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Der Israelit · 1928-02-23 · Heft 8 (23.2.1928) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 8 (23.2.1928)
Date
1928-02-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ESMS 23. Februar 1928 Nr. 8 Frankfurt a. AI., den i au svs« Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Januar 1884: Deutschland 1 Goldmark monatttch; A u s lan d: Vterteltahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Etreifbanch-Bersandes). Deutsch-Österreich: Schilling 6«—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1. Juli Kanüetch W U; Belgien ab 17.27^Belga8: Holland 8 fl.; ItalienaLl. 1.28 18 Lire; Jugoslawien 86Dtn.; Litauen 7.60 Lit.; Rumänien ab 1. 7. 27. 180 Lei; Polen 4 deutsche Doldmar! zum Tageskurs oder 7 Zlbty. Schweiz 6 Fr. Tschecho-Slowakei 28 Kronen; Ungarn Pengö 8 ab I.Iuli 1927: Dänemark 3.80 Krön.;Norwegen3.80 Kron.; Schweden 8.80 Krön. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 40 Doldvf. für die stebengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeige» nur 80Pf. Die 78 mm breite Reklamezeile: letzte Textseite 1.60 Mk., vorletzte Textsette 2.— Mk.; Ehiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufenden Jnferataufttägen tartfm. Preiserhöhung jede«. Vorbehalt. Jnseratenannahme durch de» Verlag des Israelit T. m. b. H., Frankfurt a. M., Rech netgrabenstratze 7, Tel. Hansa 8842 Sw. durch sämtl.Annoncen-Drped.des In- und Auslands.Alleinige Jnseratenann. fürFrankf. eschästsanz.: Jul. Schmidt/Langestr. 7, D, Tel. Hansa 4641. Platzvor,chr. ohneBerbtndlichk. direkt an den Verlag auf rankfurt (Main) Nr. IS 802. — AuHerdem an: Postsparkaffe Wien _ 4 — Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr." Bukarest Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. — Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder.aus Postscheckkonto iarschau Nr. 190787. — Postscheckamt Zürich Nr. Vlll Schuh der Zügend! . Von Dir. Dr. Mas in Mrth i. Zz. Gefetze zum' Schutzes der Jugendlichen sind den ältenJuden fremd gewesen.' In Zeiten, da die Jugend ins große Gange des jüdischen Volkes eingebettet -war, stand sie bei uns mehr als bei irgend einer Gemeinschaft im Mittelpunkte der allgemeinen Aufmerksamkeit und hatte gar keine andere Möglichkeit und kein anderes Bedürfnis, als in ihm und mit ihm glücklich zu werden. Die Zeiten haben sich aber geändert, bei uns wie bei andery. Der große Strom jüdischen ^Lebens ist versiegt, die Jugend wird vielfach als ein notwendiges Uebel betrachtet und geht im übrigen ihre eigenen Wege. Und von Zeit zu Zeit fällt ein greller Lichtstrahl auf diese Pfade, der uns zeigt, daß wir trotz aller Beruhigungsversuche nicht gar so weit von der „Revolution der Jugend" entfernt sind, wie sie Lindsey, der amerikanische Jugendrichter von Colorado, in seinem gleichnamigen Buche schildert. . Die Jugendlichen, die in diesen Tagen durch den -Steglitzer Prozeß zu trauriger Berühmtheit gelangten, enthüllen die tiefe Tragik, die darin liegt, daß sine Zeit, die wie keine vor ihr erfüllt ist von pädagogischen Ideen, in der Praxis vollständig Fiasko gemacht hat, so daß keine Zeit wie die heutige so viel Auflösung, so viel Haltlosigkeit und so viel Verfall in moralischer Beziehung zeitigte. Da erbebt unser Herz und besorgt fragen wir uns: Was tun w i r, was könne n w i r tun, u m unser e Jung en u n d M ä d e l s vor den vielen Gefahren, die sie von außen und innen bedrohen, zu s chü tz e n? ~ In unserem letzten Artikel „Lebensmüde" haben wir auf die Fälle hingewiesen, in denen Jugendliche ‘ durch die Schule zu Verzweiflungstaten getrieben würdendie im allgemeinen selten, bei uns Juden Gott fei Dank fast nie Vorkommen, solange Eltern noch Einfluß auf sie haben. Aber dieser ist in unseren Zeiten erschreckend schwach geworden, und das zeigt sich m der Hemmungslosigkeit, mit der sich unsere Jugend allen Antrieben und Auswüchsen des Großstädtlebens überläßt. Soweit diese als Ursachen für Fehltritte in Betracht kommen, kann es leider keinem Zweifel unterliegen, daß jüdische Jugend einen nicht geringen Prozentsatz unter diesen Unglücklichen bildet. Wir wollen-freilich nicht gern daran glauben, daß es Kinder jüdischer Eltern gibt, die so von allen guten Geistern verlassen und so elend sein können, daß sie keinen anständigen Ausweg mehr kennen. Aber wir vergessen die schreckliche Lage, in die heutzutage so viele Juden des Ostens und Westens durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Nöte hineingeraten sind.. Man kann heute nicht mehr sagen (wie es Roth, „Juden auf Wanderschaft", tut), daß es bei uns kein Proletariat gebe. Dazu drängt die Not, in die der Jugendliche durch den Antisemitismus hineingetrieben wird. Eine große geistige und seelische Pein tritt aber zu der Materiellen; körperliche Schwäche und krankhafte Nervosität, die unsere Großstadtkinder kennzeichnen, werden-tiefer empfunden durch die Entwurzelung, die sie zwischen einer im Tiefsten des jüdischen Wesens verankert gewesenen Lebensbindung von gestern und einer dem Religiösen und vor Mem dem Jüdisch-Religiösen feindlichen Kulturbindung von heute haltlos und heimatlos hin und herpendeln läßt. Körperliche Schwäche und krankhafte Nervosität sind freilich nur. zu oft Produkte der Erziehung. Man läßt die Kinder viel zu viel im Haufe und freut sich noch, wenn das wißbegierige Kind so viel liesü Wir haben uns früher gefreut, wenn unsere Kinder gern und viel lasen. Nur forderten wir jüdische Lektüre, um der nicht- oder vielmehr unjüdischen Lektüre der Pensionsgeschichten, die den Mädchen den Kopf verdrehten, und der Karl May-Erzählungen, die die Jungen betörten, ein Gegengewicht zu bieten. Aber im allgemeinen waren wir stolz darauf, wenn unsere Kinder viel lasen. Die Zeiten sind aber vorbei, wo wir uns dessen freuen oder gar rühmen dürfen. Die Augen und die Nerven leiden darunter. Bis zum Alter von 12 Jahren haben Kinder sich überhaupt mehr im Freien zu tummeln als über Büchern zu sitzen (womit das regelmäßige Lernen — p»' •pun ■pn 8'n '2 — nicht verkürzt werden soll). Das viele Lesen und die Hamit verbundene Kopfarbeit und Buchwissenschaft außerhalb der Schule (die ihre Disziplinen wenigstens dem kindlichen Auffassungsvermögen anpaßt), sind ein Schaden und bergen den Keim einer gerade bei unfern Kindern nur zu verbreiteten Krankheit in sich: der Frühreife, der nur durch Pflege der Natur und kindlichen Spiels entgegengearbeitet werden kann. Wir stellen einen großen Prozentsatz an Schülern für alle höheren Schulen. Aber daß die Realgymnasien so unverhältnismäßig zahlreich von uns besucht werden, mag mit dieser heute unheilvollen Erziehung zum Buch Zusammenhängen. Es mag Zeiten geben, wo es bildend wirkt. Sie waren da und werden wieder kommen. Heute wirkt es v e r bildende Entsittlichend aber wirken die Zeitungen aus die Jugend. Lieber läuft das daran gewöhnte Kind ohne Frühstück in die Schule, als daß es sich die Zeitung entgehen läßt. Die Blätter der Kleinstädte, die jedem Kinde verständlich schreiben, richten da wirkliche Verheerungen an. Aber auch die großen Weltblätter, die immer viel enthalten, was für die Kinder unverständlich und darum langweilig ist, bieten dem Jugendlichen noch genug, was ihn reizt, was zerstörend auf sein Seelenleben wirken muß. Ich rede nicht von den religionsfeindlichen Artikeln, nur von der Chronik der Skandale und Unfälle. Die Herren im Reichstag regen sich über die Prozeßberichte zum Fall Krantz und über seine Wirkung auf die Jugendlichen auf. Aber enthüllt denn das Feuilleton, wie es etwa in voriger Woche in den Spalten der größten Tageszeitung erschien, nicht ebensoviel von den Abgründen des sinnlichen Lebens? Freilich ist Her Protest gegen diese Veröffentlichungen nur zu rechtfertigen, wo das Familienleben den Kindern als unantastbares Heiligtum gilt. Da dies aber in vielen Fällen heute auch nicht mehr gilt, nicht mehr gelten kann, ist dieser Kampf ebenso wie das Gesetz, das der Staat vor längerer Zeit gegen Schmutz und Schund beschlossen hat, erfolglos. Danach sollte vor die Vergnügungen und Filme, die nicht für die Augen der Jugendlichen bestimmt sind, ein verhüllender Vorhang gezogen werden. In der Oeffentlichkeit und vor allem in der Presse war man nicht sehr erbaut davon. Man witterte Reaktion. Aber das dürfte uns nicht genieren. Es gibt Gebiete, auf denen die Reaktion sicherer zum Fortschritt führt .als. der Liberalismus. Aber aus einem anderen Grunde könnewwir uns von dem Gesetz nicht viel versprechen. Solange die ganze Atmosphäre, in der die Jugend sich bewegt, nicht anders wird, kann mit solch äußeren Mitteln nicht geholfen werden. Die Ausschüsse mögen die Jugendlektüre überwachen, der Staat mag die - Filme für Jugendliche kontrollieren, aber/ wer sorgt dafür, daß der Jugendliche Jugend-

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