Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1927)
- Date
- 1927-07-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der Israelit nr.29 1927 Bilder aus Jerusalem. Von Wordechai Avi-Maitt. Ein Engel. Ich traf sie zu wiederholten Malen auf dem großen, steinigen Platze zrvischen dem „Tore Schechem" und Jlßen Si^eonm11, 3dj fafj fk, und doch sah ich sie nicht. Voll Erbarmen und Milleid blickte ich ihr ins Gesicht, und immer griff ich mit der Hand in meine Tasche; einmal war meine Tasche leer, einmal ging die Frau mit besonders eiligen Schritten an mir vorüber, so daß irfj es »erjäumtej itjr etmas gu geben unb Voll Kummer war mein Herz. Endlich aber begann ich zu ahnen, daß es mir nicht gestattet sei, ihr die paar Pfennige zu gebeil, trotzdem aber fühlte ich mich ihr gegenüber al: Schuldner. Sie fiBer WW Tag für Tag Wen Weg m gehen, und ich traf sie Dort Tag für Lag. Sh sah, wie ihre Füße bebten, chre Knie wankten und chr Gang immer strauchelnder wurde. Einmal sah ich sie neben einem eingefallenen Hause stehen, als warte. sie auf irgend etwas. Bewegungslos stand sie da, starrte vor sich tjw, M IIp WM m\m MsM.' Ich ging an ihr>vorüber und dachte, daß jetzt vielleicht die Stunde der Enthüllung gekommen sei; und wirklich hatte Ke die Augen erhüben, al? ich mich ihr näherte. Aber nichts geschah. Als ich mich ungefähr zwanzig Schritte von ihr entfernt hatte, wandte ich mich um und sah, daß die Frau.sich zur Erde bückte. Sie lag faßt auf tljren flnien unE jammelte eflS&I, Ich kehrte zu ihr zurück und sah, daß sie große weiße Bohnen auflas; Bohnen waren es, weiße Bohnen. Die Frau sammelte eilig. Manchmal schaute sie sich um, ob keiner ihr Zusätze- | Da fühlte ich plötzlich, daßjetzt etwas geschehen müßte. Ich stellte mich zu ihr, erfaßte ihre beiden mageren, Hände, setzte sie auf einen Einen kurzen Augenblick dachte ich: „Ach, warum-'tust du das? Geh in einen Laden und kaufeihrfür zwsi Piaster Bohnen." Aber nein, ich filmte,1 imfk mein Tnn in: t»ieferrt SCn-q en'SIixf das Richtigere war;' sosammelte ich denn, dis auch nicht eine Buhne übrigblieb. Ich'übergab ihr wortlos das,.was ich gesaMmeltzchatMmEauchSe sprach kein WortT- WiHem vergingen, und ich sah die Greisin nicht wieder. ... „Großer^ Gott, wohinist .sie verf dtmwri.be rt? 2Sie tcmn 'lcb sie finben!'“ Denn lyj™ »».» >»»'» »..) Ii» I>....... finden muß ich sie. . Manchmal sah ich Frauen, deren Aeußeres dem ihren glich. Ganz unbewußt eilte ich ihnen nach, bis ich seufzend meinen Irrtum erkannte. Wie oft bin ich diesen Weg gegangen, doch sie, btetcf> suchte, fanb ich nicht! Endlich aber nach Monaten schickte §ott sic über meinen Weg. Im Hose des „Bikkur Chaulim" in der Altstadt faß sie auf einer Bank zwischen denen, die auf den Arzt warteten. An ihre beiden Arme klammerten sich zwei kleine Kinder, das eine ungefähr zweijährig, ungefähr drei Jahre alt das blsst^ ffeEev, fiJjKUifeiö, in ÜüWM gehüllt. Das eine hustete zum Ersticken. Nachher sah ich, daß die Frau sauberes Wasser und ein reines Handtuch brachte und die Kinder wusch. Ich martete dort, bis die Neihe an sie kam. d!k ging Mit den Kindern hinein und kam mit Rezepten in der Hand heraus. Dann holte sie Zwei Flaschen Medizin vom Apotheker. Wie ein Verfolger ging ich ihr durch diel engen, dunklen Gäßchen nach. Sie schritt durch eine kleine Tür und verschwand im Dunkel eines Torbogens, aus dem ein Geruch von Schmutz und Verwesung drang. 8H Wpzchmz Bai H8M Mir {eine llMWMg gut, damit ich es wiederfinden könne. Am folgenden Tage ging ich hin. Der dunkle Hof lag voll Schutt. Zerbrochene Kisten, Gläser, Flaschen und Lumpen. Ich klopfte an eine der schmutzigen Türen und fragte nach der Frau und ihren Kindern. .Die Frau? Es wohnt nur eine f?rau hier mH vier SSinBeni, «ter Eie gestern nicht auf her Straße gesehen haben, denn sie liegt schon wochenlang krank darnieder." Ich staunte über diese Nachricht, trotzdem aber trat ich in das „Zimmer". Die Luft zum Ersticken, ein finsteres Loch. An^ dem kalten Boden mar eine zerrissene Btatte ausgebreilet und auf ihr lag Line kraule Frau, die einen kaum ein paar Tage alten Säugling herzte. Ihr Gesicht war mir fremd, aber ich erkannte die beiden Kinder, die ich gestern mit der alten Frau gesehen hallte. Sie spielten mit zwei blanken mufüi unp iahten Ml: M WM Mk W" jähriges Mädchen saß am Boden und hielt in den Händen schmutzige Lumpen, ihre geliebte Puppet Ich fragte nach der alten Frau. Die drückende Armut kümmerte mich fast nicht, mich interessierte nur sie. Daß MllDW MW, W m m& MW herzige Frau sei, die ihnen manchmal Essen bringe und. gleich wieder gehe. Gestern nahm sie die beiden Kleinen mit zum Arzt. Mehr wußte sie nicht. Die Kranke feufzte, und ein Segen entrang sich ihrer kranken Brust: „Gott bewahre sie, ein Engel Gottes ist sie." UIWMWTMM«WMunöM fernte mich.- Ich war ganz verwirrt. Wie trunken ging ich durch die engen, mir so lieben Gäßchen. Ein Engel Gottes! Ein Engel Gottes! und t<ä)-rch Habs gsdacht — td> Habs für sis Vohnsn " « ■ >11 II Bit fl« ff |<I aufgelesen, für sie, für diese Heilige. Der Tug ging zur Neige. Dunkel, Finsternis und Schweigen.- nisten und ihren Heiligtümern, mein ist sie, andere verstehen sie nicht: In den schwarzen Gäßchen und hinter den -ners^lossenen Türen ironbeltt ■ Setftcr! Lhaim, der kleine Lastträger. wollt den Chäim kennenlernen? Dann müht ihr mir nür imtzie Judengasse folgen, dort könnt-rihr ihn jeden Erew Schabbos finden; und dies Tfitö fexrre ^ennfjeic&ertr Ein kleiner Körper, dunkel und schmutzig in zerrissenen, unsauberen Kleidern — zweifelhaft ob aschkenasischer oder sephardischer Herkunft — der von nackten, schmutzigen Beinen getragen wird. Zwei schwarze Arme baumeln auf den Seilen, uttb ans ber kleinen Gestalt sitzt ein zerzauster Kopf mit laugen, schwarzen Haaren, die noch nie einen Kamm gesehen haben. Zwei fröhliche, lachende Augen funkeln aus dem Gesichte und betrachten -aufmerksam alle Vorübergehenden. 1 jj > So sieht Chaim aus, der kleine elfjährige Lastträger in der Judengässe. Äm TäiäbbvK, iv^nn Err vvn Krämern-, Lastträgern, Käufern und. Verkäufern, Bürgersleuten, Bettlern, Eseln, Stiefelputzern, Arabern, Chaluzim und Jeschiwah-Leuten wimmelt. dann macht Chäim seine besten Geschäfte. „Wieso?" Das' ist mirklith eine berechtigte Frage, denn wer würbe seine Sachen wohl' freiwillig einem solch verwahrlosten Lastträger übergeben. Aber Chaim, der kleine elfjährige Träger hat schon eine List gefunden, mit der er sogar die hartnäckigsten Hausfrauen gewinnen kann. Und eigentlich ist es gar keine List, nur ein Wort, ein Satz, ein Zauberspruch ist es, mit dem kl Bte snusfrnuen MiM' m — m m gendem ersichtlich — doch mit dem festen Entschluß auf den Markt gekommen sind, den kleinen Chaim seine Schabbosbedürfnisfe nicht verdienen zu lassen. „Was liegt denn dir daran?" so heißt das Zauberwort, das auch die Herzen der allerhartiMigstm Frnum öffnot. ' Die Frauen stehen vor den Läden — ober, bester gesagt, vor den zerbrochenen» krummen, zusammengewürfelten Verkaufsständen, auf denen die Waren liegen. Sie stehen seelenruhig da und verlangen von betn Krämer mit vollkommener Sicherheit das, was fie brauchen, ofjne gu a^nen, E«H MasiB hinter ihnen sich zum Angriff auf den Kord zu ihren Füßen anschickt. Und plötzlich wirft sich über den Korb jener schmutzige Körper, der Chaim heißt, und zwei jrfjmarge ^änbe |a||en jc^ort mit Kra^t ben weißen, sauberen Korb. Die Frau hat sich noch nicht einmal widersetzen, ja noch nicht einmal den Mund öffnen können, und Chaim „antwortet" schon: „Was liegt denn dir daran, Madam?" „Stell meinen Korb hin!" mr fitst win sit Saran i i® ssßf ihn tragen." „Es ist doch jetzt überhaupt noch nichts darin." „Aber was liegt denn dir daran? Wird nicht mit Gottes Hilfe alles, was für Schabbos nötig ist, darin sein: Gemüse, Eier, Süßigkeiten, eine Flasche Oel, Butter, vielleicht auch ein Huhn, vielleicht auch Wein, Challes-" MH nmter; Al WM =“; unn m urnu versucht, Chaim den Korb zu entreißen. Doch vergebens, er hält den Korb so fest wie ein Tier seine Beute. „Was liegt denn dir daran, Madam? Zahle mir nur einen halben Piaster, gib 4nir auch etwas »«> H«nbi«lt 49« || zu verdienen. „Ich brauche keinen Träger." „Was liegt denn dir daran? Dein Mann verbienl viel Ad, unv iß bin ein «ms M" „Nimm eine Nedowoh!" Die fröhlichen Augen protestieren, und die schmutzigen Hände wehren ab. liegt denn dir daran? Ich brauche?c!ne??e^owo!i, w!8 ^en tragen? ' Es versteht sich von selbst, daß Chaim mit dem zerzausten Kopfe der Sieger »ist, und er „schleppt" mit öiede un!) Fürsorge - den leeren Korb von Laden zu Laden hinter der Frau her, macht ihr mit Aufopferung Platz in dem Gewühle -— bis der Korb »oll ist nnd er chn nach Hanse! »! ttagi. Während Chaim hinter der Frau hergeht, überredet er sie: „Kaufe auch Kartoffeln, was liegt denn dir daran? Ich trage sie doch nach Hause. Kaufe auch Tomaten, Madam:' , man kann Lins» gutM Zglst bmm WsHsn. WsZ luji denn dir daran, du bezahlst mich ja doch. „Kaufe nur, Madam, was liegt denn dir daran? Ein halber Piaster ist viel Geld, und ich will arbeiten." Wenn nun die Frau nach Hause kommt, begleitet von Chaim mit dem schweren Korb, dann Ulli Wllim mt Lllsl m Dir fLicDß nv unD WA ein Siegesgeheui aus: „Oh, wie war das fein. Habe ich es dir nicht gesagt, Madam? Nur einen halben Piaster für eine solche Arbeit, was kann denn dir daraü liegen?" (AmorisikM lleberfttzung aus asm Hebräischen von Nachel Freund.)