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Der Israelit · 1927-06-09 · Heft 23 (9.6.1927) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 23 (9.6.1927)
Date
1927-06-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Der Israelit ßr.23 IM Das Wunder mit der Weinflasche. Don S. Zzchaki. (Schluß.) Dis Jiwm gingen gerane gnr Wnsgrgkl om b?Ti zweiten etitj$UldU:£tt, fl 15 Diß ÄOfOlßTl mit einem munteren Lied die Straße hinunterritten. Arn Njemen torkelten stockbetrunken die Flößer und bezogen ihr Nachtlager in den Strohhütten auf den Klötzen, um in der Frühe mit ihren Flößen den Strom hinunterzurudern. Eine Fuhre rollte Über den Markt, in der einige Mllßrn in M DM WttWUJO: *fr großen Schul geigte sich Päwsl, dsv Polizist. Tein Gesicht strahlte und in seiner Hand fuchtelte die Lederpeitsche. Wie der Klown, der in der Zirkusarena nach den Akrobaten seine Fäuste zeigt, mutete er an, da er mit zufriedenen beifallhsrschendsn Augen zu den Juden hinübersah: ss Hsschzsst ... Dreißig Jahre bald waren seit diesem Ereignis in die Lande gegangen. Es hatte sich mancherlei im Städtchen geändert. Die Menschen gingen den Weg alles Fleisches und andere kamen und taten genau dasselbe. Im Gesamtbilde hatte sich kaum ein Strich verschoben. Die ßlßitfjß fgßml M glkilU DlllMNsMll: ö8Z KkW? Gezanke um Chasan, Schächter uttö Schamss. An Stelle des alten Rabbi Mauschele stand ein jüngerer Rabbiner. Das Vorsteheramt war von Mattes, gleich nach dessen Ableben, auf dessen Sohn D o w i d übergegangen, der im schönen, weißen Steinhause neben der Klosterkirche das Qsbsu des ..(Setmr" weiter so führte, daß. wenn Mattes aus Um aufgsftanösll ÜÜÄ t0£ Haus gekommen wäre, ohne sich umzuschauen, er wieder seinen Platz von damals hätte einnehmen können. An der untersten Ecke vor dem langen Tische an der grünen Ofenwand im großen Bes Hamedrasch saß den ganzen Tag ein gebrochener SQ^arm mit jpärltcf^ert grauen Bartstoppeln und triefenden Augen über ein Tillimbuch gebeugt. Er sprach nie ein Wort mit jemand, gab knappe kalte Antwort auf an ihn gestellte Fragen. Mitleidige Menschen reichten ihm zuweilen ein Stück Brot oder brachten ihm etwas Warmes. Geschah es nicht, so hungerte er, ohne ein Wort zu sa^en. Die Sc^ulfungen, die sich zuerst neckend an ihn heronpirschen wollten^ schraken zürnst vor seinem stummen, scharfen Blicke. Das Tillimbuch lag immer offen vor ihm,« aber sein Gebet war kaum hörbar. -Und manche, die etwas aufschnappten, behaupteten, er könne nicht einmal ordentlich die Worte lesen. So unwissend war der Fremde, der vor einigen Jahren eines AbsndL mit £itu DflMpföfl aus RußltmD. aus Rostow, wie manche misten wollten, heruntergekommen war und sofort diesen Platz im Bes hamedrasch einnahm, als gehörte er ihm von ehedem. Man sagte, es sei ein Ger und bald hieß er schon „der Ger". Aeltere eingeweihte Leute sagten aber, er sei gar kein richtiger Ger. War als Jude geboren, war abgeirrt und sei höchstens mm OuDcmum io i t D t rg c t e ij r h Nie nahm der „Ger" eine Einladung an, nie betrat er ein Haus im Städtchen. Er aß, was man ihm reichte und schlief nachts auf der harten Bank. Nur einmal im Jahre an den Sederabendsn mctr er Gast tut Hause von Dowid Mattes Hemberg, und hier hatte sich mit tar Zen in Verbindung mit dem Gaste eine Familientradition herausgebildet. Wenn zu „Schfauch chamoßcho" die Türe aufging, trank der „Ger" einige Züge aus dem Becher des „Propheten Elijahu". Wenn er dann ging, pflegte Dowid den Kindern eine Geschichte, wie ein neues Blatt der Hagada, zu erzählen, in der der „Fremde" Mk 8kSUk M? das Wunder mit der Weinflasche. Ein Zuchthauserlebnis. Don Arthur itaßit. Dreißig sind es in diesen Schowuaustagen. Da stllllD ich> um Die fünfte MlWMnMimdbs auf dem Rednerpult eines mittölgrotzsn Saales, in dem sich rund hundertzwanzig männliche Personen befanden, von denen hundertacht die in Farbe und Zuschnitt gleiche Kleidung trugen. Jüdische Gefangene, im Alter von etwa 25 bis 70 Jahren und darüber. Die übrigen zwölf Anwesenden, höhere Anstaltsbeamte, drei nicht- WiM MiWlU UUB 8M lN?i!M Mkllstkkl 8e~ |orten als Zuhörer — UUl* so nebenbei Jll meinem Auditorium, um das mich ein Rabbiner schwerlich beneidet haben dürste. Man drängt sich nirgendwo danach, Zuchthäuslern eine Predigt oder einen Vortrag zu halten. Hier nun sollte ich. obwohl ich nur ein Arzt und kein Pr^ig-r bin, ztf fflßiflßr FrßMDß. eine „Festrede" halten. Und warum denn nicht? Wenn, um mit Goethe zu sprechen, ein Komödiant zuweilen den Pfarrer kann belehren, sollte ein Arzt nicht auch einmal den Prediger spielen dürfen? Und unlauterer Wettbewerb lag auch nicht vor, denn mein Freund, Reverend oder NaDDi DaDifom Der unoffisieße MW? sängnisgeMiche, -einer bei? edelsten Menschen, denen ich in Amerika begegnet bin, war es selber, der diesen „Freundschaftsdienst" von mir verlangte. Die Schwierigkeit und auch Verantwortung der von mir übernommenen Aufgabe kam mir aber doch erst zum vollen Bewußtsein, als ich den Zuchthaushof von Sing Sing betrat, obgleich Ich nicht znrn srftslllll^l 1)1111:0111. vielmehr dort schon einigermaßen bekannt war. Um bei den Lesern keinen Irrtum hervorzurufen, bemerke ich ausdrücklich, daß meine Besuche in diesem berühmt-berüchtigten Riesenzuchthaus des Staates Rewyork durchaus freiwilliger Natur waren, denen kein Verbrechen meinerseits voransgsgangen war. Derselbe dunkle Drang, der mich schon afe ökutjungen, kaum einundzwanzigjährigen Menschen, während eines mehrmonatigen Aufenthalts in London in die „Armenviertel", in die Slumps, nach Houndsditch oder nach Peatty Coat Lane, oder Themsabwärts und sonstigen Stadtgegenden, in denen ttod) niemals ein reicher Mann gestorben ist. ge- Mcden hol, um die Zusammenhänge zwischen Armut und Verbrechen, zu finden, derselbe Drang, der mich auch später in Newyork, hier aber unter Führung eines ortskundigen, weitberühmten und weitgefürchteten Geheimdetektivs (der aber sonst ein angehend guter Jude Namens Bernhard war) zu den Quellen vieler Verbrechen fühflts. dsr-fslbö Drang Mim mW auch als lebenserfahrener Mann nach jener Sammelftätte menschlichen Elends, Grauens und menschlicher Schlußtragödien, die den Namen Sing Sing trägt. Und die Schlußfolgerungen meiner Wahrnehmungen? Wie der Reichtum Sünden, Sittenlosigkeit, so erzeugt in den weitaus meisten Fällen die Armut Verbrechen und Laster. Das Weitere führt in die Rätsel unseres Dastiirn — Mimmmm? a??r^äTT8n{s? fjalum9 Ignoramus- Nicht so leicht findet man gum zweitenmal in einem großen Kulturstaat einen Ort, in dem die höchste Kultur und brutalste Barbarei so dicht, fast unter demselben Dach aneinandergr?ng?n, in Sing Sing Mit ssittstt Wi&tyl &lS zweieinhalb tausend Sträflingen. Denn in demselben Gebäude, in dem der berüchtigte »elektrische Stuhl" an Stelle der Guillotine und des Galgens, den Henker ersetzt und solchermaßen die gewaltigste der den Menschen dienenden Naturkraft entweiht wird, in demselben Gebäude befinden sich — „hart stoßen sich im Raume die Sachen" — höchste Kultur repräsentierende Räume. Werkstätten verstiegner Aich eine Druckerei, eine Bibliothek nebst Leseraum. All dies für die Zuchthäusler, die etwa nach verbüßter Strafe wieder zurückkehren dürfen zu der menschlichen Gesellschaft, die vor ihnen geschützt werden sollte. Dann sollte Sing Sing nicht nur eine strafanftun für £i? Berbrechel'kfltöZsi'isn werden, sondern auch eine V o r b e r e1 t u n g $ ft ä 11 e zu einem neuen Leben in der wiedererschlossenen Freiheit, soweit der Verbrecher nicht zu lebenslänglicher Kerkerhaft verurteilt war. Hierzu sollte die in der Zuchthausdruckerei allwöchentlich erscheinende, von Zuchthäuslern gedruckte, von ihnen verfaßte HDD MWkMr 8i0 Ukstkllkkll rrfittr °f Hope" Wörn der Hoffnung) kragende Zeitung, im Format der großen anglo-amerikanischen Tagesblätter dienen. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß der „Star of Hope" die einzig. konkurrenzfreie Zeitung Amerikas, ja der ganzen Welt ist. weil als Jnsertionsorgan unge- und kMZ ZgtzlßlM fißfßr Bai UND Zuchthäusler auch in Amerika nicht zum kaufkräftigen Publikum gehören. Man muß diese Mitarbeiter an „ihrer" Zeitung, an den Setzkästen, an der Maschine, an den Schreibmaschinen beim Artikelschreiben, selber beobachtet, man muß erst einmal den Inhalt des „Star of Hope" gelesen Dlwem UM Dkll UDMkMk?rgi?MW?D?in{fu| dieses Bläste auf dis Gefangenen ermessen zu können. Der damalige „Redakteur" trug (1897) die Gefangenennummer 56123. Die bürgerlichen Namen dürfen überhaupt nicht genannt, aber fingierte angenommen werden. Erwähnt man schließlich noch, daß alle Räume dieses Gefängnisses von Licht und Sonne durchströmt ä^rte, übsrM Ms MMZll MnlW. mWb tuende Reinlichkeit herrscht, so muß man sich sagen, daß das amerikanische Volk sich mit seinen von hoher Humanität zeugenden Gefängnisanstalten, hervorgegangen aus reinster Menschenliebe und Barmherzigkeit, ein unvergleichliches Ehrendenkmal gesetzt hat. Und wenn erst einmal der elektrische Stuhl aus dem Hinrichtungssaal entfernt fem und mcffl metjr (jvngevici)lel werden wird, dann wird Amerika die höchste Humanitätsmission erfüllt haben. (Fortsetzung folgt.) L» ist ausschließlich Sache der Leser, die im Jnserake«- ftll NlWllkNkN f&wmföngfll (IfHIffgi ViFfß?frf ssnslige Angaben reNgsanssesshllchen LharaMr» aus ihr» Zuverlässigkeit z« prüfen. »I ■ gl ||9 erstklassige Heithold S Photo - Arbeiten nur Schillerplatz sieben Wochenkalender. vom 11. — 18. Juni 1927. oom 11. — 18. Silvan 5687 Sam-.'lac- 1li ]VO 11 £ 12 12 Mon;aa 13 13 f— u 14 Mittwocb 15 15 Donners! ag 16 16 Freitag 17 17 Samstag 18 ,18 nbv SeroRRsorttii^ für bcn aSgcme Inen Seil uni las €>. ^rattlfurt a. 3Ji.; SttfctiU 1.10.! B Fchach. now 1 tz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer ü. Kaufmann in Sprendlingen (Kr. Oflenbach). — Verlas »Israelit", lL.m.b.H., Frankwrt a. M. — Druck Aermou Berlaggl Akttengesellschait. Frankfurt a. M.

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