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Der Israelit · 1927-06-30 · Heft 26 (30.6.1927) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 26 (30.6.1927)
Date
1927-06-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Der Israelit Br. r- W27 Bor Den Toren Amerikas Von K. A. Hk. Eine der schweren Nächte, die in der menschlichen Seele wie schwarze Flecke haften bleiben, nicht mehr abzuwaschen noch auszuwischen, eine Nacht, die -nicht aus Stunden besteht, sondern ein Stück versteinerter Ewigkeit ist. 8r!mrmrmZslos langsam rückt der Zeiger auf der Uhr in einer solchen Nacht. Die letzte Nacht auf dem Schiffe. Morgen erwachen wir in New-Aork. Das letzte Gericht für die Emigranten. „Wie der Hirte, der seine Herde mustert, die Gchöslöin üuich Die Nute WUuilUüM." Das eine der Straft, das andere der Vnade überweist, das eine dem Leben, das andere dem Tode ... So wird es morgen fein, wenn Amerika fein Heer von Aerzten und Beamten auf das Schiff schicken wird, um zu erforschen, wer von den Einwammn rllMlrsskrn mi sksWMM rruö mj gurückgeschickt wird. Es wird ein Tag fein, im Vergleich zu dem all die Erlebnisse und Plackereien bis dahin, all die Auseinandersetzungen mit Menschen und Aemtern vor und während der Fahrt ein nichtssagendes Kinderspiel bedeuten. Der große Tag und der letzte an der Kette. M W mm ältere frau neuen mir nnn itjre welken Lippen murmeln etwas — Psalmgebete, die fit gerade -auswendig kann. f Es ist nicht viel, was eine alte Frau davon auswendig weiß: Einige „Stufenlieder", die sie daheim im langen Winter Sabbat nachmittags ZU sagen pflegte- Und notig hätte sie ein gan ze s d i ck e s G e b e t b u ch. um all ihre Tränen liliill, üll PS VenM ÄUchnM M tum neu. Ist das eine' Nacht, eine Nacht, in der man kein Auge schließt. Und von dem Herrn über Erde und Meer oben hängt doch alles ab. Er lenkt die Tiefen im Wasser, aber auch die Herzen der Menschen, der Beamten. Ein Kapitel Tillim ftrnnte retten!:.. Und da erhebt sie ihre müden Augen zu Neb Nosson Jeschaja, der daneben sitzt. „Reb Nosson Jeschaja!" Allein Reb Nosson Jeschaja, der lebhafte, sitzt heute da wie eine Statue, und sein weißer Bart ist so unheimlich sauber gekämmt, wie ein guter, fäjDner, frommer jüDifäjer Bart eigentlich nicht sein soll. Er ist nach unten regelrecht zugespitzt. Ein grausames Lebensgeschick, das einem alten jüdischen Bart solche Form geben kann. Er sitzt, das breite Käppchen etwas schief auf dem Kopf, stumm und in Gedanken versunken. Die Augen sind ausgelöschte Lichter. Die letzte Nacht hält auch ihn fest in ihrem Banne, hat ihre schwarzen Arme um ihn geschlungen, Me Nacht zwischen Furcht und Hoffnungen. Za, die Nacht, die Nacht, sie ist an allem schuld. Noch vor Sonnenuntergang waren sie alle angeregt, sprachen sich Mut zu. Absichtlich sprachen sie lauter, gaben sich geräuschvoller denn sonst, um die Angst, die irr den Herren lauerte, zu t>erscheuchen. Wie aber die Nuchi aus den schouwenden Wellen heranbrach, mit den bösen heulenden Stürmen, mit dem ausgelöschten Himmel, an dem kein Mond und kein Sternlein leuchtete, da war es vorbei, da reichte die vorgetäuschte Kraft nicht mehr aus. Wie Angeklagte, die rnüde von der langen Verhandlung der (Stim&e 5>er Eutf cherZung harrest, sterkräch! sich jeder in seine Ecke. Als fürchteten sie, mit einem unüberlegten Worte das Zünglein an der Wage zu ihrem Verderben in Bewegung zu setzen. „Reb Nosson Jeschaja, vielleicht! . . Vre hals ater Mittest istk iltH, jß starr ruhen die Augen des Angeredeten auf ihr. Aber sie faßt sich: „Vielleicht habt Ihr einen S i d u r zur Hand?" „Was? Einen Sidur?" Er sagt etwas und kann offenbar nicht erfassen, was man von ihm tmU. Cr ist alt geworden in dieser Nacht, ein Greis. Vor Nacht war er es noch nicht. Ein Päckchen Erez Jisroel-Erde führt er mit sich, echte Erez Jisroel-Erde, nicht solche, die man einem anschmiert ... Ein junger Mann fragt mich, ob es nicht rätsäm sei, bei Nevisirst schrstrrrzzn Anzug anzuziehen. Kommt gleich ein zweiter heran, um ein Wort zu erhaschen von dem, was mit mir, dem Glücklichen, gesprochen wird. Ich bin der „Glückliche", weil ich im Besitze von Papieren bin, die mich über alle Revisionen DinmeoieDen. lffiD eg vernäht sich Wer. non mir ein Wort gü erhaschen, einen Nat gu erhalten, jeder für sich, ohne daß der andere es hört. * * * Die Matrosen und Schiffsdiener sind heute alle ausua^msrverfe fsi>r neii^ freundlich und ^u- Borksmmmd, sehen zur Seite, wenn etwas gegen die Ordnung geschieht. Ihre Gutmütigkeit erschreckt die Emigranten. Es ist die letzte Zuvorkommenheit des Gefängnisses gegen den Delinquenten vor feinem „letzten Gange". Vielleicht aber meinen sie nur das letzte Trinkgeld . . . Sik NkiWk K8Wn, ksüm sich MM-LM Ne schwärze Rächt drällßett. Osffttät jSMckttd -iS Türe, glaubt man, das Unheil schreite herein, umfange mit eisernen Armen alle, daß es; keinen Ausweg mehr gibt. Der Atem geht tief, schwer, gedehnt. Ich ertrage es da unten nicht mehr, man gibt mir auch keine-Ruhe. So gehe ich auf Deck und starre in nt sWarU MM M rnmc m\ bsh erste Signal vom Festlande: ein Strahlenbündel von einem Leuchtturm, das gegen Mitternacht aufleuchten muß. Es ist kalt, und böse Winde blasen von allen Seiten. Es dauert lange, bis mein mit Fernglas bewaffnetes Auge das zitternde Licht in der ^ferne entdeckt. steige hinunter^ um Kunde ZU bringen.' „Das erste Licht aus Amerika! . . /' Und aller Augen richten sich erschrocken zu mir: „Was? Schon . ..." A m e r i k a war das goldene Ziel ihrer Hoffnung. nnv sie sinh zu Tove eMrollen M Der Nennung dieses Namens! * * * Hat der eine die Nacht durchwacht, hat der andere dahingedöst, von wüsten Träumen befangen, — in der ersten grauen Morgenfrühe sind sie alle auf den Beinen, alle auf Deck. Schiffe führen hin unD her. Mn schwürm Greifen Lünd wird sichtbar. Amerika! Amerika! ... Und wieder ist die Erde verschwunden. Nein, noch nicht! Unser Schiss arbeitet mit Volldampf. Aber das Meer ist lebendiger, betriebsamer, bervohnter. Schiffe, Signale. Hi« rückt n«h«r, Die Emigranten sind wieder laut, lebendig, rührig und gesprächig. Das Herzklopfen will von lauten Worten übertönt fein. Bleich und übernächtig sind sie alle. Graue, wächserne Gesichter und müde Augen, zum Teil auch stark gerötet. Das balkenlose Wasser ist überstiustZästj Müstde^ ZU essest tstZllätt, llttd SU Hände, die arbeiten möchten, klopfen an den Pforten der neuen, festen Erde: „Laß uns hinein, goldenes Land unserer; Hoffnung. Siehe, wir haben Visa, haben alle Papiere, alles, was man nßn uns Bartanot hat. Sönfe und Barte sind sauber gewaschen und gekämmt, die Augen ausgeheilt; all unsere Glieder ohne Fehl; denn, hat man uns nicht zehnmal untersucht? Und die Wäsche auf unserem Leibe ist rein, Ihr könnt es sehen, wenn Ihr wollt . . ." Und ein Panorama des großen Weltrvunders 5ien)i|ori entuü^elt ficf) fangfam am Horizonte. Das Schiff hält still und dampft weiter. Die Beamten sind da. Schiffe, Schiffe, ringsherum, und Land von allen Seiten. Und die Wolkenkratzer schwimmen uns entgegen. Leicht und lustig muten sie vom Schiffe aus an, wie sie näher rücken, sich NMden nnd hxehen nnv steigen nnd sich senken mit den Bewegungen des Schiffes. Cs ist schon voller Tag. Eine helle, aber kalte Wintersonne schaut groß und überlegen über Land und Wasser, spiegelt sich in den weißen Riesenkästen mit den unzähligen Fenstern. Alle Emigranten stehen starr vor diesem Bilde. £% AugkN sthtn uhssr di« Sinne siud HU erregt, um es aufzunehmen. In Gruppen stehen sie da und flüstern sich zu: „Sie essen jetzt . . .“ Die Emigrationsbeamten haben nach alter Gepflogenheit zuerst die amerikanischen Bürger rasch abgefertigt und sind dann in den Speisesaa! gegangen, um s!ch für bte fiaupiarfjeW zu stärken. Die da oben haben das Warten schon gelernt ... Und mir ist es, als ob die Menschen oben nicht mehr stehen, sondern aus der Erde kauern, im Staube ihrer Kleinheit und Armseligkeit, in stummem Flehen: „Goldenes Land, habe Einsehen. Wir Hoden Visa, unsere Bärte sind gut gekämmt, unsere Augen wieder gesund, unsere Wäsche rein. D, goldenes Land, Herr der Welt! ..." Im Speisesaale sitzen die Herren von der Jmmigrationskommission bei Tisch und lassen sich die von Bedienten aufgetragenen Speisen gut schmecken. Die Redaktion des Talmud. Von Albert Scheinin (Fortsetzung). Mit größter Deutlichkeit mirD uns [eine Lehrmethode in Menochaus vergegenwärtigt, wo uns die Gemoroh zeigt, wie Mosche Rabbenu, als er die Thora empfing, sich im Geiste hinter der achten Reihe der Schüler R. Akibas sah, und von all den Deutungen, wie R. Akiba dauresch all kol kauz woksnz Hü tilim schäl hälzchäll? lttäe, ttichlä verstand und sich darüber sehr grämte. Erst als R. Akiba bei einer Halochoh bekennen mußte, sie nicht aus dem Wortlaut des Posiuks ableiten zu können, sondern daß es eine Halochoh lemauscheh misinai wäre, war Mansche wieder versöhnt. Die dritte Schule, des R. Schimaun ben Jochai vertritt einen gemäßigten, vermittelnden Nankwunkl nnd Mt MMen der N. Akidas nnd N. Israels. Die Grundlage zu allen Schriftdeutungen bildeten die aus den ursprünglichen 7 Middaus Hillels durch Erweiterung gebildeten 13 Mrddaus d. R. Jischmoel und außerdem noch manche der 32 Middaus d. R. Jause haggelili. Es darf au dief-er Stelle bemerk^ roerden-, dast dir Erklärung des Mulbim zur Tuuroh sich stets bemüht, die innere, logische Berechtigung der midraschischen Auffassung gegenüber dem sich scheinbar oft entgegenstellenden Wortsinn des Verses nachzuweisen. Auf jeden Fall können wir schon von Anfang an erkennen, daß die mannigfaltigen Kontroversen in den talinudischen Qstzlläst sticht ätmr blHättt WiZäesstrUchLgäist ststZ seiner Oppositionslust entspringen — weil der eine so sagt, sagt der andere so, eine Feststellung, die man bei uns ja nicht selten machen kann, — sondern daß die auseinandergehenden Meinungen

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