Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1927-07-14 · Heft 28 (14.7.1927) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 28 (14.7.1927)
Date
1927-07-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2446951-2450442-2450470--74181-2531636
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Beilage Der Israelit M. 2$ W27 Schließung des Lheders. Ein Bild aus dem Land« der Sowjets von LH. D. Lörvi. Um zwei lange Tische herum, über die Folianten des Talmuds gebeugt, saßen viele Jünglinge und schüttelten sich. Manche lernten laut, und ihr Lernen klang rvre eine Melodie' alle ihre Stimmen waren ein AUorö» eme einjW Stimm. Manche saßen da in dumpfes, fast bewußtloses Sinnen versunken, indem sie gedankenlos ins Leere blickten. Und manche schüttelten sich nachschleppend und lustlos, ohne etwas vom Schreien und Singen zu verstehen; sie saßen wie in einer fernen Welt — als ob es ein Traum wäre. Reb Ml,. DA AM, M llllll vvk.M WM W seinem Bart. Zuweilen warf er auch einen bösen Blick und eine saftige Stichelei gegen einen Schüler, der anderwärts mit seinen Gedanken schweifte. Draußen brannte die Sonne mit ihrer schreckliche Glut. Hnö im llhMr war tu Dumpf unD schwül — zum Ersticken. Viele Jünglinge sehnten sich in ihrem Innern nach Erlösung; allein es gab kein Entrinnen. Hier mußten sie sitzen, ihr Leben verschlafen und verträumen . . . Und plötzlich — wie ein wirbelnder Sturm- Willi* ging i>i? Tür auf; Ein Knabe trat atemlos unv lkuchcnv Elri: er ersHlc bir Knnb?, H Polizei des roten Josiels Eheder soeben geschlossen habe, und jetzt sei sie auf dem Wege hierher. Pietrek habe ausdrücklich gesagt, daß er diesmal nicht schweigen würde, Nein, er würde nicht säwstPtt! ffitttöM Itiflöiiiif |wr(41f Mi» lauernde §t!8e. Wes!cljw!eg ün) hiöll Atem zurück. Denn Pietrek war ein Hund, der beim Teufel in die Schule gegangen war. Wenn er aus jeman!> e!u ÄW (fölk, lt4 W t|t1 Witt in Ruhe; er verfolgte ihn auf Schritt und Tritt — er machte förmlich Jagd auf ihn. Reb Joel nahm ein ernft^afies Aussehen an. (Er wurde bleich und blatz, unh Horg begüüü zu klspfen. Ein Schauder ging durch alle seine Glieder. Vor kurzer Zeit hat man ihn erst erwischt und ausgeschrieben. Damals warnte ihn Pietrek, wenn er ihn noch einmal mit den verdammten Jünglingen beim Lernen treffen würde, würde er ihn eirtfperren, llnh jei}± lernte er rateher, > I, - " 003 k Ohne Erlaubnis, trog mehrmaliger Warnung und Drohung. Im Grunde lehrte Reb Joel in den letzten Tagen mit großem Schrecken. Aber was sollte man machen, dachte er sich in seinem Innern. Man ist doch ein Iüd . . . Und nur wir Juden IjäUn ru öps . . . Wß? fall fiß IßHißii am jöU sie studieren, wenn nicht wir . . . Und dann — man braucht doch unberufen . . - drei kleine Schwälblein und zwei große Tauben . . . Soll man vielleicht deswegen die heilige Thora nicht lernen, weil irgend ein Bosewicht es nicht haben will? Ein Iüd. ist und war immer in Gefahr . . . und trotzdem hilft Gott . . . Neb Jc»el tmirbe an die Wunder der heiligen Schrift erinnert. In einem Augsnöll^ {{föif ihm seine Phantasie jene Wunder vor Augen, die ihm seine Vorfahren zu erzählen pflegten und die in heiligen Büchern zu finden sind. Ein Vösewicht, der jüdischen Kindern das Lernen der heiligen Thora verwehren wollte, verschwand faarlos miß Nauchi m anDerernrnroe auf Dem Wege gelähmt und Halle ein böses Ende. Röst Joels Herz betete zu Gott. Wenn der im Himmel, gelobt sei Sein Name, sich erbarmte und in des Teufels Herz träfe . . , wer weiß? Im Eheder war es still. Es herrschte ein tiefes Schweigen, daß man fein eigenes Herz klopfen hören konnte. Man sprach mit Zeichen und Winken. Die Gesichter aller Jünglinße wegen der Verwirrung gar feierlich aus, und ihre Glieder bebten vor Schreck und Furcht. In ihrem Innern aber regte sich eine Mischung von Angst und Behagen. Es schüttelte sie eine unbewußte Furcht bßirn (Mauern WtM erDliffeu m müssen, ihm von Angesicht zu Angesicht ZU bSgSgllöN. Ebenso durchrieselte Unwürdige ein Gefühl der Freude beim Gedanken, diesmal vom Joch des Lernens befreit zu werden. Denn sie fühlten das Bedürfnis nach Luft und Bewegung. So faßen sie schweigend und zusammengekauert und erlauschten, ihren Atem unterdrückend, jeden Ton und Laut aus Ul gtfHI. MMN sich Mt OK barmte . . . Gott möge den Plan des Teufels zerstören ..." Allein der Herr im Himmel hatte diesmal ihr Gebet nicht erhört. Und plötzlich ging eine Tür auf und Pietrek trat mit zwei Männern ein . . . „Sie lernen wieder, Sie verfluchter Zydek", rief PiMkll vdsstst Mm und barjd^ erschien und dessen Augen vor Haß glühten. Er glotzte den Rebben einige Minuten mit bösen Augen an, während die Begleiter die Schüler mit einem Blick voll Zorn und Ekel streiften. Reb Joel überlief es eiskalt. Pietreks grolfßuDß Stimme uermirrtc W UND jagte ihm kM Angst ein, die feine Hände schüttelte. Er wollte etwas sagen; allein er vermochte es nicht. Es war ihm, als wäre ihm die Sprache abhanden gekommen. Seine Zähne schlugen vor Furchr klappernd aufeinander. In einem Augenblick waren alle Jünglinge Msss Hül? [o^getaujen. D/Üettt fluchte und grollte weiter . . . Er brüllte so laut, daß die Fensterscheiben, die halb aus Pappe und halb aus Lumpen bestanden, zitterten. Pietrek uni) fein Gefolge schlossen die Schule und Reb M. k ein Mm Ififti id immer Hi Wie, würbe äüf itä WiMvisr geführt * * * mm „. seinen Schülern auf dem Söller seiner Wohnung. Juden auf berj karkoffelinsel D0N 3 W. U. Von der Insel Malta weiß die Welt höchstens, daß sie gute Kartoffeln liefert. Ich aber suchte, im Bewußtsein, daß es keine Weltecke ohne Juden gibt, dort meine Brüder. Die Insel ist zrvar fanatisch katholisch, aber ich hatte bald in Mrüng LkKU W gm m$ WW dische Juden wohnen, die mehr oder weniger den Namen „Gemeinde" verdienen. So begab sch mich denn zum C h a ch a m, der zugleich Vorbeter, Mohel und Schochet ist. In seiner freien Zeit, — das heißt 24 Stunden in der TagesrwtDt — DttrclDt cf au© fr8n£iffs_ff©äft?: Keine Negierung und keine Behörde kümmert sich nämlich um die Besoldung des Rabbiners. Die jüdische Gemeinde ist aber klein und das Leben ist teuer. Durch kleine finstere Gasten, in denen man sich immer und immer wieder in Erinnerung rufen muß, daß sich die Insel heute unter englischem Schutze befindet, um sich sicher zu fühlen, gefangen nur enilt«^ ill i&S DßS KflBBL Dank der Rebbezin, die mit einem Oellämpchen hinunterleuchtet, winden wir uns die halsbrecherische Treppe hinauf. Mit freundlichem „Schalom" werden wir begrüßt und mit bestem indischem Wein bewirtet. Wie ein Leuchtturm mitten im kllöl88 FÜ?S?g5U;?Hi fchlägt uns in bieder Wüstenei ein warmes jübifchös Herz enlgegen. Der Chacham heißt I osefRuben, stammt aus T u n i's, ist dreißig Jahre alt und sieht mit seiner dürren Gestalt und dem kleinen schütterst Bärtchen wie ein Jemenite aus. Zwei hervorstechende Vorderzähne schütteln sich um die Wette mit dem winzigen Bärtchen, wenn er lacht. rf3Mtd lüb!" Malta ist aut. „Mhal tOBl" Synagoge gut! Friedhof gut! Alles gut. „Tob meod! . . ." Es ist so üblich im Orient, daß man vor einem Gaste alles lobt. Vielleicht hängt es damit zusammen^ bafj der Nabbi zugleich auch Kaufmann ift, Dvn seiner Anpreisung bcs Frlcbhofks ich indeß keinen Gebrauch machen. Sein Töchterchen ist schön, hat pechschwarze, stechende Augen, lebhaft und verträumt zugleich. Reben ihr liegen ihre Schulbücher. Was nicht ein armes jüdisches Kind in Malta alles lernen muß!: Englisch, die offizielle Sprache des Landes, I t a l i e - Ulf©: D!C MFNlkjk M MMgfllgl M«ltäfisch, den Dialekt des Volkes, Französisch, eine Sprache, ohne die man im Orient überhaupt nicht auskommt, A r a b i s ch, die Verkehrssprache der Juden in Rordafrika. Dazu noch, ein wenig Hebräisch, so weit zum Beten nötig. Armes Kind. Mit diesem Halbdutzend Sprachen wird es keinen Juden verstehen und von keinem Julien versianlren werden, —- tbetttt ^IütWll unter wirkliche Juden verschlagen werden sollte, denn es lernt kein Jiddisch. . . Eigenartig mutet das innere Aussehen des Hauses an. Ein Mischmasch. Reben einem altfränkischen Bücherschrank niedrige Bänkchen aus Slrohgeflechi, billige örieniiepplche. An der Wand eine Konstanünopeler Ansicht und eine Photographie von, ausgerechnet, Abraham Goldfaden, dem Vater des jüdischen Theaters in Warschau. Wie sich die Photographie hierher verirrt hat, ist mir ein Rätsel. Vielleicht ist fiii ößti bert ü r f if (5 e n Mir in“, die daneden Ijcmgl l)terljer $eJäilf)iM ffiSHäSR, Wir sprechen in sephardischem Hebräisch. Ich erfahre, daß im Ganzen auf Malta 47 jüdische Seefeit ©offnen, einschließlich der Frauen und Wer, Ein PnilP ®oile#n|t mit Mnjan ist nicht MammkiMMiMn, Lk rn?ist?n sind Analphabeten und beten, soweit sie können, auswendig. Die Juden sind kleine Handwerker, Mit Weil «M einen schweren Existenzkampf. Jetzt ist der Chacham daran, eine Talmud-Thora- Schule zu gründen. Eine arme Gemeinde, arm an Geld UND Geist. Ein einzigök Teoft ist Rabbi Josef Rüben aus Tunis, wohnhaft und amtierend in Malta, geblieben: Er läßt zur Zeit in Tripolis ein Werk in hebräischer und arabischer Sprache erscheinen. Bibelerklärungen aus philosophische Art. Die Rebbezin schaut in ersterbender Ehrfurcht zu ihrem pijFtßn MllNW hiMUsi W unD sieht floß aus den Büchern der sechs Sprachen zum Vater hin. Eine Insel auf der Insel, eine Insel des Geistes mitten in der grauen Kartoffelalltäglichkeit. Ich sehe mir die S y n a g o g e an, ein kleines Gemach, schmal und schlank und riesenhoch. Die gjöfjj jictjert bie |JeierIidjfei*. Lklles^ cwdj ^»eilige Lade und Älmemor, sind höchst einfach geyatten. Einige alte Bücher, Zeugen früherer Zeiten und anderer Länder, stehen verwaist da. Eine farbige Menorah trägt kabbalistische Zeichen und Zahlenrätsel, sie stehen auf Papierstreifen, die auf Holzschnitzereien geklebt sind. Orientalische Pracht eröffnet sich dem Auge mit den goldgestickten Decken und Vorhängen in der Schublade. Sie sind zum Xßilß mall MßFfMNMN von sFMFkN GkNk' rattonen. Ein Seetenüchckein ffaefert von der Decke herab. „Zum Andenken an E h a j i m Pili k i " , belehrte der Herr Rabbiner. „Wer war denn dieser Herr Chajim Piliki?" „Ein wunderlicher Mensch, und chm danken n>ix es, ba|j wir eine Kehilla in SCTJafta haben. Er war kin reicher Duöcbesten Vcgiehung^n über Meere hinaus reichten. Vor stehen Jahren starb er und hinterließ der Gemeinde 30 000 Dollar. Von den Zinsen dieses Legates wird die Gemeinde erhalten. Es ist das Wunder von Malta! "

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.