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Der Israelit · 1928-01-12 · Heft 2 (12.1.1928) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 2 (12.1.1928)
Date
1928-01-12
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 2 Nr. 1 Der -sraelit 12. Januar 1928 6. Die Bestrafung nach der Stunde wird eher in den Grenzen einer milden, väterlichen Züchtigung bleiben. Lebensmüde. Von Dir. Dr. Mas in Fürth. Vor einigen Wochen hat ein Fall von fünf jungen Menschen, die gemeinsam den Tod gesucht haben, die Oeffentlichkeit erregt. Denn wenn wir uns im Laufe der Zeit auch an so manche Begleiterscheinung der - Kultur gewöhnt haben, der Selbstmord Jugendlicher gehört erfreulicherweise nicht zu ihnen. Wir fühlen Gott sei dank noch die ganze Tragik und Widernatürlichkeit, die in dieser Kulturhypochondrie liegt: Kinder, die wir uns am liebsten tanzend und springend, lachend und spielend, beseelt von stärkstem Lebensgesühl, frei von Schuld und verschont von Sorge denken, sie benutzen die schwache Kraft, die ihnen gegeben, dazu, sich selbst den Lebensfaden abzuschneiden: im Tode noch erschütternde Ankläger gegen diejenigen, die sie hinübergehen ließen. Waren sie nicht-wie Pfeile in der Hand des Starken, nicht abhängig von uns, zu gehen, wie w i r es gewollt? Cs sind ernste Männer zum Nachdenken über die Schuld, die unsere Zeit, unsere Zivilisation an dem Tode dieser Knospen tragen, die gebrochen waren, ehe. sie ausblühen konnten. Die verschiedensten Abhandlungen wurden darüber schon geschrieben, und statistische Untersuchungen angestellt, die freilich schon aus dem Grunde nicht ganz zuverlässig' sind, weil die meisten Fälle gar nicht als Selbstmorde angegeben werden. Angesichts solcher Unternehmungen bedrückt uns die Frage: Was für eine Rolle spielen die jüdischen Jugendlichen in diesem traurigen Bilde? Vor einiger Zeit war im „Israelit" auf die furchtbare Sprache der Zahlen . hingewiesen, die aus einer Zusammenstellung aus der Seilbstmordstatistik Preußens zu uns redet. Bei den Protestanten und Katholiken sank.die Zahl, bei den Juden stieg sie. Das galt von den Erwachsenen. Wie steht es mit den Jugendlichen? Die Statistik gibt hier wenig Anhaltspunkte. Es scheint aber, daß Kinderselbstmorde bei uns kaum Vorkommen, und auch die Jugendlichen einen kleineren Prozentsatz darstellen wie die Erwachsenen. Jüdische Eltern behüten ihre Kinder mehr/ solange sie noch Einfluß auf sie haben. Dazu kommt, daß das Vertrauen auf Gott, wie es bei Kindern meist noch vorhanden ist, sie nicht so leicht zur Verzweiflung kommen läßt. Es ist immer dasselbe Bild: Die stärkste Hemmung bildet die Religiosität, wie die Statitist der katholischen Fälle beweist, auf die wir nicht ohne einen gewissen Neid blicken können. Man hat vielfach die Schule zum Prügelknaben gemacht und die in ihr herrschende Uniformierung, die geringe Rücksicht auf die Individualität der Schüler und die von ihr gezüchtete Furcht vor Strafen und schlechten Zensuren für die Verzweiflungstaten der Schüler verantwortlich gemacht. Aber verschiedene amtliche Untersuchungen haben ergeben, daß der Schule als solcher Unrecht geschah, wenn man sie mit Odium der Schülerselbstmorde belastete. Die statistisch sestgehaltenen Fälle haben gezeigt, daß sie mehr auf Konflikte außerhalb der Schule zurückzuführen seien. Und selbst in den Fällen, wo nach Bekenntnissen der Kinder die Schule die Schuld trug, ist sie mehr das auslösende Moment gewesen als die tiefere Ursache. Freilich bleibt noch die Frage: Hat die Schule ihre Pflicht getan, wenn sie den Selbstmord nicht verursacht, Hat sie nicht schon Anteil, wenn sie auch nur das auslösende Moment darstellt, wenn der Lehrer die besonderen Umstände, unter denen «in Zögling lebt, nicht beachtet? Muß sie nicht dafür sorgen, dei etwa vorhandene Neigung zum Lebensüberdruß durch Erweckung der Freude an der Welt und Um Leben, durch Ermutigung zu jeglichem Streben zu überwinden? Und vor allem: Tut sie immer das Ihrige, tun die Eltern immer das Ihrige, um die jüdischen Schüler vor antisemitischen Kränkungen zu bewahren und sie auf der ändern Seite fest im Gottvertrauen zu erziehen? Diese Fragen stellen, heißt sie beantworten. Freilich dürfen die Eltern ihre Kinder nicht durchaus in die Schule gehen lasten, für die sie ihrer ganzen Anlage nach nicht geeignet sind, und nicht auf dem Standpunkt stehen, den der Wiener Lehrer Dr. Molitor so gut mit den Worten gegeißelt hat: „Nichts ist charakteristischer für die unser Leben beherrschende Beamtenpsychologle, als der in solchen Fällen übliche Jammer:' Er verliert ein Jahr. Denn das ist richtig nur für die künftige Aktioitätszulage, aber nicht für die geistige und körperliche Entwicklung. Im Gegenteil, man rettet dem Knaben ein oder mehrere Jahre seiner Jugend." Psychopathische Kinder gehören in heilpädagogische Behandlung. Bei der großen Verbreitung der Hysterie unter den Juden und noch mehr unter den Jüdinnen (vgl. die Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden 4. Jahrg., Heft 3—4) nehmen solche Zöglinge einen sehr großen Raum ein. Der Lehrer sehe auf ein richtiges Verhältnis zu den Schülern, aus dem jeder Unteroffizierston zu verbannen ist, halte stete Verbindung mit den Eltern, die Schule wirke durch Pflege der Leibesübungen und des Naturgefühls und durch Beschränkung der Lektüre der Nervosität besonders der Großstadt entgegen. Auf den Rattenschwanz von Prüfungen und Klassifikationen und Klassenarbeiten und Extemporalien, die nach den Klagen der Eltern und Gutachten vieler Aerzte die Seelen der Kinder bis in die Träume der Nacht hinein verfolgen, würde ich gern verzichten. Es wäre das Beste, wenn der Lehrer das Ansehen besäße, daß seine Urteile ohne, weiteres von unseren Eltern angenommen würden. Aber nach meiner Erfahrung fürchte ich: Wenn wir heute Arbeiten, Prüfungen und Zeugnisse abschafften, so wären gerade die Eltern, die jetzt am meisten über die Nervosität ihrer Lieblinge klagen, die Ersten, die eine Prüfung verlangen würden, um zu beweisen, daß der Lehrer sich geirrt hat. Wenn der Lehrer die zu erwartenden Zensuren noch vor der Verteilung der Zeugnisse als etwas selbstverständliches den Schülern mitteilt, dann ist es auch nicht jo gefährlich. Die Hauptsache ist, daß ein Geist der Gemeinschaft und Zusammenarbeit alle Schüler verbindet. Eine jüdische Schule wird , dies ohne weiteres erreichen können. Ist eine solche nicht am Platze, dann muß der jüdische Lehrer durch Teilnahme an den Schulfreuden und Schmerzen, durch Heranziehung all der Kinder, die gesellschaftlich isoliert in der Welt stehen und vor allem durch überzeugenden Hinweis auf Gottes gütige Vaterliebe, auch wo der Zögling gefehlt hat, die Aufgabe auf sich nehmen, die Schüler vor Lebensüberdruß, zu retten und mit ihrer Seele zugleich die Welt zu erhalten, die der Allmächtige in zehnmaligem „Werde!" uns anvertraut hat. Schwieriger ist das Problem der Jugendlichen, die geistig und körperlich der Schule entwachsen sind. Von diesen soll an anderer Stelle gesprochen werden. Vom Einfluß der Schule. Von Sali Geis in Tel Awiw. „Keine Schule kann in den ihr Anvertrauten auch nur um ein Quentchen mehr Gehalt an irgend einem Wert erzeugen, als der Lebenskreis dem sie angehört, besitzt. Sie hat nicht um ein Quentchen mehr Kraft auszugeben, als ihr dieser Lebenskreis aus dem Kräftevorrat, den er im Zuge seiner geschichtlichen Gestaltung erwirbt, zu bieten vermag. Sie ist als kleine Schule der großen Schute des Lebens untergeordnet, — gleichgültig, ob diese große Schule ein undurchsichtiges, absichtsloses und gleitendes Etwas oder ein festbestimmtes, irziehungsbewutztes Gefüge, wie in der Form des jüdichen Gesetzeslebens, ist. Die Schule geht aus der Geschichte hervor, nicht die Geschichte aus der «schule. Jede Generation, jede Lebensgruppe hat die Schule, die sie verdient. Darum kann die Schule, die wir, die Schwachgewordenen, jetzt gründen — wir mögen es noch fo klug und fo erziehungswissenschaftlich und so ehrlich obendrein anstellen — nicht mehr leisten als der selbständige gottesdienstliche und als der „Lern"betrieb, nicht mehr als Auffchiebearbeit. Den Drang zum Abfall, die Nachgiebigkeit gegenüber dem Hang zur BesueMlichkeit und zum Genuß und obendrein den Widerstand der schon Abgefallenen gegen die Erziehung ihrer Kinder für das gesetzestreue Judentum kann auch sie nur in den engsten Grenzen überwinden." So Nathan Birnbaum auf Seite 36 und 37 seiner Schrift „Im Dienste der Verheißung." Das liest sich alles so logisch und so überzeugend, — und wohin man auch blicken mag, gibt die Erfahrung Beweise für diese Lehre. Trotzdem kann ein solcher Pessimismus nicht die letzte Weisheit sein. Es stimmt: Die Schule geht aus der Geschichte hervor. — Aus der Musterschule aber mit von ihrer'heiligen Aufgabe erfüllten Lehrer-Persönlichkeiten geht Geschichte hervor. Das Judentum, seine Propheten, alle wahrhaft großen Menschheitserzieher, jede revolutionierende Tat, jeder wirkliche Fortschritt sind ein Protest gegen die Milieutheorie. Die Vormacht des Milieu heißt Sieg der Materie, die Meisterung des Milieu Sieg des Geistes. Auch die Lebensarbeit Birnbaums ist geboren und empfängt ihr beseelendes Feuer aus der Verachtung der Gewalt des Milieu. Darum voll glühenden Optimismus für die Schule das Höchste gewagt; 'nicht geruht und nicht gerastet in dem Mühen, ein Geschlecht zu erziehen, das den Dienst des Menschen in der Welt Gottes kennt! Das Haus will, daß die Schule für den Kampf ums Dasein ertüchtige; doch die Schule muß die Erkenntnis wollen. Die „Berufung" als Mensch muß ihr Leitmotiv und Ziel sein, in das sich der „Beruf" in der menschlichen Gesellschaft einfügt. Nachdem die Schule in den Elementarfächern das Technische gegeben und auf diese Weise den Sinn auf das Einzelne, auf das Kleine richten lehrte, kann sie in )en Gesinnungsfächern der höheren Klaffen das Blickeld nicht weit genug stellen. Wenn beim Schüler das lllter herangekommen ist, da in ihm die Beschwingtheit der' Jünglingsseele sich zu regen beginnt, ist es auch an der Zeit, weite Gesichtspunkte walten zu lasten, die großen Zusammenhänge aufzüzeigen. Dann lose aneinandergereihte Tatsachen auftnarschieren zu lassen, tötet das Intereste, macht die aushorchenden Schülereelen unempfindlich für die Erkenntnisse, die mit den Tatsachen verbunden sind. Der Lehrer muß nicht nur seinen Stoffbeherrschen,' er. muh ihn auch so liehen, daß er ein Stück seiner Seele geworden ist und es ihm ein Herzensbedürfnis ist, von seinem Fach zu sprechen. Nur dann kann er gleich einem plastisch gestaltenden Künstler Bilder vor oas Auge feiner Schülerschar zaubern und sie an der Schönheit und Erhabenheit dieser Bilder begeistern. Das ist das Entscheidende, so aus der Schule zukunftgestaltende .Menschen, heroorgehen sollen. Wie es einen dreifachen Grad-der Heiligkeit in den Büchern der Bibel gibt, so gibt es auch vrer Arten von Leyrern. Die einen unter rieten jo, daß erst ihr ge- ,amres Pensum auf die Gesinnung Einfluß ausüvt; das imö die Lehrer, die nur schlicht die Tarsachen schildern, -andere gewahren von Erappe zu Etappe UeverMicke. Doch nur die Lehrer-Jdeatiflen spechen so, daß die vchuler an jedem Worte ihrer Lippen hangen, denn oie Schüler suhlen, daß manchmal ein einzrges Wort ihres Lehrers ein Gedanke ist, wert, sich tief in ihre <&eel€ einzugraben. Eine Unterrichtsstunde, die zu einem Erlebnis geworden ist, hat mehr Kraft als eine ihr selbst entgegengesetzte Atmosphäre des elterlichen Kaufes. Die pfychokechmfche Methodik im Religionsunterricht. Bon Rabbiner Dr. Michalski in Karlsruhe. Angesichts der vielen Versuche, eine zweckmäßige iyorm für den jüdischen Religionsunterricht zu finden, ourfte er sich empfehlen, die trtgnung der psychotechnijchen Methodik^) für diesen zu prüfen. Ausgehend von den psychologischen Gesetzen der Aneignung oer Akuttersprach-e beim Kind, verwirft sie grammatischen Regettrill und Ueversetzungstechnik, will ,<« nicht eme Sprache auf die andere aufpropfen, sondern |i« eilt impreinv durch zusammenhängende Lektüre in oie Gedanren eintreten layen. Nach Den Gesetzen der Mechanik des Erinnerns besteht"im Gedächtnis die Reproüukllonstendenz, die Tendenz, jede gedankliche Vor- ,rellung nach einmaligem Auftreten ins Vewußriein zuatalücjven zu lagen und verwandte Vorstellungsreihen naye an dre Bewußtseinsschwelle zu letten. Im Vergleich zum kumulierten W i e der ho um gsv ersah r endem ,chulmatzlgen Auswendiglernen oyne Jeitavstanö, dem mechanifchen kurz aufeinanderfolgenden Auflagen von Lövriern und Sätzen, das ein fast vollständiges Leerläufen der Gedäcytnismaschine oedeulel, ist nach dem psychologischen Verteltungselnsiutz die Leistungsfähigkeit oei Wiederholungen in langereü Zeitabstanden großer, ua der größere Zeitabstand wohl zur Verstärkung der -ugoziallon beitragt. Je mehr Interesse ' vorhanden, je großer die Aufmerksamkeit ist, desto sicherer und fester hastet das Erlernte im Gedächtnis. Da aber bei clnwmgem und mechanischem Wiederholen diese nicht vorhanden, jo fehlt ein kräftiges Erinnerungsbild. Dieies ist besonders für die häufig gebrauchten Worte zu erstreben. Nach 10 bis 15 zeitlich getrenmen Wiedecyoiungen ist ein Wort in den geistigen Besitz des Lesers uvergegangen. Erft wenn eine Gruppe grammatischer Formen bereits mechanisch geläufig geworden, werden in übersichtlicher Darstellung die Gesetze der Sprache oorgeführt. Der Schwerpunkt liegt in zujamntenhänüer Lektüre, die sorgfältig , ausgewählt fein muß. Für Oie modernen Sprachen liegen bereits nach dieser Methodik bearbeitete Lehrbücher vor, Nicht aber für^ das Hebräische. — Während bisher die Qualität der Gründlichkeit die Quantität beeinträchtigt und daher allgemein geklagt wird, Bibel und Talmud, ja sogar das Gebetouch können nur in unzulänglichem Ausmaß im Religionsunterricht durchgenommen werden, würde nach oiejer Methdoik die Fülle des planmäßig geordneten Stoffes zur Vervollkommnung des Unterrichtes beitragen. Da man das ganze Gebetbuch besprechen könnte, würde man nicht mit den abstrakten und den ersten Jahrgängen schwer faßliche Begriffe enthaltenden Hauptgebeten beginnen müssen, sondern könnte im vollendeten Gegensatz zur bisherigen Praxis mit den konkreten, dem Kinde naheliegenden Teilen der Sprüche der Väter (II 10—14, V 1—7, 10—24, VI 6,9) beginnen, dann etwa zu den Psalmen (104, 122, 129, 135, 149) überleiten und zu den Hautpgebeten übergehen. Bibel und Talmud, insbesondere auch nsp der sich unseres Erachtens als Lehrbuch für alle Zwiege des Religionsunterrichts einschließlich der Grammatik eignet und vielleicht sogar den Vorzug vor dem Uebersetzen der Gebete verdient, können in ganz anderem Ausmaß berücksichtigt werden, wenn man sich bewußt ist, daß nicht jedes Wort, beim ersten Auftauchen so oft wiederholt werden muß, daß es dauernd im Gedächtnis bleibt, sondern daß es erst bei öfterem Auftauchen in Zeitabständen geistiges Eigentum wird. Personalien. Vor wenigen Tagen verschied Herr Lehrer Spiero in Fulda. Dem Wunsche des Dahrngefchiedenen entprechend, müssen wir es -uns versagen, ein Bild der Zersönlichkeit Spieros, der geraume Zeit Schriftleiter von „Erziehung und Lehre" und stets ein treuer Freund des Bundes gefetzestrcuer jüdischer. Lehrer war, zu zeichnen.. ' . _____ .v *) Die psychotechnische Methodik und ihre Grundlagen von Robert Mertner. Verlag für zeitgemäße Sprachmethodik. München. 331.—370. Auf.

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