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Der Israelit · 1927-08-25 · Heft 34 (25.8.1927) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 34 (25.8.1927)
Date
1927-08-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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.f . i:C .7. '('•' MN>» jyiftseip j. liw »i .1njt Br *4 1927 Esther, die TscherkeMabMUt. Eine Erzählung aus der Zeit des polnischen Aufstandes von 3. Herzberg, Kassel (Bromberg). (Schluß.) VI. DW l}ßrpßlampf GEpßrs war aüir DotB Ml ganz spurlos bei ihr geblieben; er hatte, wenn auch kaum wahrnehmbar, eine Veränderung in ihrem Wesen hervorgerufen. Das scharfblickende Auge des Vaters hatte diese Veränderung wohl bemerkt. Doch wähnte er, daß einzig und allein Ms &Bvp UM ium SFßmößn jiß so sOr fieeinfluStt. Er wollte Esther in ihrem menschensreundlichen Tün kein Hindernis in den Weg legen. Quälten ihn doch gerade jetzt, wo die Unruhen ihren Höhepunkt erreicht hatten, mancherlei Gedanken. Zudem hatte er in Erfahrung gebracht, daß Stanislaus NWWski noch m Sf$fn fti fein*r Genesung entgegengehe. Kascha hatte ihrerseits anfangs am Krankenlager ihres Bruders gewacht und ihn gepflegt. Als dieser ^auf dem Wege der Besserung war, hatte sie die Pflege in die Hände ihrer Mutter gelegt und war in das BornveimM Mlls sürsagßtttztt, KW ihs der Zutritt zu dem Erkerzimmer nicht gestattet. Hätte sie geahnt, daß hier der Todfeind ihres Bruders auf seinem Siechenbette sich wälzte, sie wäre gewiß nicht wiedergekommen. — Nach einer Woche war dem Tscherkesten, zum ersten Male auf längSVg Mt SM gurürfgefe^rt. Da schlich Esther denn doch eine gewisse Scheu, allem mit dem Fremden zu sein, und sie begann schon zu erwägen, ob es nicht geraten sei, nunmehr die Bewachung des Leidenden in andere Hände zu legen. Doch sie war außer stände, sich von ihm loszureißen, mit mächtigen Zauberbanden fühlte std sich cm if^n ge|ejjelt . Eben ^atte sie nach der Rückkehr des Bewußtseins dem Kranken den ersten. Labetrunk gereicht, da fühlte sie plötzlich, wie feine zitternde Hand liebkosend über ihre Stirn fuhr, Sie schaute ihm in die dunklen Augen, da sie, tüte gum ersten- Male ein sanftes Lächeln seine Zuckenden Lippen umspielte. 8s war ihr dieses Lächeln eine Offenbarungdenn es drang ihr bis in die tiefste Tiefe ihrer Seele und ward ihr zum Zeugnis dessen, daß ihre Liebe Gegenliebe gefunden. Plötzlich aber kam Esther das Bedenkliche ihrer Situation zum Bewußtsein, und schleunigst erhob sie sich mit der Absicht, sich zu entfernen. Da fühlte sie, wie eine zitternde Hand ihre Rechte erfaßte. Dann hörte sie ihren Namen flüstern. Mit gar - [elifctmem Akzents tarn das Wort von ben Sippen lies 3allegenben. Esther schaute gespannt und errötend aus den Rufenden. „Esther", fuhr der Tscherkesse mit schwacher Stimme fort, „mich nicht verlassen!. Du so gut bist. Dich sehr, sehr lieb Hab, und Du nrich gewiß' auch lieb'hast, und Du mich nocl) gar nicht kennst." Ein tiefer Seufzer entrang sich jetzt der Brust des mit großer Anstrengung Sprechenden. Dann fuhr er nach einer Weile fort: Wzn Z8W M bin aus (SidDud. Ich bin Unterleutnant beim dritten Tscherkestenregiment. Meine Eltern sein schon lange tot. Ich sein ganz allein. Ich sein ein Jude. In meinem Rock wirst ,2« ein Schreiben finden, darin steht es geschrieben! Ich mich hatte verirrt, so verfolgim UM) DIE WM" —: SftiJEF BHF SDMSW, als sie die Eröffnungen Josephs vernahm. Sie wollte Gewißheit haben und sich von der Wahrheit der eben vernommenen Angaben überzeugen. Sie eilte daher nach dem Wandschrank, i)Dltß öon UBaffßnrml hervor, aus Hessen mmi Tasche sie eine Brieftasche zog. Diese enthielt ein einziges Schriftstück, das Esther mit fliegender Hast durchlas, während der Tscherkesse ihr glückselig in das erglühte Antlitz schaute. Als sie gu Ende - gelesen, sprach er kachelnd: „Habs ich nicht wahr gesprochen? Sieh, Ich Dich barf (Isb haben, und auch Du mich darfst lieb haben." Nun vermochte Esther sich nicht mehr zu fassen. Sie wollte davoneilen — da erscholl von unten her ein wüster Lärm. Erschreckt fuhr Esther empör und eilte der Zimmertür zu, um zu ersllhiM, was HM Mm zu äkkMlkll hgtzk. M wurde die Türe aufgeriffen, und die kreischende Stimme Kaschas erscholl, welche rief: „Fräulein sich retten! — Der Panni ist tot. Viele Soldaten kommen. Auch der Stanislaus ist da!" — Esther wurde zuerst beim Vernehmen dieser entsetzlichen NlllhrW von tMitfmn QtfMen ergriffenm wollte die Treppe hinunter eilen. Da flöh sie zurück, denn eilends kam Stanislaus Nigojewski die Treppe herauf, unausgesetzt schreiend: „Wo ist verfluchter Rufs'?" — Esther eilte mit einem lauten Angstschrei an ba^ Lager ^ose^^s nnb wars sil^ aus denselben, um ihn mit ihrem Leibe zu schützen. In diesem Augenblicke erschien der wütende Pole im Eingänge des Zimmers, ein dolchartiges, blutiges Messer in seiner Rechten schwingend und haßerfüllte Blicke um sich werfend. Und als sein suchende den aus dem Tische liegenden Tsc^erkessmrock traf, heulte eri „Ha, Tscherresti", stürzte aus das Lager des Fremden zu, riß die verzweifelt aufschreiende Esther zur Seite und'stieß unter gräßlichen Flüchen dem Tscherkesten wiederholt das Dolchmesser ins Herz, daß das Blut hoch aufs^>ritzte. In seiner namenlosen Wut rvollte er sich NUN auch noch aus die wehrlose Esther stürzen, -da wurde er plötzlich von kräftigen Händen rücklings zu Boden geworfen. Es waren preußische Soldaten, die ihn verfolgten, ihn aber, ach, zu spät erreichten und es nicht verhindern konnten, daß zwei kostbare Menschenleben feiner Rachbegierde und seinem Nassenhasse zum Opfer fielen, denn entseelt lagen unten Äron Rorrcheim und oben der Tscherkesse!-— Und Esther? -Sie lag in tiefer Ohnmacht auf dem Boden des Zimmers, ihr zur Seite die wehklagende Kascha! — —- Wie erbarmungsvoll hatte sich das Geschick der unglücklichen Esther gegenüber erwiesen, daß es sie bas Schreckliche der nächsten Stunden nicht iNM werden ließ. Viele, viele Ännben!ag sie in einer förmlichen Todesstarre da, die an einer Wiederkehr des bisher so munteren Lebens zweifeln ließ, und als die Starre geschwunden war, als wieder Leben in ihren Gliedern pulsierte, da war das Bewußtsein noch lange nicht zurückge- Eeljrl, iiick müreld DHU? WU M M unglückliche Mädchen in wirren Reden. Das Bornheim'fche Haus war verödet, die Fensterläden feit jenem Schreckenstage geschloffen und nur'im Erkerzimmer lag regungslos Esther Bornheim, An ihrem Lager wachte, und sorgte treu Kascha Rlgojewsll, bie ^chwesier desjenigen, öer bas Glück und die Freude für immer aus diesen bisher so vertrauten Räumen verscheucht. Wie oft hatte Kascha seit jener Schreckensstunde verzweifelt die Hände gerungen! Sie selbst umfjiß fiä) WM grüM ißii M ©äniiöi llst Um Geschehenen beimessen. Denn sie hatte ihrem anfangs schwerkranken Bruder, der infolge seiner robusten Konstitution sich nach wenigen Tagen wieder erheben konnte, eröffnet, daß in derselben Nacht, da man ihn bewußtlos ins Haus gebracht mu 88® m Am rill Schwerverwundeter Aufnahme gefunden habe. Stanislaus hatte mit Aufmerksamkeit zugehört, und obwohl ihm seine Schwester versicherte, der 7" Fremde sei ein harmloser Jude gewesen, den die ^?üs?umüüü?s arg guHerik^tet tjattenf be^mestelte er doch ihre Ättgäbeu. Bei ihm stand es fest, daß dieser Fremde kein anderer als sein Todfeind, der Tscherkesse, sei. Alsbald reifte in ihm ein entsetzlicher Plan, den er aber sorgsam vor seiner Schwester geheim hielt, da er von ihrer Seite Verrai uud sich Ms Mlsgsnhßitz feinen Rachedurst zu löschen, nicht rauben lassen wollte. Er warb eine Anzahl polnischer Komplizen, die eines Tages mit ihm in das Bornheim'fche Haus drangen. Bornheim, der allein in seinem Wohngemach saß, wurde meuchlings überfallen. Er fktz«? sic^ möljt gur We^r^ mürbe aber in bem Augenblick, als er hilferufend nach dem oberen Erkerzimmer fliehen wollte,, niedergestoßen. Das Geschrei Arons hatte eine zufällig des Weges kommende preußische Patrouille herbeigelockt, welche sofort die Mörder unschädlich machte. StanislttM Kkkk TO k? gelungen, fidj den Sj'ünben ber Soldaten zu entwinden, und. er eiste ivuffchnauL bend in das obere ZirNmer, wo der ihm so verhaßte Tscherkesse lag. Ihm voran aber war seine Schwester geeilt, um Esther zu warnen. Ihre Warnung aber sollte nutzlos sein, Stanislaus hatte sein Opfer gefunden und seine Rache war gekühlt! Wie schwer lag Kascha das Bewußtsein auf der Seele, daß sie beinahe alles Elend verschuldet! Darum wollte sie büßen, um vielleicht zum Teil-ihr schweres Unrecht gut zu machen. Sie gelobte sich in diesen bangen Stunden, ihrer unglücklichen jungen Herrin ihr ganges ^tben gu weihen Und sie fortan nimmer mehr zu verlassen! Sie, die selbst noch jung, wollte auch ihre süßen Hoffnungen und Erwartungen, die fi£ an das Leben stellte, für alle Zeiten begraben und in unwandelbarer Treue und Hingebung zu Esch er h«/ten unb ihr D«bc und Velsianö fm, Zuvvr wollte sie sich ihr zu Füßen werfen und sie um Vergebung so schwerer Schuld anflehen, wenn sie ihr verzeihen könne. O, wie bangte es ihr vor jenem Augenblicke, da es in der Seele Esthers wieder licht werden, da die Erinnerung ihr wieder zurückkehren würde und jene Greuelszenen sich von neuem vor rljren gelsilgen BlicEen abjpielen würden. Aber, o Wunder! Jener bange Augenblick trat wohl ein, doch die Ereignisse jenes Schreckenstages schienen völlig ausgelöscht zu sein aus der Uratutm; Wm. 8h sW Suf »at mh „Vater", doch beruhigte sie sich wieder, als ihr Kascha, die ihr die Wahrheit noch nicht Mitteilen mochte, zuflüsterte: „Ruhig, Parma, Vater ist fort!" Säet), aljnie sie beim riöctj nictjl, bäsi er langfl schon unter grünen Rasen gebettet war? — Und des Geliebten, den sie in dem Augenblicke höchster Gefahr mit ihrem eigenen Leben vor dem Mordstreiche vergebens zu retten suchte, gedachte sie mit keinem Worte. War auch die Erinnerung an W ganz moM? Fast stzißa ßö. Es hatte sich ihrer eine völlige Apathie der Außenwelt gegenüber bemächtigt. Tagelang saß sie wort- und tränenlos da, nach keinem fragend, keinen vermissend und stetig mit stieren Augen vor sich hin blickend. Ihre Kräfte waren Wöhl »llmtzlitz zuwSzrkrtzü, zzch M? sp ganzes Wesen eine völlige Veränderung erfahren. Sie wandelte wie geistesabwesend umher, sorgfältig von Kascha bewacht. Da hörte diese eines Tages einen gellenden Aufschrei, sie eilte herbei, nmäiMä; er rommt aus Dtm gimmer MMSi Doch wie erschrak sie, als sie dieses Zimmer leer fand. Sie suchte im Hause nach ihrer Herrin, und als sie das obere Erkerzimmer öffnete, nahm sie gar Seltsames wahr. Vor einem Stuhle kniete Esther, die dort liegende Tscherkestenuniform liebto^ertb a|Jertb. öeije Äajd^a gu i^rer Herrin hin, und ihre Hand auf deren Schultern legend, sprach sie schmeichelnd: „Kommen Fräulein, unten ist es bester!"

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