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Der Israelit · 1927-06-23 · Heft 25 (23.6.1927) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 25 (23.6.1927)
Date
1927-06-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
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feullleton Beilage Der Israelit fön AnchthäiiserlöbM. Von Artßur KaHn. (Schluß.) Und dies uns alle Umbraufende, schier UnlrWMilhö war'aus Dtn mm von BifliBEpacht Zuchthäuslern zu uns und in uns hineingedrungeü; aus den Seelen von hundertacht Brüdern, Nachkommen Abrahams, in deren Adern dasselbe Blut fließt, wie in unseren Adern. In dieser unvergeßlichen Stunde, in diesem meinem Gedächtnis eingeprägten Augen- *****ren diese f^unöertad^t ^itc^f^äusler ferne verabscheuungswürdigen Verbrecher, sondern unglückliche, hilferufende Menschenbrüder, die einen/ finsteren Geschick erlegen waren. Kein Mensch ist Herr seines Schicksals, sei er. auch der reichste und mächtigste oder der allerärmste und allerletzte. Wir könnens nicht ergründen, wir können nur vertrauen, Mi>t dem Oleinu-Gebet war die WM OßßnDßL;v Sanft drängten sich diese Menschen an Mich heran, ununterbrochenes Jascherkoach rufend und ich mußte mehr als hundert Menschen die'Hand schütteln. Der Göttlichkeitsfunke der unter der Asche verschütteten Seele war wieder angefacht. Und Mßfe geÜchte!en Sften{c|en tDottlen fl$ o5ü!= bar erweisen, Zft allerleßt trat ein unansehnliches MännchM an mich heran, der Gattenmörder, der Norder seiner Frau, die ihm schier dreißig tzchke-dar Leben vergällt, ihm Schmach und Schande angetan, mit dem Bügeleisen den Schädel eingeschlagen hatte, und der an Stelle der MWllst zu PP oapn MlWM immm worden war. Innerhalb zehn Minuten Eännte ich sein ganzes Leben und Schicksal. Er wollte aber nicht vom Zuchthaus auf das Bes Oläm getragen werdetthusondern in einer Stube sterben, an deren Türe ein Mesussa angebracht war. Ich war pon ber QXrl'faaite ' er' fein <Sc£>t<ff<iI~ f<f)*Ibe,t'.te> »»ti» mmu »»>»,,.) J , , *, , * < <1 ergriffen. Ich besprach dM Fall auch alsbald mit den beiden obersten^' Bedmtech die den Mörder als einen stillen Menschen., der sich musterhaft benahm, schilderten „Ob für diesen Siebzigjährigen ein Gnadengesuch an den Gouverneur : vielleicht Erföltz häbM könnte?" „Nicht ausgsschLvfsen", meinte der Direktor. Ms rmr wieder ms §rc!e!r«!en» gerade die Sonne hinter den Bergen. Wir wandelten, ernst gestimmt, dem Strvmufer zu und ergingen uns in Betrachtungen über Menschenlos und Menschenschicksale. „Alles ist Bestimmung und kein Mensch Herr Über fein eigenes ©efcfjtcfL'V meinte mein Frsnud Frtzd Michel, der Dichtrr, PhMMrop uu^ war der Ansicht, daß jeder Mensch sich selber sein Schicksal bereite; „habe ich Recht Freund Kahn?"' „Dann hätte Goethe Unrecht", entaegneteich> „denn er fügt doch: . . Ihr führt ins Leben ihn hinein MIKP &8H Mmsft föjurDiG mßrDgn, Dann überlaßt Ähr ihn der Pein usw. AM meinem jüdischen Denken und Fühlen heraüsdestte ich, daß Goethe hier an SchicksalsbestinWungen glaubte, denen kein Mensch entrm-nM kann. Auch ich glaube an Bestimmung." ..Dümr", warf hier .mein Freund Fred ein, „gibts aber auch keinen Zufall,, denn beides nebenist erroiberie ijievcnif nur: .„Z u | ,a l l i st a u ch Destimmung.' Schweigend schritten wir dann durch die Helle Mondnacht. Ach mußte an einen Vers des englischen Dichters- Fletcher denken: Ob im Guten, ob im Bösen Unsre Handlungen besteh'n — Es sind unsre Schicksalsschatten, Die uns stets zur Seite geh'n. Als ich kurz vor Mitternacht, noch ganz unter dem Eindruck meines Erlebnisses in meiner ffisfimp kinMrM s8k» W? $ «2H a!s bald an meinen Schreibtisch und schrieb ganz in Form eines Privatbriefes an den Gouverneur des Staates Newyork, den damals populärsten Mann Amerikas, Theodor Roofevelt in Albany, ein Gnadengesuch. An den Schluß des Briefes Wz ich Sm Br» zitis?!sn Nm FisHsrs. Bn reits nach drei Tagen erhielt ich, ebenfalls in Form eines Privatbriefes, in freundlichem Stil die Antwort, daß im Falle meines Schneiderleins in Sing Sing alles Erforderliche eingeleitet fei. Wäre solche Promptheil — und ohne jegliche Instanzen! — und dabei noch in einem Mordfall MP MgMM rnmW\ ML IM mrnm drei Wochen war mein Schneiderlein begnadigt —ein freier Mann. Sein sehnlichster Wunsch, dereinst von einer Stube aus, an deren Türe eine Mefufa angebracht fei, nach dem Bes Olam ge wie ei non AmtsKtel trocken und hart aus, sondern mit weichem Klange, wie einen Dank, eine Anerkennung, eine Kcjung. Er ist das Haupt und führt die Gemeinde, zusammen mit dem rüstigen klugen alten Herrn (er wird sich gegen die Bezeichnung „Greis" mit Recht verwahren), neben dem ich meinen Ehrenplatz habe und gestützt vom guten Willen aller anderen, im eigentlichen 1 und besten Sinne. Er besitzt die Gabe, mit wenig Kraft- und Kunftaufwand in das ^erjj |einer ©emeinde htneinzusingen und yineinzubeten und die Herzen emporzutragen. Auf den kleinen Bänken an der Ostwand sitzen die Kinder. Es sind leider nicht viel, aber sie sind das Lebenswerk dieses Mannes und die Zukunft der Gemeinde. Erst vor wenigen Jahren hatte der Herr Haupttei^rec die jüöijcf^e Elernentcrrfl^ule gerjrünbet. Die Kinderzahl' reichte nicht ganz aus. Aber Frankfurt kann mit allem aushelfen, auch mit Kindern . . . Die Schule besteht zurzeit buchstäblich mit Hilfe der „Fünf Frankfurter". Auf den letzten Bänken singt ein Synagogenchor .Jigdal", einstimmig, aber kräftig, harmonisch und gut geübt. Ein junger Mensch sagt Kaddisch. Die Schul ist aus. $ $ Nachts um zehn find alle Männer und alles, was sich männlich gibt, beim Schowuaus-Lernen vereinigt. Ein Haus kann die Lernenden nicht fassen, darum sind in zwei verschiedenen Häusern an beiden Enden des hrnrbf n. morbon;«• 1,1 zwei versll-ieveuen Mausern an oeioen ENMN oes bracht zu werden, ist nach vier in Freiheit ver- Ortes lange Tafeln gedeckt. Und damit das eine gegen lebten Jahren erfüllt worden. Mein edler Freund Fred Michel, diese Zierde der amerika- MMn 3uiMi)0iL miß auch Mi stM llWllßißiik Reverend Davison, sind nach einem herrlich inhaltsvollen Leben ebenfalls zur ewigen Ruhe eingegangen. Ihnen allen fei die Erde leicht. Von einer VäüesiMgMMH?. Festidylle. Ich möchte das Lob einer L a ndgemeinde singen, nicht um ihrer selbst willen, sondern wegen der vielen anderen, die genau so sein könnten, wenn sie nur wollten. Landgemeinde nicht ganz. Es ist ein Städtchen mit amei asphaltierten Hüuptstvatzen. mit schönem Amts- und M AM »s WM UM MW flöllt ferreihen, neben .malerisch in die Berghänge eingebauten, neuen, weißroten Giebelhäuschen — und mit einer . strahlende, duftende und lachende Riesenkäsekuchen der jüdischen Gemeinde, in der kein einziger den Sabbat! Schowuausnacht. u entweiht, deren Synagoge eine Sehenswürdigkeit des Es wird indes, es muß gesagt sein, mehr „gesagt', Städtchens und der Brennpunkt des jüdischen Lebens ift. [gebetet und gelernt, dann gegessen. Man hört Die vielbejammerte „geistige Not auf dem Lande" ist kaum ein von der Feier der Nacht abschweifendes und nicht in den Urnstänben begrünbet. Die Not ist vielablenkendes Wort. Flüsternd bitten die Damen zuzugreifen, Mist uspsssB Mm Mt Bi«» M die jvroi M» «mm ss 55Xim:i ' ~ . . weiter „gesagt", gebetet, gelernt, nach feststehenden Gesetzen, nach einer Rangordnung, die sich von selbst ergibt. Der Gast macht den „Anfang", der Herr Lehrer folgt ihm, dann „der erste Vorstand", der „zweite" und so fort bis zur „Jugendecke", die sich, ein Vorrecht der Jugend nach Mitternacht, etwas gütlicher an Speise und Trank tut und „die Stelle erst suchen" muh. So wird der „Tikun" in anregender Nachttour abgewandelt. Auch Äuruen <iuf berr das andere nicht zu kurz kommt, werden die Mitglieder durchs Los gleichmäßig auf beide Häuser verteilt. In b^m Syctufe, berrt icf? gugeteüi bin, türmen ftd) S&’etrge »ott Kuchen und allerlei Packwerken aus dem gwis^rn Pyramiden feinsten städtischen Tafelobstes und bunten Likörflaschen. Die braunen, knusperigen, besonders kunstvoll geformten Plätzchen hat die d r e i u n d achtzigjährige Großmutter des Hauses eigenhändig gebacken. Wer ihnen nicht „die Ehre antut", hat die Greisin beleidigt. Wer wollte aber eine so wür- AU lioi Ißt» MfflipnT! M fflfltr MMN» an Leckereien ist aber, gleichsam nur Beiwerk, Einleitung, Basis, Vorbau für den riesigen Käsekuchen, der als Coup des Ganzen mit G l o ck e n s ch l a q1 e i n s, behutsam getragen von liebenden Frauenhänden wie ein- Kind zum Gevatterstuhle und begleitetvon bauchigen blendend weihen und geblümten Kaffeekannen, erscheint. Er erscheint just, da man zwischen der zweiten und dritten „Ordnung" der Mschna ist, aber er hebt jede Ordnung 8An!sk Ml :t f.?r“fTed; ct >? Glanz und Symbol des Festes, des Lernens, dieser dem Mangel an gutem Willen erwachsen sind. Wo ein Wille, ist auch in der Kleingemeinde ein Weg zur jüdischen Tat, zum jüdischen Glücke. Langsam senkt sich die Sonne hinter den Rhöngipfeln und der kalte Atem der Berge weht durch die schmalen Im &em Werktags die j^je ^eiä^rlic^teri Kurven uuf bett t>«rfdf)Iungerten und Pferde, ihr Landrecht Nfhauptenö, nicht den jMischaawegcn werden, mit wenigen ^snsnuhrueu,, nötigen Respekt zollen,, ist heute blankgesegt. Es ist " .v erster Psingsttag und das jüdische Fest beginnt mit Nachtanbruch. Im Vorgarten der Synagoge blüht der Flieder, er blüht hier etwas später als anderswo, erst wenn die Sonne den Weg über die starke Doppelbergkette zu ihm gefunden hat. Innen fällt von elektrischen Birnen an der Decke und aus Kandelabern auf Almemor llltü DDF WliW LM lkllW Ml im m Arrülll rif fe'-rnm bcillätz flKbsnzig böhusmon MMllM, verMtzk sich grünschillernd in den mächtigen, zweimannshohen Bäumen, die zu Ehren des Festes vor Tribüne und heiliger Lade avfgepflanzt sind. Diese Bäume kommen aus dem Sradtwalde, ein Pfingstgruß der Stadt an die jüdische Gemeinde. Sie sind gefällt, entwurzelt und scheinen hier im hellen, heiligen Lichte zu einem neue n, üppiqsr, h ö b e r e n Leben erwacht zu fein. Die Plätze full ülle kifttzk 88» fslsAich MlÄwlm ffiünirn. Durch das Glller oben schauen Ffällön UNd MÜdchöll hinunter. Die breite Front der heiligen Lade deckt bis zu dem Getäfel und den marmorweißen schlanken Säulen goldgezierter roter Samtvorhang. Die Messingkandelaber sind blitzblank geputzt. Den „vier Frankfurtern" (es sind eben nur vier), die in etwas bester gebügelten Zylindern.sich unter den Betenden befinden, ist es. als wären sie mitsamt einem Ausschnitt ihrer heimischen Synagoge an der Friedberger Anlage in das festabendliche Rhöntal verzaubert worden. Am Vorbeterpulte steht der Lehrer, der geistige Führer der Gemeinde. Er ist schlechtweg der „Herr Hauptlehrer", und die Leute sprechen das „Haupt" nicht von den Lernenden ohne erhebliche Mühe und ohne nennenswerten Unfall genommen . . . * * * Silbergraue Streifen dringen durch die Ritzen der grünen Fensterläden, malen sich immer breiter auf Decke und SBänbe, umftoren gsfx>snstifch bas ßamt»ettKcf,£, best t3 wir aus Cxm TrlNs? grtteri. «s tagt. Seuuhen ist eine bleierne Decke UNI den Himmel gespannt, durch die der junge Morgen, wie in Federn gebettet, müde und verschläsen schaut. Von beiden Enden des Ortes kommen die übernächtigten Männer, laufen sich in den Weg und ' treffen sich in der Straßenmitte, in der Synagoge, die in hellem Lichte aufflammt. Frühgottesdienst vereinigt nach durchwachter Nacht die beiden „Parteien". Lll NksM MNkll «**•*» unb ohne Hast gellem, oll es Mvrgensruhe nach durchwachter Nacht oder Abend nach langem Tagessasten ist. In einer halben Stunde ist das Schacharis-Gebet absolviert und man geht nach Hause. Es ist inzwischen voller Tag geworden, aber die Sonne hat sich noch tiefer in ihre Decken eingehüllt. Ueber die zackigen Hügel rechts und links raucht und schwimmt dichter Nebel. Es wird einen verregneten Festtag geben. , MW öis .gonnß ermaßt mit Dm MrnMrn m gehn ist W Hjmmö! blsu, M MkgwllMr lim \m schwarz und die Männer und Frauen allesamt, in schönstem Festputze, in der Synagoge zur Thoravorlesung und zum Mussafgebete versammelt. Nicht eine

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