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Der Israelit · 1927-06-16 · Heft 24 (16.6.1927) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 24 (16.6.1927)
Date
1927-06-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Hr. 54 «27 . ff Ein Zuchthauserlebms. ~MZ Von Arthur Kahn. MM«, Jawohl Hunmnitätsmissivn. Sing Sing, heute, nebst dem großen Staatszuchthaus dieses Namens auch eine kleine, an der Mündung des .Hudsonstromes ins Meer gelegene Stadt, war auch Hinrichtungsstätte für zum Tode verurteilte Delinquenten aus dem ganzen Staate Newyork. Der Strafvollzug wurde vom Henker und seinen CchllsM mmiirn m fpmiMii Oüllzogkir Eine Prozedur, die schon längst von amerikanischen Ethikern und Aesthetikern als veraltet, unzeitgemäß und grausam bekämpft worden war. Nahm denn Amerika nicht schon von Franklin bis M Edison in der Nutzbarmachung der Elektrizität die erste Stelle unter allen Kulturvölkern iin? nnö minn Mionen unn noermmonen von Menschen die Wohltaten und Vorteile der Elektrizität in tausendfältiger Verwendungssorm täglich upd stündlich hinnehmen, warum sollten ein paar Dutzend oder sogar ein paar Hundert zum Tode verurteilter Menschen, wenigstens nicht auch einmal, wenn auch reichlich verspätet, bte her XBieitrigiiäi immi±±elbar an sich selber verspüren? Nutzte es nicht ^en Erfindergeist des' unternehmungsmutigen Amerikaners anreizen, auf dem so lange brach gele-, genen Gebiete des Hinrichtungswesens eine Neuerung zu schaffen, bei der kein Tröpfchen Blut vergossen und der Gerechtigkeit dennoch Genüge getan innen 7 DllZ mögen Sie Geöankern gange des Erfinders -es „elektrischen Stuhls", wie der neue Hinrichtungsapparat benannt und in den achtziger Jahren ausprobiert wurde, gewesen sein. Ganz perfekt und einwandsfrei arbeitete übrigens dieses Hilfsmittel irdischer Gerechtigkeit nur selten. Was darüber in die breitere Oeffentlichkeit drang, sprach grade nicht zu Künsten Da die Hinrichtungen in den achtzigör und Nöunzigör Iayron bis ZN einem bestimmten'Grade öffentlich waren — es wurden hierzu etwa bis zu hundert Einlaßkarten ausgegeben — so war der öffentlichen Kritik freier Raum gegeben. Wenn mir innerhalb drei Jahren viermal die Ehre solcher Einladungen zuteil geworden iftj jo lag dies gumeij't bararij bajjj ich mit den maßgebenden Personen in Sing Sing ziemlich bekannt war, mehr aber noch dadurch, daß ich durch mein publizistisches Eintreten dem von Wilhelm dem Zweiten aus dem Achilleion vertriebenen Herterschen Heinedenkmal in Amerika eine neue Heimstätte bereiten half, was mir di? l?h?MlM8lichk yekimMG k?5 kmuM über neunzig Jahrs allen Schwester. Heines und deren beider Kinder eintrug. Mehr noch als dieser Erfolg, mochte auch mein Eintreten für die Obdachlosen in den amerikanischen! Großstädten alarmierend auf die öffentliche Meinung gewirkt und mir für einige Wochen eine gewisse Popularität verschafft haben. Gleichviel. Ich machte von den erwähnten Einladungen keinen GeöranG obgleich lnnsende neominemer Lee; söttlichketten, insbesondere Damen ans den „Upper ten" mit allen nur denkbaren Mitteln und Schlichen Einlaßkarten zu erlangen suchten. So oft ich nach Sing Sing und an dem verhängnisvollen Stuhl vorüberkam, störte mich an den, äu^er^t^^ gang unJ^^em^>aren ff^T/ baß er für korpulenlö und große Delinquenten offenbar zu eng und jedenfalls unbequem fein mochte. Die Stelle, an der dieser Stuhl stand, dünkte mich immer der dunkelste Punkt auf dem Schilde der Menschheit. Bevor wir den Vetsaal betraten, hielten wir uns mit den übrigen Gästen in einem Neben- Ifllflll Mfj in Ml BOB NiMMIMMk 8kk hundert und mehr Menschen herüberdrang. In Sing Sing herrscht, ebenso wie M dem großen Frauenzuchthaus zu Auburn das Schweigegebot. Die Gefangenen dürfen nur zu gewissen Tageszeiten sich miteinander unterhalten: sonst aber bei strenger Strafe tagsüber kein Wort sprechen. nun mnmtm Tie nie innen für nie Smn nif Aufenthalts im Vetsaal gewährte Redezeit so ausgiebig als möglich, bis der Gottesdienst begann. So einfach sich das Schweigegebot anhört, so furchtbar wird es von den Gefangenen empfunden, und wirkt sich in seinen Folgen öfter als sogenannter Gefangenenirrsinn aus. Kein Wunder, wenn Menschen, deren ganzer Lebensiauf in [leier MchMMiMr Monotonie oon Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr sich abwickelt, nur allzu oft in Irrsinn verfallen. Es rief daher einen förmlichen Dankessturm bei den Gefangenen hervor, daß auf meine Fürbitte hin, für heute noch weitere dreißig Minuten Redeerlaubnis gewährt wor- Sen fei: Cs ist leicht verständlich, daß mein Interesse auch für jenen Mann rege geworden war, der während meiner Rede so entsetzlich aufgeschrien hatte. Es war vor einigen Jahren, als er arm, hungernd, frierend und arbeitslos — er war ein geschickter Mützenmacher —, durch die Straßen Nsrvyorks Ziellos urnhsrging, während seine Frau un^ gu?ei 8eme m tinw ohne Bissen Brot auf ihn warteten. Da begegnete ihm ein Landsmann, der ihm fünfzig Dollar versprach, wenn er dessen Laden in Brand stecken wollte. Der böse Dämon siegte. Nachdem er den Auftrag ausgeführt, gab ihm der Ladenkesttzer snstsn nee rekMLchenen MM 8ölW drei Dollar. Aus Rache zeigte er dann, da der Bösewicht ihm ins Gesicht lachte, als er den Rest des Schandlohns forderte, den bösen Handel an. Inzwischen hatte der Urheber die Flucht ergriffen und der arme Mützenmacher wurde mit sieben Jahren Zuchthaus bestraft. Hier ward er nun ein Bal Tschuwo. Des Montags und Donnerstags enthielt er bi& di? dlssvne am SfUnmel stunden, jeglicher Nllliiungsausnatnne, trotzdem er schwere körperliche Arbeit verrichten muhte. Für freie Stunden erbat er sich erbauende Lektüre, nicht nur vom Rabbiner, sondern auch aus der Zuchthausbibliothek. Der Zuchthausdirektor, der einer altangesehenen Methodistenfamilie entstammte^ rrnd^ trotzdem er ein Jelpr roo^lhadender Mann war, sein Leben ganz und gar den „Schwerbeladenen" und aus ihrer Lebensbahn Geworfenen widmete, gestattete dem büßenden jüdischen Mützenmacher, eine vegetarische Lebensweise zu führen. Solcher „Käuze" gab es ja unter den dritthalbtausend Zuchthäuslern rtodj gar manchen. <2ps*?^?n Nklh lange nicht alles Menschheitsllüswurs, was in Sing Sing eingesperrt ist. Ist doch die ganze Welt überall dieselbe! Aber man kann nicht nur Zuchthäuser bauen- Nachdem mein Schneiderlein sein Herz bei mir ausgeschüttet, kam der Bal Tschuwo schüchtern zu mir. Warum er so aufgeschrien hatte? Als ich sprach und die Worte: wesocharti loch geDrancht Mte, Da fei Das BW seiner frommen Estern, deren er sich fo unwürdig gemacht, vor seinen Augen aufgetaucht. Er hatte Vater! Mutter! rufen wollen, aber nur den großen lauten Schrei ausstoßen können. Nun war er ein Brandstifter geworden und hatte Menschenlenen in nie WWr geöraöjt; Den MrnrnemoD zu finden. Ich sagte ihm ein paar ermutigende Worte, worauf er meine Hand erfaßte und an seine Lippen drückte. Ich fühlte heiße Tropfen über meine Hand rieseln. Der Zuchthäusler, der für fünfzig Dollar, nein, er bekam ja nur drei, ein Haus in Brand gesteckt hatte, der große, kräftig gebaute Mann, etwa Mitte der Vierzig, M M M m MM All8 WkSÜÖkllglk' schluchzte nun, daß sein Körper, wie von elektrischen Schlägen durchzuckt, bebte. Was tun? Er wollte, wenn er erst wieder frei sei, nach Rußland zurück, mit Weib und Kind, zurück zu seinen Eltern und zeitlebens Bal Tschuwo bleiben. „In Amerika hälts für arme Leute zu schwer, ftmj MM[e Men m kleinen »nk fein Blatt Gemoro zu lernen." In seinem Falle währte es fast zwei Jahre bis sein Wunsch erfüllt werden konnte. Dank dem guten Leumundszeugnis der Zuchthausbeamten und dem menschenfreundlichen Bemühen meiner hochangesehenen Freunde. Wir verweilten wohl noch über eine Stunde oememfam mit Den WeiM Dorren im Hironors zimmer in anregenden Gesprächen. Dann trennten wir uns vor der Zuchthauspforte mit einem herzlichen Händedruck. Es war nach unserem Empfinden kein verlorener Tag; auch keine verlorenen Stunden, die wir mit den Zuchthäuslern verbracht hatten. Mach DißfßF mir nicht üMfluM srsHsinsrMn Milieuschilderung erwähne ich nochmals, daß ich nicht frei von der Befürchtung den Rednerstand betreten hatte, bei meinen Zuhörern nicht den richtigen Ton zu treffen. Verabredetermaßen sollte ein Minchagottesdienst und darnach eine kurze Totenfeier stattfinden, um den Gefangenen, die eitüa fttä) tm 3ürauerjal)r 6e|onben, ober gu^äflig Lahrzett' Hanen, ein Kavütsch zu ermöglichen, da Reverend Davison besser Englisch als Deutsch sprach, wohingegen ich die dPitfche Sprache und den deutsch - jüdischen Argon bevorzugte und unsere Zuhörer in überwiegender Zahl sicherlich beides verstanden, so teilten wir uns Demoemng in nnstes Nolle. Ich mutz gsstshsn, daß ich weder früher noch in späterer Zeit, selbst wenn ich vor einem zehnmal größeren Auditorium zu sprechen hatte, mich so befangen gefühlt hatte, als in dem Moment, als ich die Augen der dicht um mich gedrängten hundert Gefangenen auf mich gerichtet sah. Welch ein Auditorium! Brandstifter, Einbrecher, Taschendiebe, Fälscher jener Uxh gtraßenröuüer, Zwei Totschläger ans Affekt — und ein GättenMörder aus llederlegung; letzterer ein Siebzigjähriger! Und die Blicke dieser Menschen! Fragen, Staunen, Traurigkeit, Schwermut, Hoffnungslosigkeit, und manches andere aber Undeutbares blickte auf mich. Da mußte denn jedes Wort vorsichtig erwogen meröen; wenn man nicht oewaiMM Wunden statt zu heilen, von neuem aufreißen würde. Ueber hundert Menschenbrüder, die ihrem Schicksal erlegen, ohne Hosfnungsfreude dem Tag ihrer Befreiung entgegensahen, oder sich für immer von Gefängnismauern umgeben, innerlich zermalmt, keinen Hoffnungsfunken in [Ich wehr glimmen [aDtten. Unü Dennoch mußte ich, H33 ich sitzt ställd, trösten, aufrichten und ermutigen ... Ich mochte wohl das richtige Wort und den richtigen Ton getroffen haben. Denn als ich meine Rede geschlossen hatte, hielt die fast beängstigende Stille, die bisher geherrscht, noch Sekunden lang an. Da erscholl plötzlich ein fast brüllender Aufschrei und ein großer, robuster Msnn schlug fchällend ku h»chgeh?ben?n Aände zusammen und hielt sie dann vor sein Antlitz. Da war der Bann gebrochen. Männer atmeten laut und tief, als rängen sie nach Luft, manche schluchzten, andere weinten laut, weinten wie Menschen, deren Gemüt in Tränen Erleichterung [nM. Da ira^mein MennD ReoerenD DgMssn vor und bat diejenigen, die einen teuren Angehörigen in diesem Jahre verloren, das Kaddischgebet mit ihm zu verrichten. Augenblicklich trat wieder Stille ein. Laut, deutlich, Wort für Wort erscholl: Jisgadall w'jiskadsach. Beim

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