Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1927)
- Date
- 1927-10-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 41 Der Israelit 10. Oktober 1927 1. Feststellung der Länder, die zur Aufnahme von jüdischen Wanderern überhaupt in Frage kommen. Dies gilt hauptsächlich für eiiDamerüa, wo noch lluProMMH ginge Cinwanderungsmöglichkeiten vorhanden find. 2. Schaffung der Voraussetzungen, die es dem Einwanderer möglich machen, in diese Länder zu wandern, d, h. Feststellung, welche Berufe m btn in Frage fommenbeii Ländern überflüssig und welche nicht vorhanden sind. Berufsumschichtung der Auswanderer für Berufe, für die die Einwanderungsländer noch aufnahmefähig sind. 8. Möglichst MWPM lorßiDigung öa? Reisekosten, sowie dort, wo es unumgänglich notwendig ist, Sicherung der Reisemöglichkeit. 4. Schaffung von Einrichtungen in den EinwllnMnngMndM, dis ss dm Wwättderer ermöglichen sollen, im Einwanderungsland festen Fuß zu fassen. Als derartige Einrichtungen kommen in Betracht: Unterkunftsheime, Arbeitsvermittlungsstellen und |onjitge |ür die Einwanderung notwendige Fürsorgemaßnahmen. 5. Schaffung von Einrichtungen in den Auswanderungsländern, die es dem Auswanderer ermöglichen, sich in kurzer Zeit auf jene Berufe urnzuftellen, die bei der Einwanderung von Nutzen sein rönnen. Schaffung von Sprachkursen und sonstigen Fortbildungsmöglichkeiten, die dem Einwanderer seinen Weg erleichtern sollen. Es wäre dringend zu wünschen, daß es den vereinigten Energien der i^ der gen^aHM 8kk° tretenen Kreise gelingen möchte, den in dem ostjüdischen Becken hochgestauten Massen, für die Auswanderung in der Tat die einzige wirtschaftliche Rettung ist, neue Siedlungsmöglichkeiten zu eröffnen. Es ist dabei aber ganz undenkbar, DIE WELTMARKE: LBO ELBEO - STRUMPFWAREN Damenstrümpfe, Kinder - Sportstrümpfe und Herrensocken Größte Auswahl am Platzel PFULLER Goethestraße 15 Fil. Baden-Baden auf landwirtschaftliche Kolonisation in schwach bevölkerten Landstrichen zu beschränken, sondern es müßte vielmher ins Auge gefaßt werden, auch IN KultiMMpll, sh auch m stärker Verteilung und Verdünnung, für die Aufnahme eines Bruchteiles der in Betracht kommenden Menschenmengen Möglichkeiten zu erwirken oder zu schaffen. Was besagen die Zahlen? Die wirtschaftsstatistische Sektion des „Jüdischen Wissenschaftlichen Instituts" in Berlin hat Untersuchungen über die Zahl der S e l b st m ö rd?f nnm ökli süßen llMsltlll miß mm zu den folgenden Resultaten: Im Jahre 1925 haben von 100 000 jüdischen Seelen Selbstmord begangen: in Berlin 68, in Budapest 48, in Wien 45, in Warschau 17, in Lodz nur 7. Unter der BkNinci MMcn Dwölttlung ist öie Johl dsr Selbstmörder großer als unter den Nichtjuden. So kamen im Jahre 1925 auf 100 000 Evangelische 45, auf 100 000 Katholiken 32 Selbstmörder. Seit 1922 ist die Zahl der Selbstmörder unter den Juden Berlins im Steigen begristen. 1922 zä!)!ie man noch 61,1923'fchon 72, 1924 96 und 1925 117 jüdische Selbstmörder. Aus Berlin, wo 43 Proz. aller preußischen Juden wohnen, entfielen mehr als die Hälfte aller jüdischen Selbstmorde in Preußen (117 von insgssrust 315). Diese Zahlen werfen alle bisherigen Theorien über die Gründe der Selbstmorde über den Haufen. Man hat in den letzten Jahren von einer „Selbstmordepidemie" unter den Juden in unb getrieben. MgM Rabbinerverband und andere jüdischen Körperschaften haben in öffentlichen Aufrufen der „Epidemie" Einhalt zu bieten versucht. Man wußte allgemein, daß der Grund für diese traurigen Erscheinungen in der Wirtschaftlichen 8ri§is!!ege. Run kommen die'Ziffern und zeigen uns, wie die „Epidemie" zum Glück aussieht. In Warschau haben 17, in der Industriestadt Lodz, die, wie kaum eine andere in Polen, von Arbeitslosigkeit und Elend beherrscht war, m ] \ i ß e n MislMn von 100 ooo W Wucht aus dem Leben gesucht. In der Hauptstadt U n - garns, wo die wirtschaftliche Lage der Juden weit weniger zu wünschen übrig läßt, waren es 48, im großen, reichen Berlin sogar 68 von 100 000 Juden, die glaubten, den Sprung ins 33lWfI$ tllß W ttiiijfen. 8s ist Demnach nicht der schlechte Verdienst, nicht die Armut, nicht der geschäftliche Mißerfolg, es sind nicht diese Faktoren allein, die den Menschen alle Hoffnungen und alle Beziehungen zum Dasein zerstören; erst wenn diese Enttäuschungen und Mißerfolge auf ein sittliches Nichts stoßen, Menschen treffen, die weiter. kernen festen religiösen Halt l-aLen^ Mensen alfo, bei benen mit dem Gelds und der Möglichkeit sich, zu ernähren, alles in die Brüche geht, erst dann führen sie zur Katastrophe. Noch ist im Osten bei allem und allem die reli-. giüse Resonanz stark genug, um den obengenannten Urgmlsütz an MWrnorßen als „CMmis" empfinden zu lassen. Die vier- und fünffache Zahl in Budapest und Berlin und anderen Kulturzentren, wo die religiösen Bindungen einer großstädtischen Blasiertheit und Sittenlockerung gewichen sind, ist „normal"^ aud^ bann wenn fie den Prozentsatz bei den anderen Konfessionen um ein beträchtliches übersteigt. Eine Feststellung, die uns unter dem Schutzdache der das Gottvertrauen versinnbildlichenden Laubhütte ZUM Nachdenken anregen soll. Von der «Kraft des Regens". Zu nw nbsn. Bon 9L Jhannfjeitnct in ©effelba«f>- Es soll hier zunächst auf eine Stelle in der jüdischen Morgenandacht hingewiesen werden, die Benediktion a’an hv p*iKn yprv „Gelobt seist Du Ewiger, unser Gott, König der Welt, der ausffWM yk EM äßerßie Wasser." Tar mancher spricht diese Brocho mehr ober weniger gedankenlos, ohne Erfassung ihres tieferen Sinnes. Suchen wir uns diesen klar zu machen. In des Juden Seele klingt ein erhabener, wundersamer Gedanke: nxi^ai nxn 'rb> dem iöerrn Mtt m Mö uilD W88 ]\l fßtef. U darf von dieser Welt nichts nehmen, nichts genießen ohne Erlaubnis, ohne gefragt zu haben, das. wäre eine Veruntreuung, eine nb'vv' eine Sichvergreifen an heiligem Gut. Erst durch die!Ä P m löffluijtunD ÜWSIU und ich habe das Recht, ihn wegzunehmen von der Tafel Gottes, hie er in seiner Vatergüte allen Merlschen deckt. Besonders gibt der Jude sich am frühen Morgen solchen Gedankengangen hin. Ihm ist die Welt da neu, wie Wb am tm Paradies steht M M un! gu ihr. „8er!ag bricht an, und die Schöpfung erwacht, wird zum milliontenmale neu geschaffen, dem Leben geschenkt — auch du bist neu erwacht, neu dem Leben wiedergegeben, eine Welt von Kräften und Fähigkeiten in dir, pine Welt mm Mitteln WW M klnk Well non Wesen vor dir und auf die Dauer eines Tages dir geschenkt. Was ist sie, diese neu erwachte Welt um dich, in dir, was ist sie dir? Was sollst du ihr? Wer ist es, der in diesem Allerwachen deinem Innern erscheint?..(Hirsch, Choreb, Dl? Lehren her Sakko. Von Rabbiner Dr. A. Cohn in Bafel.*) (Schluß.) Ein vornehmer Römer, so erzählen uns die Weifen im Midrasch**), kam einst zu Rabbi Elieser und erklärte ihm, er Molle zum Judentum übertreten. Nur ftöre iön in im WligK ZHsrst, in ihm im übrigen ä^tchnel gefalle, der Satz: „Gott liebt den Fremdling, ihm Brot und Gewand zu geben." Brot und Gewand, sprach der Römer, hat auch der Geringste von meinen Sklaven. Das Versprechen von Brot und Gewand kann mich gewiß nicht verlocken, das Judentum anzunehmen. Da sprach Rabbi Elieser zu ihm: Wenn dir dasjenige nicht genügt, um das unser SBater Jakob jo fierginma 08liiit ---37- -4 (Oji „ @ ( ö nitr, Brot zu essen und ein Gewand anzuziehen, "***) wenn du nicht bescheiden bist in deinen Ansprüchen an das Leben, so wäre es besser, du würdest dem Judentum fern bleiben. Jakob unser Stammvater sei, wie in allem, so auch in seiner Bescheidenheit unser Vorbild. Wie bald würde die Hast und Ruhelosigkeit, mit her wir durch das üsbrn jsZs» üh& selbst «m dis höchMtt Güter des Daseins bringen, aufhören, wenn *) Aus einer demnächst erscheinenden Sammlung „Von Israels Lehre und Leben". **) Midrasch rabba Bereschit 70, 5 zu I Mos. 28. 5. ***) I Mos. 28, 20. »fl Mö Wl mi » müm in Reichtum und Luxus es gleich und zuvortun wollt«! Einst, so sagen unsere Weisen*), wird der Prophet Elia das Fläschchen mit dem Manna zurückbringen, das verloren gegangen ist. Das Manna ist das Bild der Einfachheit und Genügsamkeit. Eine Vorbedingung der Erlösung und des rnnhren Glückes ist Anspruchslosigkeit gjjjj 8kl§ki- SrnhkM' 2. Die Hütte darf nicht mit Gegenständen bedeckt fein, die rntmo für Unreinheit empfänglich find?) Nach Reinheit müssen wir Juden streben, mehr als andere Völker. Hat uns doch Gott ein hohes Ideal vorgezsrchnet s’vrp ’-en B’jm m!>nn ->b r>nn onsci foüi mir feig ejg von PNcflcrn, ein heiliges Volk."') Wir wissen ja auch, daß man uns Juden mit besonders strengem Maßstabe mißt. Wenn ein Jude sündigt, so zürnt man der ganzen Gemeinde, und die Fehler des Einzelnen werden der Gesamtheit zur Last gelegt. Ja, noch mehr, Gott und Israel, so laufet ein seltsamer Ausspruch unserer Weifen, sind Zwillinge?) (Sin grofjer ffirttärer ffat dies Wort |p AAßjjlllk Qß]tl» ilngf sehen tmanöcr ähnüch. ©b ’mirD Mch der Ckcheinung Israels unter den Völkern, der. Gott der Juden gewertet und beurteilt. Gibt es jüdische Wucherer, so 'ührt das zu einem vvn zu einer Entweihung des göttlichen Namens. Dann wird für die Vergehungen Einzelner die jüdische Religion verantwortlich gemacht, dann ist der Talmud schuld, bann taugt das jiibijd^e Ge- Aeuch, nichis» unv der Gott der Juden ist ein Gott der Rache! Sind wir Juden, aber?aft, freu »nt 4^4» edel Md gut, so ist das ein ovn eine Heiligung Gottes, und Gottes Namen wird durch uns gerühmt und zu Ehren gebracht. Das Laub der Sukko darf nicht -nims mit dem Baume verbunden, es muß vielmehr wbn abgepflüdt sein?) WM, ist, UKW? MM tzksitz, such wenn wir einmal von hinnen gehen. Auf bifefe Frage gibt das abgeschnittene Laub aus der Sukko die Antwort. Was irdisch ist -nwir, verbunden mit der Erde, bleibt auf Erden zurück, und wer viel Geld zusammen scharrt, hat nach dem alten wahren Wort eines jüdischen Königs für Andere gesammelt?) Aber was wir abge- “ü? s25 iMW MMIM Wkll. fliß ZMflM. die von im Gotteshaus zugebracht, die Zetten, die wir der Thora geweiht, die Mizwos, die wir vollbracht, die Wohltaten, die wir geübt haben, sie gehören uns in Wahrheit, sie bleiben unser Besitz, und sie gehen einst mit uns, wenn Gott uns ruft. Eine Türe soll an der Sukko nicht fehlen. Die Türe stellt die Verbindung dar zwischen dem Vsmotzner der Wytfß jmti frcr MNNMlt?) M Mn lMist. [i lifyi uns disss Bürfchrift. Arbeite nicht bloß für dich und deine Familie, wirke auch für deine Nebenmenschen und betättge dich als ein nützliches Glied der menschlichen Gesamtheit. Denke an das schöne Wort des Hillel '2^27 'jk na ’Bsyi» „Wenn ich nur für mich lebe, was bin ich dann?9 Das höchste Glück ist, andere zu beglücken, di« wahrste FreM, M kMuen: ®tfi ߀n mmn, gtö ihnen nnrdrr und mMvi und wsrds nicht müdr zu geben, und das Streben, Anderen Gutes zu tun, werde *) Mechilta zu II Mos. 16. 33. ^) Mischna Sukka 1, 4. -) II Mos.. 19, ->) Midrasch. 6. *) Mschna Sukka I, 4 und Talmud SUkka 11a und b. 5) Talmud Baba Bachra 11a. °) Talmud Sukka . wo? Sprüche der Wüter lj 14,