Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/2446951-2450442-2450490--74501-2531978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I Der Israelit RrJ$ W Feuerzeichen. #iw non S, StHatHrrsrvih. - (Fortsetzung.) VII. Klänge der Musik weckten den nebelgrauen '.Ghettomargen. Es war Freitag und Hochzeit Im Hause des Rabbi Schotten. iiififsjl Der Sana, W Wk AM Wirkung des neuen Gesetzes, erster sichtbarer Ausdruck .neuerrungenen Rechtes. . Der Sieg war für alle erkauft und das Fest ein Auftakt für Viele, dih, m Wcher Lage wie Elsbe und Arie Lob, Mn lange suf MWung \%m ^arr±en; Es war das FestderneuenStättigkeit. Das Fest warf schon am Donnerstag feine Strahlen woraus, in der Schul und im Haufe des Rabbi, wo nach altem Brauche eine kleine iSritftf im Äreije ber ißerrrmnhiert imb MM6N Freunds vor sich ging. Firitag voitags hatte das sonst monotone „In Schul herein!" Löb Pfeifers, des alten. Schulklopfers, etwas melodischeren Klang als sonst und wurde fast zum Ms8M m?r n?H i:Unb ioi i?afaaI ist zum Mm h n gebreM!" Als setzt, wie von diesem Zauberwort ausgelöst, die Fidel, die Pfeife und die Pauke der'jüdischen Kapelle ertönten, wurde es lebendig in der Gaffe. Türen gingen auf, -iSitmmett fffjustrefert, Lichter flackerten, Menschen eilten, wie aus htm Nebel Zsivächfen, von allen Seiten und liefen sich stolpernd., .grüßend, aufgelegt und aufgeregt in den Weg. Bald waren Menschen, Stimmen und Lichter zu einer -Einheit geformt; ein richtiger Fackelzug, i&SJ JJJ ^xut|e Schottens l-ielt und sich dann, mit der Braut in der Mille aller älteren und jüngeren Frauen des Ghetto, langsam zur Schul bewegte. Voran schritten Wolf Lauser, der erste Geiger und Kommandant der Musikbande, Josftf mit Der Wik l unD L6kM, rn ZllSlM die große Trommel um den Leib gebunden. Mit wilden Armbewegungen feuerte Wolf Läufer seine Kollegen zu erhöhtem Schwünge an, mit der Wirkung, daß Jossel beim Stoßen in die Flöte daß mmt m einem rundkNr raten MkMD blies und der Bucklige wie besessen in die Trom-! mel schlug, so daß sich die Füße der festfrohen Menschen , wie.-von selber bewegten. Das Ganze wurde vonj einem unruhigen Gezitter Hunderter Fakestichtergespenstisch verklärt. 3m Wnlhgse. unter freiem Dimmkb m\m in lichterdurchlöchertem Bormürgennsbel blieb der Zug stehen. Das Gotteshaus war bereits hell und fe'stlM beleuchtet und darin die Rabbinen, Vorsteher und Gäste um den Bräutigam «MSMMßtt, Mil dem E^rengesolge trat nun Arie Löb aus der Schul in den Hof und gleich auf die Braut zu. Die Instrumente setzten zur Begrüßung ein und. brachen mitten im Akkorde jäh ab. Arie Löb und Elsbe standen sich Auge in Anne im seltsamen Glanze Der tnngenSßn Lichter gegenüber. Sie hatte Schleier Uttd HäUbS an und über das Brautkleid eine ans Totenkleid gemahnende weiße Hülle leicht geschlungen. Er halte einen kapuzenartigen Dreimaster mit herabhängenden Bändern auf dem Kopfe. Auf ein Zeichen legte er seine MW ruf öiz Mntter Der Vrnnt und sah ihr in die Augen, in denen es perlte. In diesem Augenblick prMelte ein Platzregen von Weizenkörnern und Rosinen über Braut und Bräutigam, und die Zurufe biblischer Segensfprüche'umbraustcn ihre öhren. Der,M«hu"-Wt war nach Brauch und Sitte Mit dern herankichtenden Morgen vollzogen. Die Gruppe der Frauen verzog sich im Morgendämmer, und in der Schul begann, da der Bräutigam rvieder seinen Ehrenplatz einnahm, der Gottesdienst, fast in der gehobenen bererstimmung eines hohen Festtages. WllUWll Ml, IW Der ieDetriemm unD trat auf den Almemor, der nun von allen Betern, noch im Talis und Tefillin, rund herum umringt war. Langsam glitt etwas Aschenstaub durch die Finger Rabbi Schmuels auf die Stirn des Bräufisamfj UH ©telte^ roo «ortfin bas Tesillingehäufe faß, ein Zeichen der Trauer um Jerusalem, die am Höhepunkt der Freude wie aus den Tiefen der Vergangenheit erwacht. E i n e düstere Mimte um, die gleich von neuen Klängen wegoswtzcht war. Schon würbe die Braut von den VrautrMttM iIH& MW FkMöN IN Dlö WUl und auf den Almemor gebracht. Da stand Elsbe in ihrem weißumhüllten Brautputz zur Rechten ihres- Auserwählten, hinter ihr auf dem Podium, hochmd breit ausgeputzt, GedulaOppen- Diim. Bit Brau Bes MWkii- «nr Mslklskt! Reiß, welche heute, die ersten Frauen der Gemeinde, Mutterstelle an Elsbe vertraten. Rabbi Schmuel, den Gebetmantel tief über den Kopf gezogen, den vollgefüllten hochfüßigen silbernen ®l UM 0anSj Tang Si???yg?R?yi?&enen ®ebete mit einer Stimme, in der alle Liebe MD Hossmng eines liebsorgenden Vaters mitklang. Arie Löb legte der Braut den Ring an und sprach vernehmbar die vorgefchriebene Formel. Wieder flrDenDe unB fmit *?odr erhobenem Becher, aus dem Bräutigam UND Braut tranken. Hundertstimmiges „Masel Tow!" brauste in das Klirren zerbrechenden Glases unter dem Fuße Arie Lobs, und lustige Weifen jül^rien;$?od^getirer unb Gäste hinaus, ttt ben vollausgegongenen Tag, ins festliche Haus Raöö! Schottens. Die Feierlichkeiten am kurzen Spätherbstfreitag mußten beim Rahen des Sabbat jäh abgebrochen werden, wurden aber nach Sabbatausnnnn m MBiMtem Maße rnieDer nntnengm" men. Alles, was in der Gäste abkommen konnte, war im „Kallehaus", dem für Hochzeiten und Gemeindefeste bestimmten langen, sauberen Holzbau hinter dem großen Ziehbrunnen des Tauchbads llZvftMMzlt. Dsr Fest De? SemeinDe. Dai Fest der neuen Stättigkeit nahm feinen vergnüglichen Lauf. Wie um die eigene Bedeutung dieser Hochzeit zu betonen, hatten die drei Männer der Deputation tijxe Ehrenplätze an her her ^«s^l zur Rechten des Bräutigams, während zu feiner Linken neben dem Brautvater, Rabbi Schotten, alle Rabbiner und Dajanim faßen. Oppenheims Maatz und Reiß hatten wieder die breiten,: blau- ^erbenen Schärpen ber Kamrnsrknschte schrsif über Die Brust gespannt, wie bei der Äudlkng In Heidelberg. Der alte Nathan Maaß bestand darauf, weil, wie er gut aufgelegt sagte, nach einem Tal-: müdworte der Bräutigam einem König gleiche Dress Idee griff sofort Perez Murren, der sich Im Nebenberufe mit gutem Geschi^e SllS Mr?° schalak oder Badchon betätigte, aus, um eine Audienz bei Seiner Majestät, dem Eintagskönig Arie Löb" zu spielen. Dabei verstand er es, in JonjaH, Geste unb Hcrnbbervegung Ahron Oppenheim so tänslhcnd ähnlich gu markieren, d«ß selbst den ernsten Augen der alten Rabbis sich Lachtränen entrangen. Darauf hielt Arie Löb einen Vortrag, der alle Gelehrten eine Stunde lang im Banne hielt. Gr fnraö) nnn Dem ffieDote Der Mfreinns Der Gefangenen" in all seinen von früheren und späteren Lehrern gezeigten Nuancen, Ausläufern und Ausstrahlungen, leitete dann auf das Gebiet der Äguna, der verlassenen, ihres Mannes härren^n GättlU Ü%Mr jWWg? ttSfü? M ÖIQ Probleme hmabsteigend, die mal zustimmend mal zurückweisend eingreifenden Hörer mit in die errichteten Gedankenwelten hineinführend, so daß sich ber Festraurn in ein Lehrhaus verwandelte. . ,i, ~ ji > > t!!!i In dem zum Männerraum weitgeöffneten Nebengemache faß Elsbe, die junge Gattin, zwimeinde. Das schwarzglänzende Stirnband deckte den Kopf, dem man die üppigen dunklen Haare genommen, bis weit in die Stirn, und vom Nacken her, wo sich sonst die dicken Zöpfe zu einem hohen Ki7anz verflochten, schlängelten sich die perlengeschmückten Bänber I-aubenartig vün &eiÄ6H SlÜlft über die stark geröteten Wangen bis zur Brust. Ihr Gesicht glühte, ihre Augen perlten dem geliebten Manne zu. Mit der Seele suchte sie die Worte zu erfassen, die die Sinne nur halb verftanDen. Eine Trane rann langsam Wange hinunter und ihr folgte noch eine und noch eine. „Laßt sie weinen", flüsterte Glücket, eine behäbige, würdige Matrone von klüger Erfahrung^ bie in ber Gasse tvas galt, tn jeder Aomllie zu Hause war und überall mu einem guten Worte aushalf, Jedermanns Trauer wie Jedermanns Freude zu chrer Trauer und ihrer Freude machte. „Laßt sie nur ausweinen, sie denkt an ihre gute, jromme SJiuiter, bte heute tm (Saneben für sis betet", unD ste weinte hilfreich glei^ selber ein paar Tränen mit. Gedula Oppenheim, die vornehme, noch schöne Frau des Hofjuden, die heute all ihre sonst bem Auge ber Äußern«elt verborgenen Psrlen unv Cbelsteine um-und angehängt hatte unb darob von Matchen Reiß ein klein wenig schief angesehen wurde, meinte aber: „Die Worte von „Gefangenen", und „Aguna" erschrecken sie. Man sollte wieder etwas Spaßiges zur Erheiterung der Brällt bANZW.t' Und sie warf einen Taler in den Teller, den Perez, der Gelegenheitsbadchon, vor sich stehen hatte, daß es im Raume hell aufklang. Das tat feine Wirkung. Kaum daß die Droscht gll En£? war, begann ^ereß im Sarnttastan Rabbi Schmuels feine Drofcho, eine improvisierte Parodie, Verse und Sätze verbindend, die zu einander paßten, wie Perez, der Hausierer und Spaßmacher, zum Rabbirock, bekannte Bi- BtlpmUBe unter oemiittioen ffieltiMatiflnen uns Grimassen korrumpierend, so daß sich die Leut«, auch Braut und Bräutigam, vor Lachen schüttelten. ° Dann nahm Wolf Lauser, der erste Geiger Der (BDettofaneae. \m Braunes. fcBtanfes Onftrus ment unter das linke Kinn und suhr^ groß mit dem Bogen, mal kräftig, mal weich und zürt über die Saiten, daß liebliche Weifen dem sjiröden Holz entströmten. Rabbi Mosche Drum aber, der-Dajan und Vorsteher, stimmte, gehoben und von Der Mnstk angeregt, ein ZnDDntlieD nnn feinem Großvater, Rabbi Juspho Hahn, stammend, an, und alle sangen freudigen Herzens mit: „Ich will singen heint Gegen die heiligen Licht, Me gegen uns haben gefcheint. Daß man sie durch die Stub sicht.-—" Dazu spielte Wolf Läufer die Geige, und zwar so, daß er, horchend, mit dem Bogen kanzierend, ans alle Biegungen, Abrveichungen, Varianten und Sntglkis'ungcn des Ehores gkschl^t und verständnisvoll einging und alle Disharmonien lustig mitfidelte. Die Geige fang mit den Menschen, hoch oder tief, voll oder leise, falsch oder richtig, schön und schrill . . . Und als der vielstro^i^e Gesang vom Qidjte schon ZU Ende war und Wolf Lauser, vielleicht aus Versehen, vielleicht aus Ehrgeiz, noch weiter zeigte, fing der Tanz an, der Mizwohtanz. Die Männer reichten sich die Hand, bildeten einen geftftfnffenen Ring, in Dessen Mitte Der Reihe nach einer der Gäste mit dem Bräutigam und dann auch durch Vermittlung eines Seidentuches mit der Braut tanzte, indeß die Frauen im Nebenraume, unter Anfü.hruna.der!!!!!, Ml ,i;;: Üir ÜlUljj, MI.'MMr