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Der Israelit · 1927-12-22 · Heft 51 (22.12.1927) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 51 (22.12.1927)
Date
1927-12-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuerzeichen. Ki« Hhetto-Noman von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) 'AaY Aus dem Gasthose „Zur großen Kanne" ka- LtttKelns trunkene Stimmen, dis sich mählich zu einem wüsten Gejohle Zusammenhängen. 3üff im Momente, da die Juden am Hause vorüber dem Ghettotore zustrebten, flog jemand schwer zur Türe hinaus, nachgestohen von schweren Fußtrttteu, und blreb wie SIN ^lstz IM Ntttttsal ltS06M .> . ' " o * -*<•.« . ► Andere kamen nachgestürzt mit Schimpfen und Schreien. Der Kannenwtrt in weißer Schurz, mit leuchtendem kahlem Schädel, wetterte: „Heraus mit dem Geschmeiß . Schluß und aus und Feier- L2?!SS Mm 'f mir , foffene Bande, ladsn mir mit ihrer Rauferei'noch die Stadtpolizei auf den Hals!" Er schlug die Türe von innen zu, daß es ringsherum dröhnte. Wie aus der schwarzen Erde gewachsen, tauch- ÜM 88» Ecken dunkle Gewalten auf. Um den Mann, der aus dem Boden mit weit ausgestreckten Bemen hockte, sammelte sich ein großer Haufen, der für und wider Stellung zur Sache nahm. Der Betrunkene lallte mit tiefer, grober NIMM! „Ein Judenknecht, der'Kannenwirt, ist bestochen; wir — wir schlagen ihm die Bude ein, der —- der uns mit seinem Gesöff den letzten KkkUW MS der Tasche narrt". Es gehörte für Oppenheim und die Anderen wenig Scharfsinn dazu, in der Stimme die des Schornsteinfegermeisters Rehbock zu erkennen. Viele stimmten ihm bei, als hätten sie nur auf Um MelMNkt gMüNtt: Andere schrien was dagegen. Man hörte deutlich die Mille Fistelstimme des schon stadtbekannten Gemischtwarenkrämers, der sich solche Gelegenheiten nie entgehen ließ, flöten: ~ „Die Juden spüren Obenonsstr, g?h?rr hoch wie der Main, haben sich neue Gesetze in Heidelberg gekauft, und der hohe^Rat hat ihnen geholfen. Wieviel haben die hohen Herren zu ihrem 3M Dafür erhalten! Mehr m ^aIr Über verdient, um Me Patente ZU bezahlbn." „Wahr und richtig , wie das Evangelium, so ists!" stimmten viele bei. „Na, denen", istammelte Rehbock, sich WWSrMig iNWM, MllkN gkW W k§ fä?Hr unb bm Jüdenwiri von der Kanne auch/' „Was ist das mit den neuen Rechten?" fragte Jemand.. : Die Flöte des Krämers überschrie das GetümmiU „Habt ihr noch nicht wahrgenottttttett, wie die Juden jetzt sich in den Straßen, auch Sonntags, frei bewegen, Geschäfte überall machen, auch zur hMgkN KirMll und m§ Ws Gestüt tacken?" Zwischen dem Vater und Ahron Oppenheim zitterte Elsbe, noch erregt von den Feierlichkeiten der letzten Tage und dem Abschiede, da sie sich in nächster Nähe der Ansammlung befanden, wie im EspEatt. Nathan hielt Utaffli güjmart se fest am Arm» daß auch Elsbe auf der anderen Seite dieser Festigkeit einen Hauch verspürte. Es gab kein Ausweichen, sie mußten an dem Haufen, der immer' mehr anwuchs, vorbei. Schon mmüm fie entDefft. ,.3uDm fommrnr NkhbLS stand wieder breit auf den Beinen: „De — denen zeige i^s schon!" 0-/ ' Die'Juden blieben eine Minute stehen. Nathan löste die Hand von Rabbi Schmuels Arm und dis klsins MupW umgaö Den MPtn mP seine Tochter wie eine schützende Mauer. Dann wandte Nathan das Gesicht zur Absahrtstelle hin und tat auf ein Wort seines Vaters einen kaum hörbaren Pfiff. Dort, wo vorhin die Wagen, hielten, sah man zwei ruhende Lichtpunkte, die auf Eas ^ei^en {oforl in DewegunH fSfflSR. 618 eilten jetzt, die Lichter, durch die Nacht wie im Sturze gleitende Sterne, daher, näher, immer näher. Noch hatte die Rotte keine Zeit gefunden, Den Mm in grepari Nähe p lonmikn, sir zwischen diesen und jenen zwei Konstabler standen, mit Augen, die so blitzten wie die Lichter an ihrer Brust, wie der schärfe Stahl der aus der Scheide gezogenen Säbel. ||3ßos irelfU 5f>r ba, Q5ru! der Nacht, vermaledeite?" dröhnte es durch die Luft. Keiner außer Rehbock konnte Antwort geben, sie stoben auf verschiedenen Wegen auseinander, wie vom leibhaften Satan gejagt. Anton Nehbvcl mochte imb konnte sich nicht fo rasch srcyvvtr Utvtykv (tu* (...) | , fortbewegen. „Na, na!" lallte er, „nicht so scharf, nicht so grob, sind ehrbare Bürger, man wird, wenns den Herren genehm, noch seinen Nachtschoppen trmkdn dürfen!" Er suhlte sich ein wenig m LffWMkk 88W W s-M etwas freier und kollegial mit den Säbelraßlern zu reden. ' Dadurch wurde aber der Griff noch um ein bedeutendes fester. Rehbock taumelte, von bei- Din ZkllkN MkMWi 88st "!’b dort für eine Nacht in eine Kellerkammer, wo es so rabenschwarz und dumpf war, wie im Schornsteine des Pfarrhauses an der Katharinsnkirche. ZU! glölchm Seit öffnete sich retfc Bas Ser von innen. Wachholder und Luchs standen stramm wie richtige Soldaten, aber keineswegs die Rechte von der halben Judenstadt, in Bewegung. /2fr vordersten Wagen mit den Berufenen fuhrerr.H» W Wsisill Dein MDDl kWgksi^ Dir SIMM wollten den Zug in"Dffenbach oder an der lsieripherie der Stadt abwarten. Die ganze Gasse war in fieberhafter Erwartung. Was nicht hinau»- k8llM, jüMMk Me1on {Tt dm ersten Mittagsstunden strömte alles, - was noch in der Gaffe geblieben war, in die Schul. Löb Pfeifer steckte die ersten Lichter in den tannenumrantten Kronleuchtern an. Wis sich dis Sonne am westlichen Horizonte senkte, gewa^rlen!ie am offenes l8f? \§8£ renden die ersten beweglichen Punkte in der Nebelferne. Bald jagte ein Reiter durch dar Tor. „Er kommt!" rief er und drehte wiedfr um. Wie er nach öinsr geräumigen üösils MlöbtOl herantrabte, hörte man hinter ihm Radergerasier. Einige Wagen, besetzt mit bekannten Männern der Gasse, fuhren gewichtige.durchs Tor. Und jetzt, von den Schimmelst-gezogen, der geschmückte 23ier|pärimer, tn bettt zwifchen' Oppenheim Utth Rabbi Schotten der Mann Mit ^e?z^are!8 auf dem großen, etwas gesenkten Kopfe faß, dkk Augen unter buschigen schwarzen Brauen geradeaus gerichtet. Mattgrau, dicht gekräuselt, nicht zu lang und voll gerundet fiel her Bart auf hl* Brust herab. Me er jetzt ein wenig!en Dun! austat und die Lippen bewegte tn Worten; dtz im tausendstimmigen „Boruch habbo!" und „Scholom alechem Rabbenu!" verhalte^ großen blauen, scharfen und doH gütigen Äugen. Wie ein Gebet strömte aus ihnen, als sie jetzt so zwingend zum Frankfurter so weit ab, daß sie die Hand Ahron Oppenheims stark geröteten Abendhimmel wie in Angst und und deren platifjarier Inhalt nicht erreicht hätte. K a p r t e l 8. Es war ein kalter Kislewtag, und das Ghetto befand sich schon am frühen Morgen wie im Lieber. Männer standen in der Schul . aus LeMrn und Gerüsten und manWn gvuue Täu-ÜMkränze um Wände mb Kronleuchter, um Almemor und Heilige Lade, wie am Feste der Gesetzgebung. Außen an der Türe prangte auf gkgßsx örüimmraümter Tafkl m g2$?a?T? Lettern ein „Voruch habbo MbböNUl" Der morgens frisch gefallene Schnee sah wie weiße, feine Garnierung auf den Wimpeln und Kränzen vor den eisangslaussnsn Fenstern. Bor der GmfahN am (BijeUo ephsb stH MMn her Friedhofsmauer eine Art Ehrenpforte» deren Säulen und Pfeiler mit farbigen Thorawimpeln umwickelt waren unid oben mit einer Wölbung ab^c^laß, auf der znrei tannenurnkränzts Hände zum Prieflrrstgen sich BärUntr? waren wieder die goldschimmernden Worte zu lesen: „Boruch boracho l'scholaum, Rabbenu Naftoli Hakohen!" Flehen sich emporrichteten,. daß alle 'wie gebannt nach Zeü fciumim (ütmfw iip wöstlichön ÜIM meer hmsahen; ein Gebet der Augen, das man besser verstand als das der Lippen. Hinter dem Rabbinerwagen rollten in langer Reihe die anderen Behikel durch die enge Gasfk nutz staul?u ßch ^rchl M Dß? gaß vor der Altschul. Ein Drängen und Stoßen begann. Die Menge wälzte sich durch die offenen Türen in die Schul, in der schon alle Lichter araim aas Ssss ini>es ber zwischen Vorstehern und RabbinerW dem Raöb^ platz zustrebte, etwas sang, was im Lärm der drängenden und platzsuchenden Menschen unverstanden blieb. Mnz rßfttts ftsad SÄ MagM MW tief und schwarz umhüllt, baß nur die umflorten Augen frei und scharf spähend' im Gewimmel vor der Schul umherirrten. Elsbe sah und suchte und ihre Gestalt zitterte zwischen Angst, ki\& Hsffnung unD Mmsw licher Enttäuschung. E r entstieg nicht dem ersten und auch nicht dem zweiten, auch nicht den anderen Wagen. Hatte er nicht einen Ehrenplatz Die Gasse Y8M sinm Fseudenmg. Der neue Nabbiner, Rabbi Naftali Halvhen, war wir Boten berichteten, schon vor Sabbat, von Posen kommend, in Hanau eingetroffen und hatte dort Sabbat gehalten. Heute, arn vierundzrvanzigsten Kislew, Äst zum Entzünden des ersten Ehanukulichtes sollte er in seine Gemeinde einziehen. Draußen vor dem Ghettotore staute sich eine ganze Wagenburg, waren fast alle sonst in versEs^beneN Teilen der Stadt bereitstshenden Wagen ängesahren. In dem schönsten grünbekränzten, von schneeweißen bändergeschmückien Schimmeln gezogenen Vierspänner nahmen Ahron Oppenheim und Rabbi Schmuel Schotten Ä ihren ^el^be^egten Mänteln und Hüten Platz. nach Wen, in den anderen Wagen weitere M!iglieder des Vorstandes und Rabbinats. Bald waren alle besseren Wagen von würdigen Männern besetzt Ihnen folgten einfache Fuhren Mh Leiterwagen^ ungefüllt rnrt Leuten ohne Namen nnd Stellung, die, von Ehrfurcht oder Neugierde getrieben, mit dabei sein wollten. In gleicher Minute setzten sich die Wagen, gefolgt im geschmückten Wagen des Rabbi 9 Nein, aus ötrstm stiegen nur ^er j-rcmhe Näööt. ih? Nlltsr und Oppenheim. Sie sahen sie nicht, ihre Mienen waren stumm und wußten nichts auf ihre stille Frage nach ihm zu sagen. Ihre immer schärfer äuZschrmttdsll Allgsu sachtön auch Die Schar. Der Fußgänger, der Nachstrebenden ab, bis auf die Letzten, bis sich die Schultüren von Wen schlossen. E r war nicht dabei. Dann ging fie, wie von Schmerz getragen, eilig davon. Kraft, Me Kzsrzt, sri «Mn Der fiiaöe erfarDgrlii Sie fing an, zu verstehen . . . Aber hatte ste die Kraft der Entsagung? In der Nähe ihres Elternhauses stieß sie^auf zwei dunkle Gestalten, die bei ihrem Anblicke-lhrä Schotte üerlänZsämtrtt., Cmgx öar Männer, Breit und rundlich, in pelzverbrämtem Ueberrocke vornehmer Herren, sprach sie an: „Warum so alleine und verlassen, schone Jungfer, allwo alles beim frohen Feste ist?" Dlss äi-tt'gön gsdrschssltsn Worts kamen. Ms merkte ste gleich, aus nichtjüdischem Munde, un) sie flüchtete sich erschrocken, ohne Antwort, in die

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