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Der Israelit · 1927-08-11 · Heft 32 (11.8.1927) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 32 (11.8.1927)
Date
1927-08-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ßr.32 m Esther, die Tscherkessenbrauk. Line fitrjä^tung aus her Zeit hes polnischen 2£ufffötlbßS vvn S. KGl jlPSfflÖOFQ) (Fortsetzung.) Aron Bornheim wohnte in einem stattlichen Hause an der Ecke der Judengasse, und wenn die Bauern der umliegenden Dörfer nach der Stadt jpkjren unb - aus j ja armen rnollten, so rvähtten sie mit Vorliebe den. Kretscham Arons. Ein ü!ier W Haustüre angebrachtes Schild mit der Bezeichnung „Oberza", d. h. „Gasthaus", worunter in kleinerer Schrift der Zusatz stand „Walny wjazd", d. h. „freie Einfahrt", lud die immer durstigen ü»n linD WiMN 0«f Msstzs ein. Und kehrten geirn ein, denn Aron hatte, für alle ein freundliches Wort, sprach geläufig polnisch und verstand es, durch seinen derben Witz seine Gäste zu unterhalten und zu fesseln. Zudem war sein „Wutky", d. h. „Schnaps", scharf und kitzelte DtC MkWMfM der ^o!enf die es namentlich voll Anerkennung aussprachen, daß die Achtelfläschchen Arons bedeutend größer feien als die all seiner Konkurrenten. Vornheim mußte dabei wohl manche Schimpfreden anhören, doch setzte er sich darüber hinweg. Sie berührten ihn nicht weiter, denn er wußte die Quelle derselben ppm« zuMMM- Seit kurzem war es anders geworden; das Geschäft war im Niedergange begriffen. Die einkehrenden Gäste waren. immer geringer an Zahl geworden, und es waren Tage vergangen, an wMsn sich kaum ein Gast NM r«sskll: Die Wirren der Zeiten hatten diesen GeschüstSniedergang herbeigeführt. Bornheim hatte schwer darunter zu leiden, und sein Herz war von bargen Sorgen erfüllt. Wir finden daher auch ihn während der eingangs unserer Erzählung geschilderten SjevbJinad^t in jetnem, an die Schankstube grenzenden Wohngemache, obwohl die Mitternachtsstun-de längst vorüber war, an dem Tische sitzend, das sorgenschwere Haupt auf die rechte Hand gestützt. Unheimlich schlugen die zwar geschlossenen, aber lose in ihren rostigen Angeln hängenden Fensterläden gegen die Rahmen. Sompn gfpgftr W fijni ilngigs Esther, die kummervollen Blickes auf ihren in tiefes Sinnen versunkenen Vater schaute. . Während Bornheim etwa fünfzig Jahre zählen mochte, war sein Töchterlein Esther kaum achtzehn Jahre alt. Wie liebte Bornheim dieses Kind, das ihm sein vor vielen Jahren dahingerafftxx fi«gig-e* treuer Liebe hinterlassen hatte! Und wie sehr war dieses Kind, das, ach so früh schon der mütterlichen Liebe und Sorgfalt hatte entraten müssen, von jeher seiner väterlichen Zuneigung wert gewesen! Darum hing er mit allen Fasern jtincs MWNZ 8ll mm WWtll L?l?uk unter seiner treuen Führung und Leitung zu einer blühenden Jungfrau herangereift war. In ihr war ihm sein> geliebtes Weib wieder erstanden, dessen Ebenbild sie war. Dieselben schwarzen, glutvollen Augen, dasselbe rabendjXDavfte S^aax und dieselben ^l^elmi^ch en Grübchen tm Kinn und Wangen hatten ihn dereinst berückt und entzückt und ihn mit wahren Zauberbanden an die gefesselt, welche die Vorsehung ihm zur Ehegattin« bestimmt hatte. Voll Wehmut gedachte Aron oft jener Tage des höchsten Glückes, die ihm nur in geringer Zahl befchieden gemefen mären. In seiner unbegrenzten Liebe zu seinem einzigen Kinde war Bornheim eifrig bemüht, ihr Herz und Gemüth zu bilden, ihren Verstand zu schärfen. IV. Utefißn einer fiel Den Damaligen Men in polnischen Landen nicht gewöhnlichen profanen Bildung besaß Bornheim bedeutende talmudische Kenntnisse, wodurch er in den Augen seiner Glaubensgenossen! als besonders schätzenswert galt, so daß man mit Vorliebe sein entscheidendes Wort erßat) Kenn u Mi t in? r?**8Ums8*feSIi,te?ro?e zu lösen. Zur: Erforschung des Religronsgefetzes vermißte er jedoch schmerzlich einen würdigen Genossen, mit dem er hätte seine Gedanken austauschen können. ilo hallö er Denn Wn frflJiettlQ leine seift' volle und hochbegabte Tochter Esther mit den Schätzen des Talmud bekannt gemacht und sie nach und nach befähigt, ihm auf den verborgensten Pfaden des talmudischen Gebietes folgen zu können^ und es waren für ihn die schönsten Stun>- ircn feines vereinfäistfW Üßtzßlls AökklSföll, MM er nach des Tages Mühen mit seinem Kinde sich vereinte, um in den erhabenen Geist des Talmud sich zu vertiefen, den Lehren' und Mahnungen der Alten zu lauschen und die verschiedensten Meinungen und Gegenmeinungen zu vernehmen. . . Esther haüe von Anfang an gar Eifer gezeigt und überwand die mannigfachen Schwierigkeiten', so daß ihr bald die gehaltvollsten Traktate geläufig waren. Die verschiedensten Erklärungen und Kommentare waren ihr wohl bekannt, so daß sie im Stande gewesen wäre, in Behinderung des Vaters selbständig sine Ent- ) 8 ,* ■ * ' ' ' 55 fcheidung zu treffen. Diese Tatsache versetzte alle Glaubensgenossen weit und breit in höchste Verwunderung, denn wo war jemals ein jüdisches Mädchen zu finden gewesen, das solch seltene Fähigkeiten aufzurv eisen hatte? —: Bornheim pflegte allabendlich trog der Jorgen, die ihn erfüllten, in Gemeinschaft mit Esther zu „lernen" Auch heute war er im Begriffe gewesen, einen Abschnitt zu behandeln. Doch fehlte ihm hierzu die Lust. Die bangen Sorgen ließen ihn nicht zu einem klaren Gedanken kommen. ghn effÄ HUf öu psmigmv« WW der Unsicherheit betreffs der Zukunft seines Kindes. Was sollte aus diesem werden, wenn er plötzlich ihm entrissen werden sollte? Ohne Schutz und Beistand würde es einsam und verlassen dastehen. Daher war seit einigen Tagen ein Plan in ihm gereift, den er so bald tüte möglich > « i ' ' •»< tti seiner Verwirklichung entgegen führen wollte. Die Anregung hierzu hatte ihm vor kurzem sein Geschäftsfreund Joseph Mendel gegeben, der ihm vorgeschlagen hatte, Esther seinem Sohne Moses zum Weibe zu geben. Bornheim war diesem Vorschläge durchaus nicht abgeneigt, denn Der ZmitsaknMm Mmdkl aalt als maMMist her Mann, und dessen Sohn Moses wäk, Müll auch keineswegs ein Adonis, so doch ein tüchtiger Kaufmann, der im übrigen „sein Blatt Gemara" lernen konnte, somit auch auf jüdisch-wissenschaftlichem Gebiete seiner Tochter völlig ebenbürtig mar. Die verschiedensten Crmögungen durchkreuztw Boruhiüms Hirn, aber kein Ron hm schon seit einer geraumen Weile über seine sonst so beredten Lippen. Mit wachsender Unruhe schaute daher Esther auf den Vater, und es drängte sich die ängstliche Frage über ihre Lippen: „Sag' Vaterleben, was guält dich so sehr? 8ist nicJjt rtcfjl gefun£?ß Bei den« ersten Tönen, die Aron von den rosigen Lippen seiner Tochter vernahm, zuckte er zusammen. Eiligst bemühte er sich, die Stirnfalten zu . glätten, und sich zu einem Lächeln zwingend, zu erwidern: „Mir fehlt nichts, Kindleben?" „Soll ich Der Sajcfia auftragen, E>a& fie Ur einen stärkenden Trunk bereite?" fuhr Esther fort, die Hand des Vaters erfassend und sie streichelnd. „Nein, Esther, laß das! "entgegnete Aron abwehrend, „wir.wollen die treue Kascha in ihrem Lchläse nicht ftM«. Hst (iß Dach tags ii&ßr genug zu schaffen, so Daß wir ihr gerne die wenigen Stunden der Ruhe gönnen sollten." „Lieber Vater," fuhr jetzt Esther fort, „die Kascha klagte heute wieder über ihren Bruder Stanislaus, der feine arme, alte Mutter verlassen will, nm zu Dsn etnfHimflnnem MWgehen." „War Stanislaus heute hier?" fragte Bornheim- „Nein," erwiderte Esther. „Das wundert mich. Hoffentlich wird er morgen rammen; Dann MM M ihm flamm gehörig den Kopf waschen undihn fragen, was ihn all die Sachen da draußen ange^en." „Das wird dir wenig nützen, lieber Vater," erwiderte Esther, „ja, ich glaube sogar, daß dir dies auch nicht wehr möglich sein wird. Wenigfiens erffiirie 2!an!si«üs geflem, iH USchftM Tagen seien die Preußen zu erwarten, und dann wolle er mit dreinschlagen, und koste es ihn sein Leben. Da er nun heute nicht erschienen« ist, so ist er zweifellos schon gegangen." Aron Vornheim antwortete nichts, offenbar legte er Der eben öefprochenen Angelegenheit keine besondere Bedeutung bei. Er war wieder in« tiefes Sinnen versunken, und die Tochter wagte es nicht, die unheimliche, bedrückende Stille zu unterbrechen. Da erfaßte Aron plötzlich die Hände seiner Tochter, zog diese an sich heran und jdjaute t^r liebevoll und Feuchten Blickes in die dunklen Augen. Dann sprach er Mit zitternder Stimme: „Liebes Kind, laß mich jetzt ein ernstes Wort mit dir reden. Du fragtest mich soeben, was mich quäle? Nicht ist es etrva ein, körperliches Gebrechen, bas Mich so mitzfrimmt, vielmehr ifi e§ die Sorge um deine Zukunft, Kindleben. Du weißt, in welch schrecklichen Zeiten wir jetzt leben. Die gegenwärtigen Zustände bilden erst die Einleitung zu entsetzlichen Ereignissen. Denn daß der wieder angefachte Ausstand ein schlimmes CM Ahmm MökDö, ist ganz MMs. Wik aber auch der Ausgang sich gestalten möge, immer werden wir Juden schlimm daran sein. Ist schon der ob seiner Niederlage ergrimmte Pole gefährlich, so ist es der siegestrunkene noch viel mehr. Der erstere will und muß in Ermangelung eines anderen Opfers an dem Juden all seinen verhaltenen Aorn un^ ausfaffen, mä|renS der letztere in seinem Siegesräusche und in seiner Zerstörungswut zuerst den Juden sich erwählt, um feinen wilden Leidenschaften fröhnen zu können. In diesen schweren Zeiten möchte ich dich, liebes Kind, geborgen und wohl versorgt wissen. m Din tEOmaßD nnD KN KM Kik mngr cm leben mir die VSksöhUNg NSch böMSÜM hat. So höre denn, woran ich nicht heule erst, sondern schon seit geraumer Zeit gedacht habe." Bornheim hielt jetzt eine Weile inne, überlegend, auf welche Art und Weise ^er nunmehr feinem verständigen Töchterlern seinen Vorschlag klarlegen solle. Denn Esther war ein gar unschuldiges „jüdisch Kind", das einzig allein feine ihm zugewiefenen Pflichten kannte und getreulich betätigte. Sie war bei dem bescheidenen und zurückgezogenen Leben, das sie führte, mit Männern n.och nicht in -nähere Berührung gekommen. Hatte sie Doch selbst aus ^en Äe!lglonsfc^rlfirn ersehen, als welch kostbaren Schmuck zu allen Zeiten die weibliche Tugend, „Znius", d. h. weibliche Zurückgezogenheit galt, und diese Tugend zu üben, hielt sie für vornehmste Pflicht. (Fortsetzung folgt.)

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