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Der Israelit · 1928-02-09 · Heft 6 (9.2.1928) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 6 (9.2.1928)
Date
1928-02-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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“? *6 Feuerzeichen. Km KHelto-Itoman von S. Schachuowih. (Fortsetzung.) Der Bote ging am nächsten Tage mit dem Schreiben hin und kam unverrichteter Sache wieder. Sie warfen ihm das Schriftstück vor die Füße und erfrechten sich, den Auftrag zurückzugeben. Rabbi Naftali möge aus feiner Dunkelkammer herauskommen und mit seinen Rabbinern sich z u ihnen b e g e b e n, auf daß sie sich von der höheren Sendung Chajons und seiner Freunde überzeugen, auf daß sie des „heiligen Lichts des Wiedergekommenen Messias teilhaftig werden". . Alle Wege zur Verständigung waren zugeschüttet, und versperrt. Da rief drei Tage später, an einem Dienstag, kurz vor Abend, Löb Pfeifer die Gemeinde „in die Schul herein". Beben erfaßte die Leute, als sie zur ungewohnten Stunde Pfeifers monotonen Ruf hörten. Sofort schloffen sich die Kramläden, und alles strömte ins Gotteshaus. Das Bild im Innern gemahnte an den neunten Aw, obwohl noch drei Wochen vom Tage' der nationalen Trauer trennten. Die Türwand der eingebauten heiligen Lade war unbedeckt und sah in ihrer Nacktheit wie hilfesuchend daher. Einige Leuchter waren schwarz umhängt und es steckten pechschwarze Kerzen in Sandkästen, noch leb- , und lichtlos. In die Schul drängten sich die Menschen, neugierig, gespannt, beunruhigt, aufgewühlt, unkundig des Rituals, nach dem. sich dieser seltsame Gottesdienst vollziehen sollte. Die Platzordnung war aufgehoben. Jeder stand, wo er gerade beim Hereinkommen Platz fand. Keiner setzte sich. Leises Murmeln füllte den Raum wie unterirdisches Donnergrollen, bevor noch am Himmel eine Wolke zu sehen ist. Da t^at lautlose Stille ein. Rabbi Naftali ging gesenkten Hauptes wie am neunten Aw durch die Reihen der Menschen, die ihm ehrerbietig einen Weg machten, bis er seinen Ehrensitz erreichte. In Strümpfen kam er daher, wie Jemands der um einen Toten trauert. Eingeweihte wußten, daß der^ Rabbi cin diesem Tage, wenige Tage nach dem siebzehnten Tammus, keine Speise noch Trank, zu sich genommen hatte, daß er die Nacht vorher in stillen heißen Gebeten durchwacht hatte, daß er seit der Morgenandacht seine Lernstube nicht verlassen, Gebetmantel Und Tefillin nicht abgelegt und den ganzen Tag über einen Folianten gebeugt dagesessen hatte. Er hatte an einem Tage schwerer Verantwortung gefastet, gebetet, getrauert und mit sich gerungen. Ganz vergeistert sahen die Augen dahin.- Keiner konnte dem Rabbi ins Antlitz schauen, ohne bis ins Innerste zu erschauern. Männer unreinen Gewissens, die sich eines Unrechtes, einer Unfreundlichkeit oder einer Unaufrichtigkeit gegen den Rabbi bewußt waren, verkrochen sich bei seinem Anblicke scheu in die Ecke, als könnte ein Feuer von diesem Gesichte ausgehen, um sie mit Haut und Haaren zu verzehren. Rabbi Naftali bewegte das Haupt zum stillen Zeichen, und Joel Chafen trat ans Borbeterpült. §Er Hub mit dem „Afchre" das Minchogebe^än. So laut und durchdringend hallte der Ruf, durch Haus und Herzen, als fei es, VerföhnungÄflg, und das/ Nellohgebet begänne. Aus; geheimen Tiefen ergossen sich Andachtsquellen in der Beter Herzen. Joel Ehafen wiederholte das Achtzehngebet, wochentägig, einfach, klagend, aber Wort für Wort so aus dem Innernherausholend, daß jeweitig,bas „Omen" wie eine Stürisiwoge hech Giebetstücke brausend folgte. Bei dem Abschnitte, der den Verleumdern alleHoffnu ng a b sch n e i d e t und für die Gott e s l e ü g n e r d a s göttliche Vernich t u n g s e d i k t h e r a b f l e h t, weinte Joel. Chafen, und die Gemeinde schluchzte leise, dann laut Mit. „Daß uns Gott alle mit seinem Frieden segnen möchte", schloß Rabbi Joel fester und hoffnungsfroher im Tone^ Sitzend mit geschlossenen Augen betete die Gemeinde das Gebet Dawids, Gottes Erbarmen anrufend, und dann, aufstehend, aufrecht im Aufblick zum Hüter Israels, der - „nicht verderben läßt den Rest Israels, der spricht sein Höre Israel, sein Gotteinzig,fein Heilig." Das Minchogebet war zu Ende, die Herzen weich und empfänglich für alles, was nun' kommen mochte. Lob Schnapper ließ sich vom Rabbi ein Verzeichnis einhändigen, danach. er Psalmkapitel ausrief, die nun abwechselnd Satz für Satz von Joel Ehäsen und Gemeinde, gebetet wurden. Eine bekannte Slichoh würde ausgerufen, und sogleich'fetzte der Chor der Beter wie eine Sturzwelle ein. Dann trat Rabbi Naftali, den Gebetmäntel über den Kopf, darunter das Sterbekleid um seinen Leib weiß schimmerte, vor die heilige Lade. Zwölf pechschwarze Kerzen in einem langen Sandkasten flackerten nacheinander auf, und die Flämmchen zitterten wie die weinenden Augen in Trauerschwarz gehüllter Frauen. Totenstille herrschte im Raume, die Menschen standen auf den Zehen und hielten den Atem an, um keine Silbe, keine Geste des Rabbi zu verpassen. Mit kurzen wenigen Sätzen, schilderte Rabbi Naftali die eigene Bedeutung dieser Andachtsstunde. Es galt, ein Uebel an der Wurzel .zu fasten und auszurotten, bevor es unhellvoll um sich gegriffen hatte. Das Uebel hat aber feine Träger, Menschen von Fleisch und Blut. Menschen zu verdammen, ist eine Sache, die nicht leicht genommen werden darf, darum der tiefe Ernst und .die erschütternde Trauer der Stunde. „Wer ein Gerät in seinem Zorn zerbricht, ist ein Götzendiener", lehrt die Gemarah. Um wieviel schlimmer, wenn man ein Gefäß aus der Hand Gottes, einen Menschenbruder im Zorne zerbricht. Darum mußte Zorn ausgeschaltet werden, mußte ruhig geprüft und erwogen werden, bevor man sich zu diesem Schritte entschloß. . . . Samuel Hakaton war, so überliefert der Talmud, mit' der Abfassung des V e r d chm m u n g s - g e b e t e s gegen die Abtrünnigen betraut worden. E r und kein anderer, weil er, der .bescheidensten und frömmsten einer, über jeden Verdacht persönlicher Feindschaft hoch erhaben stand. -—" Viele glaubten gemerkt zu haben, wie der Rabbi, als er von Samuel Hakaton sprach, sein Auge eine Weile auf Rabbi Schmuel Schotten ruhen ließ, der in der Mitte der anderen Rabbiner, ebenfalls im Tallis gehüllt, über sein Gebetbuch, wie ganz in sich versunken, gebeugt dastand. . . . Nun erzählte Rabbi Naftali kurz und sachlich den Hergang der Sache, die Maßnahmen des Rabbinates, die Wahrnehmungen der Zeugen, las das von Schnapper und Pfeifer unterschriebene Schriftstück vor, darauf auch die Briefe aus Amsterdam, Prag und Lublin, erzählte, wie sie alle Vorladungen unbeachtet ließen. Er fragte die Gemeinde, ja bat sie um ihre Einwilligung, nach der letzten Waffe greifen zu dürfen. „Nach Meinung des Allgegenwärtigen und nach Meinung der Gemeinde." „Cherem!" schrie die Gemeinde im Chore. Da zog Rabbi Naftali seinen Gebetmantel noch tiefer über den Kopf, wandte sich mit dem Gesichte 'Mr heiligest Ladeund öffnete den DM >»rr Schrein. Ein Dutzend heiliger' ThorarolleH in ihren Sämtmänteln ohne Silberschmuck sahen in den Raum. Rabbi Naftali küßte sie eine nach der anderen. Er hatte auch ihre Erlaubnis. Dann schloß er die Lade, wandte sich wieder zu der Gemeinde und verlas mit gedämpfter, halbschluchzender Stimme den Wortlaut des Bannes. „Im Sinne des Allgegenwärtigen und im Sinne der Gemeinde, mit Einverständnis des hohen Rates oben und unten —-" Dann regneten Flüche, Verwünschungen, Verdammnis und Verbannung. Verdammt wie Achan, wie Jericho und wie Ai, beladen mit all den Flüchen, wie sie die Priester und Leviten am Berge Ebal ausgesprochen, mit allen Verwünschungen, die in den Strafkapiteln des dritten und fünften Buches Moses enthalten sind. Himmel und Erde, die Engelscharen und die Irdischen waren als Zeugen angerufen. Verdammt, verdammt, verdammt bis ans Ende der Zeiten! — Drei Schofartöne schrillten durch den Raum. Die Flämmchen auf den Pechkerzen erzitterten wie' von einem Sturm gepeitscht, die Herzen standen still. Klagend stimmte Joel Chasen das Gebet der Nacht vom „Allerbarmer, der die Sünde vergibt und nicht zu Grunde richtet." Der Cherem war vollzogen.-- Diesem folgte tags darauf ein Ausweif u n g s d e k r e t aus demWtadtbereiche, und Ahron Oppenheim sorgte dafür, daß nach am gle chen Tage, dieser Verbannung von den Behörden die nötige Nachachtung verliehen wurde. Wie die Sonne am Donnerstag hoch am Himmel stand, verließen Nehemja Chia Chajon und Mosche Meier^ Kamenker auf verschiedenen Wegen nach verschiedenen Richtungen die Stadt. Löbele Proßnitz ging aber nur über die Bannmeile der Stadt hinaus und schlug zunächst in Offenbach sein Zelt auf, wohin er, vom Frankfurter Rabbinate unerreichbar, seinen kleinen Kreis nach sich zu locken hoffte. — Die Verbannung traf auch Dawid Grünhut, der sich an jenem kritischen siebzehnten Tammus unter den Ketzern befand. Nicht die Ausweisung als solche ging ihm so nahe. Er sehnte sich ja schon lange aus der Gaste hinaus und von den „Judengästern" hinweg. Aber daß sie ihn s o erreichte, wo er doch eine so günstige Chance in der Hand hatte und unausgenützt ließ, traf ihn hart. "Wie stände er heute da, wenn e r es gewesen wäre, der das Nest ausgehoben hätte. Es war für ihn tragisch und berührte : ihn zugleich komisch, daß er gerade als Sabbatäer verdammt und ausgewiesen wurde, er, der als erster die Schwärmer- und Schwindlerbande durchblickt hatte und scharf im .Auge behielt ... Er nahm noch einmal den Weg zu Johann Jakob Schudt. Leibnitz war längst wieder abgere'st. Schudt hörte interessiert, gespannt seiner Erzählung zu und setzte sich sofort an den Schreibtisch. . . . Bald merkte Grünhut, daß für Schudt sein Schicksal nur so etwas wie wissenschaftliches, kulturhistorisches Interesse hatte. Er wollte von ihm wissen, wie die Zeremonie des Cherem im einzelnen vor sich ging. So etwas durfte doch in seinen „Jüdischen Merkwürdigkeiten" nicht fehlen. Das ging dem armen Manne mit dem Gram im Herzen und dem Wanderstab in der Hand denn doch zu weit. Kühl verabschiedeten sie sich voneinander. Verbissen, überworfen mit der Welt, seinem Volke und sich selbst, zog er gegen Abend zum Osttore der Gasse hinaus, unbestimmten Zielen entgegen. (Fortsetzung folgt.)

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