Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-03-08 · Heft 10 (8.3.1928) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 10 (8.3.1928)
Date
1928-03-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450504--74775-2532264
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

V Feuerzeichen. An OHetto-Aöma« von S. Schachnowitz. - (Fortsetzung.) Ein peinvoller Tag ging dahin. Gegen Abend schellten lustig die Glocken und. das Posthorn erklangt Die Zeltwagen der Diligence mit dem Kurse nach Westen standen vor der Herberge. In dem ersten Wägen war der Platz für Arje Löb frei. Aber Kutscher und Polizeibeamte lehnten es ab, einen Mann ohne Paß und Papiere mitzunehmen. Zwei Grenzen wären zu passieren, auf dem Wege standen alle paar Meilen Posten, die die Wagen anhielten und die Passe kontrollierten. Arje Lob sah zum Fenster hinauswie die Wagen mit hellem Glockeygeläute dävonfuhren. Der Pastillöni blieZ^eine schwermütige slawische Weise. Es drang Arje Löb ins Herz, wie ein Klagelied über eine getäuschte Sehnsucht, ganz nahe vor der Erfüllung. Kaum war das Geratter der Räder in der Luft verhallt, als sich draußen am Waldessaum ein großer Lärm erhob. Alles, . was in der Schankstube herumsaß und lag, lief hin. Auch Arje Löb trat, von einem unbestimmten Instinkte geleitet, zur Tür hinaus. Pom Waldweg her zerrte Nochum Berke, der Sohn des Schankwirtes, ein kleines Männchen mit Püffen und Stoßen vor sich her. Der Kleine wand-sich wie ein Wurm unter den kräftigen Fäusten des jungen Recken, führ wild mit den Händen umher, suchte etwas zu reden und wurde immer weiter geschoben. ' Ein Ranzen, den er in der Hand hie.lt, fiel immer zu Boden, und er mußte sich immer von neuem bücken, um ihn aufzuheben. Es war, Arje Löb erkannte sofort die Situation, Mosche Meier Kamenker, der Mann der großen kabbalistischen Sprüche, der Mann, der so tat, als wäre er nicht von dieser Welt und lebte er n geheimen Höhen. Mosche Meier, — und der Ranzen war sein, Arje Löbs Eigentum. Bei dem Glücksgefühl , ob der Wiedererlangung seiner Sachen konnte er sich kaum des Mitleids erwehren mit dem kleinen hilflosen Männchen, das da wie ein Klumpen von den riesigen Fäusten hm und her geworfen wurde. - . , - Bor der Herberge nahm ihn Benze Leib in Empfang. Er fuhr mit der Rechten aus)- und Arje Löb kam gerade recht hinzu, um ihm in die Hand zu fallen, daß sie das kleine Männchen nicht halb zermalmtes Besize Leib schrieunh. mühte sich' vergebens, seine "Stimme dabei zu dämpfen: ,-Du Dieb^ Du Hund--Dir wollen wir es schon beibringen, Gäste zu bestehlen." Der kleine Mann schrie, auf, wollte etwas zur Erklärung sagen. Aber Benze Leib unterbrach ihn: „Wenn Du schreist, so hast Du Dein Urteil schon gesprochen. Die Bauern hier hängen jeden Dieb' ohne Federlesens an den ersten Baum auf, bevor der Dorfbüttel sich einzumischen und die Polizei vom nahen Städtchen da zu sein - Zeit gefunden hat. Dort stehen sie schon und schauen her. Wehe, wenn sie erfahren, daß wir einen Dieb, erwischt haben." Der kleine Mann erschauerte, erblaßte, sank ganz in sich zusammen, winselte mit scheuem Seitenblick nach den Bauern, man möchte doch mit ihm in die Stube gehen, dort wollte er den i ganzen Sachverhalt erklären. „Meine Papiere gebt, mir," bat Arje Löb, * wie sie in der besseren Stube drin waren, „meine Papiere, alles andere wird sich finden," Er b a t mehrmals daß er forderte. Mosche Meier öffnete; weit den Ranzen. Drinnen waren Kleider und Wäsche von Arje Löb, aber keine Papiere. Er gab die Briestasche her und leerte seine Taschen, es fiel'Geld heraus, das vielleicht Eigentum Arje' Löbs war, aber die Papiere waren nicht dabei. „Wo sind meine Papiere?" zitterte die Stimme Arje Löbs. - „Die Papiere her!" verliehen Benze Leib und Sohn der Forderung schon um ein bedeutendes unsänftiglicher Nachdruck, und fuhren drohend mit der Hand aus. „Gleich gibst Du die Papiere her, oder wir rufen Bauern herein, sie machen kurzen Prozeß." - Mosche Meier erzitterte und sein Gesicht hatte den Ausdruck eines in die Falle gegangenen und mit dem geschlossenen Gitter noch nicht ausgeföhnten Vogels. „Ich weiß nichts, ich habe keine Papiere gesehen. Es ist dies alles, was ich bei mir hatte. Ich bin unschuldig. So wahr — --" „Du lügst", ließen sie ihn nicht fertig schwören. Aber Arje Löb wehrte mit beiden Händen ab, schob den Wirt und dessen Sohn sanft beiseite und sagte: „Wir wollen ihn anhören. Jeder hat ein Anrecht darauf, daß er angehört wird. Redet, wo sind die Papiere, wo-ist Euer Kumpan, Dawid Grünhut?" Mosche Meier seufzte tief und etwas befreit auf. Er sah dankbar Arje Löb ins Gesicht. Er wußte, in die Ohren dieses Mannes werden Worte der Wahrheit Eingang finden. Die Todesangst, die im Gedanken an die Bauern und den Bäum ihm die Sinne verwirrte, war eine Weile gewichen. Er konnte nun seine Worte ein wenig ordnen. „Ich bin unschuldig, habe die Papiere nicht gesehen und weiß nicht, wo Grünhüt ist. Ich schwöre es beim einzigen Gott im Himmel. Nachts kam Grünhut noch einmal in die große Schankstube zu mir hinaus und sagte mir, bei diesem Manne sei alles Mühen vergebens, wir würden morgen in der Frühe weiterziehen. Ich sollte mich bereithalten. Heute morgen vor Tag kam er wieder mit Sack und Pack und weckte mich. Er wollte vorausgehen, ich sollte Nachkommen. Ein Bündel, das vor der Türe stand, könnte ich, so sagte er, wenn ich Lust hätte, noch mitnehmen: Jenseits des Lindenbaümes nach der ersten Waldlichtung wollte er auf mich warten. Brauchte mich nicht so sehr zu beeilen. Ich tat so, zog mich eiligst an, betete kurz, ging hinaus/usah das Bündel liegen und nahm es. in der Meinung, es gehöre Grünhut, mit, Dann ging IM m den Wald hinein, bis zur Lichtung^ und weiter bis-zum Lindenbaume, aber Grünhüt war nicht zu sehen. Ich suchte, ich rief, ich fchriö, aber außer dem Widerhall kein Zeichen von'ihnü So irrte ich ben ganzen Tag im Walde herum und suchte Grünhut, bis ich gegen Abend in die Hände des Wirtssohnes' fiel, der mich Dieb und Räuber nannte, und sogar die Hand gegen mich erhob — Mosche Meier weinte —-. Gott möge es ihm verzeihen oder auch nicht. Ich bin. wie Ihr seht, unschuldig." Mosche Meier schauderte und sank wieder in sich.zusammen. Einige Bauern, attgelockt durch den Lärm, schauten neugierig zum Fenster hinein. Benze Leib verhängte die Scheiben. „Und wie kamt Ihr zu der Brieftasche und zu dem Gelde?" „Die lag neben dem Ranzen auf dem Boden upd ich glaubte, sie gehöre ebenMEÄrünhut, Ich steckte sie in' die Tasche und wMfe -bis zur Minute, da ich sie hier leerte, nichtwas darin war. So ist es, so wahr mir Gott'helfe. Habt Erbarmen, Juderst"! z i! J.1: - Es trat Stille.ein. Pater und Sohn sahen forschend ms Gesicht Ärje Löbs. Die drei, Männer Pflegten so etwas wie stumme Beratung, mit den Augen nur, indes Mosche Meier zusammengekauert seines Urteils harrte. Dann sprach Arje Löb ruhig, wie in einer Sache, die gar nicht ihn betraf, mit einer talmudischen Wendung. „Unverkennbar sind Worte der Wahrheit. Er ist betrogener Betrüger, vielleicht mehr betrogen als Betrüger. Könnt Ihr schwören, daß Ihr den Aufenthalt Grünhuts nicht kennt und vom Verbleib der Papiere nichts wißt?" wandte er sich zum Schluß noch einmal an den Angeklagten. Mosche Meier erhob beide Hände. „Bei Gott im Himmel, dem Allmächtigen undbei allem, was heilig ist, schwöre ich es, daß ich die volle Wahrheit gesagt habe. So ist es, wie ich ausgesagt. Ihr könnt mich peinigen oder töten, ich könnte auf dem Sterbebette nichts hinzufügen." Die fragenden Blicke der Wirtsleute ruhten auf Ärje Löb. „Wir lassen ihn laufen", sagte dieser. „Du gehst gleich von dannen, Diebesbande, unselige, die da kommt im Kleide des Frommen", konnte Benze Leib den abflauenden Aerger noch nicht ganz bändigen. . ' „Aber nicht in die kalte, finstere Nacht hinaus", bat Arje Löb. „Laßt ihn in der großen Schankstube schlafen und mag er morgen früh in Gottes Namen seiner Wege gehen." Darauf ging aber Mosche Meier gar nicht ein. Kaum, daß er sich von den Händen und den Blicken der Bauern befreit sah, nahm er die Tür in die Hand' und ging ohne Gruß von dannen. Arje Löb folgte ihm nach und faßte ihn an der Hand. „Laßt mich, ich bitte Euch, ich habe es nicht getan." „Nicht das, habt Ihr Geld für die Weiterreise?" „Nein", gab der kleine-Mann hart und kurz zurück. „Die Kosten hatte bisher Grünhut bestritten, ich habe jetzt keinen Heller. Aber gleichwohl, laßt mich, daß ich aus der Hölle komme." Arje Löb schob ihm einige Dukaten in die Hand. Mosche Meier nahm sie an, ohne sich umzuwenden, ohne ein Wort des Dankes und des Abschiedes. Er ging, ja lief von dannen, so rasch ihn die, kurzen Beine tragen konnten.- Tage vergingen für Arje Löb in unbestimmtem Erwarten und quälerischem Ueberlegen. Er hatte den größten Teil seines Geldes und seiner Sachen wieder, aber keine Papiere, und ohne diese war er hilflos, wie in Ketten geschmiedet, war ihm der Wille gelähmt, alle Wege versperrt. Ueber die Westgrenze und alle anderen Grenzbarrieken zu gelangen, bis zur Heimat, wo seines Weibes Herz, fast hörbar bis zu seiner Einsamkeit, ihm entgegenklopfte, war so unmöglich, wie für einen Lahmen das Wettlaufen. Höhere übermenschliche Mächte lagen dazwischen. Noch nie war ihm die Zaubermacht eines Papierfetzens so recht zum Bewußtsein gekommen wie jetzt. Benze Leib und Sohn hatten mit Hilfe von Bauersknechten den nahen Wald abgesucht. Von Grünhut war keine Spür zu sehen. Auch der Dorfbüttel, der wider den Willen Arje Löbs mit feinen Hunden in Bewegung gesetzt wurde, kam unverrichteter Sache zurück, trank bedachtsam den Schnaps aus dem Wasserglase, das ihm Benze Leib vorsetzte, wischte sich den Schnauzbart und wunderte sich, daß Menschen so dumm und zugleich so geschickt sein konnten, bloß Papier zu stehlen und damit in den Erdboden zu verschwinden . . . Grünhut konnte nur den Weg nach Wilna genommen haben. Und dorthin mußte jetzt auch Arje Löb, das stand für alle fest, um den Räuber M stellen und sich, so gut es ging, neu auszurüsten. Auf dem Wege dahin lag keine Grenze und wenn es gut ging, konnte man die Stadt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.