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Der Israelit · 1927-09-08 · Heft 36 (8.9.1927) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 36 (8.9.1927)
Date
1927-09-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Reb Zael und seine «Söhne". Von GH. Dow Löwt' Wintervormittag. Schaumige Schneeflocken wirbeln, Menschen und Hauser zudeckend, und eislük llkWM Mm MWWU Pie «ujt. Lehrhaus Mt Neb Joel Mtl sö'MkN Schülern lernend um die Tische und der glühende eiserne Ofen gibt dem ganzen Raum eine milde Wärme. Reb Joel sinnt über eine schwere Stelle nach, unterhält sich zwischendurch mit einem Schüler DaniDcr/imt einem MW, nEkpkliHen druck im Gesicht. Nach einer Weile beginnen wieder Stimmen zu lernen, zuerst.einzelne, dann in ehr und mehr, anschwellend, wachsend und sich wölbend. Auch die müden, trägen Schüler, die jpnjt r>or lptnBrüten, ' Beteiligen sich. Eine schöne, kieMnnigr Stelle lockt alle stimmen hervor und zwingt sie in ihren Bann. Mehr und mehr wachsende, langgezögene Töne durchhallen das Lehrhaus. Immer stärker wuchert flackernde Hingabe an das Lernen, immer tiefer verlieren sie sich, «ne im inbrünstigen Wetteifern, in das singende Lernen, lafftn?!ch Immer lrun?en^ hingleiten in das Talmudmeer mit seinen flutenden Wellen. Plötzlich, indes alle im brausenden Lernen versunken sind/ geht die Tür auf und der Sturmwind meht Msnasche Ehaskel herein: mit ihm tornml ein (aller ÄnftMZ & DSU LHkHllUL, hinter dem Külte und Schnee hereinschlüpfen. Der Eingetretene schüttelt den Schnee von Mantel und Hut ab„ stellt sich an den Ofen und erwärmt sich. Dann wendet er sich an Reb Joel Unfc raff ihn in einen Winkel. Nek, Joel überlögt einen Augenblick, ob er bas Lernen unterr brechen solle. Schließlich sagt sich Reb Joel, wenn Menasche Chaskel ihn jetzt ruft, da hat er wahrscheinlich etwas von Wichtigkeit mitzuteilen. Reb Joel folgt ihm in den Winkel neben der Thoralade. „gch häbe ■■««« f ®(i* ftk euer Martoio, Reb 9oel.“ „Wer ist es?" „Wer es ist? Ein junger Mann, ein feiner, gelehrter junger Mann!" In Reb« Joel wird Neugier wach, und er fragt nochmals: „Rer ist es Beim??8!e er?" „Wer er ist? — ein unendlich gelehrter junger Mann. Wie er heißt? Er heißt Duwid Maische, Duwid' Morsche Groß heißt er." Duwid Moische Groß! Diese Worte klingen ln Nkb Lokl Wik km Tckjk ftimr eigenen Gebünksn. Wie oft dachte er sich IM Men, baß drser Schächtersohn für seine neunzehnjährige Malkele passen würde. Reb Joel läßt seine Gedanken wandern. Bald sieht er Malkele, seine äiieste Tochter, unterm Traubaldachin, bald sieht er ein Enkelkind, einen Sohn um sich, ihn streiniiiiio unD WM — einen »Bp! FM NMki in-!' Gefühlen jagt sein Leben über ihn hin. -— Lehrhaus herrscht tiefes, lauerndes Schweigen; die Schüler sitzen still, in ihre Gesichter schlängelt sich Neugierde und Gespanntheit und ilne Augen begegnen einander fragend; unend- TW ÄlWMl gllllgkn Neb wirft einen forschenden Blick ln das Geilet Menasche Chaskels, den er lächelnd erwidert. Ihre Blicke halten sich eine Atempause lang sinnend fest.. „Hast du schon mit dem Vater gesprochen?" MW Mb IM. „Das überlaßt mir, Reb Joel," gibt Menasche bhaskel lächelnd zurück. Menafche Chaskel ist ein hoch gewachsener, kräftiger Mätttt i» dM dreißig er Jahren, i mit blondem Bart und langen schlenkernden Händen. Wenn er spricht,' schlenkern die Hände rund umher, in knabenhafter Art. Menasche Chaskel ist sprühend lebhaft, knabenhaft lustig und Reiter, ob^Ietc^ er Vater von einigen Kindern ist und einen schweren Existenzkampf führen mü|. Früher war Menasche Chaskel gewohnt, mit Unternehmungen und großartigen Luftgeschäften zu spielen, mit Begriffen und Spekulationen um sich zu werfen. Alle jung verheirateten Männer nMe er in ftinr sw vertt>icfeIn unb half ihnen das erhältene Hejxawgut schneller verlieren. Jetzt ist Menasche Chaskel etwas gemäßigt. Er betätigt sich als Getreidemakler und vermittelt zwischendurch auch Partien. Menasche Chaskel ist fast jedem, mit dem er ein Geschäft rnM nnerlegem §r hm mich leine «ekelnden Launen. Manchmal bricht aus ihm eine Flut von Worten, die dem anderen die Sinne mit Beschlag belegen. Manchmal ist er einsilbig, zurückhaltend und verkapselt, gleichfalls eine überlegene, sichere Art, die den anderen vor ReU- 8! . - < <. || ... . x.i Mrbe unb Gespanntheit springen macht. „Nehmt euch den Mantel, Reb Joel, kommt mit mir mit", befiehlt Menasche Chaskel. . „Ich. kann doch jetzt nicht weg", wirft Reb Joel ein. „Schließlich eilt doch die Sache nicht, Bis morgen." fügt er gleich hinzu. „Nein, 8oe!» wir muffen nöH iE Hin. Ihr wißt doch, daß Duwid Moische in Vochnia in der Jeschiwah lernt.- Heute früh ist er gekommen und bleibt bis morgen hier. Wir gehen deshalb jetzt gleich hin, verhandeln mit dem Vater und schreiben noch heute abend den Ver- Reb Joel jubelt in seinem Innern, seine Augen hellen sich, umsäumt von einem seltsamen Glanz. Ein sonderbarer Mensch ist dieser Menasche Chaskel, wie schnell er alles ausspricht. 32§enn <Dott l^il|t - unb das alles roahr mürbe? Ö, Gott möge doch feine Worte in einer glücklichen Stunde bestätigen! Einen Augenblick überlegt noch Reb Joel, ob er wirklich gleich gehen soll, dann, getroffen vom verheißenden Blick Menasche Chaskels, legt er den Mantel an, sagt den Schülern, sie mögen vorläufig das Durchgenommene mUtytiw, m 0? pManimt; M Den heiligen Namen am Türpfosten dreimal und verläßt mit Menasche Chaskel das Lehrhaus. Nach einer Stunde ist. Reb Joel zurückgekehrt und lernt mit seinen Schülern. Er ist gut und sanft zu ihnen, Freude ist in seinem Gemüte wie eine Duette anfgebrochen, sein krauser Bart wogt förmlich Mm üüorlragen vor Nonne ÜHJ HW warmen, einhüllenden Blicken steht er die Schüler an. Am Nachmittag desselben Tages können die Schüler allein lernen, denn Reb Joel ist mit den Vorbereitungen für die am Abend stattfin- Denöe BkMbMG 2MWW: Zwei Tags vor der Hochzeit kommt Red Joel nur vormittags ins Lehrhaus. Im Lehrhaus bewegt sich alles m einem feierlichen Geleise. Die Schüler gehen heiteren Herzens umher, alle sind erfüllt von Bereitwilligkeit und fühlen sich geehrt, mithelfen zu dürfen. Drei Jünglinge besorgen loWlige Glinge fU reb Mil Mks stellt sich Reb Joel zur Verfügung und lechzt und lauert auf seine Anweisung. Auch die ältesten Schüler drängt es, durch Dienstleistung ihre Teilnahme zu bezeugen. Am Tage der Hochzeit, an einem Freitag, eine Tinn«? ^?oc^oeitf finden me Schüler bei Duwid Moische, dem ' Bräutigam, ein, rauchen Zigaretten, die der Bräutigam verteilt, und trinken Wein. Die Trauung kann jedoch erst zwei Stunden später als angegeben stattfinden. Reb Alter Groß, der Vater des Brimltaams, will noch ounBert Lollar mm wie versprochen. Reb Joel beteuert und beteuert, daß er nur 300 Dollar versprochen und sie auch gibt. Es entspinnt sich ein kleiner Streit, Bf. 36 IW Dis erst Menasche EhaZkcl erscheint unk daß er aus seiner Phantasie 400 Dollar genannt hatte, ohne daß Reb Joel gewußt hätte . . . Der Schächter sieht Menasche Chaskel wütend an, beruhigt sich aber bald, indem er den Vermittler einen geborenen Lügner und Betrüger schlll. Nüü wirk Mich Durm MaiW mit Musik und begleitet von allen Schülern Reb Joels in die Schulgasse geführt. Festlich geschmückt werden Braut und Bräutigam, die sich von ihrer Kindheit her kennen, obgleich sie noch kein Wort miteinander gesprochen haben, zur Trauung unter den Baldachin gesurrt. 53l«lfelv, deren schmal und fromm geschlossener Mund und der gesenkte Blick ihrer voll Keuschheit und Reinheit strahlenden Augen von bräutlicher Wärme und Erwartung erfüllt sind, und Duwid Mc>if«t)e mit üBerglühten Wangen nnd gleichfalls gesenkten, zu Baden starrenden Äugen? Selbe halten ein Tuch vor ihren Augen. In großer Ergriffenheit drängen sich die Schüler mit den anderen um den Baldachin, eine warme Rührung stießt allen in die Augen. Reb Joel und dessen Weib m*« nMn Dam Srautpaar. Tränen entströmen ihren Augen; ihre oft gehegten Gedanken und Hoffnungen sind ihnen gegenwärtig. Musik singt klingend und rauschend auf und läßt alle erschauern. Die Schülertönen völlig vor Wonne und ihre Ohren brausen ihnen. flanpm MM Dia Unrto DM UllDDlMM, Dar den Trauungsakt vorlissi. Duwid Moische legt seiner Braut einen Ring an. Duwid Moische hebt nicht den Schleier seiner Braut, wie es sonst üblich ist, denn er kennt. Malkele seit seiner frühesten Kindheit. Er spricht den traditionellen WrnH nnD DalD MlNllM Msc von allen Seiten: „Maseltow, Maseltow!!!" Die stimmen aller Schüler ertönen überlaut bei diesen Rufen. Und wenn sie nach der Trauung auseinandergehen, haben ihre Schritte einen fröhlichen tiefen Klang: es dnrchrinnt sie das Gefühl, daß Mal- W« {,f)YS Srfjwefleir ft! unk f!?, kft Schüler, chre Brüder, daß Reb Joel ihr Vater sei — und sie seine Söhne ... Äbends, beim Mizwotänzel, beim frommen Tanz, tanzhn alle Schüler mit der Braut. Während alle anderen beim Tanzen die Spitze tints TMs Daiftn; Das Die Sraut in einer Hand trägt, tanzen die Schüler ohne Tuch, Hand in Hand, wie Bruder und Schwester. Und Reb Joel strahlt und ist ganz von Freude betört, wenn er sieht, wie seine „Söhne" mit seiner Tochter tanzen ... MWgen. Momentbit der. ’ F r ü h morgens, wenn... Morgens um sieben öffnet der alte Kurdiener im blauen Rocke die Türen zur Trinkhalle. Schlag halb ad^i |ei|i b-ie Äirrfadelte mit ,>3>er Syerr ip meine verficht" od-rr einem Änderen Ehvrnlv ein. Die Brunnen fließen, die Menschen strömen, das Frühleben am Brunnen beginnt. Es gibt welche, die nicht zu „Slichaus" aufftehen können, aber hier nie „Haschkomoh" am Brunnen verschlafen; die nicht wissen, wie „Adon Olam" in der Synagoge gebetet wird, aber hier nie beim Morgenchoral fehlen. Leute, die daheim keine viertel Stunde m üW UUn um m MN. w«m. rmios. zwm los, ziellos, stundenlang; Menschen, die daheim parterre wohnen, weil sie keine Treppen steigen können und hier im Schweiße ihres Angesichts die steilen Wege bis zur höchsten Bergspitze hinaufklettern, und dieses Erholung nennen. Am Ende besteht die Kur darin, daß man eine bequeme Sechszi mm*rmoI)nu n g in ein Hotelzimmer ner» taulchi, eine Siwnke [rwijer «üsitcht «ft Wege zu Fuß zurücklegt, für die man sonst die Straßenbahn benutzt. So versteht man denn, wie unsere Väter sich gesund erhielten und alt wurden, ohne Bad und Kur: Sie wohnten immer eng, standen immer früh auf und gintzen zu Fuß von Frankfurt nach Darwstadt. 5 Um F H TT TV? TT. Der große blitzende Messingring schlängelt sich, ein Doppeloiereck bildend, um die Enklave, darin in millimeterscharfen Intervallen vor Marmorbrett die Mädchen

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