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Der Israelit · 1927-05-26 · Heft 21 (26.5.1927) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 21 (26.5.1927)
Date
1927-05-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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vrilsge Israelit vl.ri I «7 Das Wunder mit der Weinflasche. Don S. Zzchaki. Fortsetzung). Der Motgengottesbtenst m grstzSA Schul begann zur festgesetzten Zeit wie üblich. Man hatte bei den Sorgen und Aengsten dank dem ungewohnten Weingenufse gut geschlafen und war.heute froh gelaunt» festgestimmt. Eine gute Sonne leuchtete, und auf der Straße ringsumher war es still. Die Flößer lagen irgendwo am Ufer oder auf den Holzklötzen und schliefen ihren Rausch aus. Festlich geputzte Kinder tummelten fl M Dem WWW« W WIM W Walnüssen. Nach den ersten Psalmen trat A b e P e r e z, der Chasen, an das Pult, ihm zur Rechten postierte sich breit Jokel, der Baß, mit den drei anderen „groben Stimmen", zur Linken stand Jossele, der §opra>n, bet 3onc fthmeiietn lönsifä wie eine Flöte und eine Geige in höherer Lage, als Anführer der drei „dünnen Stimmen" neben ihm. Abe Perez setzte den Daumen unter das rechte Kinn, und während die Sänger rechts und links einen summenden Chor anstimmten, erhob Jijtj Abe Sperejj* SSartiort efroas4 Jchrner, rote ein massiver Turm mit luftiger, dünner Zinne daraus, zu einem schmelzenden „Ho—ho—ho—ho—eil" Der eigentliche Gottesdienst begann. Die Gemeinde fiel ein, hielt dann still, bis wieder Jokel der Baß mit den anderen matten Stimmen, in die Josiele mit den hellen Sümmchen neben ihm den uorbereiteien, auf Sem ich Sann Sie f sangsschnörkel des Chasen selbst wieder erhoben. Zur Einleitung der Keduschah gab es einen gan* zen Marsch, ein Meer von Melodien ohne Worte, in ' die Josseles Stimme Hineinklang wie Helle Glöcklein in eine dunkle Landschaft. Zu Hallel blitzten die Lichter am Vorbeterpitlie tmb auf bem Alrnernor auf unb CCf)ojim, der Schames, schlug Mil der stachen $cmb frafilg aufs Pult, ein Zeichen für den Höhepunkt, der gesteigerte Ruhe und gehobene Andacht erheischte. Benze, der Schnittkrämer, zerrte seinen Jungen, der draußen bei den Nüssen war, etwas unsanft am Ohre in die Schul und auf seinen Platz. Der Junge reagierte auf die schmerzvolle Zwangs- MMN «i füllt UM) W WM find) MW verwandte Dissonanzen vonseiten treuer Spielgenossen aus, die einem ähnlichen Schicksal verfallen' waren, was Chajim zu einem zweiten und letzten-warnenden Faustschlag auf den Tisch veranlaßte. Abe Perez, gekränkt über diese mangelhafte Würdigung seiner Kunst, sah sich strafend UM. Einigt schrien I, ,,$!),! üM wieder andere zogen vorwurfsvoll mit den Achseln und sagten „Eh!" Aber schon in wenigen Minuten war die Weltordnung wiederhergestellt. Abe Perez hatte die Hallelbrocho, ganz allein, hinausgeschmettert, und die Gemeinde fiel mit einer Begeisterung ein, mit einer Innigkeit, die hohe. Wellen schlug, non der Ostrvand. rvo Nabbmrr und §abo!m!!)ten 8!)reuft«nd haüen, bis zur Türe, wo sich. Motte Feiwes, der Flickschuster unN die' ortsfremden Heckdeschgäste aufgepflanzt hatten. > . »Motte Feiwes hatte die linke Wange auf die eine' Hand gestützt, während er mit der Rechten, gu einer Fällst Illsarnrnengeballt. heftig in der Lust yerumfuchtelle, als wollte er geigen, wie alles rechts und links, oben undunten, von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang Gott lobet, der vom Staube den Armen aufrichtet, vom Schutthaufen den Dürftigen . . . Erst als die Flut ganz abebbte unb vollkommene Stille eintrat, erhob sich wie ein stilles Säuslein das süße smrnitfDm Wsklks, WMM lsii^nd uub brummend die Jäkels und ssiner Helfer, um Den Untergrund für Abe Perez zu schaffen, der nun aus Eigenem und Innerem heraus den Schlußsatz Äes ersten Kapitels vorzutragen hatte. Darauf wieder Schreien und Beten, wie eine Sturzwelle, die sich vom Felsen losreißt. Der zweite Abschnitt. §o kam man aüg?mach dräUsätt^ StzSV Shllö Hast bis zum „Haudu", dem Höhepunkt des Hallelgebetes. Baß und Sopran, Tenor und Alt sangen wieder einen Marsch, eine Art Reiterrnarsch, ins Moll der jüdischen Sehnsucht transponiert. Die Gemeinde stand auf den Zehen, hielt den Atem an, wartend, daß die kräftige und zugleich schmelzende Melodie in das gesprochene Wort einfließt, wie die „Mitwe", das kleine Ne- VenflüHchen, sich in ben großen Njemen ergießt. Da/ was war' das? Hatte ier ÜSarfcf) r i cf) ü g e Reiter angezogen? Alles hielt still, auch der Chasen und die Sänger mitten im Tonsatze. Alle Ohren, die eben noch nach vorne gerichtet waren, spitzten und kehrten sich nach außen. Ein rhyth- MWZ ZWW BGH MMMkNi?«TQff */arte menschliche Worte, ein heiseres Wiehern. Rasch und weit rissen sich die Türen des Gotteshauses auf und hinein, als wäre die Schul eine Landstraße, ritten, zwei und zwei, Kosaken auf braunen kleinen Pferden ein. Motte Feiwes mitten in der Ekstase wurde zur einen, die Heckdeschgäste p MMN mm MlllM. m f ofarcn ritten weiter, ein volles Dutzend, und andere blieben draußen, chnen voran ein gedrungener, festgebauter Mann mit goldgezierten Achselstücken und ungemein breiten roten Streifen an den Hosen, die in hohen blanken Stiefeln steckten. Bis zur heilifp Lüde faft ritt der Obmann, die Beter rechts und links stoben zur Seite unb bruekten Hfl» Dia WM. aiß ormarMen m. Dal M Duro ein Wunder eine Oesfnung auftat. An Flucht war nicht zu denken, denn die letzten Kosaken der Kolonne versperrten mit ihren Pferden die ganze Türe und hielten ihre langen Lanzen in Erwartung weiterer Befehle gegen die Menschen gerichtet, die wie eine verschüchterte Herde fast inrinanDrr rroöjen: saß reine Wrm mmm iss einzig an der Unmöglichkeit, sich zu bewegen und sich in dieser Situation vom Orte zu rühren. In der Weiberschul brach Wehegeschrei aus. Drinnen waren keine Soldaten und keine Pferde, auch war dort die Türe nicht dbgefperrt. Aber in der Ausregung des Augenblickes und in der Angst für die EOlänner unb Sühne. Verließen auch sie ben Raum Nicht. Sie konnten sich aber Luft machen durch unartikulierte Laute, die in einem Wehklagen zusammenschmolzen. Bis der Kösakenhetman, zum Frauengitter gewendet, Ruhe! donnerte, und das ganze Bild oben und unten wie durch em Zauberwort vollkommen in Bersteinekans JerM ';;;; x;;; - Äöe Perez hlieb wie m Erstarrung, den- Daumen am rechten Kinne, um ihn herum die Sänger, am Pulte. „Absitzen!" kommandierte der Führer. Mit einem Ruck stiegen die Soldaten von ihren Pferden, die wieherten und die Hälse streckten. Der ganze Raum erfüllte sich mit einem bUert iPevn?!} von Cü&ü UI?S ÄllchtöRstiefeln. „Euer Rabbi!" rief der Kosakenführer. Mit schlotternden Beinen und klappernden Zähnen trat der alte Rabbi Mauschele vor. „Was macht Ihr da?" schrie ihn der Het- „Wer bist Du?" „Ich bin Vorsteher der Gemeinde und darf in ihrem Namen sprechen.". „Was treibt 8hr Ijier?11 „Wie Eure Gnaden sehen, wir beten, es ist heute unser Passahfest." „Passahfest?", wiederholte der Kosakenführer barsch, „ist schon das richtige Fest. Wissen es schon. Wo habt Ihr das Opferblut, das Ihr für dieses Fest braucht?" uBvn MlHM IfTflf?” Sure ©naben?" „Tut nicht so unschuldig, Ihr vermaledeiten Juden. Ihr habt ein Christenkind gemordet und sein Blut hier in der Judenschul aufbewahrt." „Es ist uns Juden nach Gesetz und Religion verboten, auch nur einen Tropfen Blut vom Tiere zu genießen. Warum beleidigen uns Euer Gnaden?" - „Was schert mich Eure Religion und Euer Gesetz: bin ich ein Rabbi? Das Blut will ich Ü&tt, m Mi YM ermoFDeien WfMilM. Dazu hin ich hiqr." „Aber es ist ja gar kein Christenkind ermordet worden, es wird gar keins vermißt." „Geht mich nichts im Geringsten an. Ich bin nicht hergekommen, um bie Vrnt her BauernlümmeTs in diesem Reste zu hüten. Man Hai mich hergeschickt, das Blut zu suchen. Her damit, oder es verläßt keiner lebend den Raum. Polizei! Wo ist die Ortspolizei?" Aus der Masse der Soldaten und Pferde, als hätten sie sich darin unsichtbar gemacht, tauchten jgjjj ^ipyäpnta'nien her ^oligei ^eruor. Michalowsky, der Pristaw, stramm, in straffer Sonntagsuniform, mit abgewandten Blicken, hinter ihm Pawel, der Polizist, mit fast flehenden Augen rechts und links um weitere Gunst werbend, als wollte er sagen: „Bin ich etwa schuld? Kann i ch was dafür, daß die Hunde, wer EDI. Oft I l bei (Suren 90tas übefi man an. Da bet «?te K«bbi ein SBntgen im verspürte und.nur erstaunte flehende Blicke zum Offiziere richtete, ohne ein Wort herauszubringen, trat auch Mattes, der die russische Sprache besser beherrschte, vor. KM TM n?P?y Passahschnaps geblieben!" „Wo ist die Flasche?" donnerte der Kosakenhetman Michalowsky an. Michalowsky, im Innern den Offizier zu Hölle und Teufel verwünschend, schlug die Haken zusammen, grüßte militärisch, und sein Gesicht ver- M m ki!M MniNif Tracken^i^ Unwissenheit und Leblosigkeit. Sein Mick fiel dann wütend befehlerisch und zugleich hilfesuchend auf seinen Untergebenen, den Polizisten. In Sachen von Flaschen wußte Pawel einigen Bescheid, und er kannte sich auch ein wenig in der „Judenkirche" aus. Hatte er doch nie darin ruenn der „^eilige Verein" Jein Ehrenmal)l abfyielt ober bie SBlättSfymräl) EN StjUM feierte. Mit einem letzten Entschuldigungsblick zu den zitternden und sprachlosen Juden, der besagen sollte: „Ich bin ja nur ein Stecken in der Hand der höheren Obrigkeit" begab er sich schnurstracks zur Lahe, öffnete, die Türe zum unteren Teile nnü Dane eine MM hAMi mm MWt rot schillerte. Er reichte sie seinem Vorgesetzten, der sie an den Kosakenhauptmann weitergab. Dieser hob die Flasche hoch gegey^das Fenster und betrachtete sie prüfend, daß sich sein Kalmückenauge zu einem schmalen Spalte zusammenzog. «Ist das das Christenblut?" M pfiar ging Das Main Dur® Diu Mm fegen bei diesem grausigen Worte. Der Rabbi war inzwischen auf seinen Platz gelangt, und man sah, wie sich unter dem Gebetmantel, der seinen ganzen Körper bis zur Brust einhüllte, die Gestalt wie in Krämpfen bewegte. Er betete für die Gemeinde. SJtefe zztz MWM.i „Es ist, wie Euer Gnaden sehen, der Wein, mit dem wir am Ein- und Ausgang des Sabbats und des Festes dem Namen unseres Gottes huldigen."

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