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Der Israelit · 1928-01-19 · Heft 3 (19.1.1928) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 3 (19.1.1928)
Date
1928-01-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuerzeichen. Km GHeLto-Aoman von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) .David Grünhut war vergessen, abgetan, ganz aus dem Bewußtseinskreise der Gasse ausgeschaltet. Aber Grünhut hätte zu lange um seine Anerkennung gekämpft, um resigniert die Waffe zu strecken. Er ließ sich nicht übersehen und übergehen und angelte nach einer Gelegenheit, sich wieder irgendwie in den Vordergrund zu schieben. An den neuen Rabbi, der von Polen kam, eine Vergangenheit hatte, knüpfte er weitgehende Hoffnungen. Er haßte die Gasse und die „Gäßler", wie er seine Glaubensbrüder verächtlich nannte, und womit.er ihren Horizont „vom Friedhofe bis zur Schul", ihre Engstirnigkeit, die nicht ausreichte, ihn, den großen Gelehrten und Universalgeist, zu verstehen, bezeichnen wollte. Sie allein waren schuld, meinte und sagte er, an seinem persönlichen Mißgeschicke, daß er im Leben nicht vorwärtskam — er kam unbestallt und unbeweibt — und auch daran, daß all feine Pläne Zerschellten, bevor sie noch, festen Umriß erhielten. Hielt er ihrer Talmudsprache sein gelehrtes Latein entgegen, spotteten sie seiner und fragten ihn, ob er Apotheker fei, ging er äuf ihre Sprache und Gedankenart ein, schwiegen sie, als wunderten sie sich, daß er es wage, dareinzureden, kam er mit der Kabbala, so verboten sie ihm. das Bücherschreiben, ging er dann zu den Änderen, den Nichtjuden, so sahen sie ihn scheel an, wie einen Verräter. Hätte er nicht größere Achtung verdient, er, der mit Wagenseil und Leibnitz disputierte/ Schudt belehrte und Eisenmenger im Diskurs so schlug, daß ihn nach nachträglich der Schlag rührte. Er hatte letzteres fo oft erzählt, daß er mählich anfing, selber daran zu glauben. Im Grunde seines Herzens drückte aber die Erkenntnis, daß er auch diesen Männern, und erst recht diesen, nicht viel galt. Sie nahmen von ihm, was er brächte und sie brauchten und zahlten mit schlechtem Gelde und öligen Worten, die so anwiderten, wie ihre fetten Speise^ hie sie' ’l ihm.MbötA- und, er nicht anrührte/s/ Hetzen, .^Md^ fahlen' sie in ihm den Ta l m^d uitn >; wie Äe'' Gassi in ihm denL ä t ei n e, faß zwischen zwei Stühlen imleerest Räume,, AndWuld'wären,^die Gaste unö "Gäßler^? :/ Er ckcu^t, vosi^ der Judengässe micht ilosi. 'Drinnen itn'Ghetto war alles eng und dumpf' zum Ersticken, draußen bei den „Herren" fror er aber vor Oede und Kälte. Er kam von der Gasse nicht los, und darob haßte er sie noch mehr., . ' Seine grauen Augen waren jetzt ganz einge-. funken in die von buschigen Brauen umschatteten Höhlen, die, gebuckelte Nase starrte im aschfahlen knochigen Gesichte wie ein Ding an sich, das alles Maßverhältnis zum Gesamtbilde verloren, die Bartspitzen waren ganz zerbissen und zepkaut beim vielen Nachgrübeln und hingen fn einzelnen Strähnen nach unten. Der. Rock saß. ihm hinten so hoch am Nacken, wie der Kops vorne nach^Unten gesenkt war, das Gesicht chatte! etwas Vogelartiges. -!! Hinaus , wollte er aus der Gaste, in die Welt, in Missionen, mit Papieren und. Legitimationen bersehM, etwas im Aufträge.. vollführen.- . Es konnte ja keiner wie er mit Gelehrten und Fürsten reden . . . Auf den neuen. Rabbf durfte er vertrauen, daß er seine Qualitäten erkennen, ihm die Aufträge für die Welt samt der Autorität, sie aUszuführen, geben werde. Er war ja selbst ein Mann der Welt, war kein „Judengäßler" . . . Im übrigen hatte er doch gute Einführung, das von ihm herausgegebene Buch der „Gilgulim". Rabbi Naftali war ja Freund und Meister der Kabbala. Es war nicht Zufall, daß er gerade die späte Nachtstunde benutzte, um mit dem Gilgulim- Buche in der Hand durch die stets jedermann offenstehende kleine Türe ins Rabbihaus zu schlüpfen. War es doch, wie er hörte, die Stunde, in der sich der Rabbi mit höchsten und tiefsten Dingen beschäftigte, gerade dazu angetan, seine Gilgulim auf- und abrollen zu lassen. Und dann — es sollte ihm bei Tageslicht keiner den Weg zum Rabbi versperren, keiner von den „Judengäßlern" .... Es waren aber noch viele andere, die sich in diesen Tagen an Rabbi Naftali herandrängten, vorsichtig ihre Fühler ausstreckten oder ihn, von dem sich jeder ein Bild nach seiner Vorstellung machte, im Sturm zu gewinnen suchten. So kam es denn, daß David Grünhut zu dieser Nachtstunde noch drei Männer im nächtlichen Lernzimmer des Rabbi vorfand, von denen er nur einen von Angesicht kannte: Löbele Proßnitz. Dieser war ein schwarzbärtiger beleibter Vierziger, mit den verträumten Augen eines Menschen, der in Nebelfernen schaut und, fernsichtig, zu den Dingen um sich herum in keinem rechten Verhältnis steht. Von Proßnitz wußte er, daß er aus Böhmen oder Ungarn kommend, in Offenbach oder sonstwo in der Peripherie Frankfurts einen Kreis zumeist Jugendlicher um sich hatte, den er mit seltsamen Lehren sättigte. Die anderen zwei Männer kannte er nicht, lernte sie aber im Laufe des Gespräches als einen Nehemja Chija C h a j o n und Mosche Meier Kamenk e r kennen. Chajon war lang und dürr mit ganz dünnem schütterem Bärtchen, dessen Spitze aus zwei breiteren Seiten hinunterragte, daß das, Ganze wie ein Komezlaut aussah. Er näselte in orientalischem Hebräisch und fuhr dabei mit langen dürren Armen aus, die sich wie die Flügel einer Windmühle bewegten. Mosche Meier Kamenker war von kleinem Wüchse, behäbig, beweglich und zappelig, mit ungeordnetem angegrautem Barte, der zu lang für die Figur war und ihr etwas Gnomenhaftes verlieh. Er. hatte einen pelzgefütterten Mäntel an, dessen gelber Kragen deutliche Spuren volkreicher Mottennester aufwies. Er stpräch schnell, lebhaft, in östlichem Jüdischdeutsch und vergrub dabej' die einä Hand so tief ins Atinelfutter der' Ddefen, Als rfror er in der heimischen Steppe. - Es bedurfte keines großen Scharfsinnes für GrüNbut^ festzustellen, daß ChajorN ein Spaniole aus äem Orient war und Mosche Meier Kamenker L i t a u e n oder Wolhynien oder sonst eine Gegend O st eur o p a s vertrat. Zusammengehalten wären beide Pole von Proßnitz, und Grünhüt atmete beim Anblicke der Männer Weltluft, daß sich ihm die Lungen weiteten. Hier,war keine Gaste und keine „Gäßler". Hier trafen sich Orient und Okzident, Böhmen oder Ungarn mit Deutschland und Polen. Das war was.für David Grünhut. , Sein Erscheinen erregte kein' sonderliches Aufsehen. -- Er nannte seinen Namen, vier Hände streckten. sich ihm zum „Frieden mit Euch" entgegen, mit stummer Handbewegung lud ihn der Rabbi zum Sitzen ein, unhMe Unterhaltung ging weiter: ä Löbele Proßnitz entwickelte mit großer Beredsamkeit, oft .mit, hinreißendem Pathos eine Lehre auf Grund einzelAr Sätze, die er aus einer vor ihm aufliegenden kleinen Schrift herauslas, wozu Chajon unablässig das O-Bärtchen schüttelte und die Propellerarme bewegte. Es waren unverkennbar seine Gedanken, denen m.r im Proßnitz beredter Dolmetsch war. Mosche Meier schüttelte sich, die bepelzten Arme ineinander geschoben und an. die Brust gespannt, wie beim Gebete. „Die D r e i", dozierte Proßnitz und sah über alles und alle hinweg wie in ferne Welten, „sind überall, oben und unten, hier und dort, in der Welt des reinen Geistes wie in der der Materie. Im Schmagebete lausen die Drei in eins, in „Echod" zusammen. Die Thora ist dreiteilig, wie Israel aus drei Ständen sich zusammengesetzt und ist nach drei Tagen der Abgrenzung gegeben worden. Drei Erzväter und drei Grundpfeiler, auf denen die Welt ruht. Alles weist auf die drei „Parzufm", die Dreigestaltigkeit im Namen und Wesen des Einzigen, das ist das „Rasa dejichuda", das tiefere Geheimnis der Gotteseinheit", sagte er und wies auf die Schrift, die den Titel „Rasa dejichuda" trug. Rabbi Naftali hob den Kopf, um seine Mundwinkel bebte es ein wenig, seine Augen leuchteten in die Proßnitz', als wollte er durch dieses Fenster auf den Grund seiner Seele schauen. „Wie meint Ihr das, was wollt Ihr damit sagen? Wißt Ihr nicht, daß die Anderen mit Drei und Eins seit siebenzehnhundert Jahren gegen uns und gegen unsere heilige Thora arbeiten?" David Grünhut biß sich fest in den Bart, um nicht mit all dem herauszuplatzen, was er von diesen Anderen und ihren Lehren wußte. „Daß uns Gott behüte vor der Lehre der Nazarener", wehrte. Proßnitz etwas gekränkt ab. „Es ist nicht Vater und Sohn, es ist der „Sabba atika", der seine „Schechinah", seinen Glanz auf den „Malka kaddischa", den heiligen König, ausstrahlen läßt. Altheiliger, Schechinah und Malka kaddischa sind drei und doch eins und dasselbe." „Und wer und was ist der „Malka kadischa"? fragte Rabbi Naftali, immer noch die fremden Männer scharf im Auge behaltend. Mosche Meier nahm Proßnitz das bereits begonnene Wort ab. „Der Malka kaddischa wandelte oder wandelt in Menschengestalt unter den Menschen, Mensch gewordene Schechina im Sinne und im Aufträge des Altgeheiligten." Chajons Augen glühten auf wie angefachte Kohlen, er sprudelte in seinem näselnden Hebräisch einen Schwall von Worten hervor, geriet in Ekstase und ging ins Singen über. Er sang unter Zuckungen mit verdrehten Augen ein aramäisches Lied von der „Seele der Deelen",'von der ein Glanz ausströmtzder auf dem Haupte des Auserwählten hasten bleibt. „Dieser ist' gekürt und gesalbt; . ." ' 'j;' Mit sichtlicher Unruhe-, hörte Rabbi Naftali den unharmonischen Gesang an, und als sich Chajon endlich mit geschlossenen Augen setzte, fragte er: „Denkt Ihr an bestimmte Namen, da Ihr vom Malka kaddischa sprecht und singt?" „Es gab Männer' in den verflossenen Jahren, die sichtbarlich den Glanz trugen und wenn sie nicht mehr unter uns weilen, leben Andere ihr Leben, Der Malta kaddischa stirbt nicht . . ." Rabbi Naftali sprach sehr ruhig und sehr gütig: „Ihr wißt, es ist noch nicht gar so lange her, unsere Väter wußten noch davon zu erzählen, da hat ein Mann die Welt äufgerührt, der vorgab, so etwas wie Träger der. Schechina, wie Ihr sie sehet, zu sein; er führte eist gottloses Leben, hat Israel irregeleitet und hat sich am Ende dem fremden Glauben in . die Arme geworfen, Sabbatai Zewi, vertilgt sei sein Name und Andenken!" - Er merkte nicht, wie sich die drei Männer bei Nennung dieses Namens leicht von den Plätzen erhoben und sich ihre Lippen bewegten. Grünhut gewahrte es, und er wußte alles.

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