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Der Israelit · 1928-01-19 · Heft 3 (19.1.1928) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 3 (19.1.1928)
Date
1928-01-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 3 19. Januar 1928 Proßnitz blätterte nervös in einer anderen Schrift herum und, endlich die Stelle gefunden, sagte er etwas unsicher balanzierend: „Hier steht es, in meinem „Mehemenuta d'Gala": Man kann Sünde überwinden durch noch größere Sünde, Schuld tilgen, durch A n h ä u f u n g!N e u e r Schuld. Selbst Abfall vom Glauben kann .' . Rabbi Naftali hielt sich beide Ohren zu: „Genug!" Aber sofort mäßigte er sich und sein Ton erhielt die gewohnte Milde wieder: „Höret Freunde, Ihr redet Worte, die im einzelnen mir vertraut, aber im Ganzen mir so fremd sind, daß sie mich wie Eis, wie Hauch aus dem Abgrund anwehen. Wüßte ich nicht und sprächen nicht Euere Empfehlungen dafür, daß Ihr ehrbare Leute und fromme, rechtschaffene Gelehrte seid, ich müßte gar glauben-— Gott schütze mich vor falschem Verdachte gegen jüdische Menschen. Aber nun seid Ihr gekommen, daß ich Euch anhöre, Euere Schriften begutachte, lasset sie mir hier. Euer gesprochenes Wort geht mir nicht ein, mit dem g e s ch r i e - b e n e n will ich in einsamer Rachfftunde mich auseinanderzusetzen suchen. Kommet morgen wieder!" „Wir, werden unsere Schriften noch einmal durchgehen, Einzelnes prüfen, ändern und sie morgen bringen", sagte Proßnitz und raffte rasch seine Blätter zusammen. „Gam ani!" schloß sich Chajon an, und Mosche Meier neigte den Kopf hin und her, wie m großem Staunen und in Mitleid mit der zweifelnden Seele eines großen Manns. Die Drei standen auf. Grünhut überlegte eine Weile, ob es sich noch lohne, zu bleiben und mit den Gilgulim auszupacken. Aber im Auge des Rabbi lag Müdigkeit, Unwille, Unbehagen, Zweifel und Abweisung, so eilte er den Anderen nach. Er kam noch Acht, um zu hören, wie Proßnitz resigniert sagte: „Mit dem Polen wird nichts zu machen sein. Heute zweifelt er noch, morgen kommt er mit dem großen Banne. Ich kenne es von Böhmen aus, so war es auch in Ungarn." Chajon räsonnierte in hebräische-n Wendungen, die sich wie Beschwörungsformeln anhörten und Mosche Meier Kamenker, die Hände noch immer in die Aermel vergraben, stieß polnische Klagelaute aus. David Grünhut schloß sich den drei Männern an. (Fortsetzung folgt.) Reisebrief aus Oberhof. Von Fabius Schach. Jude und Wintersport scheinen vom Hause aus Gegensätze zu sein. Der Wintersport ist nicht nur geschichtlich, sondern auch psychologisch nordischen Ursprungs. Nur der Nordländer versteht die Sprache der gewaltigen Winternatur, nur ihm offenbart sie sich in ihrer ganzen Größe. Und der Jude ist südlich gestimmt, seine Sehnsucht ist die Natur in grün und nicht in weiß. Er lechzt nach Wärme und nicht nach Kälte. Aber — schließlich bedeutet Sport nicht Natur, sondern Ueberwindung der Natur, Wille, Energie. Und darin war der Jude stets Meister. Seine Lehre und seine Schicksalsgeschichte zwangen ihn' immer wieder, seine Begierden zu beherrschen, seine Leidenschaft zu dämpfen, seine Willenskraft zum höchsten Instrument auszubilden. Nur fo ist es zu erklären, daß die Juden, die man lange für körperlich degeneriert hielt, in kürzester Zeit sich einen Ehrenplatz auf allen Gebieten des Sports erwarben. So befremdet uns der Anblick der jüdischen Jugend auf dem Rodel oder auf den Skiern nicht. Wir freuen uns über die jüdische Kraft, über die jüdische Lebensfreude und erhoffen daraus auch geistig viel für die Zukunft. Auch der Winter ist eine Zeit des Lebens und auch er kann der Seele in der Natur Gottes mehr als in der Atmosphäre des Tanzsalons gebest, Neünet es nicht Sport sondern Leben in der Natur, und die Sache hat auch ihre religiös-ethische Seite, oder kann sie wenigstens haben. Denn alle Freude ist Lebensbejahung im Dienste einer sittlichen Idee, eines höheren Willens. Wenn wir Juden trotz aller tragischen Geschicke uns den Optimismus als Lebenselement erhalten haben, so verdanken wir es in erster Reihe unserer Religion, unserer Lebensführung im Geiste unserer Lehre. Auch die körperliche Kraft des Juden ist, richtig verstanden, ein Erbe desJudentums. Der Jsrae lit Man wird also die Beteiligung der Juden an dem Wintersport, nicht tadeln. Nur wird man wünschen, daß er nicht zum Selbstzweck wird. Man stählt seine Kräfte, um sie hohen Zielen dienstbar zu machen. Eine körperliche Erstarkung, um damit zu protzen, entspricht weder einer gesunden Kultur, noch dem Ideale des Judentums. Und man wird auch verlangen dürfen, daß das Jüdische beim Sportlichen nicht zu kurz kommt, daß der jüdische Name verherrlicht und nicht verdunkelt wird. O b e r h o f ist durch seine glückliche' Lage im Herzen Deutschlands, durch seine Höhe, seine Schönheit und seine eigenartigen Reize-für den Sport wie für die Erholung auch im Winter geradezu auserwählt. Dazu kommt, daß es alle Bequemlichkeiten eines modernen Luftkurortes bietet, ohne die unerschwinglichen Ansprüche der europäischen Weltbäder an den Geldbeutel zu stellen. Kein Wunder daher, daß diese Perle des Thüringer Waldes sich in den letzten Jahren zum Eldorado für Jung und Alt entwickelt hat. Und daß auch die Juden hier stark vertreten sind, wer mag darüber staunen? Die Juden Deutschlands sind zum größten Teil Kopfarbeiter und Großstadtmenschen, und sie bedürfen der Auffrischung ihrer Kräfte in der Natur Gottes am meisten. Aerztä raten in letzter Zeit immer mehr zur Erholung im Winter, wo die Luft reiner und die Natur neroenberuhigender ist. Wir Juden sind durch ' unsere religiöse Weltanschauung lebensfreudig und die Bewunderung der Natur als Weirk Gottes ist uns hohe Seelenfreude. Niemand wird sich darüber ärgern, daß viele Juden in Oberhos Zuflucht suchen. Nur möchte man wünschen, daß sie sich auch j ü - dr sch fühlen. Das wird man aber leider von vielen nicht sagen dürfen. Viele verwenden ihre ganze Lebenskunstdarauf, - ihr Judentum zu verstecken, und — fallen gerade dadurch unangenehm aus. Eine Unnatur mitten in der Natur, — kann man sich etwas Häßlicheres denken? . . . In der Weihnachtswoche waren in Oberhof mindestens 200 Juden, zum Gottesdienst am Freitagabend und Sabbatmorgen waren wir 13—14 Männer. Man braucht nur diese beiden Tatsachen nebeneinander zu stellen, um zu erkennen, wie es mit uns bestellt ist. Die meisten wohnen in christlichen Hotels und Pensionen und sind sentimental am Lichte des Weihnachtsbaums und lustig gestimmt bei der' Sylvesterbowle. Dabei ist im jüdischen Hotel Blum eine geradezu ideale Verpflegung und aufmerksame Bedienung geboten, die auch den Verwöhntesten befriedigen muß. Und auch im Preise ist der Aufenthalt in dieser echt gemütlichen jüdischen Gaststätte nicht höher als in nichtjüdischen besseren Hotels. Aber — es ist „moderner", nichtjüdisch zu leben und „sich nicht zu erkennen zu geben". Der gebildete Christ höhnt darüber und macht Witze, die um so mehr schmerzen, weil sie nicht ganz unberechtigt sind. Am 31. Dezember hörten wir folgendes Gespräch zwischen zwei christlichen Herren: „Gehen wir zur Sylvesterseier nach dem Sch.-Hotol?" „Nein, in. diesen Judenmarkt kriegst Du mich nicht hinein." Judenmarkt? Ein furchtbares, widerliches, aber leider nicht ganz falsches Wort. Im modernen telegraphischen Stil ausgedrückt, wird man vom wunderschönen winterlichen Oberhof berichten dürfen: „Eine weiße ,aber nicht unschuldsvolle Welt, viele Juden, wenig Judentum." Ja, es gibt kein besseres Mittel, sich lächerlich zu machen, als sein Judentum.zu einer Karrikatur herabzuwürdigen. Das, was man ist, soll man ganz sein und es mit Würde tragen, ohne Feigheit und ohne Üebermut. Wenn man jüdische Frauen in ausfallenden Sportkleidern steht, wenn man jüdische Männer germanisches Heldentum mimen sieht, dann weiß man wirklich nicht, ob man darüber lachen oder weinen soll. Der richtig erkannte Sport soll Harmonien erzeugen und keinen Widerspruch zwischen Körper und Seele bilden. Auch dem Sport sind Grenzen gezogen, er darf nicht zur hohlen Mode werden. Der Jude kann und soll Sport treiben, um das jüdische Wesen zu stärken und es in Einklang mit der jüdischen Ethik zu bringen. Jeder Sport ohne höheres Ziel ist verfehlt und bringt uns Schaden und nicht Nutzen. Der Aufenthalt in der Natur soll uns erheben, soll uns im Sinne des Psalmisten von der Schöpfung zum Schöpfer führen, uns vertiefen und harmonischer stimmen. Der Jude kann, wenn er in die Sommer- oder Winterfrische geht, nicht sein Judentum zu Hause lassen, weil darin sein Bestes und Schönstes ist. Am Grabe des Maimonides. Das Grab Maimonides in Tiberias befand sich in nicht gerade erhebendem Zustande. Auch Nichtjuden drückten wiederholt ihre Verwunderung über diele Indolenz des jüdischen Volkes einem seiner Größten gegenüber aus. Nunmehr haben sich einige hochangesehene Sesardim unter Mitwirkung des Oberrabbiners von Tanger. Rabbi Jakob Mosche Tolidano, zusammengetan, das Grab instand zu setzen. Das Werk ist vollbracht. Rund um das Grab herum erheben sich acht Betonsäulen, deren obere Spitzen schöne Kronen tragen. An der Hauptfront ist eine schwere eiserne Tür angebracht, darüber prangt die Abbildung einer Menorah und darunter ein riesiges Buch. Ein reiches Marmorwerk hält das Ganze zusammen. Die eine Steinwand gibt die alte Schrift wieder: *inno siv'» p nipa 133*1 ]1öü ns 'V138N. Auf dem linksstehenden Steine ist zu lesen: NVV3 op nvo *7sn NV!2». Die Zwischenwand enthält den Namen und eine Aufzählung der hervorragenden Schriften des Maimonides. An einer anderen Stelle sind die Namen der Stifter und Spender des Denkmales verewigt Die Bewohner von Tiberias. aber auch das ganze jüdische Palästina, wissen den Stiftern heißen Dank für diese schöne Tat zur Ehrenrettung des jüdischen Namens. Gemara zu Seraim. Zu Mischnajoth , Seraim" gibt es bekanntlich, außer zum Traktate Berachoth, keine Gemara. Ein Frankfurter Privatgelehrter, Herr Dow Iehuda W al lach, hat sich der Mühe unterzogen, alle Stellen aus Babli, Ieruschalmi, Tosesta, Saffro, Siffre und Mechilta zur Mischna von Seraim mitsamt Raschi und Tossesot zusammenzutragen, so daß eine ganz respektable Gemöro zu den Traktaten des Seder „Seraim" entstanden ist. Die uns vorliegende Probe zu Peah mutet vielversprechend an. Das komplette Werk sieht in der Druckerei von Samson Weiß seiner Veröffentlichung entgegen. Die Ausgabe erfordert enorme Kosten, und zweifeln wir nicht, daß der Aufforderung des Herausgebers zur Subskription viele Thorasreunde Nachkommen werden. Unter den Rabbinern, die das Werk empfehlen, finden wir den Sadagorer Rebben. Rabbi Friedmann; von deutschen Rabbinern, Rabbiner Dr. S. Bamberger, Hamburg. Distriktsrabbiner Dr. Rafael Breuer, Aschaffenburg, Rabbiner und Seminardirektor Dr. Carlebach Köln; Rabbiner Dr. Carlebach, Berlin; Rabbiner Dr. Klein, Nürnberg: Rabbiner Dr. Mannes, Schwabach; Seminarrabbiner Dr." Neubauer, Würzburg; Oberrabbiner Dr. Spitzer. Hamburg. Annoncen-Büro Julius Schmidt Frankfurt a. M-, Langestr. 7 Telefon Hansa 4641 Postscheck-Konto Frankfurt am Main 142 353 Einzige Inseraten*Annahme für Frankfurter Geschäftsinserate des „ISRAELIT “ Ausserdem Annahme von Inseraten für sämtliche hiesige und auswärtige Tageszeitungen, Wochenu. Fachblätter zu Originalpreisen WARTE BELEUCHTUNGSKÖRPER N* 7zso M. 75.- wui&Armen T.UCHTa KRAFT-AN LAGEN ist und bleibt der Beste! Verantwortlich für de» allgemeine» Teil und da» Feuilleton @. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i.B.: «.Schach» nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L< Kaufmann in Sprendlingen ffft. Offenbach). — Verlag .Zsraeltt", ®. m.b.H., Frankfurt a. M. — Druck Sermon Verlag»» Aktiengesellschaft. Frankfurt a. M.

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