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Der Israelit · 1927-12-29 · Heft 52 (29.12.1927) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 52 (29.12.1927)
Date
1927-12-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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« srui»«o«. Belage Ult « IW Feuerzeichen. Hin GHetto-Zioman von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) jrr David Grünhut hatte seinen < schlechten Tag. Er glaubte, nach seiner Mission in Heidelberg auf einen Platz in einem der Ehrenwagen hoffen zu dürfen. Man überging ihn: er machte sich MäN ÜAß ihn beiseite l 6T ÖFÜUQtß sich laut vor und man winkte deutlich ab. Er glaubte an seine Reputation, wenngleich er es vergessen hatte, über die ihm zur Bestreitung der ersten Kosten ausgehändigten Gelder NchMH sbzuWn, fie MW von ihm auch nicht verlangt. Auch blieb er den Nachweis dafür schuldig, daß er die Verhandlungen so und nicht anders geführt hatte. Immerhin, er war :m Dienste ökk ©emrinPs OT8; wie er sagte, in die Löwenhöhle gesteckt und fühlte sich für seine Person rehabilitiert. Er war nun über die Zurücksetzung schwer gekränkt. Da fiel rhnr, indem er voller Verdrossenheit ^en Ü8eg aus dem nähill, Ml, 0 eigentlich die Verpflichtung übernommen hatte, alles getreulich seinem hohen Gönner zuzutragen, wenn im Ghetto sich etwas ereignete. Er begab W so M MMN Schudz und wurde da mit offenen Armen empfangen. Ein ntzuer Rabbi kommt, aus Polen, Kabbalist, Ghetto in festlicher Erregung. Das war etwas für Schudt. Im Heißhunger nach jüdischen Merkwürdigkeiten, schickte m gleich nach einem Wagen am; um Mm ersten Empfange dabei zu sein. Es war'aber kein Wagen aufzutreiben. Und Schudtschrieb in die offen auf dem Tische liegenden Folianten aill: „Am 20. Dezember Mt der Pole und Kabbalist Naftali Eohn als erster Rabbi in Frankfurt ein. Das Ghetto in Jubel. Kein Wagen oder sonst Vehikel in der gangen Stadt zu haben, Mkwkll M zum EMsNlG von Juden belegt sind." Dann machte er - sich mit seinem jüdischen Freund per pedes auf den Weg nach Offenbach zu. <Sie kamen zu spät, eilten jetzt in die Gasse zurück unb zur „&d)ulu, um noch etwas zu erhaschen und stießen in der wie ausgestorbenen Straße auf Elsbe. Diese eine sich bewegende menschliche Gestalt in der stillen Ruhe Skr Mssk TW Iß sehr in Die AMN, dchudt sie in feiner leutseligen Art anredeN zu müssen glaubte. Möglicherweise,steckte auch hinter dieser Einsamen irgendeine „Merkwürdigkeit"! . . . Merkwürdig genug war es, daß sie keine Antwort gab, baß sie Nab bi Schottens Töchter wär, daß sie bereits Eheweib war und doch ins Haus des Vaters ging, indes ihr Mann weit draußen dem Studium oblag, oder anderes tat, und er brschlsß, a« passende? Nelle seines Manuskriptes anzufügen, daß es „bei den Frankfurter Juden Brauch und Sitte sei, die jungvorheirateten Töchter noch ins Haus zu nehmen und den jungen Schwiegersohn Meine ZettlMg ans M sremDeZ Lehrhaus zu schicken." - - . Nun mußten sie. aber ihre Schritte beschleunigen, und sie kamen mach recht in die Schul, da, der Nabbr auf d.enr Dodrurn vor der heiligen Labe, von einer tlefgrünbigen halachischen Abhandlung auf den agadischen Teil übergehend, auf das einzelne Licht, das Joel Chasen vorher unter Segenssprüchen und vielen Gesangsfchnörkekn — bei Schehechjonu sah die ganze Gemeinde ^awillEtirlich gu chreiü rreüen Näbbi hillauß alZ galt diese Segenssormel auch ihm —angezündet Hatte, hinwies und mit etwas verschleierter Stimme die Beziehungen des Lichtes zur Lehre und den Männern, die dazu berufen sind, sie zu fiiK&IH, }ülä«ll«i. ChanuSahlW, jap er,! sei eine der sieben Anordnungen der Weisen, aber die weisen Lehrer schafften ihren Anordnungen « stärkeren Rückhalt als den Gesetzen der Thora. Denn „die Thoragesetze sind das Gnadengeschenk Voltes an uns. Sie WksikÜ silld unser Geschenk für Ihn. W i r müssen wegen unserer Unzulänglichkeit mit s o vollem Maße messen und zahlen, als wir es eben können." Schudt ließ sich von feinem Freunds fernliegende Begriffe und Termini flüflernb erllmeü und zeichnete fleißig, im Stehen und im Gedränge den Bogen auf den Rücken Grünhuts gespannt. ‘9, Es war Nacht geworden, als Rabbi Schmuel nach Hause kam und Elsbe stumme, fragende Blicke auf ihn richtete. „Er ist nicht mit ihm gekommen?!" Wenn ein Baier, wie Rabbi Schotten, solange seinem Kinde auch die Mutter ersetzen muß, lernt er es nach Mütterart, auch die leisesten Schwingungen seiner Seele wahrzunehmen. Der gelshkts Mann/Mn nach an der Zsite des neuen Rabbi feiernd und. gefeiert, war nurmehr ganz und nur Vater. „Nein, Kind" — er mühte sich, seinen Worten stolzen Klang ^u leiden — „er ist nicht mitgekommen, weil er noch nicht alle Arbeit getan hat. Wer, wie er, Vertrauen rechtfertigt, dem' wird neues geschenkt." „Weiß der neue Rabbi von ihm nichts zu mlMT „Ja, er erzählte mir — doch sollst du es selbst aus seinem Munde hören. Komm, Elsbe, wir gehen zu ihm." „Heute schon? Er ist müde des Weges und hat Größeres im Sinne-'als meine §chnsuck)t," „Dieser Mann," berichtete der Vater, „hat Großes und Kleines im Sinne; in des Menschen Seele, fo sagte er in feiner Rede, darin er versprach, allen väterlicher Führer zu sein, spiegele sich die Welt. Was kann da klein und winzig sein? Er hat auch für Dich mancherlei ausgetragen bekommen." „Äon Hm?" Indem sie zitternd fragte, war sie schon im Mantel und hatte das schwarze Tuch um den Kopf geschlungen. Rabbi Schmuel trat erst ans Fenster UM Müe-le unter Den Drei Segens-, sprächen das eine Oellichtlein im bereitstehenden, blankgeputzten, achtarmigen Silberleuchter an. Die Nachgebete noch auf den Lippen« ging er mit der Tochter zur Türe hinaus. Hundert jüdische Ächckem an llen Fenstern her ®affe kampsien einzeln mit dem dicken dichten Nebel; das endlose graue Ungeheuer, das Stadt und Gasse einhüllte, wie mit hundert Dolchstichen durchbohrend. Hinter der Altschul lag im DunM Der Nacht das Rabbihaus mit dem zierlich spitzen Giebelwerk über niederen, bescheidenen, gelbgestrichenen Mauern. Am Fenster neben dem Eingang zitterte Das ' einzige LellWlein. aus Den andern' zwei Fenstern blinkte unbestimmtes verschwommenes Licht. Man brauchte nicht an Schellen zu ziehen-, noch zu klopfen und Einlaß zu Skgkykkn, MM mtfjm Pik Mkssmgmm? in dje Hand und war drinnen. Maurer, Weißbinder und Hafner hatten vor Ankunft des Rabbi am und im Haufe lange gearbeitet und hinterließen Haüfen von Schutt. Steinen, Kalk und Mörtel, über die ms« stslpert^ bevor man, ins J^üsrs gelangte. Vom Raume links des dunklen Korridors kam Klopfen und Hämmern, und man konnte durch die offene Türe sehen, wie dort die Rabbinersfrau — junge lebendige Augen sahen aus tiefer schwarzer Tuchumhüllung « ii Hilfe zweier Jungen, wohl der Söhne, Hausrat zurechtrückte, Nägel emschlug, Bilder aushing. Wer hatte beim Einzuge die Rabbinersfrau gesehen, wir «li sie grSücht? Ti? muß mit i|r?n MMrn still unD llllDkmerkt m einem Mmn eingesahren sein. Elsbe zog es links hin, UM mit Hand anzulegen. Aber der Vater führte sie rechts durch und geradeaus ins kahle Gemach hinein, wo Rabbi Naftali bei schwachem Lichte vor einem Deinen Siiöje fa|: War das noch der Rabbi von früher, der Vielbewunderte, wie ein König Gefeierte, Feuersprühende, Ausrechtstehende in der Mitte der Menge, in der Frauen ihre Kinder hochhoben, Daß sii seillöZ MWZ sinsn Strahl teilhasttg wurden? Klein, in sich versunken, saß jetzt der Mann allein zwischen den kahlen, frischgeweißten .noch feuchten Wänden, bei fahlem Lichte, vor Dem nmDen Lim, ein ttemfcrmHttg?? Buch m der Hand, und der Köpf, säst vöM NäckM tziS zur Stirn mit dem großen, an einen Turban erinnernden Barette bedeckt, -bewegte sich wie im Gebete. Der Bart war voll, graugewellt, hatte «m UMkMlMk klilkll ükillkl! Borsxrung und floh hinab bis zum schmalen weißen Spitzenkragen, der, noch zur Ehren des Festes, den Rock oben einsäumte. Die Augen hatten nichts mehr von Kraft und Feuer, rvaren verklärt von einem milden Strahl der Gute und Demut. . Er stand vor Rabbi Schmuel auf und setzte sich erst wieder, als dieser Platz genommen hatte. Etwas im Hintergrund stand Elsbe. Man mußte MH iwü wackelige Mhle aus- Dem Nebenzimmer der bescheidenen und halbfertigen Behausung holen. Wie sich rechtfertigend wies Rabbi Naftali auf das Buch in seiner Hand. Es war kein tiefes, talmudifchefs, kabbalistisches oder halachis'ches Werl, ein allbekanntes,auch Ungelehrten und Frauen zugänliches Buch einfacher Altvätermoral, halb hebräisch, halb in Ghettodeutsch geschrieben, war seine Lektüre am ersten M8MMM „Es ist ss schwer," sagte er, „das lseelönglöichgewicht sich zu erhalten, wenn Ehrungen und Huldigungen auf einen einstürmen. Große Lehrer des Talmuds sagten Bibelsprüche^ die von der Nichtigkött menschlicher Größe sprechen, vor sich her, wenn sie das Volk auf Händen ins und aus dem Lehrhause trug. Man hat mir heute den Wagen ausgespannt, mich geehrt rvie einen König. Ich konnie und durfte es nicht zurü^welsiu, man ehrte in mir die heilige Thora. Nun bin ich wieder Ich, der kleine, schwache, verdienstarme Naftali Hakohen, und daß ich mich nicht für mehr halte vor mir unD meinem SHöpser, greise ich nach dem Buche des Musiar —". Er erblickte nun Elsbe. „Ist es Eure Tochter? Setze dich, mein Kind!" ermunterte er Elsbe, die noch , unschlüssig und etwas schüchtern im Hintergründe stand. Sie setzte sich, schlug die Äugen nieder und wartete zitternden Herzens wie einer höheren Botschaft. „Du bist Sine Auserwöhlte," sagte der Rabbi. „und hast im stillen Warten Teil an großen Werken." Bon ihrem Anteil und ihrer Kraft sprach also Der Nabbtt genau wie er selbsi, LeiseZ Versiktzen SämmeAe jtt ihr auf. Und indem sie angestrengt' hörte, fuhr der Rabbi fort, als sprach er aus dem vor ihm aufg^schlagenen kleinen alten Buche des einfachen ewigen Lehre: „Arje Löb, Dein Gatte ist Sendbote in höherem Sinne, Bote des Herrn, von ihm zu großen Taten erkoren und überall dahingeschickt, wo Gottes Göhns öDer Gattes Lehre von Gefahren umdräut sind. Kaum war er zu uns mit dem Gelds für die Bürgen gekommen, die mir, wider meinen Willen, das Leben gerettet, drangen neue Hilferufe zu uns nach Pofezi, wo wir zwischen Ost und West mie ein Bollwerk mitten in Der San bannung stehen. In Berlin und -den.Ostmarken — Rabbi Naftali sprach jetzt zu Rabbi Schotten — setzte man den Juden hart zu,. weil,.ein gelehrtere. Magister herausgefunden hatte, daß die

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