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Der Israelit · 1927-07-28 · Heft 30 (28.7.1927) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 30 (28.7.1927)
Date
1927-07-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Kr. 30 1927 die NchsekeftWrauk. Giyss WrzaWung aus der Zeit-' derp-l^ifchen Aufffavdes " vM J3. Herzberg. KüW (Vkoiyberg). -< Der lebhafteste Punkt-Berenbergs, einer mitfelMWn 6lM ves tzkUWkll LfttM ist der WHelmsplatz mit seinem Fxisdkichsdenkmal, Las' die. dankbaren Bewohner; ihrem großen Könige gewidmet haben. Hier munden die Hauptstraßen^ er verkehrsreichen Stadt, , die vor wenig mehr Äs fünfzig Jahren.dieselbe Physiognomie Zeigte, Mesche alle übrigen chemals polnischen Städte rund - Städtchen unserem Auge heute noch darbietetz, und,die ihre flSnelle .EntMÄüng BeM Umstande'zu^danken hat, dahchie leitenden Kreise alles aufholten, um durch -dir Begründung und Förderümg mannigfacher Institutionen dem Deutschtum ein Uebergewicht.über. das Polentum zu verschaffen. Die schönsten Häuser mit gar «rSKiZ «ü-ZWk!?W SaupDefi iinuflijineii diesen großen, viereckigen Platz. Vom frühesten Morgen bis'spät in die Nacht hinein herrscht hier ein reges Löben, mnd täglich bietet sich dem Auge derjenige, deren Weg über diesen Platz füljri, ein stetig rnechselndes Bild dar. Unter «ft Iren ^äußern, BU Slt^S BS¥ Vorüberschreiterkden fesseln, ist jedoch ein einziges, das ganz besonders'die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Wie -ein altersschwacher, gebrochener Greis unten jugendschönen, markigen Gestatten, — also steht es da in der Reihe der im- |° met® ^äujer neben ihm niedersanken, um modernen Bauten Platz zu machen, ist es selbst unberührt geblieben von dem Wechsel der Zeiten, und die vielen Jahre seines Bestehens haben es nur vermerkt, in den mooszerfressenen Ziegeln ihre Spuren zurück zu lassen. Es sah Generationsn kommen und gehen, M MMM ]imm Mr Ms Mm ZFMör festen und wankten nicht. Seine Erker und Nifchen, seine niedrigen, viereckigen Fensterrahmen mit den kleinen Scheiben, — sie bildM noch ein sprechendes Denkmal vergangener Zeiten, die Not - und Tod, Aufruhr und Kerker, aber auch höchstes Liebesglück' und zugleich unsägliches Liebesleid mit sich geführt. WM W SW MM MM Der m ten Trotz geboten, feine Bewohner aber, die all jenes Glück und all jenes Leid an sich erfahren, find längst nicht mehr, und der letzte Sproß jener einst so hochgeschätzten Familie, die seit vielen LSUgkWkN Ms NsrMk: illllk!?atte unb DO" hier aus U? WitBüt so Viel LMS und Milde hatte Zuströmen lasten, ist . ebenfalls vor Jahren den Weg alles Fleischlichen gegangen. — Wie gar seltsam war dieses Wesen gewesen, das zuletzt dieses altertümliche Haus bewohnt hat! 28er irt.rtr den Wilhelmsplaß überschritt, der lsnkts unwillkürlich feineu Blick nach Sem Erkerfenster dieses Hauses, Denn hinter den kleinen Scheiben konnte man Tag für Tag, jahraus, jahrein, ein Frauenantlitz erblicken, das starr seine Augen aus das auf dem Wilhelmsplatze sich abwickelnde Treiben gerichtet hielt. Doch nicht in rosiger Ju- MKWWst iS? MksM bas man erblicken konnte. Nein, ein Gesicht mit den untrüglichen Zeichen hohen Alters starrte d em Hinschauenden entgegen. Auf dieses Gesicht hatten die Jahre schon gar zahlreiche, tiefe Furchen eingegraben, die feinen derben Zügen ein strenges Gepräge verliehen: Üsnter der den den schwarzen Haube schaule silberweißes Haar hervor. Wie lange dieses seltsame Wesen nun schon täglich hinter jenem Erkerfenster sitzt? Nur Menw fitW im stanßC üarüßer etwas du mmden, und was sie über die Frau selbst zu erzählen wissen, ist so herzzerreißend, daß man mit Grauen ihren Worten lauscht. — 'Seit MÄtt-schentzedenken' haust Esther 'Bornheim in jenem alten Hause- und doch kennen sie nur rvenige unter diesem Narnen, und diese Wenigen sind es auch allem» bis harÄ?r «>ohl eingeweiht sind, warum sie nur „die Tfcherkesfenbraut" genannt wird. Sind ihnen doch alle jene schrecklichen Tatsachen aus einer fernen Vergangenheit bekannt, die die Mitwelt veranlaßte, sie also zu nennen. -— St-?' f8SH?£?fjITfF blickten mit eine" gewissest Scheu zu der ÄltM hinter dem Erkerfenster empor, und sie hielten es schon für selbstverständlich, ihrem Angesichte beim Vorübergehen zu begegnen. Aber nicht Esthers Gesicht allein erblickten sie da. Neben demselben stand auf dem Fenster- Bretts immerfort Ein geißfs WMkn, his: Blick ebenso starr auf den WUhelmsplatz gerlchtet war wie der seiner Herrin. Ehemals hätte dieser tierische Gesellschafter Esthers gelebt. Eines Tages aber war zum größten Erstaunen der Vorübergehenden das Tier vöm Fenster verwnb man Itej^ den j on jt j1 tüchtigen Blick langer auf dem Erkerfenster haften, denn es fehlte etwas in dem altgewohnten Bilde. Nach wenigen Tagen aber bemerkte man an der bisherigen Stelle die wohlbekannte Tiergestalt, und das Bild war wieder vervollständigt. Esther hatte Ben Saig M an AMkriHKüA smnSütn fjotr bes ausstopfcn lassen. Seitdem stand der ausgestopfte, leblose Balg neben dem ebenso leblosen Antlitze Esthers am Erkerfenster hes alten Hanfes. Nur selten gestattete Esther irgend einem Menschen den Eintritt in die Räume, in welchen sie ihr Wesen trieb. Ihre einzige menschliche Mitbewohnerin war Bk aste BfS M8Ü fStf vordenklichen Zeiten in ihrer Umgebung zu finden war. Kascha war ihrer Herrin treu ergeben und vermittelte den Verkehr derselbe,ni mit der Mitwelt. Sie schaltete und waltete in den Räumen des alten Hauses. Aber einen einzigen Narrrn ga£> es hier noch, den and) fie nie betreten durfte, und voü dem die Sage ging, daß er bisher unergrünbete Geheimnisse barg. Es war dies dasjenige Erkerzimmer, das über dem von Esther bewohntem sich befand und zu welchem diese keinem Sterblichen den Zutritt gestattete. Nur ein einziges Mal im Jahre pflegte Esther Vornheim ganz allein dieses Erkerzimmer zu betreten, und ßtsar an einem Tage, der in ihr süße, . 0. Ol 1 t ia I aber ach,, auch gar traurige Erinnerungen weckte. Dieser' Tag war aber auch der einzige im Jahre, an welchem sie ihr Haus auf wenige Stunden verließ und sich in ihrem Festkleide der Mitwelt zeigte, und -es1;mar tm gewissen Sinne für die ^8rlhelms^>la^es ein §reic^nis^ wenn die Kunde von Mund zu Mund ging: „Die Tscherkessenbraut verläßt ihr Haus!" Voll Span-' nung schauten dann alle auf den< Eingang des alten Hauses, dessen Tür sich um die Mittagstunde zu öffnen pflegte. Was sich da ihren Blicken dar- Hol, wllk uflroafffwnn min erDetterno iiiBWtf). Mit gemessenen Schritten bewegte sich eine sonderbar gekleidete Frauengestalt aus dem Hause. Auf ihrem Kopfe prangte ein hoher Pompadour mit vielen Bänder,n> und Blumen in den schreiendsten Farben. Ihr Oberkörper war in ein weites, buntes Wolltuch gehüllt. In ihrer rechten £ b X J E{ | C-t-j. » .... »cu»... gj; Hand hielt sie emen Schirm von gewaltiger Dimension, und während an ihrem linken Arme eine große, graue Tasche hing, erfaßte ihre linke Hand krampfhaft ein weißes, sorgsam geglättetes Taschentuch von ungewöhnlicher Größe. In diefem iUifaiiQü ürföiion EMx VorlMm schon feit Menschengedenken; Wt Fortschritt der Mode schien ihr ganz unbekannt geblieben zu sein. Hinter ihr her trippelte die alte Kascha, in ein echt polnisches Nationalkostüm' gekleidet, auf ihren Armen das gelbe Hündchen tragend, bas auch kann nicf)i fehlen. Surfte, als Säs feSenBe SieU durch einen ausgestopften Balg ersetzt werden müßte. Und westn die beiden hintereinander schreitenden Frauengestälten durch die Straßen Berenbergs sich bewegten, lenkten sie die Aufmerksamkeit Aller auf sich. Doch vermochte nichts däL Zute^ssg dsv DzhittMSttdzMdM zu erregen, nichts ihr Augenmerk auf sich zu ziehen. Sie blickten weder nach rechts noch nach links, und scheu wichen ihnen alle aus, die ihnen begegneten. Das Ziel der Wanderung Esthers aber war dss jMschs Fkisdtzgs, fiigp UHifflitfßlfiflF ddf Der Stadl liegt. Hat der Ort, wo die ^ahingeschiedenen zur ewigen Ruhe gebettet, werden, schon an sich etwas Schauriges, so ist der Mische Friedhof Berenbergs ganz besonders dazu angetan, in demjenigen, der ihn betritt, ein beängstigendes Gefühl zu wecken. Hier sucht man Hrgebens die orbnenbe unb jj^tegenbe ^art.b. £Öief(Srä£>er mit ihren größtenteils verwitterten Lerchenfternen bilden ein wirres Durcheinander' und liegen zürn Teil auf einer Ünplänierten Anhöhe, zum Teil an einem Abhänge unter wirrem Gestrüpp versteckt. Wen.» Esther am Eingänge dieses Go-ttesackers angelangt war, pflegte sie' der alten Mascha Sen Schirm und die Tasche zu überreichen. Dann betrat sie den „guten Ort". Trotz dem wirren Durcheinander aber wußte sie sich zurecht zu.finden, denn mit sicheren Schritten ging sie auf zwei nebeneinander be^inbliiHe Grabeshügel zu, ans welcher! je ein schlichter Denksiein sich erhob. Hier weilte nun, Esther, derjenigen gedenkend, die hier unten tief nun schon viele Jahrzehnte ruhen und deren Angedenken immer gleich schmerzliche Erinnerungen in ihr Mchriesen, als ob sie erst gestern geschieden wären. Hier ruhten fie, nie Mm n&rsen nimmt [o teuer oemefen: als noch Jugenbfchönheit sie schmückte: ihr treuer, guter Vater und auch derjenige, dem ihr lieberglühtes Herz, entgegen geschlagen. Ach, in einer einzigen Schreckensstunde hat sie beide das harte Geschick von ihrem liebenden Herzen gerissen und ihren eben noch so lichten Lebensh'itflmel jäh verfinflert für alle feilen! — Welch schmerzlich-süße Gefühle erweckten ihr die Erinnerungen an das so kurze,Liebesglück, von denen sie sich kaum loszureißen vermochte! Und wenn sie im Geiste all die Glückesstunden von ehedem noch einmal durchlebt, aber auch all jene Schreckensbilder längst vergangener Tage. roisder vor ihrer Seele hatte vorbeizi-ehen lasten, ► tuet: v.-l-, ... gmj . — dann schied sie von der geweihten Stätte, einen letzten innigen Scheidegruß den verklärten Geliebten bietend.; Aber keine Zähre rann dabei über ihre welken Wangen. Wie ihr Gesicht, so schien auch ihr Herz BFfeDFit .unD ttßr XräMtnM mMM mül — Langsamen Schrittes ging Esther hieraus dem Ausgange zu, nahm aus den Händen Kafchas Schirm und Tasche entgegen und trat den Rückweg an. Und wenn sie ihr Heim erreicht, wenn die Haustür sich hinter ihr geschlossen, danni verulk stk m MM UH Ml im SM Hause, — zuerst an der Erinnerung des letzten Ganges zehrend, dann an der Erwartung des nächsten Ganges sich erhebend. So vergingen die Jahre, in denen sich m dieser Weise Erinnerung und Erwartung abwechselten, bis dasjenige Jahr hereingebrochen war, in welchem die Bemnlprin fies allen i)aufes nm WMimMK nur noch an ihrer Erinnerung zehren, in dem aber das nicht mehr eintreten sollte, was sie erwartete. Der Tod, der ihr die Geliebten des Herzens genommen, forderte Einlaß, und schon längst hatte stk still lLMMll skhkll lllld — ik)n freudig begrüß. Doch nicht unvordemi^ wollte sie sich ihm er; geben. So ließ sie denn eines Tages den alten Schammes der „Chewra kadischa", zu dem allein sie Vertrauen hegte, zu sich entbieten. Seit meh-

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