Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1927)
- Date
- 1927-05-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Der Israelit ßr.20 >M Das Wunder mik der Weinflasche. Don 'S. AzchaKi. (Fortsetzung). Man sagte weiter Me fmgaSö, iie wurden zur vvrgeschriebenen Zeit geleert und wieder gefüllt. In der Mitte stand der herrlichste aller Becher, der große, hochbeinige, feinverzierte Becher des Propheten Elijahü, vollgefüllt bis zum Rande. Nach ihm starrten in voller Erwartung mo sllrgloftn iinpcr: Bon Dstzr m warteten sie daraus, daß der Prophet, dsm drefss Glas geweiht war, komme und ihn zum Munde führe. Dann, so hatte man sie gelehrt, wäre alles Leid zu Ende und die Erlösung da. All. die betrunkenen Flößer draußen werden mitten im wüsten Gejohle stille halten, sich aufrichten und kinen Wor gum PMst Tkttk.? smgen, und die Kosaken draußen aus der Wisse wsrösn ihre Lam zen und Nagaikas weit von sich werfen, ihre Spottlieder mit Harmonika und Balalaika mittendrin abbrechen und wie durch ein Wunder mit allen an den Sedertifchen Hallet singen. Dann werden alle, alle froh sein. Mutter wird nicht me^r ängjtttcf) zur Türe horchen, und die MÜNner werden nicht mehr Reden süßrcn, wie eine eigene Hagada klangen ... Wann kommt Elijahu, um ben Becher zu leeren? . . Einmal,' noch einmal und ein drittes Mal mumn Die. mmiaeiruntob am smm gefüllt, der Becher des Propheten stand in der Mitte, unberührt. . Das Stimmengewirre draußen wurde immer wüster, rückte immer nähere kaum konnte man noch unterscheiden zwischen Singen und Schreien, Johlen, und Jauchzen. Man wußte nicht, ob es - Heil- oder Hilferufe waren. Es schien so, als t^aüe fu^.em ^Jej^^^offener Zug, der singend dahsrkam, aufgelöst und sirß narß verskhieöetten Mellen zersplittert. Man hörte deutlich das Wort „S z d rd i" (Schimpfname für einen Juden) wie einen: Refrain immer wiederkehren. Ester, die Hausfrau, sah fragend ihren Gatten an: „Du wirst doch nicht jetzt die Tür öffnen lassen," bedeutete der fragende Blick. geöffnet merben. So wav> es m der Hagada vorgeschrieben, um ßas Gebet ,>Schefauch Chamoscho" in die Straße hinauszurufen und den Propheten, der um die Stunde; mach der Ueberlieferung das jüdische Haus betrttt, einzulassen. Mattes hielt darauf, daßätß>‘:Bräuche eingehalten wurden.' Die Türe mußie auß. ,, : „Wozu die Äugst?", sprach er, „ein paar betrunkene- Gesellen. Habt Ihr schon einen Holzarbeiter gesehen, der auf trockenem Lande bei Wasser bleibt? Hunderte solcher Leute' schwimmen auch mit meinen Flößen den Fluß Hinab. Wie könnte man leben, wollte man diese NlkWll MMN? M MMN Md i?t]ten }° lange* bissie heiser sind, und ziehen WSitök. Mit der Hausfrau waren aber auch die Gäste zum Teile dagegen, daß jetzt die Türe geöffnet werde, der Apotheker und der Advokat und ganz und-, gar der Lehrer. Man sollte mindestens noch märten Die Kinder, die kleineren Nichten und NMn lUH MZMn DnM imD lamem die keine Sorge noch'Furcht an diesem Abend kannten, —- es war ja,, wie sie im Cheder gelernt hatten, die Nacht der Gott e s wacht —, zitterten bei dem Gedanken, die Türe könnte geschloffen bleiben. Gerade jetzt, wo es draußen so laut und wüst zuging, konnte sich doch ergeben, daß der Prophet Elijahu, den Haarmantel Mt dem breiten Gurte eng um den Leib, geschlungen, ins Haus trat und aus dem Becher -trank. 2&er formte es miffen? ... Da schob Mattes, der Aausherr,!urg enst fchloffen ohne Scheu den Niegel zurück. Die Tms ging auf. Und mit einem entsetzlichen Schrei stürzte eine Gestalt, über und über mit Blut bedeckt, ins Haus. Alle Gäste standen auf, schloffen rasch wieder die Türe von innen und sahen sich den Mann an. Aus Kopfwunden tropfte ßas Blüj &llf öW neugescheuerten Fußboden, das Gesicht war kreidebleich, und man mußte ihn stützen, daß er nicht wie ein Stück Holz zu Boden fiel. Scholz, der Doktor brachte ihn mit Hilfe der Andern aufs Kanapee, löste feine Kleider und reichte chm zur AiWsHrma Mim MeMMM 8MN ZMck aus dem gerade dastehenden vsllgsfülltsn Becher E l i j a h u s. Der Mann trank gierig und öffnete weit bie: Augen, und jetzt erst erkannten sie ihn. Ein Murmeln und Tuscheln ging durch die Anwesenden, es war gerade kein würdiger Gast, kein anderer als Boris, der Mesch U M tÜ; Vkll stt jS M! ^gerichtet Rattert Trotzdem waren die Kinder überglücklich, daß der Becher des Wunderpropheten, der all die Jahre unberührt dastand, nun doch geleert wurde, und wenn auch von diesem Menschen, den man wie die Pest mied und ganz gewiß nicht für den erwarteten Gast halten konnte. 8chö!6j &£• f^?f!PT7 ntit großem Eifer um den Blutenden und legteiym Verbände rrn. Der Zusammenhang der Sache ging mit größter Klarheit allen, selbst den Kindern, auf. Die betrunkenen, vielleicht aufgehetzten und mit dem Schnaps des Kornoffof vom fürstlichen Hof- Qutß anöofßiMten Mützer wllM guf m und wollten sich ein Vergnügen Näch gut f)$U Mischer Art bereiten. Wo aber wäre an diesem ersten Sederabend ein Jude im Städtchen auf der Straße zu erblicken? Wer wollte jetzt etwas von der Straße wissen? Sie saßen ja alle, Könige in ihrem Bereiche, in ihren Häusern am Sedertisch. Nur einem Boris konnte es einfällen, zu dieser .^ett auf die Straße ZU gehen. Der Meschumed halte keinen ©eher, feinen Pkffsch» er war draußen . . . Woher aber sollten die betrunkenen, ortsfremden Flößer wissen, daß er einen Taufschein aus Rostow in der Tasche trug? Seine Nase war lang und gebogen, seine ganze Gestalt sah nicht nach Taufschein aus und so stillten sie nach langem Suchen ihre ganze Wut an ihm, dem Meschumed, schlugen auf ihn ein, bis sich ihm wie durch ein Äunßer eine Eure, pstllÄHE schon zu spät, geöffnet hatte. Der Seher bekam eine frühzeitige Unterbrechung. Die Schlußgebete wurden rasch heruntergesagt, die Kinder zu Bette gebracht. Als es draußen ruhiger, geworden war, entfernten sich dje Gäste. Auch Scholz, Der Doktor, ging, nachdem er die Verbände noch einmal geprüft und weitere Anweisungen gegeben hatte. Die Gefahr der Verblutung war. überwunden. Boris war auf. dem Sofa einem tiefen Schlafe verfallen. Erst jetzt schlich sich die rechte Sorge in das Dm DO -MUMrrill MW M skittkn Gedanke^ ein. Eie hatten alle übe? dSM ersten Schrecken und der Ueberrafchung die eigentliche Gefahr übersehen. Boris war Ehrist, und man wußte, daß er bei den Juden nicht gerade in großem Ansehen stand. Er lag nun verwundet in einem jüdischen Hause. Von der Auhentüre führten Blutfmm ins mm- Am AtzknS Hst Am Musst waren die betrunkenen HvrVöN. Iw Hofgute hatten Kornoffof und Genossen ein wachendes Auge. Und auf der Wiese vor der Stadt lagen die Kosaken, hergeschickt, etwas zu schützen. Wen vor wem sie schützen sollten, wußten sie selber nicht, war ihnen gleich ... Konnte nicht aus der Verkettung all dieser Dinge großes Unheil entstehen..für ihn und die ganze Gemeinde? Daß Bonner, der Gesetzeskundige, nicht auf rlPtt GMnksrr Pkommm war! Mattes saß allein in der festlichen Stube, in der ein Licht nach dem andern erlosch und sah auf den Kranken. Er fieberte, erwachte von Zeit zu Zeit und führte abgehackte Reden. „Die Weinflasche .... Kornosoff . . . das verdammte Blut. . . Verfluchte Mordbuhen. . . Ms mm am Der WIMM : : r mt E mich da am Rock ... ÄZer schlägt mich aus den Kops? . . . Weg mit. den Dämonen . . . Erbarmen, Gott der Juden, nimm sie weg . . . Ich will das Blut wieder ausgießen . . . Laßt mich . . Mattes f>orctj,te auf und ein Zittern fuhr vurch feine Seele. Die wirren Neben bes wiederholten sich fast in regelmäßigen Abständen zwischen Stöhnen und tiefen Atmungen. Und immer waren es die Worte: „Synagoge!" „Weinflasche!" „Blut!" Ein entsetzlicher Gedanke durchfuhr blitzartig Mattes. Wie mehre es . . . Von Boris, dem Meschumed, konnte man alles glauben. schon zuzutrauen, daß er sich gegen ansehnliche Bestechung für die scheußliche Tat hergab, in die Synagoge drang und dort das für die Feinde als Waffe gegen die Juden nötige Blutzeichen in irgend einer Weise anbrachte. Weinflasche! — Ja, er sprach von Blut, Weinslüsche! ... Und je mehr Mattes Feinberg diesem Gedanken nachging, um so deutlicheren Sinn erhielten die abgebrochenen Fieberworte' des Renegaten. Der Zusammenhang stand ihm nun schon cjerabegu flar-oor der Seele. In der nachtdnnkeln Synagoge war wohl Dons die Angst üöerkvmmen. Er sah vielleicht drohende Finger aus dem Dunkel, fühlte sich von Dämonen gepackt und stürzte, nachdem er die scheußliche Tat vollzogen hatte, Kopf über Hals aus dem Gotteshause. Bor der Türe empfingen ihn mit wuchtigen Schlägen die betrunkenen Holzarbeiter. Run waren die Dämonen, die er sah, wirklich da und zerrten jetzt nöch ln hm MMAkäliMM an Ihm. Die tzaWkk waren nicht auszudenken . . . Nun sah er, Mattes, nach Mitternacht da, allein im Besitze des grausigen Geheimnisses. Durfte er ^schweigen, schweigend die Gefahr heranziehen lasten, nachdem Gott, wie einstens einen Mordechai, ihn ins Vertrauen gezogen hatte? Er überlegte, ob er Lärm schlagen, die Freunde wleber ujetfen un! ljet$ei!5$llH ®? ffllinfQ jetzt wie durch eine innere Erleuchtung ganz ruhig über die Sache denken. Es schien am besten, volle Ruhe zu bewahren und zu handeln. Die Gegenspieler durften nichts merken, daß der liebe Gott ein Warnungszeichen gegeben hatte, darum liktz man iäunüötft; srn bkstrn WO Freuude ans Wm Spiele. Söitt Gssicht hmsris sich auf, ganz aufrecht, wie ein Feldherr nach entworfenem glücklichen Schlachtenplane, stand er da. Gott hatte ihn für würdig befunden, ein Erretter seiner Gemeinde zu sein, hatte ihm den Künder im Verräter geschickt. Wie wundersam doch die Wege Gottes mnren. Elijahus Becher ward vom Abtrünnigen gestertz aber I&Ui DlS 8üischüft . . . Mattes horchte gespannt auf die Straße hinaus. Nichts rührte sich mehr. Die Flößer schliefen irgendwo ermüdet ihren Rausch aus. Alles war draußen in Nacht gehüllt. Da zog er die Gummi- ^uJ^e über |etne Stiefel, auf daß fein Tritt Utt« ‘ hörbar bleibe, nahm ben gwetten §ynsgogen° fchlüstel, den er als Gabbe besaß, und schlich sich hinaus in die Nacht. Daß er in der Synagoge seine furchtbare Ahnung bestätigt fand, überraschte und erschreckte ihn nach allem fast gar nicht mehr. In weniger