Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-03-15 · Heft 11 (15.3.1928) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 11 (15.3.1928)
Date
1928-03-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450505--74786-2532276
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

.. 15. März 1928 Frankfurt cr. ZIL, den 23. Avar m* TB Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Nc. 11 Ätonnemeut ab Januar 1921: Deutschland 1 Goldmark monatlich; Ausland:-Btertelslawien mark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 8 Fr» Tschecho-Slowaket 25 Kronen; Ungarn Pengö 5 ab I.Juli 1927; Dänemark 3. PO Krön.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 8.80 Krön. , Einzelnummer dreißig Toldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 40 Goldvs. für die fiebengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 30Pf. Die 75 rnm breite Reklame,tile: letzte Textseite 1.60 Mk.. vorletzte Textseite 2.- Mk.; Ehisfregebühr in Höhe eines oopv. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden JnseratauftrLgen tartfm. Preiserhöhung jeder,. Vorbehalt. Jnseratenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurt a. M., Rechnetgralzrnftratze 7. Tel. Hansa 68A sow. durch siimtl. Annoncen-Exped. des In- und Auslands Alleinige JnierateNann. für Franks. Geschäfts««,.: Jul. Schmidt. Langestr 7.N. Tel. Hansa 4841. Platzvor,chr. ohne Bei bindlichk. 19803. - Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr. 7960-, - Poftparkassenamr Bueapeft Nr. 184-4. -- Poftschöckkonto »eSamt Amsterdam Nr. 24 839 - Böhmische Unionbankin Prag - ü-me- M-rm-nosed Co, bonnements oder aus Inseraten sich e gebend-n Zahlungsvervsttchtungen ist Frankfurt a. M. Der Wahlausgang in Polen. Auch das gehört mit zur T.rägikomik des Goluslebens, daß ein^ jüdische Wahlniederlage in den östlichen Nationalitätenländern mitunter der jüdischen Sache nützlich und dienlich sein kann.. Es steht außer Fragedaß mit den fünfzehn oder sechzehn jüdischen Abgeordneten im neuen polnischen Sejm das jüdische Recht besser gesichert, und geschützt sein wird, als im alten mit seinen dreißig, jüdischen Vertretern. Ein negatives und ein positives Resultat wirken zugunsten der jüdischen Lage zusammen. Negativ: Die Nation naldemokraten, sowie alle anderen ausgesprochen antisemitischen Gruppen und Grüppchen sind vollkommen geschlagen. Positiv: Die Pilsudsky-Partei und die Sozialisten beherrschen im Ganzen das Bild, und beide Parteien treten grundsätzlich und de facto für die unbeschränkte Bürgerfreiheit der Juden und die Tilgung aller letzten dunklen Reste der zaristischen Zeit ein. Das ist bezüglich der äußeren Lage ein Erfolg, der den Verlust einiger jüdischer Mandate schon wettmachen könnte. Nach innen gesehen und im Hinblick auf die jüdische Parteigruppierung^muß freilich von einer katastrophalen Niederlage gesprochen werden. Die Leser des „Israelit" werden, nach all den Informationen, die wir ihnen seit Wochen über die zerfahrenZ Wahlpolitik der jüdischen Führer in Polen geben konnten, über den tragischen Ausgang nicht sehr überrascht sein. Der Name, an den sich die verlorene Wahlschlacht knüpft, heißt G r ü n b a u m, und die Parole, die ins Verderben führte, lautete: „Minderheitsblock". Diese Losung brachte, sobald sie ausgegeben wurde, eine Verwirrung und eine Zersplitterung, daß man bald weder ein, noch aus wußte. „Rechter Hand, linker' Hand, alles verschoben." Daß der jüdische Bürger- und Mittelstand, der zuerst auf die praktischen Rechtsbestimmungen nach dem Gesetze der Freiheit und Gleichheit angewiesen ist, Herrn Grünbaum nicht in die Wolkenhöhen idealistischer Nationalitätenpolitik folgt, war vorauszusehen; daß die Orthodoxie, die die Mittelstandsmassen erfassen will, sich auch ihrer ganzen religiösen und politischen Einstellung nach nicht unnötig von einem Phantom in Oppositionsstellung gegen die^ Regierung drängen läßt, war ohne weiteres klar- Ueberrgschend — und für den.Eingeweihten doch nicht so überraschend — war, daß-auch innerhalb der Zionisten sich eine starke Gegnerschaft gegen Grünbaum bemerkbar machte, daß man besonders in Ostgalizierll wo man die Spielereien mit dem Minoritätengedanken noch aus der Habsburgerzeit genau kennt, von Grünbaum soweit wie möglich abrückte. In der gähnenden Kluft zwischen Lemberg und Warschau ist dann gut die Hälfte der bisherigen jüdischen Mandate versunken. Diese Innenseite der Frage hat noch eine eigene innere K-a m m -e r,' in der wir selber wohnen. Auch die ist so gut wie zerstört. Die in der Aguda vereinigte Orthodoxie hat auf ihrer eigenen Liste kein einziges Mandat erringen können. Zu der nötigen Wahlzahl von 24.341 Stimmen fehlten ihr in Warschau 200, ähnlich erging es der Orthodoxie in Lodz; vertreten wird die gesetzestreue Sache im neuen Sejm wahrscheinlich nur durch einen Abgeordneten, Elias Kirschbraun, sein, einen anerkannten Führer der orthodoxen Partei, der auf der Nach Pilsudsky genannten Regierungsliste stand und deren Sieg mitgenießt. Wenn wir wohl zugeben müssen, daß die orthodoxe Wahlpolitik nicht frei von Fehlern war, daß mit dieser Niederlage schwere organisatorische Versäumnisse vieler Jahre und auch Mangel an Zielsicherheit während des Kampfes büßen mußte, so geht doch auch diese Niederlage letzten Endes auf Grünbaum zurück und ist direkte oder indirekte Folge der von ihm und seiner unseligen Wahlparole geschaffenen allgemeinen Verwirrung. Gesetzt den Fall,, Warschau und Lemberg hätten sich auf eine nationale Liste geeinigt, es hätte dann eine reinliche Scheidung gegeben, die Orthodoxie hätte klare Ziele vor Augen gehabt, ein straffes Wahlprogramm aufgestellt und die Massen wären zur Urne gegangen mit dem klaren Blick für die Situation: hie rechts, hie links! So aber gab es kein Programm, sondern Programme, und. jedes für sich und in sich war so reichlich verworren, daß die Wahl für den Wähler bedeutete: das feinere Uebel wählen. Die unnatürlichsten KMsteHationen kamen zustande, eine ungeheure ZuHstuAng an. die unkomplizierte und politisch wKig..geschulte Psyche des einfachen Wählers. Lewin^und Prilutzky! Dazwischen wettanschaulich eiN.^Aögrund; ein „nationaler Block", den die Orthodoxie mit ihrem Namen deckt und unterstützt. Wie sollte es der einfache Wähler aus dem Volke über Nacht umlernen, daß „national", gestern noch ein Scheidungselement, heute ein Einigungskitt sein soll? Im Gefühle der aus der Unnatur der Dinge sich ergebenden Schwäche, sicherte sich die Orthodoxie auch einen Platz auf der R e g i e r u n g s l i st e , und dies gewiß mit ganzem Herzen, aber infolge der allgemeinen Zersplitterung leider nicht in so günstigem Mäße, um mehr als allenfalls ein Mandat zu retten. Das Reiten auf zwei Pferden führt selten zum Ziele. Im politischen Lehen pflegten sich Parteien über verlorene Wahlschlachien mit dem Hinweis auf die Lehren hinwegzütrösten, die sie aus den Schäden für die Zukunft ziehen wollten. Was hat die polnische Orthodoxie aus dieser Niederlage zu lernen? Sie ist da, die Orthodoxie, nach wie vor, das zeigen die Summen der ihr bei aller Ungunst der Verhältiffne zugefallenen Stimmen, wenn sie auch leider über den moralischen Erfolg hinaus zu einem prakttschen Resultat nicht ausreichten. Was den jüdischen Massen in Polen fehlt, ist die politische Schulung und worauf die Führer für die Zukunft mit aller Kraft Wert legen müssen, das ist die A u s g e st a l t u n g der Organisation, die Schaffung einer guten Presse, die Errichtung und der Aufbau aller Organe, die ein stetes Jnfühlungbleiben mit den Massen, die seelisch zu ihnen gehören, ermöglichen. Dann muß auch mehr auf Reinheit und Klarheit gehalten werden. Wählern muß jeweilig ein klares Programm gegeben, ein klares Ziel gezeigt werden, daß sie durch vertuschte Marken und Aushängeschilder nicht irre werden an den eigentlichen Zielen der Führerschaft. Stände die polnische Organisation organisatorisch so stark und fest da, wie sie, an anderen Parteien gemessen, nach der numerischen Zahl ihrer Anhänger stehen müßte, das Bild wäre heute ein anderes, und das Wahlresultat auch. Sie hätte mit eigener Liste die 200 noch fehlenden Stimmen für einen eigenen Kandidaten in Warschau wie in Lodz mit Leichtigkeit aufgebracht. Oder: sie hätte mit dem sicheren Nachweis ihrer tatsächlichen Kraft und der hinter ihr stehenden Reserven sich an der Regierungspartei in einem solchen Maße beteiligen können, daß eine Anzahl ihrer Kandidaten auf die Pilsudskyliste an erfolgversprechender Stelle gekommen wären. Der Name Prilutzky wäre aus der orthodoxen Wahlpolitik ausgeschieden. Die orthodoxen Wähler, heute dahin und dorthin gezerrt, hätten geschlossen für die Regierungslisten in einer Weise gestimmt, die auch den Mischen Vertretern, die ihrem Herzen nahestehen, den vollen Erfolg

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.