Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1927)
- Date
- 1927-09-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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ftuilltfttt nr 37 Höhere Sabbatseele i?OOT 1 Am Freitag, am Rüsttage des Sabbath, hört Reb Joel mit seinen Schülern um drei Uhr nachmittag zu lernen auf. Nach einer Stunde sitzt Reb Joel zu Hause in seiner Stube am Tische und M Den MUiMlWll DurtOi Mm ihm Gitele, sein Weib, ein Paket Wäsche, und nach einer Weile verläßt Reb Joel seine Wohnung und geht ins Badehaus. Von dort kehrt Reb Joel, wie verwandelt zurück, er schreitet federnd durch die Gassen, als ob er einem entgegenginge. Anders als sonst IN her gangen ist seine Gangart. Der Stimmklang verändert sich, Freude überhaucht ihn, Wonne und Ruhe steigern sein Wesen. Die von Falten zerschnittene Stirn glättet sich, alle seine Züge ebnen sich, und umlsuHtöt von Dorsrnnön Mi &r nun Der Königin Sabbath entgegen. Als der Abend aufglüht, fühlt sich Reb Joel von inbrünstigen Schauern überflutet und von heiligen Gefühlen durchschwungen. Ein geheimnisvoller Hauch, rvie ein marmer Luftzug, üötrtommt ihn unb Vergütung hast b?ststg?n^ Einzug in sein Herz. Im lichtdurchflüteten Bet-. Haus betet Reb Joel an manchem Freitagabend vor, seine Stimme tönt andächtig und klingend und alle Beter begleiten sie inbrünstig. Daheim geht Reb Joel in dem im Lichterglanz strahlenden Eßzimmer auf unb ab, stngelld, ^ie Täbbäthsriedensengel empfangend und begrüßend. Mit einem Becher Wein segnet er den Sabbath. Dann sitzt er mit seinem Weibe und seinen fünf TöHMn m TM, eine üffig? einnehmend. Zwischen dött einzelnen Gängen singt Reb Joel, Sabbathhymnen sprudeln, und seine Töchter, Malkele, Surele, Leale, Mirel und Hinde, singen im stillen mit. In rvo^liger Freude entsteht der Sabbathmorgen. In aller Frühe geht Red Ivel ein Tauchbad nehmen, seine Schritte gehen melodisch, leise wellend. Von Fröhlichkeit überschwemmt, kehrt er heim, wandelt auf einer Ebene, die über dem Alltag liegt. Bevor er in Schul geht, liest er mit einer verschwenderischen Inbrunst den NP $44. WschättLbschMss, zrnöimsl im höökäft schen Urtext und einmal in der aramäischen Uebersetzung. Seine Augen bergen den Ausdruck aufwachsender Seligkeit. Manchmal hält Reb Joel einige Augenblicke inne und sinnt. Ohne Makelist die Sab'bathseele. teilhaftig allsx TugMötft schöbt sis sich ftöl und min. Rsb Joel fühlt mit den Sündern. Run gibt es auch für sie einen Tag, den Sabbath, an dem sie frei find und an dem sie allen vollkommenen Seelen gleich sind. Es ist ein Geschenk des Schöpfers, Daß alles an diesem Tage in e i n e n NMaMeindämmert und ' zum Ursprung Ut'üNfäNgltchet' Ruhe Gottes cheimkehrt ... In solche Gedanken spinnt sich Reb Joel ein und die Vorstellungen wachsen in ihm mehr und mehr. , , . Äm lZaövmnachmman nnlerWl W Nev Joel mit feinen Kindern und erzählt ihnen Geschichten von der Königin Sabbath. Einmal erzählt er ihnen von dem Fluß Sambation, der die ganze Woche rauscht und wogt und am „Ist der Gainbatton ein großer Fluß?", fragt Hinde, das jüngste Töchterchen. „O, er ist sehr groß", bestätigt Reb Joel. „Er mißt neunzig Tagereisen Länge und neunzig Tagereisen Breite. Er ist auch sehr tief, zweihundert Ellen tief. Aus der Tiefe des Stromes knattern und brodeln rollende, gurgelnde Geräusche, da er voller Sand und Stein ist. Rur m «MW rmwmmrn kir!?(enben ®erai^e: der Sambation ruht." „Kann man dahin fahren?" forscht Leale, das Gesicht ihres Vaters aufmerksam und gespannt betrachtend. „Auf keinen Fall!" versichert Reb Joel. „Die NsHkgmmsn MasöL molmßn Dort MMHlossßn vom Strom, damit ihnen niemand etwas zu Leide tun kann. Und am Sabbath, wenn das Wasser ruht, ist der Strom von Feuerflammen umgeben und umsäumt, und kein Mensch kann dorthin gelangen." „Ainb bie Sftojesfmber fromm?" fragl Hmbc. „Halten sie auch den Sabbath?", fragt auch schnell Leale. „O, die Moseskinder sind sehr fromm und freilich halten sie auch den Sabbath. Und wißt ihll wo sie am Saübaih wohnen? Ln schönen Zelten, die auf dem Rücken von Elefanten errichtet sind." . „O, das muß schön sein!", jubeln die Töchter Red Joels und eilen flink aus dem Haufe, um es ihren Freundinnen zu erzählen. Das Dnvidsinahl am Samstag abend dehnt Reb Joel sehr weit aus. Er singt Lieder bis nach Mitternacht. Er möchte die Prinzessin Sabbath festhalten — er möchte sie nicht fortgehen lassen ... . Meine Geschichten. Heute starb ... Wenn Menschen zusammensitzen, dann haben sie sich in der Regel nicht viel mitzuteilen. Mühsam arbeitet der Kopf, um einige belanglose Neuigkeiten aufzutischen, — M? hffssss stoffs tri£ Ujmrfprttwijg. Die dv^elte Kunst, Gedanken zu haben unv sie auch miMilen zu können, ist eine seltene Begabung. Eine willkürlich bunte Gesellschafthatte sich nach dem Abendessen im Hotekgarten zusammengefunden. Die neuesten Witze waren erzählt worden und dann war der iDüiffli kl'ngMim, m Wgik, MMsk MlWkn sich nichts zu sagen wüßten. 'Die Gesellschaft sog mit Behagen die würzige, reine Luft ein —^ was in dieser Sommerfrische ihre, erste Aufgabe war.und übte sich im übrigen-im Schweigen. . . . Nur einer der Gäste war beschäftigt, indem er in sine dünne Jsilung, anschsinsnd das -Lokalblattseines rSbljnvF^, bllsfl?, fsht Stille und sagte: „Wenn ich solch ein Blättchen nur zwei Minuten in der Hand habe, bin ich mit seinen Neuigkeiten fertig, — und Sie sitzen schon mindestens eine viertel Stunde über Ihrer Zeitung." „Sie enthält drei Todesanzeigen und hat mich dadurch nachdenklich gestimmt. Jedes der Lsbensschitksals, f)V?V rvrrb, ist «tiT bekannt. Qtt einer kleinen Stadt kennen die Menschen einander." „Erzählen, erzählen!" rief es nun von allen Seiten. „Wenn die Herrschaften es wünschen, ich bin bereit. Ueber die erste .Anzeige, die mit den Worten „Heute starb im 80. Lebensjahre unser geliebter Großvater" beginnt, kann ich mich kurz fassen, wenn ich auch MiMk, öle Summe w mm kim? jmn v?n uns gliche dem Leben dieses Mannes. Auf feinem Grabstein dürfte man das Psalmwort setzen „Diel sind auch die Leiden des Zadik, des um der Gerechtigkeit und des Guten willen gerechten und guten Menschen — aber aus allen rettet ihn Gott."" „Verzeihung. daß ich unterbreche. Wird mit dem Mzeiff Zrdi? nicht dse stsmrm ÄuLs gMMt?" „Freilich soll der jüdische Zadik die gerechte und die gute Gesinnung nach der Ethik des Judentums und in Erfüllung der Mizwoth des Judentums betätigen. Doch das Judentum lehrt, daß es in jedem Volke Menschen gibt, die die Höhe eines Zadik erklommen haben. Aber fahren wir fort. — Das Lebensschifflein dieses Mmm öksskll MMS W M TM rm, überstnnd alle Untiefen unb reißenden Strömungen, mell ln jedem kritischen Moment sein anständiges Denken siegte. Darum bewegte sich sein Leben in aufsteigender Linie. Damit soll nicht etwa gesagt fein, daß sein Vermögen mit den Jahren zunahm. Seine Kraft gegen die Sünde'und für das Guts nahm zu. und der Segen. der von dem D-zispUl ÜMmMvunz suLgins. bmä tar-t unt* fort unb wirb über bas Grab brefts befchrrbeneg unb dennoch beneidenswerten Daseins hinaus wirken. Anders der Mann, zu dessen Lebenstragödie die Todesanzeige die letzten Worte setzt. „Heute starb im 59. Lebensjahre mitten aus unermüdlich schaffender Arbeit der Bankdirektor" beginnt der Text. Materieller Erfolg mar diesem talentierten, tüchtigen Menschen beschieden, denn sein Denken und seine Zeit waren restlos dem Erwerb hingegeben. Daß aber der materielle Erfolg ein Nichts bedeutet, wenn er zum Selbstzweck gemim üt: ram!W nie m NEW» m!F wm ein Jüngling war, dachte er nie daran, seine glänzenden Fähigkeiten mit einer der idealistischen Strömungen fn der Menschheit zu verbinden. Als er dann heiratete und Kinder kamen, fand er keine Zeit, diese zarten Pflänzchen zu beobachten und das Wachsen ihrer Seele zu beeinflussen. Auch in seinem beruflichen Wirken iuötfe kl nie Den Weg W Den iW snsenrnsn mmli. Er Luchts nur in wlsn Zahlen unb mur burum längst tot, bevor er starb. Je älter er geworden war, desto unbefriedigter fühlte er sich in seinem Innern, desto unzufriedener mit seiner Umgebung, mochte auch sein Ansehen mit seiner sozialen Stellung steigen. Eine pessimistische, menschenverachtende Denkweise ergriff ihn imnw iWl, WM?s instE'stbn seiner Kinder kein Glück, im Gegenteil viel Herzleib. Das Unglück mit den Kindern, aber auch das Unglück der Kinder sehen häufig ihre Ursache in den Eltern. Zu dieser Erkenntnis bietet die dritte der Anzeigen einen Beleg. Der Tod hat hier einer vielversprechenden Menschenblüte ein frühes Ende bereitet. Die GedankenfoiigMt Der Wem ließ Diese MenslhenDWe DmilZ MN einem Wurmfraß ins Dasein treten; so konnte sie sich nie zu ihrer Kraft entfalten, und der Tod war hier ein gütiger Befreier." Der Erzähler schwieg schmerzlich bewegt. Auf den Zuhörern lag es wie eine Spannung. Plötzlich rief ein energisch blickender Mann mit Unwillen: „Ist es gerecht. mrnn Muschs» füg dis EHuld gnküW leiden miiilonr Der Erzähler antwortete: „Der freie Wille, der erst den Menschen zum Menschen macht, muß solche Konsequenzen zeitigen. Trotzdem kann ein jeglicher, wie es in unserem Morgengebet heißt, sagen: „Gott, die Seele, die Du mir gegeben hast, die ist rein." Vor jedem Menschen liegen das Gute und das Böse gleich An dieser Tatsache ändert es auch nichts, baß bas Gute und das Böse relative Werte sind, für einfache Menschen einfache Begriffe, für komplizierte Menschen subtilere, feinere Begriffe. Sie im höchsten Sinne zu tätigenist das Ziel der Menschheitserziehung, und damit die Menschheit nicht von diesem Ziele abitre, ist einem 33olk-e^ dem Wolke der Relic^-iori,, dem jüdischen Volle, bie Ausgabe geworden, mit einem' ^eb-enssqftem, das für jeden Augenblick erzieherische Weisung gibt, der Menschheit ihr Ziel stets vorzudemonftrieren," Amberecke. Rabbi Josef Karo, ein kurzes Lebensbild. Don Rabbiner Dr. A. ^osner in Kiek. Dem Verfasser des „Schulchan Aruch", jenes yraßM Wöttöö, öas uns Lnöen iüimn rniD immer begleitet, ergeht es wie fo vielen großen jüdischen Gelehrten, die der Halacha ihr Lebens- * werk widmeten. Ihre -Werke werden gelesen, glücklicherweise auch oft beherzigt, aber man kennt das Lebensbild nicht, das sie geschaffen h'itt, man Mi Die lMnöigk MsönliHleil nitftf. Die hinter ihnen steht, man weiß nichts vom Künstler, vergißt ihn über dem Kunstwerk. Run, es ist gewiß bester, man liest und lernt ein Werk, als daß man nur die Lebensdaten und ^siji^fal? f?mes Autors konnt^ «ber das Veste ist doch wohl die Derdlndung vswer Kenntnisse, das Vertrautsein mit den Lebensumständen des Verfassers und die Kenntnis seiner Schriften. Deshalb will ich ganz kurz das Leben von R. Josef Karo, erzählen. Ln Tekköki finfF Msikn fF«ni?n?i erblickte Josef Karo tm Jahkö 1488 das Licht der Welt, vier Jahre also vor der großen Vertreibung der Juden aus Spanien. Die Eltern, eine alteingesessene würdige und gelehrte Familie, mandten sich, von der Judenvertreibung edensallv belrvsscn, gnnöchft nach Portugal, aber sie fanden dort keine rechte Stätten, irrten weiter umher und siedelten sich schließlich in Rikopolis, in der Türkei an. Von hier aus bezog Josef Karo, mit dem Unterricht bei seinem Vater, der ihn mit der Mischna vertraut machte, nicht mehr zu-