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Der Israelit · 1928-01-12 · Heft 2 (12.1.1928) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 2 (12.1.1928)
Date
1928-01-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 2 Der 3 s r a e l i t 12. Januar 1928 Mit scharfen.Worten woist er die Verleumdungen einer gewissen Lemberger Presse gegen die. Rabbiner und die Rabbinerkonferenz zurück. Er schlägt zum Schluß die Annahme einer Prütestr-esolutiön -gegen das Pilsudskidekret betreffend die Gemeinden in Polen vor. Diese Resolution wird nach einer stürmischen Diskussion mit einer Mehrheit von zehn Stimmen a n.g e n o m m e n. Die Konferenz schließt am Abend mit der Wahl eines Permanenzausschussös und einer Kommission für das G em ein de gef etz. Die Zusammenkunft der Rabbiner hat in Lemberg und ganz Galizien größtes Aufsehen erregt. Hunderte waren einzig aus dem Grunde gekommen, um die herrlichen Rabbigestalten zu sehen. Die Behörden kämen den hohen Gästen mit einer Achtung entgegen, wie sie sie sonst nur den höchsten Kirchenfürsten zeigt. Schon dieser äußere Erfolg lieh die Zionisten nicht schlafen und ihr 'Lemberger Organ „Der Morgen" konnte sich gar nicht genug tun in Beschimpfungen, Verdrehungen und Verleumdungen. Sie wurden während der Verhandlungen mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen. In der Hauptsache aber hatte die Konferenz andere Sorgen. Und daß die Rabbis bei allen Huldigungstelegrammen nach Warschau nicht die „Kriecher und Ma Jofis-Tänzer" sind, als welche sie vom „Morgen" und den ihm geistesverwandten Blättern hingestellt werden, beweist zur Genüge ihre entschiedene Stellungnahme gegen das von der Pilsudskiregierüng gegebene und genehmigte Gemeindegesetz. Es kommt eben nur darauf an, wofür man „Mäninerstolz vor Königsthronen" aufbringt, für die Thora oder für einen den Völkern nachgeahmten, im alten Judentum unbekannten Pseudo- Nationalismus. Bumänietu Stille Beisetzung der geschändeten und vernichteten Thorarollen. B u k a r e st, 4. Jan. In aller Stille wurden, in der Mittagsstunde in Bukarest, Großwardein, Klausenburg, Bacau und Kischinew die von den Studenten-Huligans in den SynajAgsn geraubten, geschändeten und vernichteten Siphre Thora nach jüdischem Ritus M Grabe getragen. Die Regierung hatte die öffentliche Bestattung strengstens verboten und anbesohlen, daß das Publikum zu diesem rituellen Akte keinen Zutritt haben solle. Die Führer der jüdischen Gemeinden mußten sich diesem Verlange^ der Regierung beugen; nur ganz wenige jüdische Repräsentanten wohnten dem Begräbnis bei, das in allen Städten zu gleicher Stunde vorgenommen worden ist. Auf dem Bukarester Friedhof hielt Landesrabbiner Dr. Niemirower die Trauerrede. In allen den genannten Städten^ sowie in den übrigen Orten Rumäniens wurde der Tag von den orthodoxen Juden durch Fasten und Buße begangen. In allen jüdischen Häusern herrschte Trauer. Die Ruhe wurde nirgends gestört. Tschechoslowakei. Die Gemeindelrennung in Alunkacz. M u n r a c z, 30. Dez. Nachdem durch die Entscheidung der Regierung die Gründung einer zweiten orthodoxen Gemeinde in Munkay als unzulässig erklärt worden ist, haben sich die Anhänger von Belz als n e o I o ge Gemeinde konstituiert. Die Gegensätze sind also leider derart zugespitzt, daß die Gründer und Mitglieder der neuen Gemeinde lieber das Odium der „Neologie" auf sich nehmen und damit auch einen vollkommenen Jssur auf ihre Schechita und ihre sonstigen Institutionen, als daß sie in der Stammgemeinde verbleiben würden. Litauen. Der Magistrat von kowno entläßt sämtliche jüdischen Beamten. Kowno, 6. Jan. Der Magistrat der litauischen Hauptstadt Kowno hat gemäß einer ausdrücklichen Verordnung der litauischen Regierung sämtliche noch in ihren Diensten stehenden jüdischen Beamten und Angestellten aus ihren Diensten entlassen. Als offizieller Grund wird angegeben, daß die jüdischen Beamten die litauische Sprache nicht beherrschen. In Wirklichkeit zeichneten sich gerade die jüdischen Beamten der Kownoer Stadtverwaltung durch eine besonders gründliche Kenntnis des Litauischen aus; einer von ihnen, der bisherige Juriskonsul des Kownoer Magistrats, der 62jährige Advokat Zimkowski, ist ein hervorragender litauischer Dolksredner. Die Instruktion der Regierung an den Magistrat steht im Zusammenhang mit der allgemein vor sich gehenden Säuberung des litauischen Beamtenkörpers von Juden. In jüdischen Kreisen ist die Stimmung eine sehr gedrückte. Im ganzen waren unter den 270 Beamten der Kownoer Stadtverwaltung 14 Juden. Dabei leisten die Juden Kownos 80 Proz. der Gesamtstenern der Hauptstadt. Vor einigen Monaten hat eine jüdische Frau, die eine Reise antreten mußte, ihr kleines Kind einer christlichen Frau in bezahlte Pflege und Obhut gegeben. Die Christin ließ das Kind taufen. Als die Mutter nach der Rückkehr ihr Kind holen kam, weigerte sich die Christin, es ihr zu geben. Erst ein Gerichtsbeschluß bewirkte es, daß die wirkliche Mutter ihr Kind wieder zu sich nehmen durfte. Die Geistlichkeit setzte eine Wiederaufnahme des Verfahrens durch mit der Motivierung, daß das Kind k a t h o I i f ch getauft sei und also nicht mehr in jüdischen Händen bleiben dürfe. Das Gericht schloß sich dieser Argumentation an und entschied, daß das Kind seiner wirklichen Mutter genommen und der Christin zur Erziehung übergeben werde. Es herrscht ob dieses Entscheides große Aufregung in der gesamten Judenheit Litauens. Schweiz. Lehrerkonferenz In- Bafel. Basel, 7. Jan. Am Sonntag den 1. Januar waren di« jüdischen Lehrer aus der Schweiz in ihrem neugegründeten Verband der Lehrer und Kantoren zur ordentlichen Hauptversammlung in Basel, im Sitzungsäal der Israelitischen Gemeinde versammelt. Am Vormittag wurden mehr die geschäftlichen und internen Angelegenheiten behandelt, am Nachmittag fand die offizielle Sitzung statt, an der auch die Delegierten des Gemeindebundes und der Basler Gemeinde teilnahmen. Als Gast referierte Herr I. B. L e v y , Frankfurt, über: „Die Methode des Hebräischen im jüdischen Religionsunterricht". Dem Referate schloß sich eine ausgedehnte Diskussion an. Zum Schlüsse referierte der Vorsitzende mit kurzen Worten Über den Lehrerkongreß in München, an dem er den Verband vertreten hatte. Palästina. Briefe aus Palästina, in. Jerusalem, 6. Jan. Auch in der palästinensischen Judenheit gibt es eine Schicht von reichen Leuten. Es sind das wesentlich einige Sefardim und eine Anzahl via Amerika oder auch Südafrika gekommener Ostjuden. Reichtum sollte verpflichten; doch unter diesen Begüterten ist das Gefühl der sozialen Verpflichtung leider trotz des heiligen Landes eine Ausnahmeerscheinung und nicht die Regel. Nun kennen in Palästina auch Staat und Kommune noch keine sozialen Ausgaben. Die Vorkriegszeiten unter der türkischen Herrschaft, hatten auf diesem Gebiete nichts geleistet. Die kurze Zeit nach dem Kriege abch: gilt noch der Orientierung und Konsolidierung der neuen Mandatarmacht und der neuen Bevölkerungs- Schichtung. Wenn daher ein Land wie Palästina von einer schweren und andauernden Wirtschaftskrise heimgesucht wird, dann müssen die Wirkungen unendlich verhängnisvoller sein als in Ländern mit einer geordneten staatlichen Vergangenheit von Jahrhunderten. Dis Wirtschaftskrise hat heute einen beinahe internationalen Charakter. Trotzdem kann sie nirgends so verheerend in ihren Ausstrahlungen sein als im jtzdichen Palästina. Es ist gesagt: Im jüdischen Palästina! Das arabische Palästina ficht die Wirtschaftskrise wenig an. Die jüdische Einwanderung vor drei Jahren hat ihm viel Geld gebracht. Die Kabarettkünstler des Kumkum in Tel-Awiw haben die Wirklichkeit richtig - glossiert. Je ein Verkäufer von Mineralwasser, Melonenkernen und Primusnadeln (Primus heißt die übliche Petroleumgasmaschine der Küche) tritt aus. Da die drei armseligen Gestalten nichts verkaufen, so beschließen sie, zwischen sich Geschäfte zu machen. Sie untersuchen ihre Taschen, und nur der Mann mit den Melonenkernen entdeckt einen halbein Piaster. Hierfür ersteht er sich ein Glas Mineralwasser; benutzt dann den verdienten Nickel, um den hungrigen Magen mit Melonenkernen zu füllen; so -wandert der Nickel hm und her und macht - jeden der Juden ärmer und ärmer. Doch wo bleibt der Nickel? Ein Araber erscheint mit einem Sack - Erde und -tauscht dasür den Nickel ein, — und die Juden stehen wie begossen, da. Ja, die große Einwanderung, vor drsi Jahren war das Unglück für den Mischen Aufbau unb für die Organisationen dieses Aufbaues. ". - Wie das gegenwärtige jüdische Palästina aüssieht, von .dieser verzweifelten -Situation' macht mcim sich im Ausland keinen Begriff. In Hunderten Familien hungern Eltern und Kinder, und es gibt, nicht wie inr Ausland Instanzen, an die sie sich wenden können. Wäre nicht noch wenigstens die Arbeitslosen-Unterstützung der Zionistischen Organisation und eine bewundernswerte Solidarität unter den Arbeiterklassen, dann wäre der Umfang des -erschütternden Elends noch weit größer. Zu alleNl Unglück ist diesen Winter.auch, der wölkensturzartige Regen ausgeblieben. Der gemütliche Regen weniger Tage konnte der seit sieben Monaten trockenen Erde nicht viel bedeuten. Gegenwärtig ist es-so warm» daß im Meer gebadet wird. Palästina ist;ein Land der Merkwürdigkeiten. Daß Arbeiter und sonstige Angestellte der. Privatbetriebe Schwierigkeiten haben, fhren Lohn zu bekommen Und mitunter mehrere Monate, ohne zu murren, .Gläubiger ihrer Arbeitsgeber sind, ist hier eine alltägliche Erscheinung. Die seit Jahren unpünktliche Gehaltszahlung der von -der" Zionistischen Organisation unterhaltenen Beamtenschaft -gabdas Beispiel. Hoffentlich findet nicht auch der Rekord- Nachahmung, daß fetzt mehr als 500 Lehrer und dieanderen Beankten <der Zionistischen Organisation feit sieben. Monaten das Dehalt zu fordern haben, ein Betrag,, der zum größten Teil bei den Kaufleuten schon inr Buche steht. Auch dieser Zustand drückt natürlich in. diesem kleinen Ländchen sehr aus die Wirtschaftslage. Die Juden sdes Galut tun ihre Pflicht nicht! Man kolonisiert nicht ohne andauernde große Geldopfer! Dasstimmt. Vielleicht hätten aber die Juden des Galut ihre Pflicht mehr tzetan, wenn die Zionistische Organisation berücksichtigt hätte, daß wir Juden nicht nur -ein Volk^ andern das Volk, -nämlich das Volk der Thora, find. Zofe al Zion. Der Mord in der Aguda-Kolonie. Jerusalem, 10. Jan. Zu dem in -der Aguöa-Kolome „Machne Jisroel" itt Palästina geschehenen Mord an einem Araber werden der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel folgende Einzelheiten mitgeteilt: In der Nacht vom 27. zum 28. Dezember v. I. wurde ein noch vor mehreren Monaten entlassener arabischer Wächter auf der Schwelle seines Hauses heimtückisch erschossen. Es handelt sich um einen Kopfschuß. Es besteht allen Grund anzunehmen, daß die Kugel nichb ihm galt, sondern dem jüdischen- Wächter, der aus die Detonation hin sofort herbeigeeilt war, jedoch nur nochden Tod des Arabers feststellen konnte. Personalien. Senator Jzaak Bauminger 60 Zähre alt. Krakau, 2. Jan. Eine markante Persönlichkeit des gesellschaftlichen und. politischen Lebens der Juden in Polen, Senator Jzaak Bauminger in Krakau, begeht am 17. Tebeth 5688. (10. Januar 1928) seinen . 60. Geburtstag. Als Enkel, des Krakauer,Raw „Toldoth Jizchok" und direkter Nachkomme des wegen feiner fabelhasten Gelehrsamkeit und- * Teilnahme am „Waad arba Haarazoth" weltberühmten. „Rebbe Rab Heschel", ferner als Schwiegersohn Broyer Raw Maböi Jtzchok Chajes s. A. war er schon durch adelige Abstammung und ebenbürtige Verknüpfung zu einem prominenten jüdischen Manne größeren Formatsgleich prädestiniert. Dazu gesellte sich noch sein reiches talmudifches Wissen, gepaart mit allgemeiner Bildung/ und profaner Kultur, eine für die religiös-polnischem. Verhältnisse seltene Erscheinung. Sein tiefer Opfersinn und seine Milde, nie versagende Hilfsbereitschaft, fernejr die unendliche Liebe zur Thora und ihren Bekennern,. trugen' das ihrige - bei, um Senator Bauminger in einem Lande und außerhalb desselben zu einer populären Gestalt zu erheben und fein vornehmes Haus Zueinem Mittelpunkt der rabbinischen, gesellschaftlichen Ünb» politischen Welt des jüdifch-örthodoren Polens zu machest^ Schon zur Zeit der altösterreichischen Monarchie hatich Senator Bauminger große Verdienste erworben. Seit: mehr als 20 Jahren steht er äst der Spitze seiner - Gemeinde, immer wirkend und kampfend für die Rechte der Orthodoxie, stets helfend und stützend seine arMM Glaubensgenossen. Als Handeiskammerrat hat er

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