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Der Israelit · 1928-02-02 · Heft 5 (2.2.1928) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 5 (2.2.1928)
Date
1928-02-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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itj, 8pi< &flfflEUT Maharam Schiff in Frankfurt und Fulda. Frankfurt und Fulda teilen sich in den Ruhm, Maharam Schiff den ihrigen zu nennen. Der größere Teil fällt auf Fulda. Denn wenn auch die Wiege des großen Rabbi in Frankfurt gestanden und sein Ehrengrab sich in der Rabbinerreihe des Frankfurter alten Friedhofs erhebt, so hat er doch genau dis Hälfte, und zwar die beste Hälfte seines Lebens, 18 Jahre, in Fulda gelebt und gelehrt. Hier ist wohl in schwerem geistigem Ringen das entstanden, was Rabbi Meier zum Maharam Schiff machte. Das äußere Bild seines Lebens ist mit einigen wenigen Strichen und Zügen gezeichnet. Meir ist 1605 im Frankfurter Ghetto, im Haufe zum Schiff, als Sohn des Jakob Hakohen Schiff geboren, der im Rabbinate des Rabbi Scheftel und Rabbi Mendel Baß Dajan, zuweilen Vorsitzender des Bes Din und Jeschiwaleiter, während des Interregnums aber auch stellvertretender Oberrabbiner war. Daß er es nicht dauernd war, lag wohl nur an Umständen der damaligen Gemeind everfaffung und der jüdischen Jurisdiktion. »Meir setzte schon als Kind mit seinen Geistesgaben das Ghetto in Staunen. Bor Ueberhebung und- Steckenbleiben in Anfangserfolgen — das Schicksal der meisten Wunderkinder — bewahrt den „31m" schon die jüdische Erziehung.' Der Jüngling hält noch mehr, als was das Kind versprochen hatte. Siebzehn Jahre alt, tritt er, 1622, das R ab b in at in Fulda an. (Siehe Vorrede zu D'En v>n). Ein Zwanziger steht er hier als gefeierter Meister in einem Kreise vieler Jünger. Und was auff der Fuldaer Jefchiwa, die unter ihm Weltruhm erlangt, erlernt und erworben wird, wird ausgezeichnet, ist aber leider nur zum Teile erhalten geblieben, und das ist es,.was heute den Maharam Schiff ausmacht. Eine Bestätigung für die auch im Talmud ihren Ausdruck findende Annahme, daß jedem Menschen von Bedeuiung das Maß seiner Leistung in den Rahmen seiner Lebensjahre gelegr ist, mag sein, ob dieser groß oder klein, ist Maharam Schiff. Was er in den achtzehn von den sechsunddreißig seiner Lebensjahre gelehrt und geleistet hat, dafür würde ansonst ein volles langes Menschenleben zu kurz' erscheinen. Der schöpferisch arbeitende Geist strebt' aber hinaus aus der Mittelstadt, von der, nach den damaligen Verkehrsverhältnissen, sich nur dünne Fäden zur jüdischen Welt spinnen konnten. Frankfurt ist ihm aus den bereits angedeuteten Gründen verbaut. So wird er, 36 Jahre alt, als Oberrabbiner nach der damals vielleicht angesehensten Gemeinde Deutschlands, nach Prag, berufen. Er zieht in feine neue Wirkungsstätte über Frankfurt und stirbt hier plötzlich im Hause des Vaters, 36 Jahre alt, am 20. Adar 1641. Damit kennen wm Maharam Schiff so viel und so wenig, als wenn wir das Titelblatt eines Buches ansehen und behaupten wollten, wir kennen das Buch. Die Zeit, in der Maharam Schiff gelebt und gelehrt hat, erhält ihr äußeres Gepräge vom Dreißigjährigen Kriege. Es hat da an Verfolgungen und Bedrückungen nicht gefehlt, zumeist aber waren es nur Erpressungen in Form von Kontributionen^ Abgaben, Einquartierungen usw. Im ganzen hatte sich die Lage nicht so schlimm gestaltet, wie man es hätte befürchten müssen. Selten hatte sich die Wut der losgelassenen Soldateska gegen das Ghetto entladen. „Jostef Omez" berichtet uns, daß „die Soldaten die Juden mehr schonten, als die ihrigen, und daß viele Nichtjuden ihre Habe bei Juden aufbewahrten, wo sie sie besser geschützt wußten." — „Viele jüdische Gefangenen erlangten ihre Freiheit wieder ganz unentgeltlich oder gegen ein geringes Lösegeld." —= Das Judenrecht war, sofern die Kriegswirren nicht Zucht und Ordnung .auflösten, durch eine Judenstättigkeit gesichert. Das Innenleben war stark pulsierend. Die Frankfurter Gaffe dürfte im 17. Jahrhundert 500 Familienbeherbergt haben. Die Enge und die Wohnungsnot waren groß. Der Friedhof mußte zuweilen neu aufgeschüttet werden, weil er nach der Gasse hin nicht erweitert werden' konnte. Fremde Juden, auch Flüchtlinge aus Polen und der Ukraine, wo die Chmelnitzki-Schrecken herrschten, wurden wohl unterstützt, konnten aber als dauernde Bewohner in die Gaste nicht ausgenommen werden. Man fürchtete auch die Bürger und die Zünfte, die sich dagegen zur Wehr gesetzt hätten. Der Fettmilch-Aufstand war noch in guter Erinnerung. Bald aber setzten die Vorpostengefechte um Sabbätai Zewi ein. Daß Frankfurt und Süddeutschland damals verschont geblieben ist, daß während Hamburg, Amsterdam, London ganz in den Taumel der Bewegung gezogen war, in Fürth und Umgegend die Juden Haus und Hof verkauften, alles auf Planwagen verpackten und ins Elend hinausfuhren, daß damals Frankfurt klaren Kopf behielt, dies dankt es den Männern, die damals die geistige Führung in der Gemeinde hatten, nicht zuletzt Rabbi Jakob Schiff, dem Vater Maharams, der entscheidenden Einfluß im Rabbinate des Rabbi Mendel Baß ausübte und auch diesem selbst, der keine Maßregel versäumte, die Epidemie im Keime zu ersticken. Eine Reihe von Takonaus, die heute noch das Frankfurter Ritual bestimmen, zeugen davon. Rabbi Meir hat die Haupterschütterungen dieser Periode nicht miterlebt. Sie fallen in die fünfziger und sechziger Jahre dieses Jahrhunderts. Aber seine Richtung, seine geistige Einstellung, seine Methode zeigt den Frankfurter von damals und zeichnet die Geistesstruktur der Gaste, die wie echtes Olivenöl alles Falsche und Trübe ausscheidet und tief unten läßt. Damit wären wir an dem Punkte angelangt, der zu dem geistigen Schaffen des Maharam Schiff hinüberführt. (Schluß folgt.) Die Woche. Samlätsral Dr. Wolf Hirsch y-xj. Plötzlich, auf dem Wege zu einem Kranken, ereilte ihn, den 62jährigen Mann, am jüngsbrn Sonntag abend, der Tod. Die neue Zeit hat ein Wort geprägt, das Wort vom „In Schönheit sterben", wohl weil des Menschenlebens Ende gar oft einem Dasein- Ziel setzt, das verfehlt und unwert war und das nun. nach so manchem Fehl- und Jrregehen wenigstens sanft und mild zur Ruhe ging. Mit Dr. Wolf Hirsch starb ein Mann in der Schönheit seines Berufs, weil sein Leben in Schönheit verlief, in jener Schönheit, die im Streben nach pslichtvollstem Wirken und nach höchster Selbstvervollkommnung Ausdruck fand. Arzt war er mit Leib und Seele und Jehudi war er mit der ganzen Glut seines Innern und mit der zähen Energie, die ihm eigen war. Ein Helfer und Berater am Krankenbett, voll unverdrossener Aufopferung und bis zum letzten Moment die Hoffnung nicht verlierend, sorgte er sich um das Leben feiner Patienten, als je, er ihr naher Verwandter. Beglückt war er, wenn göttliche Hilfe ihn den rechten Weg zur Heilung oder zur Verhütung der Krankheit finden ließ. Seine Gewistenhap.gkeu hielt ihn stets auf der Höhe der neuesten wissenschaftlichen Erfahrungen, und wem er als Arzt in der Tiefe und Wahrhaftigkeit seines Wesens sich erschloß, der gewann ihn lieb für immer, ihn, der manchem wortkarg erschien und Gehorsam heischte, weil' er gegen sich selbst streng zu sein verstand. So war er im Leben ein ms*«n «Tni /ivizr rrasn /vpix yrr. Still keimt gar oft beim Arzt die Saat des Wohltuns, die er am Kranken übt auf, und mählich wie die Pflanze wächst die Hilfe empor bis der Kranke gesundet und die Heilung als sichtbare Schöpfung des sorgsamen Arztes heroortritt! Wie vielen Leidenden mag Dr. Hirsch in seiner nahezu 40jährigen Praxis geholfen oder ihr Weh gelindert haben! Wie vielen, doppelt Bedauernswerten, weil arm und krank zugleich, wievielen armen und kranken n-pn ’aa hat er selbstlos und edelsinnig, gleich seinem unvergessenen Vater *"xtdem er nachzustreben beflissen war, zur Seite gestanden mit Zuspruch und werktätiger Hilfe! Voller Arbeitsfreude und pietätvoll stand er an der Spitze des von seinem Vater gegründeten Vereins Vikkur^Cholim, der das Ziel verfolgt, jene uralte jüdische Mizwoh, die fast in Vergessenheit zu geraten schien, wieder neu zu beleben, nämlich arme Kranke zu besuchen, sie zu versorgen, ihnen Mut und Trost zuzusprechen und ihnen Arzt und Heilmittel zu verschaffen. Das Wesen des aktiven Pflegers, das war so recht in Dr. Wolf Hirschs gütigem Sinn, denn das Wort: sV "ppa» dünkte ihm köstlich für jedermann. Wie schwer auch in unserer heutigen Zeit jeder Wohltätigkeitsverein um die Erreichung seiner Ziele zu kämpfen hat, Dr. Hirsch glaubte an sein Ideal, und im Verein mit seinen Mitarbeitern wußte er viel Segensreiches durch diei-?, man D’Vw zu schaffen. Sollen wir nach all dem bereits Geschilderten sagen, daß er in Ausübung feines Berufes ein echter ganzer Jehudi war! Ein r-mxaa Man braucht nur einen Augenblick nachzudenken, um das Ausmaß peinlichster Gewissenhaftigkeit sich zu vergegenwärtigen, das von einem jüdischen Ärzt verlangt wird, sich und dem Kranken gegenüber. Ein kleiner Zug aus seinem Charakterbild: er machte am Schabos alle feine Krankenbesuche im Schabbos-Zylinderhut, um stets bei Aus^- übung seines Berufes daran gemahnt zu werden, daß Schabbos sei! Jede freie Minute saß er bei seinen Seforim und vor allem bei den Schriften seines Großvaters Rabbiner Samson Raphael Hirsch die er in der ganzen Tiefe ihrer Zaubergewalt erfaßte und zur Richtschnur seines Denkens, Redens und vor allem seines Handelns machte. Er war nicht nur stolz auf den Namen Hirsch, den er trug, sondern er fühlte als Enkel auch die ganze hohe Verpflichtung, die dieser Name ihm auserlegte. Einem Schreiben von des Heimgegangenen Hand, das er als Dank für einen Glückwunschbrief zu seinem 60. Geburtstag einem Verwandtest sandte, entnehmen wir den

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