fehlte ihm im Momente noch die richtige Sammlung. Bessere Legitimationen und .Empfehlungen, als die Arje Löbs, konnte es nicht geben. Mit ihnen durste er sich an Königsthrone heranwagen, in den inneren Gemächern der Führer im Judentum erscheinen und einfach sagen: „Hier bin ich, und schaut her, wer und was ich bin!" Alle Ohren und alle Herzen würden sich ihm weit öffnen. Und erst, wenn er feine Ideen, feine Pläne entwickelte! Er sah sich in Gedanken auf dem Podium von Menschen angefüllter Synagogen, die mit angehaltenem Atem auf ihn lauschten. Ein Künder neuer Wege, neuen Glückes. So ganz klar war ihm dieser Weg und die von ihm zu bringende Heilsbotschaft noch nicht. Aber es würde schon kommen. Der Plan mußte in Ruhe ausgearbeitet werden. Im Besitze von Macht und Einfluß, würden feine Sinne geschärft, würden ihm Flügel anwachsen, deren Rauschen er heute schon im Innern seiner Seele vernahm. Einer Welt werde der Atem stillstehen. Dawid Grünhut, wird man sagen, und man wird es leise, mit Andacht aussprechen, wie den Namen des Erlösers. Hier kreuzte die erste Hemmung seinen Gedankenflug. Die Papiere lauteten ja gar nicht auf den Namen Dawid Grünhut, sie enthielten den Namen des andern, 'Arje Löbs. Er konnte sich wohl für diesen ausgeben. Wer wollte ihn widerlegen? Es kam schließlich auf den Namen nicht an. Aber es war nicht das, was er in all den Jahren der Zurücksetzung erstrebte, erträumte. Er war in sich, in Dawid .Grünhut sterblich verliebt, dieser Name sollte doch zu Geltung und Ehre kommen. Was hatte er davon, Ruhm an einen fremden Namen zu heften, indes der seine verblaßte und versank? Sicherlich gab es eine Lösung auch dafür, er wußte es nur im Momente noch nicht. Er konnte beispielsweise, auf der Höhe des Ruhmes und Erfolges angelangt, die Maske ablegen und sich mit dem richtigen Namen zu erkennen geben: Das taten übrigens alle Großen und Erlöser. Im Hintergründe trafen sie alle Vorbereitungen und traten dann unvermittelt aus dem Verborgenen mit dem erlösenden Rufe: „Hineni, hier bin ich!" Und Arje Löb? Er würde bis dahin längst vergessen und verschollen sein. Wenn anders, dann könnte man am Ende auch ihn noch mit hineinnehmen, als Mithelfer, als Mitarbeiter, als Schrittmacher,, als Mittler seiner, Grünhuts, Größe und Ehre. Ein bitterer Geschmack, wie durch eine Giftpille, mischte sich in seinen Glückskelch, da der Name Arje Löb ihm vor die Seele trat und nicht mehr weichen wollte. Was hatte er eigentlich heute nacht getan? Er malte sich die weitere Situation in der'Herberge aus; er sah im Geiste den Mann erwachen, in seine Tasche greifen, er sah sein schmerzverzerrtes Gesicht, hörte seine verzweifelten Aufschreie. Was würde Arje Löb jetzt unternehmen? Er würde nach Posen oder nach Frankfurt eiligst fahren, um von dort überallhin der jüdischen. Welt bekanntzügeben, daß Grünhut ein Dieb, ein Betrüger sei und mit falschen Papieren herumfahre. Nein, er tat es nicht, er kam ohne Papiere keinen Schritt weiter, weder nach rechts noch nach links, er war stumm und lahm gemacht. Da war nichts zu fürchten. Aber er, Grünhut, war ein Dieb. Wie mit gezücktem Messer stand dieses leibhaftige knochige Gespenst ihm vor Augen. Auch das noch zu guterletzt! Kompletter Lump, der sich an Anderer Eigentum vergreift. Er hatte mancherlei' im Leben getan, und hatte ein breites, weites Gewissen, das sich guten Schlafes erfreute. Er hatte oft genug in Wort und Schrift mit Wissen und Kenntnissen geschillert, die er uicht besaß, hatte mit Nichtjuden, die seinen Brüdern nicht wohlgesinnt waren, bedenkliche Reden geführt, hatte von ihnen schmutziges Geld genommen und ihnen dafür goldreine Perlen aus dem jüdischen Schrifttum geliefert, wiewohl er wußte, daß sie sie in den Kot ihrer niedrigen Gesinnung zerren würden. Er hatte zuweilen in stillen Nachtstunden, wenn es ihn so überkam, sich selbst zur Rechenschaft gezogen. Aber bei Tag stimmte die Abrechnung stets zu seinen Gunsten. Sie, die Judengäßler, verdienten es nicht bester, warum wiesen sie ihn auch von sich? Und leben mußte er am Ende auch. Und gar so schlimm war es nicht mit den Dingen, die er den Uebelwollenden zutrug. Er hatte im Gegenteil auch oft genug ihnen das Gute im Judentum gezeigt. Konnte er was dafür, wenn sie es ins Gegenteil umbogen? Das alles lag aber in einer geistigen Sphäre und war nicht erniedrigend. Nun hatte er aber g e st o h l e n , einfach gestohlen, wie jeder gemeine Dieb, der in ein fremdes Haus einbricht und es im Schutze der Nacht ausplündert. Nein, schlug sich. Grünhut auf die Brust, das hatte er nicht getan, er nahm kein Geld und Geldeswert; ob es Mosche Meier getan hat, wußte er nicht, ging ihn auch nichts an. Er war jetzt glücklich, diesem widerlichen Bergzwerg aus dem Wege gegangen zu sein, ihn nicht mehr zu sehen. Er,'Grünhut, hatte ja nur die Papiere an sich genommen, eine papierene Brücke, wertlos für alle anderen, die aber ihn zur Macht, und Höhe hinaufführen sollte. Und wenn er erst einmal so weit war, er wollte es schon wieder gut machen, alles; auch Arje Löb sollte reichlich entschädigt werden ... Aber in einer dunklen Ecke der Seele lauerte mit gezücktem Dolche und flammenden Augen das Gespenst und rief, alles andere übertönend: „Pieb, gemeiner Dieb, kompletter Lump!" Aufgescheuchte Hasen huschten über den Weg, an den verschneiten Stämmen kletterten Eichhörnchen empor, oben auf den Wipfeln standen Krähen in Scharen, flatterten geräuschvoll mit den Flügeln, pickten und schrieen. In Grünhuts Ohren klang der schauerliche Chor der Raben: „Dieb, gemeiner Lump! . . ." ' Wo war er eigentlich jetzt? Es war nicht der Weg nach Wilna, den wollte er um keinen Preis einschlagen. Dort kannte man Arje Löb von Angesicht. Er mußte ein anderes Operationsfeld suchen und ging entgegengesetzt, nach der Richtung der Chaussee, die tiefer ins polnische Land hineinführte. Er wollte später nach Lublin und Jaroslaw, zum Sitz der Vierländersynode gelangen und von dort aus mit Hilfe der Synode seine großen Pläne in Szene setzen. Da würden die Frankfurter Judengäßler aufhorchen! Voller Tag ging über > den Bäumen auf, grauer feuchter Nebelmorgen. Es war gut, daß Mosche Meier ihn auf der entgegengesetzten Seite suchte und nicht fand, dem hatte er ordentlich nasegeführt. Er mochte ihmmlcht Mehr ins Gesicht schauen. Ueberhaupt die Schwärmer und Narren um den Namen Sabbatais! Auch sie würden einmal für allemal abgetan fein, wenn vr. ii 192$ fein großes System von der großen Einigung und Vereinigung einmal begriffen und in Wirklichkeit getreten sei. Wenn nur die vielen Krähen über den Bäumen nicht wären, die ihn mit ihrem Gekreisch so beunruhigten! Aus alten Erinnerungskammern seiner Seele traten blasse Gestalten hervor. Ein Greis mit wallendem Barte, der da über seinen Büchern saß und sich um ihn, das Heranwachsende Kind, nicht kümmerte; eine Frau, die immer weinte, wenn sie ihn anblickte, ihn mit zarter Hand umschlang und ihn küßte mit einer Wärme, die er seitdem nirgendwo mehr verspürte. Wie sah doch nur diese Frau aus? Nur die weinenden eingesunkenen Augen, die sich in die seinigen gesenkt, hatte er noch in guter Erinnerung, denn mit sieben Jahren sah er die Frau nicht mehr, hatte er keine Mutter mehr. Ein Dorfstädtchen hinter böhmischen Bergen mit all seinem Schmutz, seiner Kleinheit, seiner Traurigkeit und seinen spärlichen Lichtpünktchen an Sabbat- und Feiertagen trat aus der Skala seiner Erinnerungen in den Vordergrund. Er kam dann nach Prag, lernte da und dort unter dem Schutze fremder Menschen, die oft hart und lieblos zu ihm waren. Spärliches trockenes Brot als Mahlzeit und eine harte schmale Bank als Nachtlager, .dazu alte vergilbte Folianten mit krausen, kleinen Buchstaben, die in die verschlungensten Fragen des Lebens hineinführten, waren der Inhalt seiner freudlosen Jugend. Er lernte hier und dort, überall etwas, im Ganzen nichts Wesenhaftes. Sprunghaft wurde er, — weil das Leben mit ihm so umsprang, wie die Kinder auf dem Spielplätze mit ihrem Balle. Dann kam der Neid auf die Höher- und Bessergestellten, dann kam der Wille zu glänzen, etwas zu sein. Es fehlten aber die Kraft und die Mittel, etwas zu werden, auf gesunden, geebneten Bahnen klaren Zielen zuzustreben. Der Blick nach ober: raubte ihm das Gefühl für die Kluft, die dazwischen lag. Früh kam er nach der deutschen Stadt Frankfurt und wurde dort, da man sich weigerte, das Glitzernde für echt zu nehmen, auf Bahnen gelenkt, die seiner Eitelkeit und Eigenliebe schmeichelten, aber keine feste geistige Nahrung über den Tag hinaus boten. Daß er gerade jetzt auf dem einsamen Waldwege, über all die Dinge so klar denken konnte und mußte, war höchst merkwürdig und peinlich. Nie hatte er sonst länger als eine Minute einen Gedanken über sich Gewalt gewinnen lasten, der ihm eine Schuld zuschrieb, ihm einen Spiegel seiner Minderwertigkeit vorhielt. Aber jetzt! . . . „Du hast gestohlen!" kreischte es in schrillem Chore über ihm und um ihn herum. . „Unsinn!" wehrte er die quälenden Gedanken mit Gewalt ab. „Es geht vorwärts, dem Erfolge entgegen. Das Werden hat sein Ende mit dem Sein. Was bedeutet die Kluft, wenn man von der Höhe auf sie herabsieht und ihrer spottet? Es sind lauter Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was sich jetzt vorbereitete, was ich jetzt erreiche, eigentlich schon erreichte. Alle Vergangenheit ist ausgemerzt, und was aus ihr noch übrig bleibt und hemmt, wird gut gemacht, wird weggeschafft. Auch Arje Löb! . . ." •* Er überhörte das mächtige „Halt!" Es gesellte sich zu den anderen Disharmonien, die diesen Morgen verwirrend in seine Gedanken hineinklangen. Man mußte sich sammeln. Ein Weg von Stunden und er war auf sicherer breiter Straße, die zum Ziele führte. Er griff in die Tasche, die kostbaren Papiere waren drin. „Halt! . Und dann . . dachte er weiter. — Ein dumpfer Schlag auf den Hinterkopf jagte den nun aufsteigenden Gedanken aus dem Gehirn. Wie Feuer schlug ihm am den Augen. Er fiel betäubt zu Boden. Jemand hob ihn auf. Es war ihm finster vor

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