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Der Israelit · 1928-02-02 · Heft 5 (2.2.1928) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 5 (2.2.1928)
Date
1928-02-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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im Hr.5 WJ$ Feuerzeichen. Gin Hhetto-Aoman von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) Von den drei Möglichkeiten . lag die eine seinem Sinne am nächsten: nämlich der ganzen widerlichen Bande um Proßnitz und Chajon den Garaus zu machen; für den Augenblick schien aber am ratsamsten, sich ihr anzuschließen.. Die Leute hatten Gelb und Beziehungen. Und setzten 'sie ihn einmal in den Wagen und gaben ihm die Zügel in die Hand, so wollte er sich schon seine e i g e n e Fahrrichtung suchen. Er fuhr und ritt dann g e g e n sie . . . - Er ging zu Proßnitz. 13. Die fremden Männer ließen sich bei Rabbi Naftali nicht mehr blicken. Er erwartete sie auch nicht. Dennoch schwirrten in der Gemeinde dunkle Gerüchte, der Rabbi pflege täglich und nächtlich Verkehr mit zweifelhaften Elementen, höre ihre ketzerischen Reden an, halte es mit den „Schäbsen", und ähnliches mehr- Es war schwer zu sagen, von welch trüber Stelle dieses Gerede ausging, aber die Gerüchte fanden Verbreitung und Glauben bei Leuten, die stets auf der Lauer waren und hinter dem fremden Rabbi allezeit irgend ein Geheimtun witterten. Joseph Taub, Tewle Fuld und Wolf Darmstadt ließen sich alles haarklein berichten, glaubten zuerst nichts, schüttelten aber, als die Kunde nicht verstummen wollte, still mit dem Kopfe, als wollten sie sagen: „Da haben wirs!" Rabbi Mosche Drum und Rabbi Joseph Koschmann gingen augenblicklich zu Rabbi Nastali hin, um ihn von den Gerüchten in Kenntnis zu setzen und ums seinem eigenen Munde zu hören, was wahr daran sei. Er sah aus, seinem Folianten mehr erstaunt, denn bestürzt zu ihnen auf. „Gegen Bösrede, meinte er, sind wir alle machtlos, aber sie zerfällt und zerstiebt wie der Staub vom veinen Gründe eines Gewandes abfällt, wenn die Bürste daran könnt." „Aber man muß mit,der Bürste daran gehen", sagte Rabbi Mosche Drum mb meinte, der Rabbi müßte gleich etwas unternehmen, um die böse Mär zu zerstören, etwa eine öffentliche Erklärung gegen die Männer erlassen, oder ähnliches. „Noch ist deren Schuld nicht in denr Maße erwiesen, daß scharfes Auftreten berechtigt wäre, und es steht keinem zu, seine Ehre mit der anderer reinzuwaschen", beharrte der Rabbi. So wenig der Menschen Gerede Rabbi Naftali, der gewöhnt war, geradeaus zu den Menschen zu schauen, .berührte, so viel Bitternis brachte ihm nun in den folgenden Tagen jede einlangende Post, mit Schreiben, Bitten und Warnungen in Sachen der Männer, die einen Abend sein Ohr hatten. Aus Amsterdam langte ein Brief von seinem vielverehrten Freunde, Rabbi Z e w i A s ch k e n a s i, ein, mit dem Wortlaute des Bannfluches, der dort gegen Nehemja Chajon erlassen wurde. Von der V i e r l ä n d e r s y n o d e in Lublin wurde vor einem kleinen Manne gewarnt, dessen nähere Beschreibung gar sehr auf Mosche Meier Kamenker paßte. Er sei Ketzer und Verführer, hieß es da und habe sich nun mit erheuchelten Papieren nach den Gemeinden am Main und Rhein begeben, um jüdische Seelen zu vergiften und sie in die Netze derer, zu fangen, die heute noch zum falschen Messias von Smyrna halten. Zur' gleichen Zeit erhielt aber Ahron Oppenheim ein Sendschreiben von seinem Bruder, dem Oberrabbiner Dawid Oppenheim in Prag, worin mitgeteilt wurde, daß, sicherem Vernehmen nach, Löbele. Proßnitz, dort in Acht und Bann getan und der Stadt verwiesen, sich nach der Frankfurter Gegend begeben hatte. Man sei vor dieser giftigsten aller Schlangen, die schleichend und zischend Verderben um sich verbreite, sehr auf der Hut. Rabbi Nastali war sehr bedrückt. Er wußte sich nichts vorzuwerfen, er^-hatte das Treiben und die Treiber nicht unterstützt. Er hatte nichts getan oder gesagt, was als eine Empfehlung ihres Tuns gedeutet werden konnte. Nichts getan und nichts gesagt, war das aber schon nicht Schuld genug? Eine Deutung kam ihm in den Sinn, die er selber in seinen Büchern zu dem Kapitel des Kalbopfers bei d^m Funde einer unbekannten Leiche in der Nähe einer Stadt gegeben hat. Die Alten der Stadt bekennen: „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen, und unsere Augen haben es nicht gesehen". In der Erklärung ihrer Unschuld ist aber gleich die Anklage enthalten: Ihre Hände haben es nicht getan, aber ihre Augen haben nicht gesehen, da wo sie hätten sehen müssen. Schlecht hatten sie gewacht über Gesetz, Moral und Sitte in.ihrem Bereiche, wenn solches sich ereignen konnte. Hatte er genügend gewacht? Er dachte angestrengt über ihre Worte nach, da sie ihn mit ihrem nächtlichen Besuche überfielen und er sie, wie er es gewohnt war, wie liebe Gäste empfing und behandelte. Nicht alles war ihm noch klar im Gedächtnis geblieben. Einzelne Worte, die er damals kaum beachtete, gewannen jetzt im Lichte der neuen Dinge ganz andere Bedeutung. Wie konnte er, griff er sich selbstquälerisch an den Kopf, so blind und so taub für Menschen und Dinge sein, deren Verwerflichkeit so deutlich in die Augen stach? Noch wichtiger war für ihn, sich auf die Worte zu besinnen, die er zu ihnen gesprochen hatte. Was davon noch in seiner Erinnerung haftete, gab nicht den leisesten Anlaß zur Selbstanklage. Wie konnte man aber noch alles wissen? Daß er die Worte nicht ausgeschrieben hatte, daß er keine Zeugen aus der Gemeinde herbeigezogen hatte, quälte er sich in trübem Sinnen. Etzin Zeuge, fiel ihm ein, war ja dabei, Dawid Grünhut, ein Mann, dem er bis jetzt auch noch nicht auf den Grund gekommen war, aber immerhin ein Zeuge. Er schickte nach Dawid Grünhut. Dieser war aber in seiner Wohnung nicht anzutreffen. .,{3n der Schul sah man ihn selten und in den letzten Tagen gar nicht mehr. >• Rabbi Nastali rief das Besdin zusammen. Es war der' Fasttag des siebzehnten Tammus, ein Tag, an dem auch ohnehin das Rabbinat mit allen Dajanim und Gelehrten, die als Ersatzrichter oder in Rabbinats-Kommissionen wirkten, zu beraten pflegte. Es waren im Ganzen zwölf würdige Gelehrte und erfahrene Männer, vor denen der Oberrabbi an der oberen schmalen Tischseite als Verhandlungsleiter saß. Rabbi Nastali verlas die eingelängten Briefe über die in den Mauern Frankfurts weilenden fremden Sendboten. Er las und sprach mit matter Stimme, gedrückt und besorgt, wie ein Vater, der sich Unterlassungen in der Aufsicht seiner Kinder vorzuwerfen hatte. Aber keiner von den Männern hatte dem Rabbi etwas vorzuhalten. Sie waren in einer Sorge und Unruhe vereint, einig in der Gewißheit, daß unverzüglich etwas geschehen mußte, bevor die Seuche verheerend um sich gegriffen hatte. 'Rabbi Mosche Drum war sogar der Meinung, daß ein entschiedenes Vorgehen Rabbi Naftalis beruhigend und versöhnend in der Gemeinde wirken und ihm viele Herzen gewinnen würde. Rabbi Mosche Drum meinte es ehrlich und gut. Die darin enthaltene leise Anspielung auf die Stimmung in einem gewissen kleinen Teile der Gemeinde gegen den Rabbi überhörte Rabbi Nastali als eine Sache, die seine Person betraf und darum belanglos war. Was sollte geschehen? Manche drängten aus Anwendung des äußersten Mittels, auf das Vorgehen mit dem Bannstrahl. Man mußte die Krankheitskeime an der Wurzel fassen, mit Stumpf und Stiel ausrotten, bevor sich das Gift ausgebreitet hatte. Rabbi Nastali wehrte mit einem Talmudsatze ab: „Man strafe nicht eher, als bis man verwarnt hat". Man lasse sie kommen und höre sie erst. Der schwerste Ver-- brecher hätte Anrecht darauf, vor der Verurteilung verhört zu werden. Das war auch ganz die Meinung Rabbi Schmuel Schottens, und er begründete sie mit unzähligen Bibel- und Talmudzitaten- Rabbi Mosche Drum und Rabbi Joseph Koschmann wiesen auf eine Verordnung des Rabbmates von Mendel Baß vor einem halben Jahrhundert hin, die die Anwendung des Cherem einschränkte und nur im alleräußersten Falle als allerletzte Waffe gestattete. Mit einem Verhöre erklärten sich am Ende alle einverstanden, und Löb Schnapper machte sich in Begleitung des Schulklopfers sofort auf den. Weg, die Wohnung der Männer, die weit außerhalb des Ghetto lag, festzustellen und sie vor das Besdin zu laden. Heute noch hatten sie zm erscheinen, eine Stunde vor dem Nachmittagsgebete in der Altschul, für welche Zeit eine zweite Sitzung des gesamten Rabbinatskollegiums in der Gemeindestube angeordnet war. In ungewohnt feierlicher Spannung traten die Rabbiner am Nachmittag zur festgesetzten Zeit wieder zusammen. Erwartung lag in allen Gesichtern, als nach reichlichem Harren Löb Schnapper keuchend und atemlos, mit dem 'großen Stecken haltsuchend, in das Haus trat. «Hinter ihm stand Pfeifer, der Schulklopfer und schüttelte ergeben mit dem Kopf. Als wollte er sagen: „Alles wahr, alles wie er erzählt, so wahr mir Gott helfe." Bevor Schnapper noch ein Wort hervorgebracht hatte. Wie aus dumpfen Pfeifen überstürzten sich ‘ öie Worte 'aus Schnappers Mund. Ob sie die!Männer gefunden hätten? Schon, aber sie ^kommen nicht und werden nie ^kommen. Und was sie gesehen hatten, ließe sich mit Worten nicht schildern. Kaum wußten sie noch, ob sie nicht Augen und Ohren getrogen hatten. So unwahrscheinlich, so unmöglich, so ganz ungeheuerlich und unglaublich war das alles, was sie sahen. Draußen in Niederrad hausten sie in einem großen Raume, den sie sich bei l Nichtjuden gegen schweres Geld gemietet hatten. Als sie dahin kamen, waren Türen und Fenster fest geschlossen, aber von innen kam Gesang, durch die Fensterritzen schimmerte Licht, obwohl es draußen heller Tag war. Dann sahen sie durch die Spälten. Ein gedeckter Tisch mit Speis und Trank, mit Wein, ja Wein, am Fasttage! Proßnitz, neben ihm der kleine polnische Mann und der lange Spaniole aßen und tranken und sangen aus voller Kehle. Etwa ein Dutzend Menschen war außer ihnen noch im Raume, Bekannte aus der Gaste und Unbekannte, Jünglinge, auch ältere Männer. „Auch — der Bote schnappte nach Luft und sah ängstlich nach der Decke, als drohte das Wort, ihn zu ersticken. Auch Wei . . . auch Weiber waren dabei. Man kennt sie, nicht vm besten Rufe. Und sie tanzten im Kreise, sangen, tranken und tanzten wieder, heute am Fasten des siebzehnten Tammus, am Tage^ da „der Feind in die Stadt eingebrochen". Chajon und Proßnitz hielten sich umfaßt, und der zwerghafte Pole hüpfte wie der erstgeborene Bock auf dem Friedhofe, und alle schrien sie, es gäbe kein Fasten und keine Trauer I K if

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