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Der Israelit · 1928-02-02 · Heft 5 (2.2.1928) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 5 (2.2.1928)
Date
1928-02-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 5 Sabbalhilfe. Von Jacob Lahn in Mainz. Der Artikel „Sabbatheiligung und Wirtschaftsleben" in der vorigen Nummer beleuchtet ein Problem, das zu den brennendsten Tagesfragen des deutschen Judentums gehört und das unbedingt mehr in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt werden müßte. - Die Wirkungen und Folgen der gegenwärtigen Verhältnisse auf diesem Gebiete liegen vor aller Augen, ohne daß man. sich ihrer anscheinend in dem richtigen Ausmaße bewußt geworden ist, denn nur so läßt es sich erklären, daß man von einer wirklichen, systematischen und durchdachten Gegenwirkung bislang kaum etwas bemerkt hat. — Das kommt ja auch in dem erwähnten Artikel bereits zum Ausdruck, aber die darin in erster Linie gemachten Vorschläge erscheinen mir nicht geeignet, wirksame Abhilfe zu schaffen. Wir leben in gegenüber der Vorkriegszeit gänzlich veränderten Verhältnissen, und neue Zeiten erfordern auch neue Wege und neue Mittel. Eine Wiederaufnahme der vor dem Kriege bestehenden Versicherung gegen Stellenlosigkeit muß heute als ein ganz aussichtsloses Unternehmen bezeichnet werden, aussichtslos in dem Sinne, als dadurch nicht einmal einem Bruchteil der durch die gekennzeichneten Zustände betroffenen Personen auch nur halbwegs über die schweren Zeiten hinweg geholfen werden könnte. Man vergesse doch nicht, daß vor dem Kriege Stellenlosigkeit arbeitswilliger und arbeitsfähiger jüdischer' Kräfte immerhin eine Ausnahme war, und vor allen Dingen war sie hinsichtlich der jetzt meistens vorkommenden Dauer etwas Ungekanntes. Man möge weiter nicht verkennen, daß die Angestelltengehälter heute durch soziale Abgaben wie Angestellten- und Erwerbslosenversicherung, von der. Lohnsteuer ganz zu schweigen, in einem Ausmaße belastet sind, daß derartige freiwillige Versicherungsbeiträge wohl in den wenigsten Fällen noch tragbar sind, denn um eine solche Versicherung einigermaßen aktionsfähig zu machen, müßten schon recht erhebliche Beiträge erhoben werden. Wenn aber die Angestellten, wenigstens grundsätzlich, nicht selbst Träger der Versicherung sein würden, so ließen sich die Nutznießer derselben überhaupt nicht abgrenzen. — Inwieweit und unter welchen Bedingungen eine solche Versicherung neben der staatlichen Erwerbslosenversicherung überhaupt zulässig wäre, braucht jetzt noch nicht untersucht werden; immerhin ist zu befürchten, daß an Stelle eines Gegenseitigkeitsein einseitiger Unterstützungsverein herauskommen würde. Der Israelit Auch von der Schaffung eines neuen „Keren" neben den bereits bestehenden kann ich mir keinen durchgreifenden Erfolg versprechen. Es herrscht auf dem Gebiete der Wohlfahrtsbestrebungen innerhalb der Orthodoxie bereits eine sehr wenig rationelle Zersplitterung, und es hat keinen Sinn, die Wände der frommen jüdischen Häuser noch weiter mit Sammelbüchsen zu tapezieren. Im Gegenteil, hier kann nur eine straffe Zusammenfassung etwas erreichen. Aber das gehört auf ein anderes Gebiet, das hier_ nicht zur Erörterung steht. Neben der wenig aussichtsvollen praktischen Seite scheinen mir gegen ein solches Projekt aber auch noch Bedenken ideeller Natur zu sprechen. Es war seither hier im Westen im Allgemeinen üblich, so lange es irgend möglich war, aus eigener Kraft sich die Existenzmöglichkeit zu erringen, und ich halte es für unbedingt wichtig, an diesem bewährten Prinzip festzuhalten, zumal gegenüber der hier vielfach jn Betracht kommenden Jugend. Man hat,in den letzten Jahren hier und dort dieses Prinzip verlassen, aber man muß unbedingt dabei verbleiben, daß Subventionierungen von Seiten irgendwelcher Organisationen nur für besonders gelagerte Einzelfälle Vorbehalten bleiben' müssen. Cs darf nicht der Eindruck entstehen oder erweckt werden, daß ebenso wie etwa Subventionen für Jeschiwobesuch gegeben oder genommen werden können, schließlich auch die Sabbatheiligung schlechthin subventioniert werden könne oder gar müsse. — Da die Errichtung eines „Keren haschabbos" mit dem Keren Hathora in Parallele gestellt worden war, erscheint es mir nicht überflüssig, dies auszusprechen. Gerade im Wirtschaftsleben kommt es so eminent auf die eigene Kraft und auf den Willen zur eigenen Leistung an, daß das Vertrauen auf eine materielle Hilfe von außen eher lähmend wie fördernd auf das weitere Fortkommen wirken würde. Eigene Leistung und vor allem hochwertige Leistungen sind die besten Helfer, und jeder Arbeitnehmer hat es in der Hand, durch die Qualität seiner Arbeit diese dem Unternehmen, sei es groß oder klein, so wertvoll zu gestalten, daß er sich damit seinen Posten oder sein anderweitiges Fortkommen sichert. Gerade im kaufmännischen Beruf hat in der Nachkriegszeit gegenüber der vorhergehenden Periode in auffälligem Maße der Durchschnitt oder der Minderdurchschnitt Platz gegriffen, und. dieser vielfach beobachtete Umstand dürfte manchem Unternehmer es erleichtert haben, sich von dem einen oder anderen Mitarbeiter zu trennen. Es ist keine vereinzelte Klage, daß der kaufmännische Nachwuchs heute vielfach den Anfor- 2. Februar 1928 derungen nicht mehr entspricht, und die Gründe dafür sind schon mehrfach von berufenen Seiten untersucht worden. Es soll nicht verkannt werden, daß in allen Kreisen die außerberuflichen Ablenkungen, seien sie nun erfreulicher öder anderer Natur, stark zugenommen haben, aber trotzdem sollte der sabbathaltende Angestellte schön im eigensten Interesse sich bewußt sein, in seiner. Berufsarbeit ebenso Zweck und Inhalt zu erblicken, wie in den geistigen Aufgaben, denen er vielleicht heute erfreulicherweise mehr zugewandt ist als früher. Durch das Bemühen, ihre Leistungen so hochwertig wie möglich zu gestalten, können die Arbeitnehmer für ihren Teil, wie mir scheint, am besten an einer Besserung der Verhältnisse Mitwirken. Was aber kann die jüdische Oefsentlichkeit dafür tun? Hier heißen die wesentlichsten Punkte Berufswahl und Berufsberatung. Die Vor- und wichtigste Arbeit hierzu hat das Elternhaus und die Schule zu leisten. Seither konnte in den frommen jüdischen Kreisen im allgemeinen von einer Berufswahl im eige-ntlichen Sinne doch nicht gesprochen werden . Die kam höchstens in Betracht, wo die Mittel vorhanden waren, einen Sohn studieren zu lassen, und auch da war die Wahl zwischen den verschiedenen Fächern eine sehr beschränkte und einseitige. Wo aber nicht die finanziellen Verhältnisse oder besondere wissenschaftliche Begabung zum Studium bestimmten, war die kaufmännische Laufbahn schlechthin der Beruf, dem die Söhne ohne weitere Ueberlegung zugeführt wurden; der Vater suchte seinem Sohne eine kaufmännische Lehrstelle unb damit war für ihn diese Frage in der Hauptsache erledigt. Man wird sich wohl allgemein klar darüber sein, daß es heute in dieser Weise nicht mehr geht. Mehr als je gilt heutzutage das Wort unserer Weisen: ■ *7öV» □‘ny*? nVpn rrpj m nrr d>s* Aber da bei der so überaus kompliziert gewordenen soziologischen Struktur unserer Zeit diese Aufgabe den Eltern allein zu schwierig wäre, muß ein großzügig ausgebautes Netz von Berufsberatungsst e l l e n geschaffen werden, deren Aufgabe es in erster Linie sein müßte, Berufsmöglichkeiten, die S a b b a t h e i l i g u n g gestatten, zu ermitteln und für sabb ath alten d e Bewerber bere i t zu stellen. Eine - solche Organisation zu schaffen und aktionsfähig zir machen, erscheint mir als das Haupterfordernis. Diese Beratungsstellen, deren Leitung nur mit wirklich tüchtigen und geeigneten Kräften besetzt werden darf — nichts wäre verfehlter, als daraus, wie es, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, gerne geschieht, ejne Rachmonusangelegenheit zu machen — hätten es auch zu kleines Feuilleton. Jüdisches Leben in Indien. In Indien leben insgesamt etwa 150C0 Juden; sie scheiden sich in drei Gruppen: Bnei Israel, Koudjin-Iuden und Bagdad-Juden. Die Bagdad-Juden find erst im Verlauf des 18. und des 19. Jahrhunderts noch Indien gekommen. Eie zäh'en rund 3000 Seelen und leben in Bombay. Ebenfalls in Bombay lebt der Bnei Israel-Stamm in einer Stärke von 3000 Seelen Der Stamm, der die Morotle-Sprache spricht, besitzt fünf Synagogen, die Namen wie „Schaorei Rozoni* .Tisereth Israeltragen. In der Stadt Kr>dz, leben weitere 2300 Mitglieder des Bnei Israel- Stammes, die in der Gart Hotel-Siraße eine Synagoge besitzen. In Koudjin, Distrikt Malbur, lebt eine Anzahl jüdischer Familien. Diese besitzen eine noch der Ueberlieserung 1160 Jahre alte Synagoge, die den Namen Kada mmbagan trägt. Das .Gros der Koudjin Juden lebt in der Stadt Ettangulam und in den benachbarten Orten Dzenou, Manglam und Poru. In Kalkutta leben etwa 1000 Juden. In der Umgebung von Bombay und Reioarandt leben 40, in P moe l 30, in Pein 30, in Aliborg 22. in Puna 30 jüd sche Familien. In jedem dieser Orte gibt es eine Synagoge. Die Bagdad-Juden und die Koudjin-Iuden beobachten streng alle jüdischen Gesetze und Traditionen, dies ist bei den Bnei Israel-Juden nicht in dem gleichen Maße der Fall. Die erstgenannten Gruppen schließen mit den Bnei Israel keine Ehen. Der Führer der Bnei Israel ist Rabbi Jeder Echesbiel, der ein sehr gelehrtes Buch über die Herkunft der Juden in Indien geschrieben hat. Angehörige des Bnei Israel-Stamm es find in der Hindu-Regierung vertreten und bekleiden hohe Regierungsämter. Viele von ihnen sind Lehrer der Hindusprachen, über die ste besser Bescheid wissen, als die Hindus selbst. Im allgemeinen find die Bnei Israel nicht sehr bemittelt, viele von ihnen treiben Ackerbau. Ihre Kinder besuchen englische Schulen, gleichzeitia auch die von Mitgliedern der Sassoon Fam'lie begründeten hebräischen Schulen. Die Bnei Israel find jüdisch-natioatt gesinnt, viele von ihnen streben danach, nach Palästina auszuwandern. Die Bagdad- Juden aber betrachten die Bnei Israel nichk als voll-Juden. weil viele alte jüdische Bräuche bei ihnen in Vergangenheit geraten find und sie sich nur an Sabbat- und Festtagen zu gemeinsamer Andacht vereinigen. Es fehlt jetzt nicht an Bemühungen, eine Annäherung zwischen den Bnei Israel und den anderen jüdischen Gruppen Indiens herbeizuführen. Styatet von Sammy Gronemann. Beiträge zur Philosophie des „Wenn . Schon". (Jüdischer Verlag, Berlin.) Als die Gronemannfchen Bücher „Tohuwabohu" und dann „Hawdolo und Zapfenstreich" erschienen sind, nahm man sie mit gemischten Gefühlen auf. Man nahm im Ganzen das viele Aergerliche und Bedenkliche mit dem Humor, mit dem es gemeint und geschrieben war. Das Schalet-Buch, das aus der Werft des „Jüdischen Verlages" vom Stapel gelassen wurde, wird mit ungemischten bitteren Gefühlen von der jüdischen Oeffentlichkeit ausgenommen, richtiger ab gelehnt werden. Gronemann verlegt sich hier auf das Witzeln, das mit Witz und Humor wenig zu tun hat. Wir begegnen da den, ältesten^ Ladenhütern aus den bekannten „Schwanzes" und „Halozelech" und wie der Schund sonst noch heißt. Der ganze „Geistesreichtum" der Gebrüder Herrnfeld ergießt.sich über uns. Und dievielen Einleitungen, Ueberleitungen und Ausleitungen, die vielen Erklärungen, Entschuldigungen und Verwahrungen a priori vor dem Vorwurf, den Antisemiten nach dem Mund zu sprechen, all dieses Beiwerk verschlimmert nur die Sache und macht die abgeschmackten Witzchen noch langweilig dazu. Wie geschmacklos und widerlich zum Cxempel, wenn er über die unabhängige Orthodoxie im Zusammenhänge mit dem, woran das. Wort „Austritt" erinnert, witzelt, oder wenn er die „religiöse Aufsicht" verulkt mit der Vorstellung von einer anderen Aufsicht auf sittenpolizeilichem Gebiete. Das im Ganzen das Niveau, das nicht irgendwie von Geist und wirklicher Kunst gedeckt wird. Schlimm , ist es, wenn Gronemann unter einer Unmenge billiger und schlüpfriger Flachheiten dieser. Art vom alten „Klausenburger Raw" erzählt, dass"?r einmal bei einer zionistischen Sitzung v erboten hätte, das Mincho gebet zu verrichten, — weil die Beschäftigung mit dem heiligen Lande wichtiger und heiliger sei als alle Gebete.' Nun, der alte Klausen- - burger Raw kann es nicht mehr dementieren p«. mn orr nrninb bw- Er stand wohl dem Zionismus sehr nahe, aber wir vermuten, daß er sich gegen eine solche Unterstellung mit Empörung verwahrt. hätte, seine. Freunde im Misrachi sollten nicht versäumen, zur Ehrenrettung des Rabbi es noch nachträglich zu tun. Wir hätten den ehrlichen Wunsch, daß das Buch nicht in nichtjüdische Hände gelangt, — erst recht nicht in die Hand der jüdischen Jugend. —tz.

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