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Der Israelit · 1928-01-19 · Heft 3 (19.1.1928) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 3 (19.1.1928)
Date
1928-01-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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m&'rnx &'Di& Gemrmdegebet und Synagogenchor. Von Joseph Larlebach in Mona. (Aus dem „Äeschurun"). (Schluß.) Wie ein patriotisches oder volkstümliches Lied von Tausenden gesungen in einem Instrument oder einer Chorgruppe ihren Halt und Takt findet, so muß in der Synagoge der G e m e i n d e g e - sang zu seiner vollen hinreißenden Wirkung kommen, nur daß er vor Auswüchsen und schrillen Disharmonien durch die Zucht und Straffheit geübter Sänger bewahrt bleibt. Jeder theatralische Charakter einer gesanglichen Darbietung an die Gemeinde ist zunächst völlig auszuschließen. Schon die Tonlage, .in der ein Chor einsetzt, muß eine Mittellage sein, in die jeder mit einfallen kann. Im allgemeinen verbietet sich daher jede Mehrstimmigkeit des Chorgesanges. Die Melodien Md so volkstümlich, so leicht sangbar wie möglich zu halten. Altes Sangesgut ist unbedingt zu bewahren. Es kann nicht gebilligt werden, daß ein Chor durch Ueberraschungen und Neuheiten glänzt. Wo ist, um von fremden Gebetsübungen zu sprechen, es je einem eingefallen, die Melodie von „Nun danket alle Gott" oder „Eine feste Burg" zu variieren? In unsren Synagogenchören tobt sich die Laune und Selbstherrlichkeit der Komponisten aus, die durch die schiefe Auffassung von der Rolle des Chors mehr imponieren, und in Nachahmung fremder Kunstchöre glänzen als das originale Sangesgut der Synagoge erhalten wollen. Grade darin kann das alte jüdische Chäsonus ein wunderbares Vorbild geben. Es ist von solcher erhabenen Einfachheit, daß es echtes Volksgut wurde, daß jeder die Melodien der Jomim Nauroim mit allen Nuancen im Herzen und auf den Lippen trägt. Es ist leichter, Chason am Versöhnungstag zu sein, als am Freitagabend, weil Höhen und Tiefen der Gesänge aus dem Machsor so leicht von jedem erklommen werden können, daß keine Stimme versagt, während das Moderne sofort den Stimmvirtuosen voraussetzt. Darin liegt aber eine ungeheure Gefahr. Wieviele Gemeinden können sich eines kantoralen Meisters oder eines gesangstechnisch erstklassigen Chores rühmen? Die musikalische Kritik aber wird soßyrt herausgefordert, wenn der Schein oder Anspruch einer echt künstlerischen Leistung vorgetäuscht wird. Durch nichts ist soviel musikalische Barbarei in unsre Synagogen eingekehrt, als indem die moderne Gesangsart Vorbeter und Chor die Maske des großen Äinstlers aufgesetzt hat. Die wirklich ästhetisch Empfindenden in unsrer Mitte wenden sich oft mit ' Grausen von den Synagogen tö, weil das ihnen gesanglich Gebotene ihr Feingefühl verletzt und jede Andacht rettungslos zerstört. Es ist ein Unding, das Gelingen eines Gottesdienstes, die ein- ' drucksvolle Wirkung des Gebetes von hoher Kunstübung abhängig zu machen, weil es niemals gelingen kann, in dieser Hinsicht in einen - Wettbewerb mit den großen Instituten und Veränstaltupgen in den Kunststätten der Oeffentlichkeit erfolgreich einzutreten. Da wird uns immer entgegengehalten werden können, daß Beet- > Hovens neunte Symphonie mehr Andacht ausläse, als unsrer Chöre noch so wohlgemeinte Leistungen. Und dabei können doch nur die größten Gemeinden die Mittel aufbringen, die Musikalität der Synagogen auf einer einigermaßen achtenswerten Höhe zu erhalten. Daher muß die. Kraft d,es synagogalen Gesanges auf ganz andrer Grundlage beruhen, als auf musikalisch künstlerischer Erweckung. Dieses Fundament muß sein: der eigne Gesang des Einzelnen, verbunden mit der Weihe der traditionellen Melodie. Wenn ich selbst singe, dann greift mein Singen und Sagen in mein Inneres und weckt die Gefühle, die wunderbar dort schlummern. Grillparzer hat in der Novelle einen „armen Spielmann" geschildert, wie er durch seine eigne, an sich geringwertige Kunstübung stets in seliger Entzückung lebt. Das ist der Lohn eigenen Singens. Der im Eigengesang der Gemeinde nachzitternde Reflex ihrer seelischen Erregung weiht die Töne und stellt sie jenseits der Kunstkritik. Wir brauchen weder uns, noch andere täuschen zu wollen, daß wir diesen gefährlichen Maßstab ertragen könnten. Unsre Kantoren bedürfen keiner närrischen Künstlermähne, unsre Sänger nicht der krampfhaften Betonung des Kammertons und der Kunstmittel, um sich dadurch vor einer urteilslosen Philistrosität als Musenjünger zu legitimieren, was im Ernst ihnen doch keiner glaubt. Wir haben das Gebet wieder in den Machtbereich zurückzuführen, in dem es als bodenbeständig seine Kraft ungehemmt entfalten kann: in den Bereich der Selbständigkeit der religiösen Seele. Dadurch, daß der Chor an dieser bescheideneren Aufgabe mit Selbstlosigkeit und schlichter Demut vor der Gemeinde Gottes sich genug sein läßt und der Gesamtheit ihre Würde zurückgibt, wird auch gleichzeitig eine erzieherische Seite des Gebetes wieder in Kraft treten: der Einzelne wird im Sprechen und Lesen und Verstehen der Gebete in steter Uebung erhalten. Gegenwärtig enthebt ihn der Chor der eignen Aktivität; ja selbst seine innere Leere kommt ihm nicht zum Bewußtsein, da die Musik ihn über sich selbst täuscht, immerhin Ohr und Seele gefangen und umfangen sind, sogar wenn er gar nicht ins Gebetbuch blickt und nicht ahnt, welche religiösen Inhalte das Worb grade darbietet. So stumpft die zunehmende Betätigung des Chors das Bewußtwerden und Schamgefühl der Unwissenheit ab. Darum die Unentbehrlichkeit der Surrogate in den Synagogen der dem Judentum Entfremdeten; die Angst der Armen ist ihre Armut; das Ohr wird statt der Lippe geöffnet, wenn Gottes Ruhm erklingen, soll. Der Gemeindegesang dagegen nimmt still und unvermerkt den „Fremdling" in seine Gewalt, langsam, langsam löst sich sein stummer Mund und mit der einprägsamen Melodie geht auch das Wort allmählich in den Eigenbesitz über. Trotzdem kann es auch bisweilen angebracht sein, daß cm bestimmten Stellen des Gottesdienstes der Chor seine alte Rolle ausübt, besonders wenn er über eine verhältnismäßig gute Ausbildung verfügt. So kann ich mir wohl vorstellen, daß er als Einleitung einen Psalm, ein Mah Tauwu oder dergleichen mehr singt, um eine erhöhte Stimmung zu schaffen, die noch in den Banden des Alltags gefesselte Seele zu lösen und den großen Auftakt zu einer Sammlung der Weihe und Erhebung zu geben. Da dient er als Brücke und Tor, bis der Einzelne ins Heiligtum selbst eingetreten und hier den Opferdienst des Herzens vollbringt. Nur darf er nicht das Heiligtum allein im Besitz behalten wollen und die Gemeinde ständig draußen lassen. Ebenso mag der Chor mit Recht zur rechten Gelegenheit den Chason utnerstützen, ihm zur Seite stehen wie die alten Meschaurerim im Osten, um dort, wo die Gemeinde ohnedies schweigend verharrt, die Darbietung des Vorbeters eindrucksvoller zu gestalten. Da bedeutet es keine Verkürzung der Rechte der Gesamtheit, ebensowenig wie der Rolle des Schliach Zibbur, weil es hier im Wesen der Sache, an der Besonderheit des betreffenden gottesdienstlichein Momentes liegt, daß hier etwas auf die hörende Gemeinde mit besondrer Wucht eindringen soll, sie aufrüttelt ode^ besänftigt. So habe ich es gesehen, daß für die Gebetsstücke des Chason in der Awaudo am Jaum Kippur dieser mit seinem Chor sich zur Einheit verband und dadurch das Ganze zu einem unvergeßlichen Erlebnis zu steigern wußte. Aber nur in Ausnahmefällen werden diese Aufgaben dem Chor zuteil. Als der Chor mit innerem Widerstreben in unsre frommen Gotteshäuser in Deutschland Eingang fand und im instinktiven Vorgefühl seiner Gefahren man ihn vom eigentlichen Gebete fernhalten wollte, wies man ihm Partien zu, in denen er möglichst wenig Schaden stiften konnte, die man nur als Beigaben der Haupttefilla betrachtete. Vor allem die Stücke des Aushebens und Einhebens der Thora, die Schlußgesänge, Lecho Daudi, kurz alles, wo die Ausschaltung der Gemeinde unwesentlich war, so daß man nach wie vor „richtig oren konnte". Aber man vergaß dabei den außerordentlichen Nachdruck, den der Chor zu verleihen imstande war, und unmerklich wurden bei der großen Menge diese vom machtvollen > Gesang getragenen Stücke Rückgrat und Hauptteildes Gottesdienstes. Der Chor, der zuerst nur geduldet war, ist heute Herrscher geworden; von ihm leihen die Gebete hren Rang. Es geht damit derselbe Prozeß vor sich, den wir auch bei den Pijutim verfolgen können, die als Gäste in die Synagoge eingelassen, die eigentlichsten Kinder des Gotteshauses, die grundlegendsten Gebetsstücke langsam in ihrem Range zurückgedrängt und sich in die vorderste Reihe geschoben haben. Es ist eine tieftraurige Tatsache, daß am Rausch Haschonoh und Jaum Kipppur, wo doch jeder in die Synagoge kommt, um durch sein Gebet sich würdig zu machen, fast in allen Gemeinden d e r H a u p t - teil der Beter weder yaw mr-ipv noch das Achtzehngebet am Morgen spricht, von den man 'pivs ganz zu schweigen, weil die Pijutim mit ihrer Betontheit und Vertonung alles verschwinden lassen. So ist langsam eine Verschiebung des Schwerpunkts der Tefllla eingetreten, vom Wesentlichen zum Nebensächlichen, vom Gebet zum Pijut, vom Oren zum Chorgesang. Die Anordnungen der Tora und unsrer Weisen scheinen Nebensache. Das ist aber däs schlimmste Verdikt, das über jjs

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