Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2446951-2450442-2450484--74404-2531874- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Oeiu 10 Nr 42 dozierte ein anderer ganz nüchtern. „Wir zer- "bigen f^re Bnrgerbsjxsx rmp iUk MSttiglkttS' akte samt ihren Leibern." Einige Burschen machten sich an die vereinsamte Bude des Mordche Beer heran. E i n fester Handgriff und die Türleinwand riß von oben bis unten an ihren Pfosten entzwei. Gemt onm TM, um gu \%W\ »is stark die Qubeiibube gebaut ist . . . Die dtegale waren aber darin leer, und die Burschen wandten sich interesselos ab und gesellten sich den anderen zu, die immer weiter an die Brücke, da die Juden beteten, vordrangen. „Fsllök Md SöhWLfsl ito äsi Vrlk srtt Eröom, daß sie einsinken in den Erdenschlund wie die Rotte Korahs", fluchte Johannes Finger ihnen nach mit der Andacht eines Gebetes und faltete die Hände. Bom Römerberge her kam ein kleiner Trupp EslZstött öäh^gefchsyiiöerst fafe gegirrt, öen langen Säbel etwas schlaff dahinschleifend, den blauen langschößigen Uniformrock über den weißen Hosen in den Reiterstiefeln nur halb zugeknöpft, die große Quaste auf dem Topfhelm lässig N8H links Nk mm Nicht llil Dienste und konnten behäbig und gemächlich tun, irgendwo eine Macht ausüben, ober aud) nicht, wie es ihnen gerade paßte. Etwas vom „Neuen" hatten sie auch schon gekostet, und sie sangen in unharmonischem Thorß ein llltM LandskngchtliöM „Stadt Frankfurt an dem Maine, Dein Lob ist weit und breit, Treu, Ehr und Glauben reine. Männliche Redlichkeit Hast du mit deinem Vlute Erhalten ritterlich. Da sah ich mannigsalt Von fernen einherbrechen Viel Reuter, und Landsknecht gut Mit Zchisßm, Statt!«, Mcheii, Daß mancher zahlt die Zechen Gar teuer mit seinem Blut." Johannes Finger, vor seinen reichen und duflenden Lallwerkaußlagem winkte don Soldaten zu, und mitten im Liede abbrechend, schlenkerten sie lässig auf seinen Stand zu. „Gott zum Gruß, Meister Johannes, was gibts? Die schönen Bretzel in Ehren, wenn sie ni^t gar so teuer wären r lnHtt tztt l«M Korporal UNS alle sechs wiederholten die. letzten Worte im Chore wie den Refrain eines Liedes. „Ihr sollt sie umsonst haben, jeder zwei, wenn Ihr mir einen'Gefallen tut." „Gefallen? Nichts lieber als das. Sollen wir Gin Haus abdscksn sdsr jölttättd den Schade! e!nfchlagen?" „Ihr seid Soldaten," sagte Meister Johannes in seinem tiefen Baß mit Nachdrucks „Hüter der Ordnung, vom Kaiser und dem Hohen Rat beschworen und besoldet, so jagt dm Haufm der Jungen auseinander." „Was wollen die?" „Die Malefizkerle rebellieren gegen die Juden, sind von den Großen in sündhafter Weise aufgehetzt und malträtieren sriedsame MensHep, die zu ihrem Gotte beten, wie wir ZU dem unsrigen, werfen Steine nach ihnen und bedrohen sie an Leib und Leben. Die Juden zahlen ihren Kopfzoll und ihre Stättigkeitsabgaben, und wst sind alle von einem Gotte gsechaffen." tt^r sprichr wis MS der Bibel unseres Herrn Martmus Luther," sagte der Korporal, „aber hat Er auch Schnaps?" „Gehört weislich nicht zu meinem- Metier, aber soll mir nicht darauf ankommen, für. brave Kerle, die ihre Pflicht tun ..." Und damit ^olte er gfeicfj zwei Bouteiüen schnaps von dem gegenüberliegenden Ausschank her. Die Soldaten, ein gezähltes Halbdutzend, nahmen den Schnaps und die schönen Kringel, gleich zwölf an der Zahl, und machten sich geüMrstÄMNg in Me Ahlgllsst zum Jungentrupp. Ihre runden Soldatengesich¬ D e r Israelit ter lachten so friedlich und vergnügt, daß die Pusfthm Mrikll Akß kkkmulkn »IlMSHi „S)Uttä, Soldaten! die machen mit!", jubelte einer. „fflafyens aud)J" sagte der lange Korporal mit dem kupfernen Gesichte und den eisernen Fäusten friedlich, „was geschieht denn da?" MHn iis mmn miffiuffin, WM imu hin auf den Judenschwarm. Unsere Pfeile treffen gut." Und einer warf wieder zur Probe. „Wartet," lachte der Baumlange, wir lehrens Euch, wie man ins Wasser schießt und Juden trifft". WralA wxü paffte M6i Körls am Dar Mitte der Bande mit beiden Händen wie mit eisernen Klammern, hielt sie ein wenig auseinander und schlug dann die beiden Köpfe mit solcher Wucht aneinander, daß Beide blutend und betäubt zu Boden fielen, ohne sich gleich erheben zu wollem Sen anderen fielen Die mm Wurf bereiten Steine aus der Hand,' dieweil schon die fünf anderen Soldaten ausholten, um es ihrem Führer gleich zu machen. Manchem der davon Fliehenden traf noch die eiserne Soldatenfaust oder Säbelscheide am Rücken oder Hinterkopf zum Scheidegrutz. Fiel jemand im Lausen hin, so setzte es noch eine erkleckliche Anzahl von Schlägen ab, gleich auch sür die anderen, die glücklich davon Geeilten, mitberechnet. Auch zwischen den Vuden^ bei den Metzgern und Krämerp tvgshe es merklich still. Meister Nehböck war auf einmal ganz nüchtern und stapfte breitbeinig und ziemlich schwindelsicher durch die Gasse dem Domplatze zu.- Auf der Bank hinter den Buden saßen die Soldaten^ f^rnauck^teu an ihren turnen pfeifen und teilten die kleine Beute. Zwei Flaschen Schnaps, das machte für jeden mindestens drei Gläschen, die an Ort und Stelle gleich genehmigt werden konnten. Die knusperigen, herrlich mundenden Bretzel von Meister Johannes's Backtische Wäköll ein Hüter ünb nahmen bem Warfen Tropfen alle übertriebene Bitternis. Zudem konnte jeder der Sechs noch eine ganze volle Flasche mit in die Bude tragen und einen blanken Goldgulden für Tabak in die TaßHe stecken. „Nn Narr, der Meister Johannes," lachte einer und schlug vergnügt dem Nebenmann aufs Knie, daß es knallte, „wußte nicht, daß wir heute mittag nur dazu da waren, um den Juden beim Beten am Main Schutzkllgßl ZU fein, und daß mir schon disLeits je eine Flasche und noch einen Gulden dazu erhalten haben." Sie lachten hellauf und tranken. Mit vollgestopftem Munde stimmten die Kameraden den Schluß des Landsknechtliedes an: „Gost aber sieht mit Macht darein Und wehrt des Teufels falschen Schein Mit seinen bösen Tücken-". ..Frischauf. Kameraden! Prosit! Es lebe Meister Finger!" „Und aufs Wohl der splendiden Juden! —" (Fortsetzung folgt.) Die Alten und die jungen. Don Dr. M. AsiHer. I. Feststellung des Uebels. Es gibt einen FadeNwurm Rhabditis. der von ftillöll öiggllön Zuttgsn SllWvössttt mb Attßst sind die Eier zu Jungen geworden, die dennoch nicht ausschlüpfen, sondern anfangs die Eingeweide der Mutter und dann den ganzen mütterlichen Körper bis auf die Haut ausfreffen. Da tobe idj mir not^ das Servern. Die^??sssisistst sich in der Not einige güte Happen, indem es die eigenen Jungen auffrißt. Auch der Rammler schart sich manchmal jede Erziehung und Mühe, indem er in abscheulicher Weise die jungen Häschen zu Tode peinigt. Aber sich für die junge Dm aBraffern zu miiffßn, (Befaipn Durchzumachen, um für die Kinder sich abzuschuften und 21. Oktober 1927 hernach von den eigenen Kindern sich auffressen W lksskllr Das geht doöj Über Den Watz: Du glaubst, lieber Leser, nur bei Tieren und auch da nur selten, zeigt sich solch grausiges Schicksal. Jawohl! unter Tieren ist solch Schauspiel selten und ist sicher in einer für uns noch unverständlichen Weise ein natürlicher Vorgang. Doch häufig, raiößr allzuhäufig zeigt sitz tmstlks Geschick bei der species „homo sapiens.“ Da quälen Eltern sich ab, um ihre Kinder zu erziehen, sparen sich womöglich den Bissen vom Munde ab, um den Kindern eine bessere Schulbildung zu verschaffen als sie selber genossen haben, teben in nrmststgsten N?lch«stn!sien» um be« Kindern eine soziale Stellung zu ermöglichen. Wenn dann die Kinder dank der Mühe der Eltern immer höhere soziale Stellungen erringen, so blicken sie leider oft genug verächtlich auf die altmodischen Eltern, quälen sie, verlassen sie, und dis irnglüMchsn Eltsm sich zu Tdöe. Daß so grotesk die Gegensätze sich zuspitzen, ist natürlich nicht alltäglich. Daß aber ein ungeheurer Gegensatz zwischen Alt und Jung auch in jüdischen Kreisen besteht und dieser Gegensatz immer mm mh ist lkMk eine lksungk Mfa®: In jüdischen Kreisen herrschte sonst zwischen Eltern und Kindern ein inniges, auf Vertrauen begründetes Verhältnis. Die Beziehungen zu den Alten kannte man nur aus einem Leben her- 0u8, Das auf Mrauim. MM unD Ehrfurcht ßos ruht. So ist es von jeher gewesen und so ist es hoffentlich quch heute noch im allgemeinen.. Doch gibt es heute leider schon viele jüdische Kreise, deren Judentum nur noch ein Scheinjudentum ist. Dort wird die nichtjüdische Umgebung in allem namummatn aefunoen unD Dort mrsM Dis Jugend es meisterhaft, die Auswüchse der nichtjüdischen Jugend sich als Vorbild zu nehmen und so den Gegensatz zwischen den Alten und den Jungen, auch in jüdische Kreise zu tragen. Die Jungen bilden sicks ein, da^ man sie nicht verstehe und setzen sich deshalb über die Autorität derer hinweg, die angeblich es nicht verstanden haben, die Jugend zu verstehen. Man will alles besser wissen und möchte alles besser machen. Man sich, gsz Wgxx MSN «LkM M Besitz der einzig richtigen Leböttsättschäuung. Soll man dabei ruhig bleiben, wenn solch grüner Junge irgend einen idealistischen Kram als absolute Weisheit ausposaunt?! Hat man darum tausend Geisteskämpfe durchkämpft, daß Man schließlich erfahren musi, bas eigene Meisch unb Nut hochnäsig unsre mühsam erkämpfte Weltanschauung verschmäht?! Uns vergeht wahrlich das Lachen, wenn solche Kiekindiewelt sich gravitätisch vor uns postieren und uns anklagen, wir feien zumindest die Mitschuldigen an dem surchthqr?ll kulturellen Zusammendrurch unsrer Zeit. Es erstreben die Jungen ganz instinktiv, sich von den Alten loszureißen. Man sucht neue Wege und neue Ziele und sehnt sich darnach, selbst die Verantraortung für sein Tun zu tragen. (Fortsetzung folgt.) bessere Herde Nirgends grellere Auswahl Nirgends billigere Preise als bei E. HAGES Co. An * 3 A (Stadtgarten) Verantwortlich für den allgemeinen Teil und dar Feuilleton 8. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.r «.Schach» tsotoife, eSettbo. — Füre bie fobasogiFae SBeKage; 3gbycr So* flSttfl&SiUl fe Är Sffewla^'. — Herfas .Israelit". T.ur b.A., Frankfurt a. M.— Druck Äeruro» Verlag«' Aktiengesellschaft. Frankfurt a. M. 1995