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Der Israelit · 1928-01-05 · Heft 1 (5.1.1928) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 1 (5.1.1928)
Date
1928-01-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuerzeichen. Hm HHetto-Zlomau von 'S. Schachnowitz. . (Fortsetzung.) Der Rabbi berichtete weiter: „Mit vollem Erfolge kam Arje Löb, ein Bote des Herrn, aus Berlin und den Ostmarken zurück. Gott hatte fein Werk gesegnet. Und schon rüstete, er, mit mir nach Frankfurt zu seinem jungen Weibe zurückzukehren. Wie freute er sich darauf! Wir hätten ihn hier öffentlich vor allem. Volke gefeiert. Ich hätte einen Teil der Ehrungen von mir gewiesen und gesagt: hier ist der Mann, dem ganz Israel Dank schuldet! Da .kam ein' neuer Hilferuf, diesmal von der Ostseite, aus Wilna. Unter dem polnischen König S o b i e s k i hätten die Juden Wilnas, die die grauenhaften Leiden unter Chmelmtzki noch nicht vergessen' haben, schweren Kampf gegen die Bevölkerung zu' führen, die ihnen übel wollte und sie beim König verleumdete. Aber der König, ein Freund, des Rechtes, stand auf ihrer Seite. Nun ist die Stadt in den Händen des Schwedenkönigs Karl XU. Er legte den Juden als Freunden Sobieskis schwere Kontributionen auf. Sie nahmen große Anleihen auf, um diese zu bezahlen, in der Hoff- . nung, daß sich der Druck mildere und die Verdienste bessern. Nun ist der Termin abgelaufen und die Schulden könnennicht bezahlt werden. Man hat ihnen Synagogen und Friedhof geschlossen. Viele.der Besten sehen im Schuldturm einem grausamen Ende -entgegen. Hungersnot und Feuersbrünste wüten in Stadt und Umgegend. Wieder mußten wir Geld sammelnd Auch Frankfurt wird wieder sein Möglichstes tun. Wir setzten uns mit der V i e r l ä n d e r s y n o d e in Verbindung. Sie kann die Summen nicht allein aufbringen, da die Juden in den Ostländern vollkommen verarmt sind. Aber das für den Augenblick Nötig st e haben wir dennoch aufgebracht, und ein Mann, ein ganzer Mann, mußte es sein, der mit dem Gelde nach Wilna ging und nach dem Rechten sah. Arje Löb reiste ab, an dem Tage," bevor ich die Reise hierher antrat. Wir versahen ihn mit Briefen und Empfehlungen, die ihm'alle Wege ebnen und alle Herzen öffnen werden. Wie leicht und willig nahm er das neue Opfer auf sich, es steckt etwas von den alten Helden, - die 'mit ihrem Leben Gottes,'Namen heiligten und' dabei lachten, in Arje Löh . .,." „Und es gab keinen andern?" fragte^Elsbe. Mehr Stolz denn Vorwurf lag in ihrem. Tone. Sie kannte den Satz in der Schrift, wonach der Jüngvermählte ein Jahr lang vom Kriege wegbteibe, und fein Weib, das er geehelicht,-erfreue. Diesen Satz las, der Rabbbi aus ihrem fragenden Gesichte, und er sprach: „Es mußt e sein. Ruft der Pflicht krieg, so lehrt der Talmud, dann habe sogar der Bräutigam das Brautgemach zu verlassen. Es ist ein Pflichtkrieg, den wir gegen Not und Leid und Verleumdung und Verhängnis zu führen haben, und es sind deren so. wenige, die es gelernt haben, die Waffe zu führen." . Ein Kapitel der jüdischen Leidensgeschichte seiner Zeit hatte sich der Rabbi vom Herzen geredet, am ersten Abend seines Einzuges in Frankfurt, nach ihm gewordenen Ehrungen und Huldigungen, die eines Königs würdig gewesen Wren. Es wirkten diese Worte auf ihn, wie auf Rabbi Schmuel, der nur still zuhörte, wie die Mten Sätze aus dem alten Moralbuche. Aber ein trüber Gedanke schlich Rabbi Naftali durch den Kopf. Warum er schon am ersten Frankfurter Abend, am-Ausgang des Ehrentages, an all das Trübe und Traurige denken mußte! Ilr.i 192$ Der feuerrote Frankfurter Himmel, der ihn empfing, schien ihm nicht ganz freundlich und die trüben Gedanken, die ihm, seitdem er allein in dieser kahlen Stube saß, durch den Kopf jagten, ließen sich kaum verdrängen. Ein gezwungenes Lächeln huschte über das verklärte Gesicht. Er mußte das junge Weib des trefflichen Mannes mit einem lichten Trostworte entlassen. „Leid und Gefahren," sagte er, fester im Tone, „waren immer da, alsolange wir im Golus sind. Sie schrecken uns nicht, sie sind das Salz, -das das Fleisch und die Seele frisch und gesund erhält. Frohlocke, jüdische Tochter, Weib eines Mannes, der zum Sendboten Gottes und Israels erkoren ist!" „Wann wird er kommen?" zitterte ihre Stimme. „Es können Wochen, es können Monate, vielleicht auch ein Jahr darauf gehen. Boten der frommen Tat erleiden keine Beschädigung. Wenn mit Frühlingsanfang der Schnee geschmolzen^ ist und die Wege sich gebessert habest^ dann' ist, so Höffen wir, auch Dein Gatte wieder aus dem Wege hierher, und Gottes Engel begleiten ihn, daß er glücklich an sein Ziel gelangt. Hier auch sein, eigenhändiges Schreiben." Und der Rabbi wühlte in Akten und Schriften auf dem noch leeren Regale, holte einen großen versiegelten Brief hervor und überreichte ihn Rabbi Schmuel, der ihn an feine Tochter weiter gab. . . Elsbe schmiegte sich wie ein kleines Kind an den Arm des Vaters, als sie in die kalte Luft der nächtlich stillen Gaffe hinausgingen. Rabbi Naftali holte einen Folianten aus der großen Kiste, -die auf dem Boden , vor ihm stand. Er hatte genug gelernt für das Jnsichgehen, hatte ein Kapitel der Golusgeschichte seiner Zeit an sich und seinen Gästen vorüberziehen lassen. Das schützte vor Hochmut und Ueberhebung. Er durfte sich wieder ernsten Studien hingeben. 10. . Rabbi Naftali war erster Rabbiner der Frankfurter Gemeinde und hatte bald seine Aufgabe in all ihren verwickelten Teilen erfaßt.. Er lehrte un.d lernte unablässig, riet, und half und traf Entscheidungen und Verordnungen. Die Jünger des Lehrhauses, die sich in' der Zwischenzeit an Rabbi Schotten und anders Lehrer der Gemeinde hielten, erkannten zuerst die überragende Größe des enuen Rabbi und brachten ihm soviel Verehrung und Vertrauen entgegen, wie sie^ihm die Liebe ihres Herzens scheuktem Die Rabbineu und Gelehrten, vorab Rabbi Schmueh unter-, -ordneten sichs ihm »neidlos und willig?" Letzterer sah. vom ersten Tage an einen lieben Freunds in Pabbi Naftali,,,unegachtet kleiner./Differenz!-' punkte, die srch hie und da bei.Entscheidungen und Aüssprachen Über jüdische und Gememdefragen zwischen dem deutschen, im Frankfurter Ritus großgezogenen Rabbi und seinem größeren aus. der Vielfalt der jüdischen Geisteswelt im dem nun Rabbi Naftali, der Urenkel, mit dem ergaben.' Wochentags' betete Rabbi- Naftali im Lehrhause neben seiner Wohnung auf heimische Art, ausgedehnt, mit tiefer Inbrunst in der Gemeinde feiner Schüler', blieb dann im Gebetmantel und Tfillin noch ein'gut Teil des Vormittags bei dem offenen Folianten. Nur wenige Minuten blieben für den kleinen Imbiß in dem nebenänliWttden Gemache,."denn wenn die Sonne am Zenit stand, sammelten sich die Schüler — sie waten verschiedenen Alters, aus verschiedenen Städten und Ländern, in Tracht und Sprache oft stärk verschieden — vorbereitet und wohlgerüstet um den langen Tisch, an dessen^ Kopfende der Rabbi das Pensum, zumeist von lebhaften Diskussionen unterbrochen, vorlernte. Der Abend gehörte, sofern er nicht zu Sitzungen und Beratungen in Sachen des Rabbinats und der Gemeinde in Anspruch genommen wurde, zum kleinen Teil der Familie, zum großen Teil aber bis in die tiefste Nacht hinein geheimen Sftldien in Beschaulichkeit und voller WeltabgesWdenheit. Von diesen Studien erzählte man sich Einiges in der Gemeinde, was keiner bestätigen, noch bestreiten konnte. Kam da jemand lange nach Mitternacht' durch die Gaffe und sah in der Reche der toten, dunkeln Judenhäuser das einsame, blinkende Licht zum Fenster des Rabbihauses in die Nacht geistern, so hielt er eine Weile still und nachdenklich an. „Ein Wächter in der Nacht", der, in besonderer Beziehung zum hohen Lichte stehend, über die Gaffe wachte, da alles in tiefem Schlummer lag und vielleicht nicht ahnte, was von oben herab und unter herauf drohte. . . Etwas Geheimnisvolles, aber auch Wegweisendes und Beruhigendes hatte, dieses stets blinkende einsame Licht im Dunkel der Ghettonacht. Geschah es, daß ein .Gemeindemitglied oder ein Jünger in vorgerückter^achtstunde noch beim Rabbi ein Anliegen hatte, O ging er geradeaus durch die stets offene Tür in den dunklen Korridor, von dort auf den Vorplatz, von wo ihm das leise, singende Summen rechts gegenüber . &em 5)1(11111^,. barin die Hausgenossen schliefen, j zum Rabbi führte. Man mußte wohl eine j Weile dastehen, husten, sich räuspern, oder sich sonstwie bemerkbar machen, bis der Rabbi, wie aus einem Traume erwachend, den Kopf vom Buche hob und das volle Gesicht mit dem wallenden Barte unter dem kräftigen Kinn und den gütigen Augen-, in denen in dieser Stünde Licht aus höheren Welten flammte, den Eintretenden zuwandte. Er war zu jeder Tages- und Nachtstunde für jeden» zu sprechen, hörte jeden an, ohne zu unterbrechen, ohne Ungeduld zu zeigen und sprach dann selbst mit Ueberlegung, Wärme und Verständnis wie in eigenes Sache. * Manch einer schielte dann in geheimem Schauer nach den alten vergilbten Blättern auf dem Tische des Rabbi und noch mehr nach der verschlossenen Türe zu dem Zimmer hinter dem Lerntische, von dem mancherlei Gerüchte in . der Gemeinde gingen, die in gutem oder bösem Sinne gedeutet wurden. Keiner wußte mehr recht, ob dieses Gemach auch zur Zeit der früheren Rabbiner stets verschlossen war, ob es überhaupt da war und was sich hinter der Wand versteckte. Der eine und der andere in der Gaffe taten sich wichtig mit ihrem Wissen um die Dinge, die dieses Zimmer barg, sie hätten durch Spalten tkßd RiMN geschaut und hätten es besonders gnäWen Umständen zu danken, daß sie nicht von .tödlichen Strahlen getroffen wurden . . . Manche deutMn vielsagend an, den K l u m p e n gesehen zu haben, deü „Golem" des Hohen Rabbi Löw, wen Mn Rabbi Naftali, der Urenkel, mit dem ^Schern" neuen Geist einzuhauchen gedachte. Indes hielt sich Rabbi Naftali in Lehre und Leben und.im Verkehre mit den Menschen frei von jeder Geheimtuerei. Weder im Lehrhause, noch auf der Kanzel ließ er sich je in kabbalistische Auseinandersetzungen ein. Bei Beratungen in Gemektldesachen war er der Klarsten und Klügsten einer. Je am Montag und Donnerstag saß im langen Raume zwischen Schul und Lehrhvus das Besdin unter seinem Vorsitze beisammen, zur Entscheidung halachischer Fragen und Schlichtung von Zwistigkeiten zwischen Nachbar und Nachbar, Händler und Händler, nach Geist und Wortlaut der Lehre oder! darüber hinaus auf Grund gütlichen Zuredens und väterlicher Ermahnung zur Nachgiebigkeit.'» Keiner erfaßte so rasch die-oft verwickelte Situation wie Rabbi Naftali, keiner wie er, konnte so scharf und tief in die Dinge schauen, um zu erkennen, auf welcher Seite das Recht lag, und Heuchler zu entlarveri. Keiner vermochte, wie er, auf die Parteien so gütig und so eindringlich einzuredem Sein sanftes Wort hatte Kraft und sein energischer Verweis verriet die Liebe, aus der er geboren war.

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