Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1928)
- Date
- 1928-02-16
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 4 Der Ssiailit Bl 8 tter 16 Februar 1928 Erez Jisroel" reden? Das wäre ja gar nicht wesentlich, sondern allein maßgebend wäre dann die Einstellung unserer Führer. Die Frage sei nun erweitert: Ist die Jugendorganisation nur Werbeorganisation zur Agudas Jisroel, Resonanzboden für die Anschauungen der agudistischen Führer, oder ist sie Erziehungsbund? Schon erhebt sich der Einwand, das Begeistern der Jugend durch unsere- Führerpersönlichkeiten sei ja Erziehung im besten jüdischen Sinn, und die Schlußfolgerungen, die hier gezogen werden, seien darum durchaus abwegig und unzutreffend. Hier erscheint es richtig, einige Worte zu dem Führerkult zu sagen, der in den letzten Jahren in der Jugendorganisation Platz griff. Grade wer sich nach der Unterordnung unter einen bespielgebenden Menschen sehnt, grade wer den n"n VwV im Sinne unserer Weisen für die beste Erziehungsform hält, dem muß das Herz bluten ob des Mißbrauches dieser hohen Einrichtung durch phrasenbefangene Zei- . tungsschreiber und pathosbegeisterte Versammlungsredner. Denn unter N"N mm verstand man in alten Zeiten nicht, einmal im Jahr einen Vortrag dieses n"n zu hören und sonst nur seinen Namen in Verbindung mit allerlei schmückenden Veiworten versehen in Artikeln zu lesen, sondern das verstand man früher darunter: in der Nähe dieses rrn zu leben, seinen Lebenswandel zu beobachten, seine Anschauungen nachzudenken, und vor allem nicht aus seinen Worten, sondern aus der Alltagstat von ihm zu lernen. Das hingegen, was heute in der I. O. als Einfluß des Führers geboten wird, ist ein letzter Anklang an diese alte Form des mmt seine Wirkung ist Erziehung zur Seichtheit, zur Kritiklosigkeit, zum leeren Pathos und zur Verdummung. Wer der Theorie nicht glaubt, möge die Praxis sehen: Den Zusammenbruch der '"X-Begeisterung. Die Frage war aufgeworfen worden: Ist A. I. I. O. eine Werbeorganisation für Agudas Jisroel oder ein Erziehungsbund? Wir werden — dies sei von vornherein bemerkt — für diese Frage einem Kompromiß nie zustimmen. Entweder ist die I. O. eine nur durchs Alter geschiedene Zweitauflage der Hauptorganisation oder, ein Erziehungsbund. Zwischendinge schaden dem Werben von Mitgliedern und schaden der Erziehung. Mögen sich auch viele darum für das erste entscheiden, diejenigen jedoch, die in Agudas Jisroel die Verwirklichung des «mp ay ersehnen, die werden stets und ständig dafür eintreten, die Jugend zu dieser zu erziehen. Auch das Kompromiß, daß die I. O. weiter Mitgliederwerben treibe, und eine Sondergründung für die höher stehenden und „höher steigenden" besondere Erziehungsbedürfnisse erfülle — oder gar eines,, das eine Erziehung für die höheren und eine andere für „die Maste" kennt, wird von ihnen abgelehnt werden. Diese Fragestellung ist nicht neu, und um sie tobte die Diskussion aus dem vergangenen Bundestag. Wir gingen" ihm mit großen Hoffnungen entgegen: Zum erstenmal kam die Opposition in entsprechender Form zum Vorschein, die Redner beinahe samt und sonders aus der Opposition geholt — dies schien uns Anzeichen einer Neuorientierung der Jugendorganisation, einer Orientierung vom Werbeverband her zum Erziehungsbund hin. Die Teilnehmer erinnern sich noch daran, wie in der Diskussion beide Anschauungen miteinander rangen — vor allem vielleicht an das-Bedauerlichste: daß da zwei Kreise waren, die sich durchaus nicht verstanden, von denen einer die Sprache des andern nicht begriff. Wenn z. B. die Opposition bestimmte Arbeitsmethoden forderte zum Zwecke der Erziehung, so antwortete der O. V.: Arbeitet nach Euren Methoden und zeigt uns, ob Ihr damit die Mitgliederzahl vergrößert. Daß für die Opposition die I. O. nur Erziehungsbund zu sein hat, somit also alle Bewertungen nach Mitgliederzahl, Beitragshöhe u. ä. ihr nebensächlich sind, — daß es ihr nicht auf die Zahl, sondern auf die Güte der Mitglieder ankommt, — daß bei der positivsten Arbeit, die es überhaupt gibt, der Formung von Menschen, der Erfolg sich erst nach Jahren einstellt und nicht statistisch verfolgt werden kann, — daß dabei jede materielle Bewertung unsinnig wird, — das konnte die andere Seite nicht verstehen. Und so brachte auch das Ende des Bundestages eine starke Enttäuschung: der bisherige O. V., der der Opposition gar nicht entgegenkommen kann, weil er sie nicht versteht, blieb im Amte, und die Opposition konnte wieder gehen. Was aus den Forderungen der Opposition geworden ist, in dieser seltsamen Verquickung von Werk- und Erziehungsbund, das dem O. V. nun vorschwebt, zeigt am besten die Groteske der kommenden „Kulturwoche". So bricht sich die Ueberzeugung immer mehr Bahn, daß ein Systemwechsel nur möglich ist zugleich mit einem Personenwechsel. Kehren wir zu unserer '"X-Einstellung zurück. Eine Behauptung fei nun aufgestellt, für die die Beweisführung den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen würde. Uns allen fußt unser Judentum auf ein Zusammenwirken all unsrer Seelenkräfte, auf das religiöse Erlebnis, das im Gefühl wurzelt, und auf die Erkenntnis in der nniri' die im Verstand beheimatet ist. Während aber die Stellung zur Welt dem Agudisten wesentlich von seiner Erkenntnis befohlen ist, ist die des Misrachisten, ja der meisten nicht-agudistischen Orthodoxen vom Erlebnis diktiert. (Wie jede Regel, die die Handlungsweise einer Vielheit lebendiger Wesen auf eine einfache Formel bringen will, hat auch diese viele Ausnahmen; als Norm stimmt sie.) Oder: Während dem Nichtagudisten die Gesamtheit eines jüdischen Wissens zu einer Einheit verschmilzt, die im Gefühl, im Instinkt sich auswirkt und von der er sich für feine Einzeltat leiten läßt, ist dem Agudisten jeder Entschluß, besonders im öffentlichen Leben, wert einer logischen Sonderforschung im Religionsgesetz. So kommt es, daß der Misrachist dem Erlebnis von Volk, Land und Sprache zugänglicher ist, daß ihm das ästhetisch ansprechende Band der Einheit mehr gilt, als die logisch abgeleitete und im scheinbaren Widerspruch zum' Ganzen stehende Sonderbestimmung des wü nTn'y naw Daher sollte es auch kommen, daß ihm, dem Romantiker, ganz andere Propagandamittel zur rpVy dienen, als uns, den Logikern. Um es klar auszudrücken: Die mechanische kebernahme der Arbeitsmethoden der Zionisten seitens unserer v,x -Stellen war die Ursache des Mißlingens unserer '"X-Bewegung. Es enttand nämlich folgendes: Eine Organisation, deren Weltanschauung auf das Intellekt basiert, propagierte ihre Anschauung, indem sie auf das Gefühl einwirkte. Dies wäre vielleicht dort Züchtbar und möglich gewesen, wo diese scharfen Scheidungen in der Weltanschauung unwesentlich sind: im Osten. Aber hier in Deutschland, wo jede Bewegung zugleich mit ihrer Philosophie auftritt, wo das geistige Rüstzeug für jeden jüdisch politischen Kampf geschmiedet wird, so zu arbeiten, war ein unmöglicher Zustand. Kein Wunder, daß er zusammenbrach. Es ging eben nicht an, '"X mit Aguda und Reisebeschreibungen zu verherrlichen, pathetische Reden dafür zu halten, sich am Zahlenrausch der 80 000 Dunam zu begeistern und weiterhin in dieser Art zu arbeiten. Die politischen Instinkte, die Sentimentalität für die Klagemauer, das Mitleid mit der Chaluka, den Zorn wegen der naw-Entweihungen für die Jnteressierung an '"X auszupeitschen, und das Ganze mit px nan zu firmieren, das konnte vielleicht ein Strohfeuer entzünden, aber keinen festen Aufbau schaffen. Wie jede Liebe im Judentum, geht auch die wahre px nan über die ny’T. Nicht die Gefühlskräfte galt es, für *>"X zu packen, sondern dem Verstand die Erkenntnis seines Wertes einzubrennen; nicht das, was ihn i n '"K interessiert, sollte der junge Agudist wissen, sondern das, was ihn a n ■'"X interessiert. Man wende nun nicht etwa ein, was wir wollen, sei nur gut für eine höhere Schicht, die „Masse" müsse man jedoch immer, im Gefühl packen. Denn zur „Masse" hinunterzusteigen, und ihre Instinkte zu spannen, das ist gewiß bequemer und weniger mühevoll, als sie zu bilden und ihre Vernunft zu erfüllen — aber es ist um so fruchtloser: so. wie die Jnteressierung heute kommt, so vergeht sie morgen. Wer der Theorie nicht glaubt, möge die Praxis sehen: Den Zusammenbruch der ’"X -Begeisterung.. Und wenn nur der Wille vorhanden ist, den schweren Weg des Intellekts zu gehen, er ist auch mit der Masse zu gehen. . So wie wir uns freuten, als Jacob Rosenheim in der Eröffnungssitzung des Bundestages eine klare und grundlegende Absage dem Pathos erteilte, so freuen wir uns mit dem Referat Jacob Landaus, der uns zum erstenmal den ernsten Willen der Palästina-Zentrale zeigt, vom bisherigen Weg abzugehen. Diesen ersten Versuch einer agudistischen Stelle, Jntellekterziehung im großen Stil zu treiben, die jüdischen Grundanschauungen des einfachen Agudisten zu modifizieren und zu bilden — wir begrüßen ihn warm, und es fällt uns schwer, hier die objektive Kritik anzusetzen. Diesem schmalen Büchlein wünscht man weiteste Verbreitung (auch entsprechend seinem billigen Preis von 1,20 M.) und die Kritik, die nun gegeben werden soll, soll mehr, dazu anregen, das Referat in die Hand zu nehmen nls etwa wegzulegen. Der Kern des Referats, die Beweisführung für das Soharwort, die mirv Volk und Land Jisroels sei eins, sowie die Folgerungen aus diesem Wort, zeigt starke Beeinflussung durch die Ideen Isaak Breuers. Insbesondere die Gegenüberstellung der jüdischen Nationalzu den anderen individuellen Religionen, die geschichtliche Darlegung des Verhältnisses Staat-Religion, lesen sich zum Teil wie Auszüge aus den letzten Werken Breuers. Dies ist alles andere als ein Tadel; vielmehr erschien uns die Popularisierung der Werke Breuers stets als wesentliche Aufgabe der I. O., mag man selber von seinem Standpunkt und seiner Weltanschauung noch so entfernt sein. Schwach ist in viii die Ueberleitung vom Volksbegriff Israels zur Heiligkeit des Landes: bessere. Durcharbeitung des Begriffes.tmp' auf bloße Materie angewandt, wäre nötig gewesen. Geschichtlich fchwer halbar die Behauptung, '"x sei in seinen geographischen und wirtschaftlichen Bedingungen äußerst schwach und machtlos gewesen. Formal muß die etwas schwere Sprache auffallen, die nicht recht geeignet ist zur Popularisierung weltanschaulicher Probleme. Besonders bedauerlich aber ist, daß die Ausführungen zu theoretisch sind. Der junge Agudist, der nun erzogen werden soll zu v,X' dem ’,,x nicht mehr romantische Gefühlsangelegenheit, sondern Sache der logischen Ueberlegung an der Hand der min werden soll — kurz, der nicht mehr begeistert, sondern überzeugt werden soll — der wird, so fürchten wir, auch aus dieser Schrift nicht lernen, seine Einstellung zu ''"X zu ändern. Die Stelle, an der der Verfasser hätte anschaulich werden können, den Einzelnen in seinem Leben hätte packen können —, die Stelle, an der er dem Leser zugerufen hätte: Deine Sache wird hier verhandlt; Du bist nicht Zuschauer, sondern Mitspieler — dieser Ansatz, den er einmal versucht (S. 22 unten), bleibt in den Anfängen stecken. Und so bleibt das Referat zu allgemein, zu theoretisch, zu blutlos, zu zahm. Es hätte nachgewiesen werden müssen, wie der einzelne im Wirtschaftsleben niTay ständig mißachtet, wie die Möglichkeit eines konseqeunten jüdischen Lebens in völlig ausgeschlossen erscheint; auf dieser Grundlage hätte Landau d^e Beweisführung errichten können. Doch diese verpaßten Gelegenheiten ändern nichts an dem positiven Wert des Büchleins. Wir betrachteten es als Symptom und freuen uns seiner, freuen uns der Erkenntnis, die nun zu andern Wegen führt. Hoffentlich nicht zu spät. Auf daß in der I. O: eine ''"X-Bewgeung erstarke, die nicht in Beifallsdemonstrationen und in einstimmigen Resolutionen sich auslebe, sondern ihre Glut finde im ernsten Willen einer nüchternen Jugend. messsm