Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1927)
- Date
- 1927-12-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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\T '^M^k-MM^RWWWWWWW ©itii li 9ii: oo •Dip 9 i p m I it ^ieilinfe« IM immer am Ein seltsamer Lhanukohgast. Don S- ^rndt^etmer in 2Sarßtßrcii. Aus tief hängenden Wolken schneite es unaufhörlich. Die kleinen Häuser standen geduckt unter der mächtigen Schneelast auf ihren steilen Dächern. In fleckenlosem Weiß strahlte die sonst sHmützrgs ©i? /pfmren, ein beladener Müllerwagen oder der breite Schuh eines Bauern hinterließ, waren bald wieder eingeebnet. Das weiße Geflocke dämpfte jeden scharfen Laut. Damit bekam das an sich schon geringe Leben einen Schein von Unwirklichkeil. Mit einem Male füllte sich förmlich die Luft mit quiekenden, brummenden und gurrenden Tönen. Bald schwollen sie an, bald verloren sie sich wie einsickerndes Wasser. Ms Mchsn MsnhsiMS 235 mit \timn Gerkefel bedeckte Fenster öffnete, quoll aus einer Seitengasse ein Haufen Knaben und Mädchen, die einem umherziehenden Dudelsackspfeifer nWgklsWn WSkkNr Per batte Mn sein atttp tümliches Blasinstrument abgesetzt, schritt der drängenden Kinderschar voraus und betrat dann das gegenüberliegende Wirtshaus. Die Kinder guckten noch eine Zeitlang an Dp köksits MsuchtM» Fsnstsm hittällf. Dätttt aber erössneten sie eine Schneeballschlacht, so daß eme Weile nur zappelnde Beine, werfende Arme und hüpfende Körper zu sehen wären. Natl)ari Monheimer sa^ noi^ i Fenster und wartete aus die einbrechende Nacht. Desne Fräü betrat, aus der Küche kommend, das Zimmer und schaltete das Licht ein. Wenige Augenblicke danach stürmten zwei Knaben wie ein Whelwind in dix SMtzx. M Kt 'MLkMM Mckm und nasien Händen liefen sie an die nach Bratäpfeln duftende Ofenröhre, hüpften frierend von einem Bein auf das andere und ließen dabei ihre noch von der Gassenfreude her glänzenden Augen durch das föiöMzlich hergekichteLs Zimmer gleiten. Als sie aber die drei mit Oel und Docht versehenen Chanukoh-Eisen *) bemerkten, die ihr?«ter gerade ans dxsst FküstMlM gllttchtrÜÜtH waren die Zeichen des ausgelassenen Uebermuts aus ihren Gesichtern blitzschnell verschwunden. Erwartungsvoll zaghaft traten sie näher, fuhren mit dem Finger über die mächtigen Löwen, die aus dem Zinn her Rückwanb bcs in bcr Mitte stehenden ältesten Leuchters getrieben waren und hoben vorsichtig den Schamosch°) heraus, der dem Leibe eines schwimmenden Schwanes nachgebildet war. Sie schraubten auch die Krone aus unb ein, b!e b!e beiben Löwen in ihren Pranken über einen siebenarmigen Leuchter in die Höhe hielten. Durch alle Chanukohtage war dieses Familienerbstück das Ergötzen der Knaben. Dann strahlte der gleichmäßige Schein der angezündeten Lichtlein in die weiße Stille der Winternacht. Gerade als die zweite Strophe des Moaus Zur zu Ende war, wurde an die verschlossene Häuslure geklopft. Nathan Monheimer, einen Kunden erwartend, öffnete. Da stand vor ihm der Pfeifer mit seinem großen Dudelsack über dem Rücken. „Istö erlaubt sinMrötsn?" sagts dsv in jsnsv Aussprache des Deutschen, wie man sie von den Zigeunern zu hören gewohnt ist. Nathan Monheimer trat überrascht zur Seite, und der Fremde drängte sich mit seinem Instrument durch die Türe und ging Dem Wohnzimmer zu. Drinnen stellte er sich ganz demütig neben den Eingang, schaute eine kurze Weile zu den brennenden Lichtern hin und sagte dann: „Entschuldigen Herr! Ach will nix Unrechts. Nur ein bissel zuhör'n und die Lichteln ansehn." Während die Knaben halb erschrocken, halb freudig zu „ihrem" Dudelsackspfeifer hinblickten. die Frau Nathans ängstlich hinter den Tisch getreten war, hatte Nathan sogleich an der bescheidenen Art des Mannes gemerkt, daß der feinen ünfug anstellen mM und fuhr Disfialö, gleich auch wieder von seines Knaben begleitet, im Absingen des Liedes fort. Aber nach ein paar Worten hielt er wieder -tntte. Der Fremde hatte has Mundstück seiner wgefaht unb öliss ohn? zu stocken jedem Töne gereH werdend, die uralte Melodie mit der Wiederholung des Schlußsatzes bis zu ihrem Ende. 'Nathan Monheimer rvar rvohl maßlos erstaunt. Ader er tvosite sttzt keine «reitere Untere brechung machen und begann deshalb noch einmal: „Dewir kodscho hewiani". Und der Sackpfeifsr setzte wieder si>n, die S{8^!erf des jort&erbc^rert- Sreignt^es |ro|( jflngew aus vollem Halse und auch Frau Hanna fand beim vierten Absatz ihren Mut, so daß das „Keros kömas" und die fünfte Strophe kräf ttger als je, begleitet von Dsm näfPiDen ynftru ment, hrncmsschollen auf die verödete Dorfstraße. Die jüdischen Nachbarn glaubten nichts anderes, als daß' Nq'chan Hönhernfer'feinen' Kindern einen Ehanukohspaß bereitet hohe, Der Pfeifer schloß mit einem langgezogenen Top. Als ob es ihm leid wäre, weil das Lied zu Etzde gekqmmen sei. tjnö wenn man nicht annahm, daß es eine gefchmälzene Schrleeflocke war, > Ochste da- LEHsi/ tzm Mm Wfifff m her Mänae YerWief, für eine TrUe gehalten werden. Und eine solche pqßte eigentlich ganz gut zu dem zuckenden Gesicht mit den in die Ferne starrenden Äugen. Nathan MonhsiNM sah such ssftvt, drß Fremden etwas. tief bewegt haben müsse und wollte ihm zunächst ein wenig Zeit lassen, sich zu sammeln. Er rückte deshalb für ihn einen Sessel an den Tisch, gajj ein Glas Wein ein, während Frau Hanna mit einem gefüllten Teller aus der Küche kam. Die eigenartige Färbung, die des nhrenden Mannes Spiel dem Chanukoh-Abend gegeben hatte, war schon dieser Gastfreundschaft wert: Während seine Gedanken immer noch abchweiften, was in seinem stockenden Reden deutsch ward, begann der Pfeifer zu erzählen: „Eöltsanh sittsam! Nun zish ich schön 4n W vierzig Jahr durch die Länder, von Ungarn nach Deutschland, von Holland nach Spanien, ja, in Schweden drob'n bin ich schon gewes'n, aber das Lied Hab ich in der ganzen Zeit nicht ein einzig Mal sing'n häk'n. IM Sech W heut gleich wieder erkannt. Beim erst'n Ton chon." Der Fremde hielt kurz inne und sagte dann: Aber jetzt muß ich schon wieder deutlicher werd'n. E!e habend fftetijt bazu, es zu erfahr'n. Ich bin an der österreichisch-ungarischen Grenz' in ein'm kleinen Rest gebor'n. Vater und Mutter sind ins Serbische und hab'n nix wehr jgp'n lass'«. Mich häMn dann gu eir^^m Schmied in die Lehr' getane Aber wer kümmert ich um ein'n armen Kerl! Hunger und Schlägt beim Meister, eine lange Zung' bei den Bauern! Aber vor dem Dorst im letzten SjfXUßf wohnt? Perl, der Schneider. Sonst warn nur noch acht Judenhäuser im Dorf. Beim Schneider bin ich untergekroch'n, wenn's der Meister zu arg machte. Zwei, drei ganze Tag war ich manchmal dort, bis ich wieder geholt word'n bin. Der Schneider rvar arm. Ub?r e'n Kartvfsil, klN ^tÜck Brot, am Sonntag ein bissel Fleisch von sein'm Schabbes her, das hat's immer noch gereicht. Und dabei Hab' ich halt auch allerhand gelernt: Wie Müll Sen Kittel Mt) wie Der Seg'n übers Brot jeißt, was man am Freitag Abend singt . . . keberhaupt die Lieder . . . Soll ich vielleicht den Zur mischelo spiel'n? Die Wörter dazu Hab ich vergefs'n." Und da langte er auch schon nach seinem Dudelsack, spielte eine Melodie, die in ihren lange .gehaltenen Tönen des armen Schneiders Dank i für die Sabbatspeise und seine brennende Sehni sucht nach. Zion gleichermaßen deutlich zum-Aus- Drutf brachte. „Oder das Lecho dodi, wie es Perl dem buckligen Vorbeter Chaim Korz nachgesungen hat? Oder den Hamawdil, den Adir hu?" Des Pfeifers Augen leuchteten, Und Die beiden Knllden säßen hinter dein Tischwaren still und sahen wohl m ihrer Phantasie in einem Dorf ein letztes Häuschen und darin den sangesfrohen armen Schneider Leib Perl. „Ätzer pon gllen Lietzerfl^" ^uhr, M und lpte fM Instrument neben M aüf den Hghen, „vo'n allen Hab ich Las MoaUs Aur am ttebst'n mifgesung'n. sind dieses Lied Hab ich ngch heraus auf die Straße gehört. Leitz Perl ist vatzei mit feinen "N A *2 { ’t; tlü l! I UilJ. il. vielen Kindern in der Stube yerumgezog n — als ich. in em'm Zsgeunetwag'n dem Gchfnted davon gegang'n bin. Tie Lichttem grn Fenster wqr'n das Letzte, was ich vom Dorf geseh'n Hab. 8n den vierzig JahrM, die ich in der Welt herumgezog'n hm, Hab ich immer einmal die Lieder gespielt. Am liebsten. Wenn ich untevWegs im Wqld, an ein'm Bach oder auf einer einfam'n Heide war. sind dann ist mir di^ ^etzn^t fall'n und von der Heimat nichts als das Haus von Leib Perl." Der Pfeifer stamd auf, nahm feinen DuÄ'elfack vom Boden auf und schaute lange in die noch immer fiinnmöin Lichlör. llnD DiMmal man eine wirkliche Träne, die ihm in den Bart floß. Mit einem gestammelten Dankeswort ging er dann schnell zur Türe. Als Nathan Monheimer nac^ dem Ätzendesten aus dem Fenster in v'aSdeinsetzenve Schneetreiben hinausblickte, sah er drüben im Wirtshaus den Pfeifer stehen, unverwandt mit feinem Kopf zu seinem Hause her. DsNst ttdch blillklen öle Thanukoh-Llchler burch die Scheiben. — A nnoncen-Büno Julius Schmidt Frankfurt a. M., Langesfr. 7 Telefon Hansa 4641 Postscheck-Konto Frankfurt am Main 142 353 Einzige Inseraten-Annahme für Frankfurter Geschäftsinserate des „ISRAELIT“ AUSSöPdem Annahme von Inseraten für sämtliche hiesige und auswärtige Tageszeitungen, Wochenu. Fachbläfter zu Originaipreisen 1) Alter Ausdruck. 2) Hiisslicht, Diener.