Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1928)
- Date
- 1928-02-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr- 6 tiinderecke. Das Neujahr der Bäume. Ein Chamischo-oßor be Schlvat-Märchen. Don ZKinna Areund Warst in Kalfa. (Schluß.) Sie gingen durch einen tiefen, dunklen Schacht im Waldesboden und je länger sie gingen, desto kleiner wurden sie und wie sie vor dem großen goldenen Tor anlangten, das zum Palast der Waldeskönigin führte, waren sie so klein, wie das Zwerglein, das sie begleitete und das mit einem goldenen Schlüssel das Tor öffnete. Weit sprang er auf und sie traten in einen geräumigen Vorhof, in welchem tausend und abertausend winzige Quellchen rieselten. Und bei jedem Quellchen standen kleine Zwerge und schöpften das kristallklare Naß in Eimerchen, mit denen sie hurtig durch tausend Schächte bis an die Grenze der Erde liefen. Dort tränkten sie die Wurzeln der Bäume mit dem Lebenssaft und kehrten mit dsn leeren Eimerchen wieder zu den Quellen zurück. „Wie fleißig diese Waldgeisterchen sind", sagte Frau Leah. „Warum haben sie es denn gar so eilig?" „Sie erfüllen das Gebot des Himmels: Am fünfzehnten Schewat müssen alle Bäume auf der ganzen Erde mit Lebenssaft getränkt werden. Denn an diesem^age ist das. Neujahr der Bäume und da wird ins große Buch der Natur geschrieben, was zum Leben bestimmt ist und was zum Sterben, was blühen und was dahinwelken soll in der großen Familie der Pflanzen. Da schickt der liebe Gott alle Boten auf die Erde, damit kein einziges Bäumchen ohne den Quell des Lebens bleibe/' Und die Waldmutter schwebt am frühen Morgen in den Himmel und bleibt den ganzen Tag beim lieben Gott und bittet ihn, ihre Kinder vor Tod und Verderben zu bewahren. Und weil sie bittet und fleht wie nur eine Mutter flehen und bitten kann, wird im Himmel droben manches Urteil über ein Bäumlein zum Guten gewendet. Am Abend aber, wenn alle Arbeit im Walde getan ist und die Königin heimkehrt, wird ein großes Fest gefeiert mit Gesang und Tanz und Spiel. An diesem Feste sollt Ihr heute teilnehmen." Der kleine Zwerg führte sie weiter — sie kamen durch silberne Hallen, in denen Zwergenkinder mit weißen Blütenbällen spielten in stille Gemächer, deren Wände mit grünem Moos verhangen waren und in denen auf weichen Betten kranke Baumwürzelchen lagen, die von ernst dreinschauenden Zwergenärzten gesund gemacht wurden. Weißgekleidete Zwergenschwestern gingen lautlos durch die Räume, reinigten die Wurzeln von den Würmern, die an ihnen fraßen, verbünden ihre Wunden und besprengten sie mit dem heilsamem. Lebenssaft. Die gesunden Würzelchen krochen wieder hinauf bis knapp an die Erde und wie sie sich dahinschlängelten, war das so possierlich anzuschauen, daß Frau Leah laut auflachte. „Pst, Du störst mit Deinem lauten Lachen die Ruhe der Nachtwärterinnen — die schlafen jetzt, denn sie haben die ganze Nacht Dienst und müssen wohl ausgeruht sein, um ihren schweren Beruf erfüllen zu können- Nun will ich Euch noch in unsere große Küche führen, wo das Festmahl für den heutigen Abend bereitet wird." Sie gingen durch Vorratskammern, in denen auf endlos langen Brettchen hunderte und hunderte von Flaschen und Säckchen standen, in einen lichten, freundlichen, großen Raum. Dort standen an sauber geputzten Oesen die fleißigen Schülerinnen der Zwergenmädchenschule .und kochten unter Anleitung ihrer Lehrerin die köstlichsten Dinge. Im Der Israelit anstoßenden Raume wurden auf Schüsfeln^aus reinem Bergkristall die Speisen zierlich serviert, dann kam wieder ein großer Raum, in welchem Zwerge mit Küferschürzen aus riesigen Fässern Blütenwein in Flaschen füllten, die dann von anderen Zwergen in den großen Speisesaal getragen und auf langen Tischen aufgestellt wurden. Endlich. wurde es Abend. Unsere lieben Freunde ryaren schon recht müde vom vielen Schauen und der Zwerg brachte ' ihnen zwei Stühle, auf denen sie von ihrer Wanderung ausrühten. Sie nickten ein und als sie. die Augen aufschlugen, sahen sie sich in einem herrlichen Saal, dessen Wände aus eitel Diamant gemeißelt waren. Es war schon Nacht, und die Zwergkönigin saß auf ihrem Thronsessel, umringt vom ganzen Zwergenvolks. Nirgends war eine Lampe angesteckt und doch war der große Saal in eine Fülle von Licht getaucht. Das Licht entströmte den Edelsteinen, die von der Decke herab funkelten und sich in den blank gescheuerten Dielen aus Glas spiegelten. Nie in ihrem ganzen Leben hatten Elieser und Leah ähnliche Pracht gesehen. Und zur Augenweide gesellte, sich alsbald ein Hochgenuß fürs Ohr, Alle Vögel des Waldes waren gekommen, um der Königin ihre Huldigung in Liedern darzubringen. Und als ihr Gesang verklungen war, kamen die Musikanten des Waldes und spielten zum Tanze auf. Die Grillen strichen die Fiedeln, die Grashüpfer rupften die Saiten der Zithern, dicke Brummkäfer spielten den Konterbaß und am Dirigentenpulte stand ein schlanker Libellenjüngling und schwang voll feurigem Eifer den Taktstock. In einer Tanzpause wurden Elieser und Leah der Königin vorgestellt. Sie sagte ihnen viel liebe Worte und versprach ihnen, sie und ihre Kinder in ihren besonderen Schutz zu nehmen. Dafür mußten sie ihr geloben,, die Bäume zu pflegen und alljährlich am fünfzehnten Schewat ein neues Bäumchen zu pflanzen. Und sie gebot ihnen, den fünfzehnten Tag im Monat Schewat als das Neujahr der Bäume zu feiern und an diesem Tage dem himmlischen Vater Dank zu sagen, weil er wieder Saft' in die Wurzeln schießen lasse und alle Kräuter zu neuem Leben erwecke. Sie gab ihnen einen zarten Baumschößling zum Geschenk, den sollten sie einpflanzen, wenn sie wieder auf die Erde kämen. „Und zur Wiege nehmt Holz von dem Baume, der gefällt auf dem Wege liegen wird, wenn Ihr heimkehrt", sagte sie zum Abschied. Auf einen Wink von ihrer Hand stand vor dem Tore des Zwergenpalastes ein goldener Wagen und sie fuhren heim auf die Erdenwelt. Und wie sie aus dem Wagen stiegen, um das kurze Stück Wegs zum Waldessaum zu Fuß zurückzulegen, wuchsen ihre Gestalten und sie wurden wieder Menschenkinder wie früher. Nur der Bäumschößling, den Elieser behutsam in seinen Händen hielt, gemahnte sie an die wunderschöne Reise ins Reich der Bäume. Sie trugen ihn heim und pflanzten ihn ein und sangen die Lieder, die sie von den Vögeln gelernt hatten, zum Preise Gottes, Und aus dem Baumstamme, der quer über ihrem Weg lag, als sie heimkehrten, machte Elieser eine schöne Wiege, in welche die lieben Engel bald darauf ein Knäblein legten. Im nächsten Jahr lag ein liebliches Mägdelein in der Wiege, und die braven Engel brachten noch oft Kindersegen in Eliesers Haus. Und als die kleine Schar heranwuchs, erzählten Vater und Mutter den Kindern von ihren Erlebnissen im Reich der Pflanzen und die .Kinder horchten, auf und freuten sich in jedem Jahre auf den fünfzehnten Tag im Monat Schewat. Denn an diesem Tage durften sie in aller Gottesfrühe mit Vater und Mutter hinausziehen in den Wald und jedes Kind durfte -einen Vaumschößling ins Erdreich setzen. Dann gingen sie heim'und es standen Nüsse und Mandeln, Datteln und Feigen, rotwangige Äepfel und goldleuchtende Apfelsinen und süße Rosinen auf dem Tische—siebenerlei Früchte, für jedes der sieben Kinder eine besondere Art. 9. Februar 1928 Die Kinder wurden, groß, cheiräteten und bekamen wieder Kinder und Enkelkinder und alle feierten, das Neujahr der Bäume und erzählten ihren 'Kindern von den Wundern der Chamischo oßer be Schewat-Nacht. Und so kam dys schöne Fest zu allen jüdischen Kindern und sie bewähren .es bis zum heutigen Tage in treuer Obhut. Aber die armen Juden wurden aus ihrer Heimat vertrieben und irren jetzt beinahe zweitausend Jahre in allen Ländern der Erde umher. -Nun kehre ich von ihnen heim und das schöne Fest, das im Galuth beinahe verkümmert ist, wie die jenigen, die es ferne von der Heimat nur im verblaßten Gewände der Erinnerung feierten-, lebt wieder auf in alter Pracht. Wie einst die Kinder Eliesers und Leahs, so ziehen heute alle Judenkinder, die wieder in der alten Heimat wohnen, am Morgen des fünfzehnten Schewat hinaus ins Freie und pflanzen Bäume. Und die gütige Erde nimmt die Schößlinge wieder wie einst in ihre fürsorgliche Obhut, damit keines verkomme und jedes zu einem Baume werde, der Früchte gibt und Schatten spendet. Und wenn Ihr nach Erez Jisroel kommt, liehe Kinder, die Ihr noch im Galuth Zion entgegenträumt, dann werden Euch wieder grüne Bäume grüßen und die Vöglein werden Euch in hellen Jubeltönen willkommen heißen in der alten Heimat. (Eine Pogromreliquie im vdeffaer Meadeli-Mufeum.) Das vor kurzem in Odessa eröffnete Museum für jiddische Kultur, das den Namen des Dichters. Mendel« Mocher Sforim trägt, beherbergt eine Reliquie, die erschütternde Erinnerungen weckt. Es ist dies ein gedruckter Aufruf der jüdischen Gemeinde der ukrainischen Stadt Ananiew an die Banden Petljuras, in welchem diese beschworen werden, von ihrem blutigen Handwerk zu lassen und die friedliche jüdische Bevölkerung zu schonen.- Das Exemplar ist durchtränkt mit jüdischem Blut; dies war die Antwort, die die Pogrombanden auf den Aufruf zur Menschlichkeit gaben. ~ (Lin Totgeglaubter kehrt wieder) Die Blätter melden: Der totgeglaubte Michael Matern aus Osterode (Ostpr.) hat jetzt nach 13 Jahren aus Sibirien ein Lebenszeichen gegeben/ Matern war schon lange für tot erklärt und sein Vater bezog seit mehreren Jahren eine Rente für ihn. Im Februar 1915 geriet Matern unverwundet in Gefangenschaft. Er hat sich jetzt mit dem deutschen Konsul in Rowo-Sibirsk in Verbindung gesetzt, um. die Heimreise zu seinen Angehörigen anzutreten/; Derartige Vorkommnisse beleuchten immer wieder die Berechtigung der außerordentlichen Vorsicht, mit der das jüdische Religionsgesetz bei der Wiederverehelichung von Frauen vorgeht, deren Männer verschollen sind. . bessere Herde Nirgends gröDere Auswahl Nirgends billigere Preise als bei Am Eschenheimertor 3 (Stadtgarten) APARTE BELEUCHTUNGSKöRPFl fit -JZSO M. 75,'- mH & Armen WCHTj. KRf\FT-ßNLAGEN Berantwortlich für best allgemeine« Teil und das Ferrtlleto» S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Jnserate i. B.: S. Schach nowitz, ebenda. — Für die pädaaogtsche Beilage: Lehrer L Kaufmann tu Sprendlingen-Ar. Offenbach). - Verlag .Israelit", ffi.mJb.8., Frankfurt u.t», — Druck Sermon Brrlaas» Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M. 8995