Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1928)
- Date
- 1928-02-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuerzeichen. Gin Metto-Aoman von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) Wer einmal gesehen hatte, wie Benze Leib einerd Bauern mit der Linken, wie mit Löwenpranke, am Genick packte, llnd Trift der Rechten dann, ttf besonderen Fällen auch unter Zuhilfenahme des rechten Fußes, unter groben Begleitworten zur Türe hinausbeförderte, daß es ringsherum dröhnte, und dann eine Viertelstunde später ihn> den gleichen Benze Leib, im gedielten, besseren Nebenzimmer beobachtete, um den gelehrten Gast bemüht, sanft und sachte in ersterbender Verehrung, der konnte kaum glauben, daß es der gleiche Mensch war. Wo waren noch die Pranken, wo die Löwenstimme? Er aber, — stieg, ihm selbst die Frage auf —, lächelte verstehend. Er hatte eben die Schürz vor der Seele abgelegt und das innere Gewand, leuchtete, wie am ersten Tage — und am letzten .. ' Dieses Nebengemach, zu dem fast eine Gehelmtüre von der großen verrauchten Schankstube führte, bestand eigentlich aus zwei ineinander gehenden kleinen Räumen, die säuberen Holzboden und geweißte Wände hatten. Im ersteren stand ein runder Tisch, richtiger ein rundes Brett auf. ein, Holzbein geschraubt, das, wenn es unten der nach drei Seiten ausstrahlende und dem Ganzen Halt gebende Fuß so wollte, ' sich bei jeder Berührung wie eine Drehbühne rundherum bewegte. An der Wand verblaßte ein adeliges Sofa feine letzten Lebensjahre und weiteten sichdie Löcher im Geflechte von drei edelgeschwungenen Rohrstühlen, alles aus dem alten Jagdhause des Gutsherrn übernommen. Hier in diesem Jnnenraume lebte Benze Leib, wenn er lebte, penn er sich zum Sabbat mit seiner Familie von Abend bis Abend zurückzog und die Türe zur Kretschme so fest verriegelte und noch dazu beide Ohren so dicht mit Watte verstopfte, daß kein Ton von drüben zu ihm drang. Es war die Sabbatstube Benze Leibs, in der seine Sabbatseele wohnte, auch wenn er ste Sonntags oder sonstwann betrat. Angrenzend, durch dünne Lattenwand; getrennt, war der andere kleine Raum, sauber und kahl, mit Brett auf umgestülpter Tonne als Tisch und Schlafbänken an beiden Längewänden, mit Matratzen und Decken für bessere Gäste, die ihr Nachtlager b e z a hl t e n. Die in der großen Gaststube auf Tischen und Bänken und auf idem Boden schliefen, zahlten kein Schlafgeld. Der Nachtaufenthalt war in die Zeche, oft nur ein Schnaps oder e i n Glas Tee, eingeschlofsen. In diesem „Zimmer" brachte Benze Leib mit Vorliebe auch die Gäste unter, für die der Himmel zahlte, Fromme und Gelehrte, die hier, am Knotenpunkte des: Postwagenverkehrs, am Scheidewege nach drei Richtungen, äft Quartier nahmen oder, sogar über Sabbat blieben. Hier, war nun heute bei brennender Kälte A r j e L ö b .abgestiegen, von Wilna kommend,' wo alles nach bestem Wunsch ging, mit Zielrichtung gen Westen, der. preußischen Grenze zu, hinter der ein wochenlanger Weg, ohne weitere nennenswerte Hindernisse, zu Heim und Glück führte. Aber weit und beschwerlich war noch der Weg bis zur Grenze, schier endlos dehnte sich, der schwarze Wald und fing immer wieder von neuem an, wo er in freies Feld überging. Arje Löb sah, indem seine Oherkleider an der Ofenwand trockneten, sinnend zum angelaufenen Fenster hinaus. 'Jetzt, da die Mission erfüllt war, zog und zerrte die Sehnsucht tote mit eisernen Banden an ihm. Feuersäulen glühten voran, denen nach sich die Seele vorwärtsschwang. Wie lange war es doch noch bis zum Morgen, da das Posthorn die Weiterfahrt kündete! , Bald.Hwei Jahre war er von Frankfurt und seinem jungen Weibe fortgewefen. Er hatte mancherlei in diesen Jahren erlebt, Menschen und Juden, Gemeinden und ihre Nöte kennen gelernt, hatte mit Rabbinern, Vorständen und Behörden verkehrt und auf Grund seiner Vollmachten und Empfehlungen allenthalben gute Aufnahmen gefunden. Die Dinge in Wilna standen gut, die Gelder waren aufgebracht und überbracht, die Gefangenen erfreutem sich wieder ihrer Freiheit im Kreise ihrer Familien. Sie hatten in Wilna aus Anlaß der Befreiung ein Freudenfest gefeiert und ihn, Arje Löb, in den Mittelpunkt der Feier gestellt, in ihm dem Judentum der. Diaspora gehuldigt, dem Geiste der jüdischen Zusammengehörigkeit, dem Gefühle, das überall rege wird, wo jüdische Not ruft und das jüdische Herz im weitesten Süden in Schmerz und Hilfsbereitschaft schlagen läßt, wenn ein Teil des jüdischen Organismus im fernen Osten leidet. Er, Arje Löb, hatte bei all den Ehrungen und Huldigungen 7 nur die eine freudige Empfindung: Die Arbeit-ist getan und der Weg nunm'ehr für die Heimkehr frei. Mit der Befreiung der Gefangenen war auch er befreit. Nun wollte er ohne Verzug den letzten Gefangenen, sich selbP, zu den Seinen bringen ... Man bedeutete ihm in Wilna, daß die weite Fahrt zur kalten Winterzeit beschwerlich und nicht ohne Gefahren sei. In den Wäldern lauerten nachts die Wölfe in Rudeln, um die Pst^ und im Kampfe auch die Menschen zu überfallen. Gegen diese Bestien seien die Fuhrleute immerhin irgendwie gerüstet. - Weniger aber gegen die Banden und Horden, die, Ueberreste vom letzten Schwedenkrieg, in den Wäldern hausten, auf eigene Faust die Waffe weiter führten und die Gegend unsicher machten. Pan Kosminski, der gefürchtetste aller.Bandenführer, übte von der Zaubermühle her sein Schreckensregiment aus. Man flehte ihn an, bis zum Frühling, bis zur Schneeschmelze dazübleiben, da sich die Flüsse öffneten, die Wasserwege für die Dampfer frei wurden und den Reisenden immerhin eine größere Gewähr für Sicherheit von Leib und Leben boten. Arje Löb ließ sich nicht halten. „Boten einer guten Tat sind vor Beschädigungen geschützt auf dem Hinweg-sowohl wie auf dem; Rückweg", antwortete er " mit einem Tglmudworte auf die Vorhaltungen der Wilnaer Freunde und Verehrer, daß man, ebenfalls,!nachtalmudischem Gesetze, sich nicht in Erwartung eines Wunders in Gefahr begeben dürfe.. Und sp fuhr er hinaus, begleitet von Sorge und Segep, und; machte, da die Post die Pferde wechseln mußte, erste Station in der Herberge des Benze Leib am Waldesrande. Er sah in die Nacht hinein und suchte, sich in Gedanken die Ankunft in Frankfurt auszumalen, die Freude des Wiedersehens. Am besten wohl, er käme, wie damals, unerwartet, an einem kalten Morgen, und klopfte an die Türe, und Elsbe erschrak, um dann in Glück und Freude zu erbeben. Und er sah ihr fragend in die Augen, und er fand darin die Reinheit und die Liebe und die Treue von damals, himmlisch verklärt in zwei Jahren schmerzvoller Erwartung. Und dann kam Rabbi Schmuel, und er erzählte vom Gelingen seiner, Arbeit. Und später die Männer im Lehrhaus, in der Schul, auf der Straße, im hohen Rate, wo er' Bericht erstattete über seine Erlebnisse. Wie sie alle an seinem Munde hingen, wie sie all die Kunde über Leben und Leiden der Brüder, da und dort gierig aufnahmen! Die Dankesworte der Wilnaer an die heiligen Gemeinden im Süden und Westen Deutschlands wollte er wiedergeben, wenig aber von den ihm zuteil gewordenen Ehrungen Men. Und dann zurück zu Elsbe. Und immer und immer wieder wollte er aus ihren Augen, ihm zugewandt, lesen, was sie in der Zwischenzeit alles erlebt, gehofft und gelitten hatte. Der Abschiedsblick damals in der Nacht der Abfahrt vor dem Gasthaus zur großen Kanne hatte sich so tief in seine Seele eingegraben, daß er ihn in all den entscheidenden Momenten seiner Arbeit für Israel fast organisch verspürte, mitwirkend, anregend, ermutigend. Tapferes Weib Rabbi Akibas! Du hast äusgeharrt und der Zierden schönste soll Dir zu Füßen gelegt werden, so und ähnlich wollte er zu ihr sprechen, in den ersten Tagen, da sie sich die Hand reichten, um ihr junges Glück im eigenen Heime richtig unterzubringen. Ja, für dieses eigene Heim hatte er noch keine festen Pläne gefaßt. Die Gemeinde Posen hatte ihn formell zum Mitglied des Rabbinates ernannt und er hätte dort mit seinem jungen Weibe seinen Wohnsitz nehmen können, um in Ruhe seinen Studien zu obliegen, bis ihn weitere Pflicht rief. Darüber hinaus ließ aber sein Schwiegervater, Rabbi Schmuel Schotten, in seinem letzten Briefe — fast ein halbes Jahr war seitdem vergangen —, deutlich durchblicken, daß er den ernstlichen Wunsch hegte, sich von allen rabbinischen Amtsgeschäften zurückzuziehen, um sich ganz seinen Studien, der Talmudausgabe und seinem Manuskripte, das dem Abschlüsse entgegenging, zu widmen. Er ließ aber noch deutlicher erkenen, daß das Rabbinat des Rabbi Naftali Hakohen und der Vorstand, vorab Ahron Oppenheim, ihn nicht eher freigeben wollten, als bis er, Arje.Löb, gekommen sei, um seine Stelle auszu füllen. In der Wahl zwischen Frankfurt und Posen sollte sein Weib entscheiden, und ausschlaggebend für Frankfurt war die Talmudausgabe, die dort, nachdem sie gründlich vorbereitet und gesichert war., nunmehr durchgeführt werden sollte. Alle warteten sie darauf, auch in Posen und Berlin und sogar in Wilna. Arje Löb schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn, als wollte er sich zur Besinnung bringen. Er war etwas zu weit abgeschweift. Das waren alles Fragen, c die späterer Lösung harrten. Zunächst schlugen warme Flammen aus seiner Seele und wiesen, wie die Feuersäule auf dem Wüstengang Israels, den Weg nach dem Westen, zur Heimat, zu seinem Glücke, zu seinem Weibe. Neue Fuhren rollten schwer an. Es war vorgerückte Nachtstunde.. Neue Menschen traten geräuschvoll in die große Schankstube, klopften sich die Füße in den schweren Stiefeln warm und schüttelten den Schnee von den Kleidern. Fuhrleute knallten mit der Peitsche: Andere schrieen nach Speise, nach Schnaps, nach heißem Tee. Die Geräusche und Gerüche drangen ins Nebengemach und lenkten Arje Löb eine Weile von seinen Gedanken ab, just im Momente, da er, von dem Gedanken an die Talmudausgabe angeregt, feine Bücher und Handschriften dem Ranzen entnahm, un^vor dem Schlafengehen noch etwas zu lernen?. In diesem Augenblicke ging die Türe auf, und Benze Leib erschien mit zwei Männern, einem überlangen, hageren und einem kleinen rundlichen, in der Stube, zwei „würdigen Gästen", die das Schlafgemach für die Nacht mit Arje Löb teilen sollten. Der Lange , reichte zuerst Arje Löb vertraut die Hand, der Kleins löste nur zögernd die Rechte, die im Aermelfutter der linken Hand bis zur Achselhöhle vergraben war, um dann den für die kurze Gestalt viel zu lang ausgefallenen Bart von Schnee und Eiszipfeln zu befreien. Arje Löb erschrak ein wenig, als er im Langen Dawid Grün Hut erkannte. Er kannte ihn nur flüchtig, nur aus hingeworfenen Aeußerungen über ihn, die aber genügten, daß er ihm mi