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Der Israelit · 1928-02-16 · Heft 7 (16.2.1928) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 7 (16.2.1928)
Date
1928-02-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuerzeichen. Kr« Hhetto-Noman von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) Elsbe wartete, litt, wappnete sich mit Geduld und erprobte ihre Kraft. Nathan, der junge Sohn Ahron Oppenheims, der große Bücherfreund, hatte von Wien oder Prag mit änderen Neuausgaben die jüdischdeutsche Bibel des UriFeibus Levi, die als erste in Amsterdam erschienenwar, und auch andere jüdisch-deutsche Bücher, die damals Aufsehen erregten, mitgebracht. Er lieh sie Elsbe, die in ihrer Wartezeit aus ihnen wie aus. einem unversiegbaren . Born schöpfte. Die Welt ihrer Vorstellung bekam durch die Lektüre noch festere Umrisse. Sie las sie mit Hanna, der treuen Pflegerin ihrer Kindheit, und allein. Sie tauchte ihre Seele darin wie in ein Lichtmeer und erlebte Tiefstes über den einfachen Wortsinn hinaus. . Wie neu und altverträut war das alles, was darin von Exil und Erlösung stand! „Hinter der Stadtmauer Roms sitzt unter Krüppeln und. Bettlern einer, dessen Körper mit blutenden Wunden vollbedeckt ist. Heilt ihm die eine Wunde, so tuen sich gleich zwei neue auf. Sind aber einmal die Wunden, alle geheilt, dann steht er, der Messias vor den Toren Roms, auf, schlägt Gog und Magog nieder und sammelt Israels letzte Teile auch jenseits des Sambatjon.-- —" - „Irgendwo in der weiten Wildnis weidet der g roß e Sti er, „Schor Habbar" genannt, und auf dein Meeresgründe ruht L e v i a t h a n, der Riesenfisch, mit dem.Gott spielt. Bewegt er sich, gehen die Wellen hoch und überfluten Städte und Dörfer. Sind aber Moschiachs Wunden geheilt, daß er von Rom aus, Gog Magog bezwingt, Israel sammelt und ins heilige Land führt, dann wird der große Stier von Gottes Hand geschlachtet und Leviathan zerlegt, daraus ein großes Festmahl für die Gerechten unter Sonnenbaldachin bereitet wird. Den Segensspruch nach dem Mahle spricht' König David, mit Harfe und Psalter.- Und Elsbe hörte, sah und erlebte, sah die weiten Felder und blühenden Auen, Wälder und Meere, die alle zusammen sich Welt nannten. Israel-' es ist das Gottesvolk, ist überallhin verstreut und versprengt. Moschiach hatte seine Vorboten, die die Teile zusammenhielten, btzvor die endgültige Sammlung kam. Und ihr Auserwählter, Arje Löb, war dieser Vorboten einer. Und sie wartete und hatte Teil an diesem großen Werke der Erlösung. „Ist da Irgendwo, las sie, an einer kalten, öden Stelle der Welt ein Volk, Gog u Magog genannt, wildstürmend wie des Meeres Wogen, Völker zertritt es wie Strohhalme. Schrecken zieht ihm voran und Blut zeichnet seine Spur. Und wenn dieses wildwogende Volk niedergerungen zu Boden, liegt, dann ist Moschiach da, um Israel aus den vier Enden der Erde zu sammeln. — — —" „Und weit hinter den finsteren Bergen ist ein Land, von einem Meere von der anderen Welt getrennt; Steinwogen treibt das Meer, daß sich ihm kein Mensch nähern kann. Sambatjon, heißt das Meer, das nur am Sabbat ruht, aber dann von einer finsteren Wolke überzogen ist, daß keiner hen Weg hinüberfindet. Jenseits des Sambatjon erhebt sich das glückliche, glühende Land wie ein weites Paradies, in dem die versprengten zehn Stämme Israels ein Leben unter einem mächtigen König, in einem Lande, in dem die Sonne nie untergeht, in paradiesischem Glücke führen. Ist Gog und Magog niedergerungen und Moschiach da, dann ruht auch Sambatjon- und Moschiach stößt in sein Sämmelhorn, daß die verlorenen Stämme zu ihm herüberkommen und ihm im Triumphzuge zum wiedererbauten Tempel in Jerusalem folgen-—" An einem Ende der Welt, wo der Himmel ewig blau und die Sonne golden scheint, ist auf sieben Hügeln die Stadt Rom erbaut, die hoch bleibt, allsolange Jerusalem in Schutt und Asche liegt.' Männer von Geist und Kraft tragen Stein um Stein, bauen und bauen. Ihr Vater, Rabbi Naftali und die vielen anderen. . . . Einer oben, einer unten, einer nah, der andere weitweg oder hochoben, wie beim richtigen Bau. Ihr Baumeister war weitweg, hochoben. Wie lange noch, wie lange? Wann kommt das Zeichen, daß Gott sein Volk sammelte? Da schrillte ein reißender Ton und noch einer und noch einer in ihre stillen Gedanken. Sie schrak auf. Was war das? Schofar in den Tagen des Tammus? War Moschiach da und stieß er in die Posaune, um sein Volk zu sammeln? Erst später erfuhr sie aus dem Munde des Vaters, daß die Schofartöne aus der Schul kamen als feierlicher Ausklang eines Verdammungsurteils gegen Gottesleugner. Ja, die Gottesleugner. Auch von diesen stand mancherlei in den neuen Büchern. Sie waren es, die die Erlösung aufhielten, die mit ihrer Sündentat Stein um Stein von der Mauer abrissen, die die Anderen bauten. Sie sah hinaus, sah einem Schatten nach, der sich gegen das Ghettotor bewegte. Die Schattengestalt wuchs, wurde lang und dünn, verschwand, und es wurde ihr schwer ums Herz. Was wußte sie von Grünhuts Schatten, der auszog, um sich von fern her auf ihr Glück zu legen und auf das Werk der Erlösung? . '. . 14. Zwischen Stoppelfeldern, Heideland, Wald, Steinbruch und Geröll zog sich schmal und steinig der Fahrweg nach Wilna, auf dem hie und da ein Zeltwagen herholperte, von Pferden gezogen, die mechanisch, wie im Schlummer, dahertrotteten. Senkte sich über die Tannen und Buchen die Nacht, Weg und Wagen einhüllend, regte sich von rechts und lipks die in ihrem Schutze erwachende Kreatur. Eulen und Unken und allerlei Käuze riefen herüber und hinüber/ oft übertönt von schrillem Geheul, wobei Augenlichter aufflammten, die die Fuhrleute zusammenschrecken' ließen und die Pferde wie lähmend zum Stehen brachten. Es waren'Wölfe in der Gegend, die sich in kalten Winternächten im Walde in Rudeln herumtrieben. Im Frühjahre, wenn von der anderen Seite die Wilija ihre Eisdecke abwarf, und hundert Flüßchen in ihrem Laufe freiwurden, war der Fahrweg nur noch ein langer Sumpf- und Lehmgraben, in dem die Räder sich alle paar Schritte festrannten. Im Hochsommer war der Lehmboden hartgetrocknet, aber die ersten Fröste im Winter erfaßten die wellige Sumpffläche wie sie war, versteinerten die Vertiefungen und aufgeworfenen Kothaufen zu Gruben und Hügeln, zu einem Auf und Ab, daß die Menschen auf den Fuhren nur so zwischen Himmel und Erde herumgeschaukelt wurden und wie gerädert an. der ersten „Kretschme" hielten, um sich eine Weile, wie auf grüner Insel mitten im wogenden Meere, von den Torturen zu erholen und für neue Kraft zu sammeln. Erst wenn viel Schnee gefallen, war und/sich eine meterdicke weiße Decke über alle Krümmungen ausgleichend legte, rollte der Schlitten mit lustigem Geläute auf ebener Bahn dahin, daß es schien, als feien hinter der schwarzen Baumwand alle Waldgeister erwacht, um im Wettlaufe hinter dem Gefährt herzujagen. Auf weite Meilen verteilt, blinkten Lichtpunkte aus der tiefen Nacht und winkten, dem Reisenden Rast. Hunde schlugen an. Ein Dörfchen mit einer „K r e ts chm e" am Eingang und daran anschließend ein Häuflein kleiner Lehmhütten. Oft aber war es nur ein einsames langes Haus am Waldesrand, aus Holz und Schindeln mit überwölbtem Dache aus bemoostem Stroh, aus dem ein dünner Blechschornstein ragte; mit einem kleinen Eingang für die Menschen und einer größeren Toreinfahrt für Wagen und Pferde. Davor ein knorriger Baum, wie aus dem ersten Schöpfungstage und in dessen Schatten eine breite Holzbank für den Sommer. Viele Klötze üsid Baumstämme lagen quer übereinandergeschichtet vor dem Hause, und an der einen Wand empor erhoben sich die Pyramiden feingehackten Kleinholzes. Sommer wie Winter, Tag wie Nacht, standen Wagen vor der Kretschme, immer jagte der Rauch in dünnen, dichten Schwaden aus dem steilen Blechschornsteine, stets geisterte bis zum hellen Morgen das ^übe, in Rauchqualm wie in eine Kapsel eingehüllte Licht durch die kleinen Fensterscheiben, sofern diese nicht mit Tüchern und Lumpen ersetzt waren, auf die finstere Straße hinaus, immer drang wüstes Geschrei und Gejohle aus dem Haufe, nie fehlten die Ganz- oder Halbbettunkenen unter dem Baume, die wetterten und miteinander rauften. Im Innern ertrank alles. Sehen und Hören in Qualm und Lärm. Im ersten Augenblick sah man, wenn man den Raum betrat, nichts und hörte feine eigene Stimme nicht. Dann hob sich nach und ' nach vor dem Auge ein langer Raum vom - Qualm ab, ohne Fußboden, darin um rohe ungehobelte Tische auf langen Bänken schreiende, rauchende, trinkende Menschen saßen, lärmten, Würfel spielten oder schliefen. Fuhrleute hatten rote Nasen, liefen in ihren langen derben Stiefeln hin und her und rieben sich die Hände warm. Reisende in Ziegenpelzen saßen am Tische und tranken aus den Gläsern, die sie am dampfenden, bauchigen Samowar wie aus unversiegbarer Quelle immer und immer wieder füllten, unter seufzerartigem Schlürfen Tee. Aus halben Wassergläsern wurde Schnaps getrunken. Auf dem Boden zufammengekauert 'faß ein Bäuerlein und zog aus seiner Harmonika Lieder, „vom Mädchen, das starb an Herzleid, da der Schatz war so weit, so weit". Das hinderte andere Bauern und Kutscher nicht, neben und unter dem Tisch auf dem Erdboden, in ihre . weiten Soldatenmäntel gehüllt; sich mit lautem Geschnarche, , bas sich anhörte wie das Röcheln Erschlagener, so behaglich zu' strecken wie auf der heimischen Ofenbank-. An einem eigenen Tisch um einen eigenen Samowar herum saß eine Anzahl von Fuhrleuten, die sich von da und dort hier trafen, und logen sich, an kurzen Pfeifen schmauchend, gegenseitig Erlebnisse auf nächtlicher Fahrt vor, mit Wölfen und anderen Ungeheuern und „Nichtguten" (bösartigen Gespenstern, die die Menschen und besonders die Fuhrleute in dem Sumpf narren), daß sie vor ihren eigenen Lügen erschauerten. -Hinter einer mächtigen Theke, auf der Kringel, Heringe, gekochte Eier; ein Krug Branntwein, Würste und ähnliches mehr aufgestapelt waren, residierte in der Kretschme, mit scharfen strengen Augen unter dicken Brauen das Ganze überwachend, V e n z e Leib, der Schänker, ein vierschrötiger, rotbärtiger Jude, ein Riese in Hemdsärmeln, die Vruftt mit schwarzweißgestreiftem Mieder, an dem laüg Schausäden baumelten, bedeckt. In einem Gemisch von Litauisch-Polnisch- Russisch und Jüdisch verhandelte er' mit den Gästen, schrie er mit den Bauern und Fuhrleuten und hielt sie zur Ordnung an. Wie ein

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